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Aristide Briand f
Ein Verständigungspolitiker im Sinne der französischen Hegemonialpolitik
Versprechungen und Enttäuschungen
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Anzeiger für (bas frühere kurhefsifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Eine Woche, nachdem er aus seinem ruhigen Tuskulum Cocherel nach dem lürinenbcn Paris
I leistungsfähige «wivi tune ötiunu Ilyerzce/ arbeitete besser als sonst. Niemand schöpfte Argwohn. Man hielt es für selbstoerständlich, daß sich der 70jährige Mann aus den etwas zugigen Räumen keines Landgutes in die durchwärmte Wohnung in Paris zurückziehen wollte.
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Marburg a.LM
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: Lrückgekehrt war, setzte Briands Atem aus. [ Er fühle sich wohler als sonst und rüste sich
Aus dem Leben Briands.
Oben links Aufnahme Briands aus Genf. Oben rechts: Briand mit Macdonald und Stresemann Unten links: Als Ratspräfideut in Genf. Unten rechts: Eine Ruhepause am Genfer See.
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Tie Uebersiedlung nach Paris war Briands letzter Gang. Panischer Schrecken, tiefe 'Niedergedrücktheit bemächtigen sich der französischen Hauptstadt. Niemand will es fassen, dag der große Staatsmann tot ist. War es nicht erst eine Woche her. daß ihn sein Wahlkreis wieder als Kammerkandidaten aufstellte? Frankreichs Linke erleidet einen emp. kindlichen Verlust. Mitten in der Offensive, die für Frankreichs Linkspartcien die Macht im Staate erobern soll, entsinkt dem Fahnen- bäger die Fahne. Die Männer und Frauen, denen das Wort Briand als Kampfparole auf den Lippen schwebte, halten betroffen mne. Briand ist tot — wer wird seine Erbschaft übernehmen?
Briand verdankt seinen Aufstieg natürlich Nierst sich selbst und in zweiter Linie erst der demokratischen Verfassung seines Landes. Ms ein Kind des Volkes wuchs er in St. Aazaire, an der Meeresküste, auf. Der Hang rum Meer hat eigentlich Briand bis zum letzten Tage nicht verlassen. 3n den Stunden Kiner freiwilligen und unfreiwilligen Mutze Lebte er es, zu fischen. Ursprünglich war "nstide Briand Rechtsanwalt. Frühzcitig kam « mit der Politik in Berührung. Neben Sennes zählte er bald zu den Häuptern der sozialistischen Partei Frankreichs. Bei der Durchdringung der Laiengesetzgebung verdiente er sich feine parlamentarischen Sporen. Dorf man es als charakterlos bezeichnen, dah er sich bald, 1912, wieder von der Sozial- wnolratie trennte und nach rechts abschwenkte? Diele haben ihm diesen Schritt stoer*oeri>ad)t. Zu Unrecht. Er ist kein Verräter an der Sache geworden, wenn er <wch über die Fragen der politischen Taktik anders dachte als seine nächsten Mitarbeiter. Das Mögliche zu erreichen, auszugleichen zwischen Extremen — das erkannte er lehr bald ®*s seine besondere Aufgabe. An ihr reifte zum Staatsmann.
. Schon vor dem Kriege und dann während schlimmen Jahre hat Briand mahgeblich me französische Politik bestimmt. 1917 aber “Ot er aus der vorderen Reihe ab — für jünge Zeit. Deutschlands Zusammenbruch äwt. der Name Briand aber blieb unge- Mmt. Während Elemenceau in Versailles Deutschen die Friedensbedingungen dik- “trte, satz Briand tatenlos auf seinem Land
gut. Er wutzte warum. Schwer festzustellen ist, wann eigentlich Briand die grotze Wandlung durchmachte. Jedenfalls überfiel ihn die Besessenheit einer Idee. Und dieser Idee des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich, zum Vorteil Frankreichs, diente er fortan mit aller Leidenschaft. Niemand wird Briands Verdienste um die europäische Verständigung in der Nachkriegszeit schmälern wollen. Was wäre ohne Briands sprühendes Temperament aus dem Völkerbund geworden? Die glänzende Redegabe und nicht zuletzt die diplomatische Geschicklichkeit des französischen Staatsmannes rückten Genf zeitweise in den Brennpunkt der Weltpolitik.
Freilich — wenige Blütenträume Aristide Briands reiften. Locarno und Thoiry verschwanden im dichten Nebel der Illusionen. Eine enge Freundschaft verband Briand mit Stresemann. Der Tod Stresemanns schien aber auch Briands Pläne durcheinandergeworfen zu haben. Was seit 1929 aus dem Quat d'Orsay herausging, stand unter einem unglückseligen Stern. Briands Paneuropaprojekte wurden sehr bald von Unkraut überwuchert. Die Verbitterung des „alten Mannes" wuchs, als seine Versöhnungspolitik bei seinen Landsleuten auf steigenden Widerspruch stietz. Briands Autorität schwand vollends bahnt, als er im Frühjahr 1931 bei den Präsidentschaftswahlen unterlag. Frankreich hatte gegen ihn entschieden. Aber der gebändigte Löwe traute es sich zu, ben Kampf mit der Volksmeinung aufzunehmen.
Unvergehlich jene Septembertage 1931, da Aristide Briand in der Gefolgschaft seines gelehrigen Schülers Laval auf dem Berliner Bahnhof Friedrichsstratze dem Zug entstieg. Ungläubiges Staunen malte sich auf feinem bleichen Gesicht, als Ovationen der Berliner Bevölkerung zu ihm hindrangen. Damals beurteilten ihn feine Landsleute schon als „erledigten Mann". Nur eine Frage von Wochen und Monaten schien es, datz er aus dem Oucn d'Orsay weichen mutzte. Ein gutes Vierteljahr wehrte er sich noch auf feinem Posten, durch mannigfache Intrigen und Enttäufckungen arq mitgenommen. Dann ging er. Sein Entschluß stand fest: nach dem Siege der Linken bei den Kammerwahlen wicderzukehren.
Der Tod machte einen Strich durch alle Berechnungen. Seine Landsleute werd«! den
Paris, 7. März. Aristide Briaad ist heute mittag um 13.38 Uhr französischer Zeit in seiner Wohnung in der Avenue Kleber gestorben.
Aristide Briand war am 28. Februar von seinem Landsitz Cocherel nach Paris zurückgekehrt und hatte dort seine seit mehreren Jahren nicht mehr benutzte Wohnung bezogen. Seine Aerzte hatten seine Rückkehr nach Paris verlangt, obwohl Briand selbst sich ihr widersetzte. Die Aerzte faxten die Rückkehr nach Paris als eine Etappe vor der Unterbringung iw einem Krankenhaus ins Auge. Gleich bet [einer Ankunft in Paris mutzte sich Briand zu Bett begeben. Die Wohnung durfte von Fremden nicht betreten worden. Bis Donnerstag habe man, obwohl der Schwachezustand Briands zu lebhaften Besorgnissen Anlatz gab, nicht an einen so raschen tödlichen Ausgang gedacht. Gestern nachmittag verschlimmerte sich der Zustand des Kranken und seine Schwäche nahm so zu, datz keinerlei Hoffnung mehr bestand.
Nachrufe
Der Reichskanzler.
Berlin, 7. März. Zum Hinscheiden des früheren französischen Ministerpräsidenten Briand übermittelte der Reichskaziz- I e r Vertreter der Havas-Abentur eine Erklärung, in der es u. a. heißt:
„Mit aufrichtiger Trauer würdigt auch die deutsche Regierung den schweren Verlust, den das französische Volk durch bas plötzliche Hin scheiden des großen französischen Staatsmannes Aristide Briand erlitten hat.
Mit Briand verschwindet eine der b c - deutend st en politischen Figuren ber Zeitgeschichte: mit ihm verliert Frankreich eine feifer führenben Persönlichkeiten, bie Welt eine ihrer interessantesten und bekanntesten politischen Gestalten.
Mag die Entwicklung der Dinge Deptsch- lanb auch schwereEnttäuschungen gebracht haben, so erkennt das deutsche Volk doch an der Bahre dieses Mannes an, daß er, in unermüdlicher Pflichttreue [einem Heimatlande dienend, gleichzeitig ein aufrichtiger und überzeugter Diener der Friedensidee war, dessen ehrliches Streben der Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich gegolten hat."
Der Reichskanzler hat ferner an den französischen Ministerpräsidenten Tardieu ein Beileidstelegramm gesandt. •
Ministerpräsident Braun zum Tode Briands.
Der preußische Ministerpräsiöezrt ‘Braun äußerte sich zu dem Berliner Vertreter der Agentur Havas: Es hat mich tief erschüttert, daß jetzt nach S t re- sem a n n nun auch der unermüdliche ‘Bor* kämpser für die deutsch-französische Verständigung, Aristide Brian d, dahingegangen ist. Beide 2Känr«r haben ihr Bestes für die Idee der Aussöhnung unserer beiden Länder gegeben. Sie sind nun nicht mehr. Die Sache aber, der sie mit Leib und Seele dienen wollten, ist nicht tot. Das Lebensinteresse Europas verlangt gebieterisch, dah die deutsch-französische Der* ständigung kommt. Das wird dann dis beste Ehrung auch Ihres großen Toten. Briand, fein. ,
Henderson zum Tode Briands.
Genf, 7. März. Der Präsident der Abrüstungskonferenz Artur Henderson erklärte, der Tod Briands wird in Grotz- britannien und sich in der ganzen Welt als schwerer Schlag für die große Sache empfunden werden, der er so trefflich diente. Er hat große Leistungen hinterlassen, unter denen nicht die geringste die Einberufung der Abrüstungskonferenz ist. Aber er hat auch, und das ist noch bedeutender, die Inspirationen seiner Persönlichkeit und seiner einzigartigen Ergebenheit an die hohen Ziele, für die er arbeitete, h.nterlassen. Jedes Land der Welt wird sein Andenken ehren.
Englisches BeUeid zum Tode Briands.
London, 7. März. Der König richtete an den Präsidenten der französischen Republik ein Beileidstelegramm zum Tode Briands.
Austen Chamberlain würdigte im Unterhaus in einer warm gehaltenen Rede dte Verdienste Briands um die Sache be* Friedens.
löt« Trauer um Briand.
Die Aachricht von dem plötzlichen Tode Briands hat in Frankreich allgemeine Trauer hervorgerufen. In der Kammer widmete Tardieu dem Derftorbenen einen 2kachruf. Der Minifterrat beschloß, die Beisetzung Briands als nationale Feier auf Staatskosten vorzunehmen.
Der Dölkerbund in Genf, bei dem die Nachricht vom Tode Briands während
gebückten, etwas nachläffig gekleideten Mann auf der Rednertribüne nicht mehr bewundern können. Briands Name steht über einem wichtigen Kapitel der europäischen Nachkriegspolitik. Briands Name löst in uns Deutschen widerspruchsvolle Empfindungen aus. Mit dem großen Wösten, das ihm jedermann zubilligen wird, ging nicht das kühne Vollbringen Hand in Hand. Briand beklagte sich in der letzten Zeit gern über die Enttäuschungen, die ihm Strefemanns Landsleute bereiteten. Schmerzliche Enttäuschungen blieben aber auch denjenigen Deutschen nicht erspatt, die vor und nach Locarno Briands Motten oettrauen zu fosten glaubten.
Die letzten Tage
ft. Paris, 8. März. Wie jetzt erst aus ben Freundeskreisen Briands bekannt wird, waren sich die Aerzte während der letzten Wochen der Hoffnungslosigkeit des Fastes klar bewußt und rechneten täglich mit dem Tode des alten Ministers. Es bestand jedoch strenge Vorschrift, nichts über den Ernst des Gesundheitszustandes in die Öffentlichkeit dringen,zu lasten, da Briand bis zum letzten Tage persönlich die Zeitungen las und nicht auf diesem Wege erfahren sostte, wie schlimm es um ihn stand. Nur so erstätt es sich also, daß sein Hinlcheiden für die OeffentlichkeA völlig überraschend kam.
Ergänzend wird berichtet, daß Briand bei- seiner Ankunft in Paris am Abend des 29. Februar die Treppe feiner im 2. Stock gelegenen Wohnung allein hinaufgegangen sei. In den letzten Tagen habe der Kranke unter dem Rauchverbot gelitten. Am Montagnachmittag sei das Bewußtsein geschwunden und nur für kürzere Zeit wiedergelehrt. Der Todeskampf habe um 10.30 llhr vormittags eingesetzt und habe drei Stunden ge- dauett. Die sterblichen Ueberreite Briands werden am Donnerstag nach dem Ouai d'Orsay übergefühtt und im Außenministerium aufgebahtt werden. Am Sonnabend hält dann Ministerpräsident Tardieu als Höhepunkt der Trauerzeremonie die Gedächtnisrede, worauf die provisorische Beisetzung auf dem Friedhof von Passy erfolgt. Auf Wunsch der Familie bzw. des Verstorbenen fällt der sonst übliche Trauergotiesdienst in der Kathedrale fort
komm« Aon für die Parforcejagden des kommenden 8 Dahlkampfes — so sagte noch vor wenigen
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