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Mn 28. Steril 1932

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*M1 «he.

Die Abrüstungskonferenz ausgeslogen

Anzeiger für (das frühere kurhessische) vverhessen

Anzeiger der nmttiche« Bekanntmachungen fSr Stadt nnd Kreis Marburg.

Da Tardieu nicht nach Genf fährt, verlassen Brüning, Macdonald und Stimson die Konferenz

Es kommt eine neue Notverordnung!

Tardieu hat an den ständigen Delegier, ten Frankreichs beim Völkerbund, Paul Loneour. gestern vormittag folgende« Telegramm gerichtet:

Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Tie den Herren Stimson. Macdo. n a l V, Dr. B r 8 n i n g und E r a n d i folgend« Mitteilung machen wollten: Al« ich gestern den Wunsch meiner Kollegen, »ich am Freitag in Genf zu sehen, erfuhr, habe ich. obgleich leidend, z«gesagt. Aber die starke Kehlkopfentzündung, von der ich befalle« bin, hat solche Fortschritt« gemacht, daß mein Arzt mir formell diese beide« Rachtreisen untersagt. Er verbie­gt mir ebenfalls di« politisch« Rede, die ich morgen in Belfort halten wollte. Sie wird in meinem Namen von einem meiner Regierungskollegen verlesen werden. Er verortmet mir bis auf weiteres Schweigen und völlige Rahe. Ich bi« hierüber «n- tröstlich, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich bitte Sie, meinen Kollegen mein freundschaftliches Bedanern z«m Ausdruck bringen zu wollen.-

Abreise der Staatsmänner.

Die Absage Tardieu» hat in Senf das größte Aufsehen erregt «ad sowohl die Abrüstungsverhandlungen wie die Unterhaltungen der führenden Staats» männer erneut in» Stocken gebracht. Reichskanzler Brüning wird am Don­nerstag nach Berlin ,«rückreisen «nd Macdonald «nd Stimson ver­lassen am Freitag Genf.

Der amerikanische Staatssekretär Stint» son wird nach de«z Scheitern der Genfer Verhandlungen durch Tardieu» Absage Europa endgültig verlassen und sich an Bord eine» italienischen Dampfer» am Freitag nach Amerika ein­schiffen. Damit ist vorderhand anch jede Lösuagsmöglichkeit sowohl in der Abrüstungsfrage wie in der Tributfrage ausgeschlossen.

Bei einem Presseempfang sprach sich Macdonald außerordentlich ernst über die durch die Haltung Tardiens entstan­dene Lage aus.

Stimson an Tardieu.

Der amerikanische Botschafer in Paris, Edge, hat gestern nachmittag eine Nach­richt, die der amerikanische Staatssekre­tär stimson telephonisch von Eens aus ihm übermittelt hat, an Ministerpräsident Tardieu roeitergeleitet. In dieser Mit­teilung erklärt Stimson, er bedauere sehr, daß er keine Gelegenheit habe, Tardieu wiederzusehen, um mit ihm die Aussprache über die wichtigen Fragen wieder aufzu­nehmen, die man bereits erörtert habe. Er bedauere, daß sein eigener Ge­sundheitszustand ihn zwinge, Genf möglichst bald zu verlas- s e tt und über das Mittelmeer nach Hause zurückzukehren. Er könne Tardieu die Ver­sicherung geben, daß die amerikanische De­legation in Genf ihre Möglichstes tun.

werde, um die begonnenen Arbeiten in dem Geiste fortzusetzen, der bei den bis­herigen Verhandlungen herrschte.

Die Genfer Sonderberichterstatter der großen Pariser Blätter machen sich zum Sprachrohr der großen Enttäuschung, die die plötzlicheVerhinderung" Tardieus an seiner Genfer Reise in den verschiedenen Abordnungen hervorgerufen hat. Man habe in amerikanischen und englischen Krei­

sen geglaubt, Tardieu so kurz vor den fran­zösischen Wahlen zu einer Reihe von Zu­geständnissen in der Abrüftungs- und Rottenfrage bewegen zu können, und diese Auffassung sei bis zu einem gewissen Grad sogar von der deutschen und italienischen Abordnung geteilt worden. Stimson und Macdonald wirft man vor, in erster Linie einen persönlichen Erfolg ge­sucht zu haben.

Paris ist befriedigt

Ernste Enttäuschung in England

DasEcho de Paris" zeig^sich über die Verhinderung Tardieus reines- wegs verärgert. Man sei auch in^ französischen Kreisen in Geist bet <3raT3'* fassung, daß Frankreich kein Interesse daran habe, sich in eine Fünfer-Konferenz einzulassen, aus der es von vornherein eine isolierte Stellung eingenommen hätte.

DerPetit Parisi««" bezeichnet Die Absichten und Ziele der Vertreter Amerikas, Englands, Deutschlands und Italiens als ziemlich vage, da man nie­mals ernstlich daran habe glauben können, daß Tardieu in der Abrüstungsfrage die Zugeständnisse gemacht hätte, die man von ihm erwartete.

DasJournal" warnt vor einer Uebertreibung der Auswirkungen der ge­planten Fünfer-Besprechung. Die Zu­sammenkunft, die für Freitag vorgesehen gewesen sei, hätte niemals die Ergebnisse zeittgen können, die man in gewissen Gen­fer Kreisen erwattet hab«. Es gchöre eine ziemliche Naivität dazu, anzunehmen, daß die französisch-italienischen Meinungsver­schiedenheiten am Vorabend der französi­schen Wahlen in einigen Stunden geregelt worden wären, und daß man auch in so kurzer Zeit eine Brücke über den Abgrund gebaut hätte, der di« französisch-deutsche Abrüstungsthese von einander ttemie.

Auch die französischen Links blätter zeigen sich mit der Entwicklung der Dinge sehr zufrieden. Man versteh« sehr wohl, so schreibt dieEre Rouvelle", daß Stimson. Brüning und Macdonald sehr viel an der Regelung der Abrüstungs­frage gelegen sei. Frankreich sei von Hans« aus das Pfand der Gepflogenheiten. Diese Gepflogenheiten zwingen auch gewisse Pflichten auf, die aber auf Gegenseittg- keiten beruhten. Stimson müsse es eilig haben, aber Frankreich habe es vor einigen Monaten auch sehr eilig gehabt, als es Amerika um Auftlärung über seine Hal­tung in der Schuldenfrage gebeten f>abe. Damals habe man amerikanischer­seits geantwortet, man solle die ameri­kanischen Präsidentschaftswahlen abwarten. Frankreich habe gewartet; man müsse sich aber fragen, ob es immer Watten wolle, bis es den anderen gefällig sei.

*

Die englische Presse zeigt sich über das Nichterscheinen Tardieus in Genf durchweg sehr enttäuscht und bringt zum Ausdruck, paß Macdonald die plötzliche Ettrankung Tardieus lehr bedauett habe. Der diplo­matische Korrespondent desDaily Te­legraph" berichtet über die bisherigen Genfer Verhandlungen, daß die privaten Unterredungen zwischen Macdonald,

Brüning und Stimson bi« Möglich­keit eines vorläufigen Einvernehmens über die großen Richtlinien im Rahmen der ^Btzftmnvluckgem des allgemeinen Ausschus­ses gezeigt hätten. Dies beziehe sich nicht nur auf die Abrüstung im allgemeinen, sondern auch besonders auf die ftanzösisch- deutsche Seite dieser Frage. Im Hinblick darauf, daß die Zustimmung Italiens und Frankreichs notwendig und voraussichtlich nicht leicht zu ermöglichen sei, werde man es daher nicht nur in Genf, sondern auch in London sehr bedauern, daß Tardieu vor Der Abreise Stimsons nicht mehr nach Genf kommen konnte.

Der Korrespondent läßt durchblicken. daß deutscherseits die Forderung nach einer Er­höhung seiner Rüstungen aus finanziellen Gründen nicht nachdrücklich verfolgt würde. Andererseits sei man sich darüber klar gewesen, daß eine Herabsetzung der Rüstungen für einige der früheren Feinde Deutschlands nicht annehmbar ist. In­folgedessen sei ein Mittelweg gesucht worden. Die qualitative Ab­rüstung betonte schon einen erheblichen Fortschritt, um di« gegen toärtige Kluft in den Mistungen etwas zu verkleinern. Da Deutschland zur Zeit nur theoretisch die Gleichheit verlange, prakttsch aber weder den Wunsch habe noch die Forderung auf­stell«, eine Arme« zu besitzen, die zahlen­mäßig mit derjenigen Frankreichs gleich ist, so könne sich die amettkanische Formel als äußerst wertvoll erweisen. Da Deutsch­lands Arme« nur die Aufgabe des Schutzes im Innern erfüll«, könne die deutsche Po­litik eine Erhöhung seiner Armee fordern, um di« Aufgabe des Schutzes der Grenzen durchführen zu können, während Frankreich seine Ansprüche auf eine überlegene Armee damit begründen könne, daß es wegen sei­nes großen Kolonialreiches mehr Truppen haben müsse als Deutschland.

lieber die Abrüstungskonferenz im all­gemeinen wird erklärt, die in den letzten Tagen geführten Verhandlungen seien sehr aussichtsreich gewesen und würden, wenn sie nicht durch die Erkrankung Tardieus unterbrochen worden wären, der Konferenz einen neuen Impuls gegeben haben.

Wenn nicht alle Rattonen den guten Willen hätten, abzurüsten, so könne nicht erwattet werden, daß ein Land allein seine Militärkräfte verringert.

Hinsichtlich der Lausanner Konferenz ist man sich auch in englischen Kreisen über die zu überwindenden Schwierigkeiten klar. Man hat aber aus den bisher geführten inoffiziellen Besprechungen den Eindruck, daß die grichen Probleme mit gutem Willen und gesundem Verstand gelöst wer­

den können. ES handele sich aber um ein« Lösung und nicht um eine Verschiebung Dieser Probleme. Em Aufschub würde kei­nen stützen bringen. Man bekundet in englischen Kreisen die Entschlossenheit, un­ter Verzicht auf jede Zwischenlösung eine Regelung von Grund aus vvrzunehmen Es werde hoffentlich möglich sein, daß auck andere Regierungen ihre Oeffentüchkeit über die Notwendigkeiten der Lage und die wohlverstandenen dauernden Interessen der einzelnen Länder ausflären.

Kein französisch«» Geld mehr für Pale«.

Warschau. 26. April. Der polnische Eisenbahnminister Kühn, der sich vor mehreren Tagen nach Paris begeben hatte, um dort, wie es allgemein hieß, mit maßgeblichen Franzosen wegen der Flüssig­machung der zweiten, bereits fällig ge­wesenen Rate der französischen Eisenbahn- anleihe Verhandlungen zu führen, ist anscheinend mit leeren Händen nach Warschau zurückgekehrt.

Litwinow» Rückkehr nach Moskau.

A o w n o. 26. April. Wie aus Mos­kau gemeldet wird, steht die Rückreise des russischen Außenkommissars aus Genf nach Moskau nicht nur mit dem bevorstehenden Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Jsmed Pascha im Zusammenhang, sondern auch mit der politischen Lage tm Fernen Osten. Litinow wird sich über die Vorgänge an der chinesischen Ostbahn unterrichten lasten und dann mit den zu­ständigen Kreisen entscheiden, welche Schritte die Sowjetregierung zur Wah­rung ihrer Rechte unternehmen wird. Alsdann wird eine Unterredung zwischen dem japanischen Botschafter Schirota und Litwinow stattfinden, die für beide Länder von großer politischer Bedeutung sein dürfte.

Litwinow in Moskau. Bemerkenswerte Feierlichkeit z« Ehren der türkischen Gäste.

ff Moskau 28. April. Der sowjet- russische Außenkommistar Litwinow ist am Mittwoch abend aus Genf wieder in Moskau eingetroffen.

Anläßlich der Anwesenheit des türkischen Ministerpräsidenten und des Außen­ministers Sie am Donnerstag vormittag in Moskau erwartet werden, ist eine Reihe von Festlichkeiten und feierlichen Empian- gen vorgesehen. Die türkischen Gaste wer­den von dem Präsidenten des Dollzugs- ausfchustes Kalinin empfangen, während Außenkommistar Litwinow ein Bankett zu ihren Ehren veranstaltet. Sodann wer­den die Gäste zusammen mit den Regie- rungsmitgliedern der Sowjet-Union zum türkischen' Gesandten geladen werden. Auch die italienische Botschaft und d>e persische Gesandtschaft werden Emptange veranstalten.

Der Kampf «m die britischen Zölle.

London. 27. April. Die Regierungs­vorlage, die dem Schatzamt die Möglich­keit gibt, jede beliebige Warenart von der Freiliste zu streichen, wurde nach heftigem Kampf heute im Unterlaufe angenom­men. Ein Zusatzantrag der Labour- Parti), der ein Verbleiben von Weizen, Roggen und Fleisch auf der Freiliste unter allen Umständen sichern sollte, wurde mit 305 gegen 52 Stimmen abgelehnt.