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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberheffen

Anzeiger der amtlichen Bekanntwachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

Verschleppungsmanöver in Genf

Keine Veschlutzfassung über das Verbot der Angriffswaffen Frankreichs Isolierung nicht von langer Dauer

Genf, 21. April. 3n der heutigen Sitzung der Abrüstungskonferenz, an der Tardieu und Stimson nicht teilnahmen. fcrnd der vom englischen Außenminister ernge- brachte Antrag auf

Abschaffung der schwer«« Angriff s- waffen

in einer ausgedehnten Aussprache unerwartet starke Unterstützung von allen Seiten. Von 13 Rednern des heutigen Vormittags erklär­ten sich alle bis auf Paul Boncour uneingeschränkt für den en glischen An­trag, darunter die englischen Dominions Kanada, Neuseeland und Südafrika. Der Vertreter von Südafrika erklärte mit grohem Nachdruck, datz der englische Antrag der erste Hoffnungsstrahl sei und der Welt beweisen könnte, datz die 64 Staaten in Genf nicht müßig ihre Zeit verlören. Warme Unter- stützung fand der englische Vorschlag durch die Autzenmmister von Holland, Belaerts, und Schweden. Baron Ramel. Nur der ja- panische Botschafter Sato nahm mit gewis­ser Vorsicht und dem Vorbehalt der Be­rücksichtigung der besonderen Lage seines Lan­des den englischen Vorschlag an.

Paul Boncour

lehnte, wie zu erwarten war, den englischen Borsihlagschlag ab. Das Hauptargument, das er immer wieder vorbrachte, bestand in dem Hinweis, datz die Abschaffung der gro- tzen Angriffswaffen die Mächte daran hin­dere, ihre Rüstungen dem Völker­bund für ein internationales Vorgehen ge­gen den Angreifer zur Verfügung zu stel­len. Mit grotzem Pathos erklärte Paul Boncour, es sei autzerordentlich gefährlich, wenn die Abrüstungskonferenz jetzt dem Völ­kerbund die wichtigste Waffe entziehe, die er eines Tages im Interesse der internationalen Sicherheit dringend gebrauchen könne.

Wenn di« schweren Angriffswaffen ab­geschafft würden, so sei damit «in« ein­zigartig« Gelegenheit vorübergelassen worden, dem Völkerbund bie notwen­digsten Machtmittel ja geben. Die Staaten hätten kein Recht, dem Völker­bund die entscheidenden Angriffswaffen zu verweigern.

Paul Boncour suchte sodann dem Nachweis ,u führen, datz eine Unterscheidung Mischen Angriffswaffen und Nichtangriffswaffen über­haupt nicht möglich sei. Die französische Re­gierung stehe vielmehr uneingeschränkt auf dem Boden des Abkommen senk Wur­fes des Völkerbundes, die die alleinige beste Grundlage der Lösung der Abrüstungs­frage bilden könne.

Während der llebersetzung der Rede Paul Boncours erschienen Reichskanzler Brü­ning und kurz darauf der englische Minister­präsident Macdonald im Sitzungssaal. Der Präsident der Konferenz unterbrach für einen kurzen Augenblick die Verhandlung. Macdonald, von allen Seiten herzlichst be- grüht, nahm im Sitz der englischen Abord­nung, dicht neben der deutschen Abordnung, Platz und begrützte den Reichskanzler.

Als nächster Redner sprach der Vertreter Amerikas,

Eibson.

Er erklärte, datz er den gestrigen Antrag des englischen Autzenministers auf Abtzhaf- fung der schweren Angrrffswaffen im Namen seiner Regierung wärmstens unterstütze. Sinn und Ziel des englischen Antrages stimme voll mit dem amerikanischen Vorschlag überein, durch Abschaffung der Angriffs- wasten die Verleidigungsmöglichkeiten zu er­höhen und damit die allgemeine Sicherhest zu stärken.

Die heutige Aussprache hat in allem Kon- ferenzkreisen den Eindruck verstärkt, datz die Stimmung in verstärktem Matze zugunsten des englilch-amerikaniich-rralienischen Vorschla­ges wächst und datz die f r a n s i s ch e Regierung damit in eine autzeror- deutlich schwierige Lage geraten ist, da die Isolierung Frankreichs und der mit Frankre'ch verbundenen Staa.en deutlich zu­tage tritt. Die Abrüstungskonferenz ist jetzt in ein Stadium autzerordentlich schwieriger.

verwickelter und «mtscheidungsvokler Verhand­lungen emgetreten.

Der rumänische Gesandte Titulescu brachte zum Schluh der stundenlangen Ver­handlungen des heutigem Vormittags als Beauftragter von 14 Staaten einem Ge­genvorschlag gegen den englischem An­trag em, der eine Hinauszögerung bet Entscheidung über den Grundsatz der quali­tativen Abrüstung bezweckt und auf diese Weife den gesamten englischen Antrag zu Fall zu bringen su«ht. Der Präsident Hen­derson war hn Hinblick auf den neuen rumänischen Antrag nicht in der Lage, wie ursprünglich vorgesehen, die Verhandlungen mit der Einsetzung eines Redaktionsausschus­ses abzuschlietzen und erklärte, datz durch den Vorschlag der 14 Mächte eine völlig neue

Lage geschaffen sei, die eine Wiederaufnahme der Aussprache am morgigen Freitag not­wendig mache. Der Vorstotz der französi­schem Staakengruppe wird deutscherseits in Uebereinstimmung mit den meisten Abord­nungen als ein grobes M an ö o e r aufge- faßt. um die ersten Ansätze praktischer Ar- beitem auf der Abrüstungskonferenz zu ver­hindern.

Die Trabanten Frankreichs.

Genf. 21. April. Die Mächtegruppe, die am Donnerstagvormittag unter Führung des rumänischen Gesandtem Titulescu den Gegenvorschlag gegen den Antrag der engli­schen Regierung auf Abschaffung der schwerem Angriffswaffen eingebracht _ hatte, setzt sich aus dreizehn Staaten zusammen. . Diese Staatengruppe, die also versucht, die Ab-

StimsonsAbrüstungsvorschläge

Deutschland von Tributzahlungen nicht befreit

Der Genfer Korrespondent derDaily Mail" glaubt melden zu können, datz zur Zeit keine Aussicht auf eine völ­lige Befreiung Deutschlands von den Tributzahlungen be­stehe. Dieser Gedanke ' sei vollständig fallen gelassen worden.

Im Vordergrund stehe augenblicklich der Gedanke der Verlängerung des Tri­butmoratoriums, soweit die Vereinigten Staaten in Frage kommen, ehe nicht die Präsidentschafswahlen in Amerika vor­über seien. Im allgemeinen werde man den Grundsatz zu verfolgen suchen, datz bei einem Ausfall der Tributzahlungen auch an Amerika keine Zahlungen mehr geleistet würden.

Zu den Abrüftungsvorschlä- gen', die Stimson machen werde, er­fährt der Korrespondent folgendes:

Die Landstreitkräfte sollen in drei Gruppen geteilt werden:

1. Streitkräfte, die für Polizei- zwecke und für den Erenzdienst gebraucht werden, wie sie namentlich 'in Deutschland vorhanden seien;

2. Streitkräfte für die Kolonial- verwaltung. (Hier konnten die französischen Kolonialtruppen als An­halt dienen.)

3. Streitkräfte, die notwendig seien, um einen feindlichen Angriff ab­zuschlagen.

Italien und Frankreich hätten Armeen, die für diese Zwecke zu g r o tz seien. Die Armeen Englands und Amerikas könnten dagegen noch ver­stärkt werden. Die Flottenfrage werde zunächst ganz beiseite gelegt und getrennt behandelt werden. Hinsichtlich der Luftstreitkräfte gehen die amerika­nischen Vorschläge dahin, datz alle An­griffsflugzeuge rnternationalisiert werden mützten. Aber Stimson werde sagen, datz dieser Grundsatz nicht auf die Vereinigten Staaten anzuwenden sei.

Schweres Einsturzunglück

Während einer Gerichtssitzung 15 Personen getötet

B-stia (Korsika). 21. April. Während einer Gerichtsverhandlung stürzte die Saal- decke ein und begrub die Rechtsanwälte und viele Zuhörer unter sich. Bei den Aufräu- mungsarbeiten find bisher fünf Tote ge­funden worden. Die Zahl der Verletzten soll hoch sein.

15 Tote, 30 Verletzte.

ff. Paris, 22. April. Die Bergungs­arbeiten im Justizpalast von Bastia wur­den in den späten Abendstunden des Don­nerstag beendet. Es bestätigt sich, datz die Zahl der Toten 15 beträgt, wäh­rend sich die der Verletzten auf 30 beläuft. Unter den Toten befinden sich nutzer den bereits bekannten zwei Rechtsanwälten «'n Bataillonsführer der Kolonial- Jnfanterie, der den Verhandlungen als Zuschauer beiwohnte. Unter den Schwer­verletzten befindet sich autzerdem beide Bürgermeister von Bastia, auch der Angeklagte, der sich wegen Hehlerei in der Angelegenheit der korsischen Ban­diten zu verantworten hatte. Er erlitt einen schweren Schädelbruch und mutzte in hoffnungslosem Zustand in das Kranken­haus überführt werden. Wie verlautet,

sollte das Justizgebäude bereits vor mehre­ren Jahren einmal einer gründlichen Renovierung unterzogen werden. Da das Gebäude bereits 1858 errichtet wurde, hat­ten sich hier und da schon seit langem baufällige Stellen gezeigt, deren Ausbesierung in Anbetracht der wirtschaft­lichen Krise immer wieder verschoben wurde.

SPD. und Kreagergeld. (Ein Dementi.

Berlin. 21. April. Gegenüber Behaup­tungen, datz die Sozialdemokratie von Iwar Kreuger durch Vermittlung Hilferdings als Provision für den Abschluß der bekannten Zündholzanleihe den Bettag von 3 bis 4 Millionen Mark erhalten habe, ertlärt das sozialdemokratische Abendblatt.Der Abend":

Die SPD. hat weder brreft noch in­direkt. weder als Provision, noch unter sonst einer Marke irgendeinen Pfennig, geschweige gar Millionen Mark von 'Kreuzer erhalten."

Klepper hat km« neuen Steuern angekündigt

Berlin. 21. April. Zu den Meldungen über die Kieler Rede des preußischen Finanz- mir.vters, wird von amtlicher preußischer sette erklärt, daß Finanzminister Klepper keine neuen Steuern angekündigt hat.

rüstungskonferenz zu sabotieren, besttht eigen- attigerweise hauptsächlich aus ben fübame« rikanischen Staaten, bie ihre Pa- rifer diplomatischen Vertreter auf die Abrüstungskonferenz entsandt haben, nämlich Bolivien, Chile, Columbien. Cuba. Guatemala, Venezuela. Paraguay und Uru­guay, ferner den drei Mächten der (leihen Entente Rumänien, Südslawien und Tschecho- stowakei, sowie Polen und Persien. Die französische Abordnung hat es vor- gezoaen, den Antrag dieser dreizehn Mächte offiziell nicht zu unterschreiben, ob­wohl in Konferenzkreisen nicht der geringste Zweifel darüber besteht, daß der Antrag auf französischen Wunsch zurückgeht.

Das Echo der Genfer Verhandlungen.

Die Genfer Verhandlungen beschäftigen im Augenblick sehr stark die Pariser Presie. P e r t i n a x stellt imE ch o d e P a r i s" fest, datz die französische These eine starke Niederlage erlitten habe.

DerPetit Parisi en" zeigt sich weniger pessimistisch und rechnet schließlich doch mit einer Annahme der französischen These. Das Blatt unterstreicht vor allem das geschickte Eingreifen Paul Bon­cours und des rumänischen Vertreters Titulescu. y .. . -x. :

DasIourna l" erklärt, man scheine einem direkt gegen Frankreich gerichteten Manöver gegenüber zu stehen. Gewiss: Gerüchte wollten sogar wißen, datz der amerikanische Staatssekretär Stimson im Verlauf der Besprechungen mit dem Reichskanzler Brüning das Prinzip der Rüstungsgleichheit anerkannt habe, das Deutschland verlange.

Die linksgerichteteE r e Nouvelle" erklärt, datz man sich angesichts der gegen Frankreich gerichtete Manöver fragen müsie, welches Ziel England, Amerika, Deutschland und Kanada eigentlich ver­folgten. Niemand könne ernstlich daran glauben, datz die Koalition Amerika. Eng­land, Deutschland durch die von ihr vor­geschlagene Methode der Abrüstungfrage eine wirklich befriedigende Lösung zu geben wünsche.

Der sozialistischeP o p u l a i r e" schreibt, Tardieu habe sich nach Genf he­geben um seinen berühmten Plan zu ret­ten. Dieser Plan sei aber in Wirklichkeit unwiderruflich verloren, denn er habe in Genf den übelsten Eindruck gemacht.

DieD. A. Z." beurteilt die Lage so: Mr möchten davor warnen, die amen- konisch-französischen Gegensätze in der Ab- rüstungsftage allzu ernst zu nehmen, und nochmals betonen, daß auf Grund verschie­dener Informationen die Amerikaner ge« genwärtig sich weniger für die Abrü- stungs- und die Tributfrage als für den fernöstlichen «Streitfall interessieren, und daß auf diesem Gebiete Möglichkeiten amerikanisch-französischer Verständigungen vorzuliegen scheinen, in denen wir leider keine ausschlaggebende Rolle spielen dürf­ten, die sich vielmehr sogar zum Teil in chren Auswirkungen gegen uns richten können.

Gerüchte, wonach Sttmsons großer Ge­danke, den er aus Amerika mitgebracht habe, in einer Vervollständigung des Kellogg-Paktes bestehen solle, verstärken sich in den letzten Tagen. Wie ettnnerlich, haben die Amerikaner bei der bisherigen Behandlung des fern-östlichen Streitfalles, in dem sie vor allem an der mandschuttschen Frage inttressiert sind, stets den auch in die DölkerbundSnoten übergegangenen Grundsatz üertreten, daß gewaltsame Gebietsabänderungen nicht an­erkannt werden dürfen.

Wan hött nun, daß sie diesen Grundsatz, der stark an Art. 10 des Völkerbundpakces