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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.
Verhandlungen in Genf aussichtslos
Tardieus Ziel erreicht — Trotzdem betont Dr Brüning nochmals den Wert der deutsch-ftanzösischen Annäherung
3« Genf gerät alles ins Stocken.
Rach der Absage Tardieus steht noch nicht fest, wann in Genf eitle neue Zusammenkunft der . führenden Staatsmänner der Großmächte stattfinden wirb. Eine Teilnahme des amerikanische» Staatssekretärs wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, da S t i m s o n am Freftagabend Genf verläßt. Es ist daher fraglich, ob die in Genf angestrebte Londoner Konferenz und beabfichtigte Klärung der in Lausanne zu behandelnden großen Probleme in Genf noch erreichbar ist. Die Hinauszögerung ist — das mutz fachst-* festgestellt werben — lediglich auf die A b- sage Tardieus zurückzuführen. Es besteht in internationalen Kreisen übereinstimmend die Auffassnng, datz die französische Regierung vor den Neuwahlen, die eine ganz andere Negierung ergebe« können. entscheidende BerhandSungen in Genf einfach nicht wünscht. Unter diesen Umständen ist es gleichfalls fraglich, ob die ursprünglich vorgesehene 3nangriftnahme der eutscheidenden Abrüstungsfragen im Hauptausschutz, besonders die Verhandlungen über die Fragen der Gleichberechtigung und der Internatio- nalisierung der Waffen, wie vorgesehen, «ach Pfingsten stattfinden wird.
Dr. Brüning vor der Weltpresse
Genf. 28. April. Reichskanzler Stüning empfing am Donnerstag «bend im Hotel „Metropole" die internationale Presse, der der Reichskanzler in deutscher Sprache folgende Erklärungen abgab:
Ich habe die Gelegenheit benutzt, nicht nur über die Abrüstungssrage, sondern auch über eine Reihe anderer die Welt und uns bewegenden Fragen eine große Anzahl von Gesprächen mit den Vertretern der übrigen Länder zu führen. Ich verspreche mir von solchen Gesprächen immer außerordentlich viel: und auch diese Gespräche haben zweifellos das »eine herbeigeführt, daß das Gelände für eine große Anzahl von Fragen insofern geklärt roorben ist, als man die gegenseitige Stellungnahme scharf und deutlich erkennen konnte. Das halte ich für wesentlich, um zu praktischen Losungen und Erfolgen zu kommen. Ich habe außerordentlich bedauert, daß der französische Ministerpräsident erkrankt ist, und ich habe seinem Vertreter heute meine aufrichtigste Anteilnahme ausgesprochen. Aber ich habe seine Erkrankung auch bedauert, weil die in dieser Woche begonnenen Gespräche nicht mehr fortgesetzt werden können.
Die deutsche Stellung hat sich nicht geändert. Wir müssen vom deutschen Standpunkt und an einer tatsächlichen Abrüstung unter allen Umständen feschalten.
Darin ist sich das ganze deutsche Volk, wie groß auch immer die parteipolitischen Gegensätze sein mögen, völlig einig. Ich b:,t »uch der Ansicht, daß man über diese Forderungen Deutschlands durchaus reden kann, denn es ist ja notwendig, die Lage auf diesem Gebiet ebenso wie in
den anderen Fragen der Reparationen und der Hilfsmittel zur Beseitigung und Milderung der Weltkrise ganz klar ins Auge zu fassen. Alle diese Dinge gehören zusammen. Es handelt sich nicht nur um finanz- und wirtschaftstechnische Fragen, sondern es handelt sich auch darum, die psychologische Grundlage zu schaffen, datz die Völker wieder ein stärkeres Vertrauen zueinander fassen, weil nur davon die wirtschaftliche Erholung
der Welt nach meiner festen Ueberzeu- gung abhängig ist. Ich bin der Ueber- zeugung, daß die Tatsachen augenblicklich in der Welt ein ganz außerordentlich schnelles Tempo angenommen haben und daß
die Beratungen zur Lösung der Schwierigkeiten lediglich in ein schnelleres Tempo kommen müssen und sich der Lage anzupassen haben,
Ein Schritt in Kowno
Litauen hat „schon vorher alle Maßnahmen ergriffen"
Kowno, 28. April. Die Dertreter Frankreichs. Erotzbritanniens und Italiens fetzten heute den Minister des Aeutzeren von der Auffassnng ihrer Regierungen hinsichtlich der Wahlen zum Me- meler Landtag in Kenntnis, die folgende Punkte betriftt: ' T? ~ ’
1. Die Ernennung und die Tätigkeit der Wahlansfchüsse mutz unter gerechten Bedingungen gewährleistet werden.
2. Das Recht der Abstimmung darf nur Personen gewährt werden, die einen festen Wohnsitz ha Gebiet von Memel haben.
3. Während der Wahlen mutz Gewähr für Presse- und Versammlungsfreiheit bestehen.
Der Minister des Aeutzeren erklärte, die litauische Regierung stimme eiit der Auffassung der Signatarmächte vollkommen überein. (!!) Er habe schon vorher alle Matznahmen ergriffen, die er für nötig halte, um die Freiheit und Uuverfälscht- hett (!) der in einigen Tagen stattfindenden Wahlen zu gewährleisten.
„Zur Aufklärung
Bemerkung des WTV.: In Berliner politischen Kreisen hat die Erklärung des litauischen Außenministers Erstaunen hervorgerufen. Bis jetzt ist nicht beobachtet worden, daß den Forderungen der Signatarmächte im voraus durch irgendwelche < > Maßnahmen, litauischerseits Rechnung getragen worden sei. Die Wahlausschüsse (Wahlkommisfion) sind nach wie vor vorwiegend einseitig mit großlitauisch eingestellten Personen besetzt und üben auf dieser Grundlage ihre Tätigkeit aus. Die Einbürgerungen von Litauern aufgrund der bekannten ad hoc erlassenen Verordnungen, die u. a. die Voraussetzung des einjährigen Wohnsitzes zur Erlangung des Bürgerrechts abgeschafft haben, find nicht rückgängig gemacht worden und geeignet, das normale Wahlbild künstlich zu verändern. Zur Illustrierung der angeblich gewährleisteten Versammlungsfreihett genügt es, auf die Vorfälle hinzuweisen, die in den letzten Tagen in Schmalleningken und Memel fich bei den Wahlversammlungen deutsch-memelländischer Parteien abgespielt haben.
der Bevölkerung"
Ungellmte Ausgaben der Reichsregierung
Berlin, 28. April. Der Haushalts- aus schuß des Reichstages setzte heute die Aussprache über die Haushaltsrech- n u n g für das Jahr 1932 fort. Es kam zunächst zu einer Aussprache über Etatstitel des Reichsministeriums des Innern, die den Nachrichtendienst und Matznahmen zum Schutze der Republik betreffen.
In dem Mittelpunkt der Debatte rückte eine antzerplanmätzige Ausgabe in Höhe von 496 000 RM., die vom Reichsinnenministerinm bezeichnet wurde als verausgabt „zur Aufklärung der Bevölkerung über die Abfichten und Ziele der Reichsregierung-.
Als Berichterstatter führte Abg. Heinig (Soj.) aus. datz die Regierung eine ins einzelne gehende Auskunft abgelehnt habe. Abg. T o r g l e r (Komm.) verlangte völlige Offenlegung dieser Ausgaben mit genauer Angabe aller Geldempfänger aus diesem Titel. Die Abg. Gottheiner und Dr. Quaatz(T'n.) stellten sich ebenfalls auf den Standpunkt, datz hier dem Reichstage volle Klarheit gegeben werden müsse.
Der Regierungsoertreter verlas folgende Erklärung des Reichsministers des Innern: „Die autzerplanmätzig durch Geschluh der Reichsregierung ausgeworfenen 496 000 RM. sind nach den Erllärungen meines
Amtsoorgängsrs lediglich für den angegebenen Zweck ordnungsmätzig verwandt worden. °
Nähere Angaben darüber, für welche einzelnen Zwecke die Verwendung erfolgte, ergebe» sich ans de» Akten nicht.
Angaben dürsten mit Rücksicht auf die Zweckbestimmung auch nicht gemacht werden können. ohne Reichsinteressen zu gefährden. Zu Auskünften, die dieser Zweckbestimmung zuwiderlaufen, indem sie den Zweck vereiteln, erachtet sich die Reichsregierung nicht für verpf 1 ichtet."
Darauf stellten die Deutschnationalen den Anttag. datz der Ausschutz nach § 83 der Reichshaushaltsordnung für diese Ausgabe der Reichsregierung in Höhe von 496 000 RM. die erforderliche Genehmigung v e rs a gen solle. Die Abgeordneten Dr. Köhler (Ztr.) und Heinig Tool.) erklär- klärten nunmehr, datz sie sich in Rücksicht auf ihre Stellung als Vorsitzender resp. Berichterstatter des Rechnungsuntersuchungsaus- schusses der Stimme enthalten würden. "Der Antrag wurde dann mit den Stimmen oer Deutschnationalen, der Kommunisten und des Abg. Morath (D. Vpt.) gegen die Stimmen des Zentrums bei Stimmenthaltung der Sozialdemokraten angenommen.
Der Ausschutz vettagte die Weiterberatung auf Freitaa.
falls die Lösung nicht zu spät kommen soll.
Deutschland weiß, und darin sind fich alle Deutschen einig, daß die Probleme nicht nur von Deutschland gelöst werden können, daß man zu einer internationalen Zusammenarbeit kommen muß und datz besonders in diesen kommenden Wochen und Monaten eine Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland notwendig ist. Trotz aller nicht zu leugnenden Schwierigkeiten bin ich fest davon überzeugt, datz es möglich sein wird, die Dinge in Europa zu meistern, wenn man den Tatsachen ins Auge sieht und entschlossen ist, vom Boden der Wirklichkeit aus an die Aufgaben auf einmal und so schnell als möglich heranzutreten, um
Schluß zu machen mtt der Zwischenstufe zwischen Krieg und Frieden, aus 8er wir stehen.
Wir müssen zu einem wirklichen Frieden kommen, der keine Taktik ist und der zu einem wirklichen Frieden Europas und der ganzen Welt führt.
Man darf nicht vergessen, daß die erregte Stimmung in Deutschland zu einem großen Teile zurückgeht aus die unsagbaren wirtschaftlichen Röte und Leiden, auf der anderen Seite aber auch auf die Tatsache, daß Deutschland allzuviel Enttäuschungen in den letzten Jahren zugemutet worden sind.
Frankreich will nicht
Der Eindruck der Erklärung des Reichs- Kanzlers in der französischen Presse.
Die Erklärungen, die Reichskanzler Dr. Brüning am Donnerstag vor den Vertretern der internationalen Presse abgab, veranlassen einige große Pariser Blätter zu einer Stellungnahme, in der im großen und ganzen die Verwunderung darüber zum Ausdruck kommt, daß Dr. Brüning nachdrücklichen Wert auf die Notwendigkeit einer deutsch- französischen Annäherung habe legen können. Der außenpolitische Berichterstatter des „Echo d e P a r i s“ erklärt, daß der Reichskanzler in einem Atemzuge von der Notwendigkeit einer Revision des Versailler Vertrages und der Notwendigkeit einer deutsch-französischen Annäherung gesprochen habe. Es wäre sehr interessant zu erfahren, wie weit er in den verschiedenen von ihm vorgebrachten Forderungen mit Stimson und Macdonald einig sei.
Das „Iourna I" betont, es sei geradezu überraschend, Dr. Brüning von der dringenden Notwendigkeit einer deutsch-ftanzösischen Annäherung sprechen zu hören und nach dem Wahlerfolg der Nationalsozialisten aus seinem Munde zu erfahren, datz alle Deutschen in Frieden zu arbeiten wünschten. Der Frieden, an dem die Deutschen mitzuarbeiten wünschten, sei jedoch nicht derjenige, der augenblicklich bestehe. Wenn der Reichskanzler ferner besonderen Nachdruck auf eine rasche Lösung der schwebenden Fragen und die Notwendigkeit der Wiederherstellung des Vertrauens gelegt habe, so könne man ihm nur recht geben. Eine andere Frage sei aber die, ob seine Erklärungen wirklich geeignet seien, bei Frankreich besonderes Vertrauen 3u erwecken.