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Den 2. W1932
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Anzeiger für (das frühere kurhesfifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Linksruck in Frankreich
Das vorläufige Ergebnis des ersten Wahlganges - Schwere Niederlage Tardieus - Stichwahl in 367 Bezirken am 8. Mai
Eefamteindruck
Die französischen Kammerwahlen haben eine außerordentliche Anzahl von Entschei- dnngen im zweiten Wahlgang not- wendig gemacht. Der zweite Wahlgang spielt sich nicht zwischen zwei Spitzen- kanbibaten ab, sondern wird ein völlig »ener Kampf, weil hier nene Kandidaten anstreten können. Es werden also die Kombinationen entscheidend sein, die getroffen werden.
Rach dem bisherigen Ergebnis läßt sich folgendes feststellen: Die Extremen links nnd rechts scheinen starke Berlnste erlitten za haben, besonders die Rechtsstehenden. Außerdem hat im ersten Wahlgang die Fraktion Tardien den stärksten Mißerfolg erlitten. Sie bucht be- reits den Verlust von nicht weniger als acht Mandaten. Auffallend ist, daß die Radikalen bis jetzt nur Gewinne und keine Verluste zu verzeichnen habe«, während bei tien Sozial! st en sich das Absonderlich« zeigt, datz im ersten Wahlgang vierzig ihrer Kandidaten durchgekommen sind, während sie 1928 im ersten Wahlgang nur 15 Mandate an sich brachten.
Im ganzen genommen, läht sich, soweit der erste Wahlgang einen lleberblick gestattet, ein RuckvachLinks feststellen. Ob dieser Linksruck im zweite» Wahlgang noch so stark ausgeweitet werden kann, dah er eine Konstellation der Linksparteien oder eine Konzentration mit bten Rechtsradikalen unter Ausschluh der Maringruppe ermöglicht, steht dahin.
Nach Mitternacht
Um 4 Uhr morgens liegen immer noch keine annähernde endgültigen Wahlergebnisse vor. Infolge des verwickelten Wahlergebnisses ist erst das Ergebnis aus 4 0 0 von 611 Wahlbezirken bekannt. 116 Abgeordnete sind bereits im ersten Wahlgang gewählt, während 284 tn die Stichwahl kommen.
Unter den Gewählten befinden sich auch die Führer der Sozialisten-Partei Leon Blum, der ehemalige Präsident des Finanzausschusses der Kammer der ehemalige Handels- und Marine- minister de Cheppedelaine, Fmanz- minister Flandin, der bekannte Sozialist Renaudel, Louis Marin und der Kommunist D o r i o t. Dagegen kommt der französische Vertreter auf der Genfer Abrüstungskonferenz, Oberst Fabry (Demokratische Aktionsgruppe Paul Reynaud) in die Stichwahl.
Mit dem weiteren Eingang der Wahl- ergebnisie bestätigt sich der erste Eindruck, dah die Radikal-Sozialisten als die Sieger aus den Wahlen hervorgehen. Man rechnet mit einem Mandatszuwachs von 30Sitzen; die S o z i a l i st e n haben hingegen einige Sitze einbühen müssen, ebenso wie die ausgesprochenen Rechtsparteien, d. h. die Gruppe Marin-Reynaud. Die gemäßigte Linke, insbesondere die Radikale Linke (Gruppe Germain Martin) dürfte nach den bisher vorliegenden Ergebnisien ebenfalls eine Stärkung erfahren, fodah man schon jetzt mit einer Konzentration rechnet, die sich auf die Radikal-Sozialisten
als die zukünftig stärkste Gruppe in der Kammer stützen dürfte.
Die stärksten Verluste hat eigentümlicher Weise bisher die Gruppe T a r d i e u (Links-Republikaner) aufzuweisen, doch kann man sich vor der Stichwahl noch kein endgültiges Bild machen.
Letztes Ergebnis
Zum Verständnis der Statistik seien folgende Parteibenennungen von rechts nach links angegeben:
1. Unter der Bezeichnung „Rechtsstehende" sind zu verstehen: Die Reaktionären, die Royalisten und die Bona- parti sten.
2. Alsdann folgt zusammengenommen die Partei Marin und die Partei M a-
g i n o t, zu welcher Gruppe auch die katholischen Demokraten hinzugezählt werden.
3. Unter der Bezeichnung „Linksrepublikaner" ist die Fraktion T a r d i e u zu verstehen.
4. Unter der Bezeichnung „Rechtsstehende Radikale" sind vereinigt: Die Radikale Linke (ehemalige Fraktion Lauch e u r), Gruppe Franklin Bouillon und die Gruppe der Unabhängigen Linken.
5. Die Radikalen (Herriot).
6. Sozialrepublikaner zu denen auch die rechtsstehenden Sozialisten gerechnet werden (E h a b r u n).
7. Die Sozialisten.
8. Kommunisten.
Um 6 Uhr früh lag das Ergebnis aus 607 von 611 Wahlbezirken vor.
Die Außenpolitik der NSDAP.
Eine Unterredung mit Graf Reventlow
Der Sonderberichtserstaner des „Petit P a r i s i e n" veröffentlicht am Sonnabend abend ene. Unterredung, die er in Potsdam mit dem Grafen Revent- loro hatte. Auf die Frage, warum man in Deutschland einem so starken gegen Frankreich gerichteten Hatz Begegne, erwiderte der Graf, datz das deutsche Volk seit dem Weltkrieg unter dem niederschmetterndsten Bewutztsein des ihm zu- ge fügten Unrechts lebe. Der Versailler Vertrag sei auf der Kriegsschuld- l ü g e aufgebaut und stempele die Deutschen zu einem Volk zweiter Ordnung. In der Abrüstungsfrage gestehe man Deutschland nur in der äußeren Verhanölungsform die Gleichbe- rechtgung zu. Deutschland wolle aber gleich anderen Mächten das Recht haben, über den Umfang seiner Detteidigungs- m.ittel selbst zu bestimmen. Deutschland und ganz besonders die nationalsozialistische Partei fordere in erster Linie dis Durchführung der allgemeinen und uneingeschränkten Abrüstung. Wenn die Abrüstungskonferenz ergebnislos bleibe, werde Deutschland sein Recht aus uneingeschränkte Verteidigungswaffen nut allem Nachdruck geltend machen. Die Wehrlosigkeit und gleichzeitige Verarmung des deutschen Volkes rufe bei ihm immer mehr das Gefühl hervor, in seinem Bestand bedroht und gefährdet zu sein. Auf militärischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet fühle Deutschland stets das Schwert Frankreichs und seiner Verbündeten an einem Faden über sich hängen. Weiter äuherte sich Graf Be- ventlow über den polnischen Korridor und die unhaltbaren Ostgrenzen. Seit 1919 richte Polen sowohl politisch wie wirtschaftlich Angriffe gegen Danzig, Ostpreußen und Oberschlesien und werde in dieser Offensive durch Frankreich ermutigt und unterstützt.
Nach der Haltung der Nationalsozialisten gegenüber Frankreich befragt, führte Graf Reventlow aus, daß seine Partei nicht den Krieg wünsche. Ihre Aufgabe sei es. in Deutschland den Gedanken des nationalen Sozialismus durchzuführen. Dazu brauche man Frieden und möglichst gute Beziehungen zu allen Mächten. Der deutsche Nationalsozialismus wolle nach allen Richtungen eine Verständigungspolitik treiben. Um das zu ermöglichen, müsse Frankreich je
doch darauf verzichten, die Deutschen zu einer Nation zweier Klasse herabdrücken zu wollen. Wenn die Hitlerbewegung im Reich zur Macht gelange, werde Deutschland stets bereit fein, über alle Fragen zu verhandeln. Deutschland hasse Frankreich keineswegs von vornherein, doch lasse sich nicht verkennen, daß die Feindschaft in den letzten Jahren immer mehr anwachse. Frankreich habe die Ttittel in der Hand, dem Haß ein Ende zu bereiten. Vorläufig wolle Frankreich immer nur auf der Grundlage des status quo von Versailles verhandeln, obwohl Deutschland diesen status quo niemals als Grundlage anerkennen könne. Er sehe keinen Grund dafür, warum gerade über diese Frage nicht offen gesprochen und ein praktischer Ausweg gefunden werden sollte. Der Nationalsozialismus wolle die Freiheit und die Unantastbarkeit der Ehre der Nation, nicht aber den Krieg.
General Nollet über Deutschlands Entwaffnung
Brüssel, 1. Mai. ©enetal Rollet, der ehemalige Dorsitzende der Interalliierten Kontrollkommission, sprach am Sonnabend hier über di« Entwaffnung Deutschlands, llkollet erklärte, was her- dorgehoben zu werden verdient, dah die Kontrollkommission die Dernichtung des Kriegsmaterials in Deutschland erreicht habe, wenn auch, wie er behauptete, ihre Tätigkeit auf allgemeinen Widerstand gestoßen sei. 7000 Fabriken seien besichtigt worden. 33 000 Kanonen, 87 000 Maschinengewehre und 4,5 Millionen tragbare Waffen seien zerstört worden. Trotz seiner eigenen Feststellungen versuchte Rollet dann aber Deutschland als militärisch gefährlich hinzustellen, und zwar indem er wieder mit dem beliebten Begriff des Kriegspmentiells operierte. Man könne nicht das Kriegspotentiell einer Ration, das in ihren Menschemnassen und in ihrer Industrie enthalten sei, vernichten. In einem neuen Kriege werde Deutschland auf Grund der Reichswehr, der militärischen Iugendausbildung und der militärischen Verbände einen neuen Typ von Armee einsetzen. Man müsse den Völkerbund mit einer Waffe versehen, im übrigen aber unbedingt die nationale Verteidigung ausbauen.
4 Wahlresultate stehen noch aus. Di« hn ersten Wahlgang endgültig gewählten Abgeordneten verteilen sich nach der Havas- statistik wie folgt:
Mand. gern. verl.
Rechtsstehende 3
Marin-Maginot-Parteien 72
Links-Republikaner 33
Rechtsstehende Radikale 23
Radikale 60
Sozial-Republikaner 17
Sozialisten 40
Kommunisten 2
0 1
6 8
2 10
4 1
4 0
2 1
3 2
1 1
Unter den gewählten Abgeordneten befindet sich der radikale Abg. Herriot, der in Lyon gewählt wurde; in Provens ist der radikale Abg. A u g 6 wiedergewählt worden.
Der bisherige Abg. Lorin (Fraktion Maginot) ist gestern abend, während er in feinem Wahlbüro auf die Verkündung der Ergebnisse wartete, plötzlich ge- -ftorben. • ■
Französische Presses-immen
„Matin" glaubt nach dem allgemeinen Eindruck der bisher bekannt gewordenen Wahlergebnisse ein ziemlich ausgesprochenes Abgleiten nach Links feststellen zu können. Die Stichwahlen dürften für die Linksparteien noch viele Gewinne bringen.
„Quotibien“ (Radikal) ist davon überzeugt, datz der zweite Wahlgang einen vollen Sieg der Linksparteien bringen werde.
„O e u v r e“ (Radikal) will zwei Tatsachen feststellen, 1. den beträchrlichen Stimmenverlust, den die Rechte erlitten habe, und 2. die starke Anzahl der Wahlbezirke, bei denen ein zweiter Wahlgang erforderlich sein wird. Das Blatt meint, datz die Radikalen, wenn fte Disziplin zu wahren wühlen, am kommenden Sonntag einen vollen Erfolg würden feiern können.
Der sozialistische „Populaire" stellt fest, dah die Sozialisten im ersten Wahlgang eine viel größere Anzahl von Kandidaten durchgebracht haben, als im Jahre 1928. Man könnte schon jetzt behaupten, datz die sozialistische Fraktion m der neuen Kammer stärker vertreten sein werde, als in der alten.
„Figar o“ dagegen will den Eindruck ge- wonnen haben, dah die Sozialisten und Kommunisten stark verloren haben, hält es aber für notwendig, dah die Rechtsparteien sich gewaltig zusammennehmen, wenn sie wollen, datz die nationale Einigung am konz- menben Sonntag nicht in Gefahr gerate.
„Dictoire" meint feststellen zu können, dah im Eisatz die Regionalisten einen eklatanten Erfolg davongetragen hätten. — Hingegen glaubt „O e u v r e“ einen Rückgang der Autonomistenstimmen buchen zu können.
Der Memelkonflikt am 9. Juni vor dem Haag.
Memel, 30. April. Das „Memeler Dampfboot" meldet: Die Sitzung des Internationalen Gerichtshofes im Haag, in der der Memelkonflikt behandelt werden roitb, ist auf den 9. Juni anbeiaumt worden. Der Spruch des Gerichtshofes wird schon für den 9. oder 10. Juni erwartet. Ursprünglich war der Zusammentritt des Gerichtshofes für den Juli vorgesehen. Wenn jetzt die Sitzung schon auf den 9. Juni anbeiaumt wurde, so bedeutet das, datz der Gerichtshof den Memelkonflikt mit einer Beschleunigung behandelt, wie sie größer kaum denkbar ist.