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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg,
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1 Ubr.
Das Kabinett Laval gestürzt
Will man
die Abrüstungs- und Tributverhandlungen verzögern? — In Erwartung
der Preutzenwahlen
Wahlreform als Vorwand
Neue Namen -
Das Kabinett Laval ist gestern im Senat gestürzt worden. Der damit zum Ausdruck gekommene Stimmungswechsel der Mehrheit der Senatoren ist auf die außerordentliche Mißstimmung zurückzuführen, die die von der Negierung in der Kammer durchgedrückte Wahlreform verursachte. Als Nachfolger Lavals wurden T a r d i e u und V a r t h o » genannt, doch ist es nicht ausgeschlossen, daß die Linke, die ihre Gegnerschaft znr Wahlreform durch ihren zeitweiligen Auszug aus der Kammer kund tat, versuchen wird, die Regierung zu übernehmen. In diesem^ Falle dürfte H e r r i o t mit der Kabinetts- bildung beauftragt werden.
Die S e n a t s s i tz u n g, die mit dem Sturz Lavals endete, dauerte kaum länger als eine halbe Stunde. Zu Beginn der Sitzung legte Innenminister Chathala dem Hause den Wahlgesctzentwurf vor, den die Kammer- angenommen hat. Die Verhandlungen wurden von der Linken, namentlich den bürgerlichen Radikalen, mit ironischen Zwischenrufen begleitet. Unmittelbar darauf stellte der Senats- präfident an den Ministerpräsidenten die Frage, wann er die Interpellation des Senators Peyronnet über die allgemeine Politik der Regierung zu beant- worton gedenke. Ministerpräsident Laval erklärte, der Senat werde zweifellos der Ansicht sein, daß die Debatte über diese Interpellation vielleicht vertagt werden könnte. In Genf sei eine allgemeine Diskussion über die Abrüstung im Gange. Die Regierung müsse während dieser Verhandlungen intakt bleiben und ihre ganze Autorität behalten. Die französischen Delegierten werden gegenüber dem Standpunkt einer auswärtigen Delegation (Deutschland!) den französischen Standpunkt zu präzisieren haben. Er schlage deshalb als Verhandlungstag Freitag, den 26. Februar, vor.
Bei der namentlichen Abstimmung wurde der Antrag Laval mit 155 gegen 134 Stimmen abgelehnt. Darauf erklärte Ministerpräsident Laval: Ich bin bereit, den Tag der Diskussion eher an- zusetzen, als vorgesehen. Ich verlange aber, daß die Diskussion der Interpellation Peyronnet wegen der angeführten Gründe heute nicht stattfindet; denn vielleicht schon morgen wird eine auswärtige Delegation in Genf Vorschläge unterbreiten, zu denen die französische Delegation Stellung nehmen muß. Es bandelt sich hier um eine internationale Frage, während es sich bei der Interpellation nur um innenpolitische Zwischenfälle handelt. Ich appelliere an das Gewissen des Senats (starker Widerspruch bei den Radikalen und Sozialisten) und fordere die Senatoren auf, die politische Leidenschaft in diesem ernsten Augenblick zurückzustellen. Um zu beweisen, mit welchem Ernst ich diesen Appell an das Hohe Hans richte, stelle ich die Vertrauensfrage. Diese Erklärung Lavals rief eine ungeheure Aufregung bei der Mehrheit des Senats hervor, da es etwas ganz Neues ist, nach einer Abstimmung nochmals einen Antrag zu stellen, der bezweckt, die erste Abstimmung zu korrigieren.
Lei der namentlichen Abstimmung blieb die Negierung mit 23 Stimme» in der Minderheit.
Der Antrag Lavals wurde mit 157 gegen 134 Stimmen abgelehnt, die Regierung war damit gestürzt.
Knapp eine halbe Stunde nach dem Sturz begab sich die Regierung vollzählig zum Präsidenten der Republik, um den Rücktritt des Cesamtkabinetts amtlich zu vollziehen.
Berlin, 16. Febr. Hm 11.30 Ahr wurde eine Abordnung des Hindenburg- ausschusfes vom Reichspräsidenten empfangen, die aus den Herren Oberbürgermeister Dr. Sa hm, Reichsgerichts- Präsident a. D. Dr. Simons, für den bayerischen Landesausschuß Exzellenz von Winterstein und Oberst von Seiher, für den württembergischen Landesausschuh Dr. Robert Bosch und General von Maur, für den sächsischen Landesausschuß Reichsminister a. D. Dr. Külz bestand. Oberbürgermeister Dr. S a h m bat den Reichspräsidenten in einer Ansprache, seine An - terschrift unter den Wahlvorschlag Hindenburg zu setzen. Der Reichspräsident dankte in einer kurzen Ansprache und vollzog die Unterschrift.
3n seiner Ansprache erklärte der Reichspräsident: Sie, meine Herren^ stehen hier vor mir nicht als die Vertreter einer Partei, sondern als Angehörige der verschiedensten Berufsstände und politischen Richtungen aus allen Teilen Deutschlands. Daß Ihr Ruf an mich nicht ausgeht von einer bestimmten Partei oder Interes- ' sentengruppe, sondern von zusammenfassenden Ausschüssen aus den verschiedensten Gebieten des Reiches, bat mir meine Ent-
fk. Paris, 17. Febr. Der französische Staatspräsident hat das Rücktrittsgefuch des Kabinetts Laval angenommen «nd die alte Regierung dis zur Neubildung des Kabinetts mit der Weiterführung der Geschäfte beauftragt. Man sieht eine längere Regierungskrise voraus.
scheidung wesentlich erleichtert. Ich erkläre Ihnen daher mein Einverständnis dazu, daß mein Aame auf den von Ihnen vorbereiteten Wahlvorschlag für die Reichspräsidentenwahl gesetzt wird, und ich hoffe, so mit meiner letzten Kraft dem dienen zu können, was mir in meinem langen Leben stets hoch und heftig war: dem Vaterlande!"
Die Zustimmungserklärung des Reichspräsidenten zu seiner Kandi- damr hat folgenden Wortlaut: „Ich erkläre hiermit, daß ich der Aufnahme meines Ramens in den „Wahldorschlag Hindenburg" für die Reichspräsidentenwahl 1932 zustunme."
NSDAP erscheint wieder im Reichstag.
Berlin, 16. Febr. Wie der „Angriff" berichtet, wird die Fraktion der NSDAP am 2. Februar geschlossen an der Sitzung des Reichstages teiln-hmen und auch weiterhin solange, als es ihr zur Durchführung der parlamentarischen Kämpfe notwendig erscheint.
Tagung der DVP.
Berlin, 16. Febr. Der Parteivorstand der DVP. hat beschlossen, den Reichsausschuß der Partei auf Sonntag, den 28. Febr., nach Berlin eituuberuten.
Alte Politik
Paul Boncour Nachfolger Lavals?
Heber die Zusammensetzung der künftigen Regierung sind nur Gerüchte im Umlauf. In fast allen Organen, ganz unabhängig von der politischen Richtung, spricht man von einem kommenden Kabi»
Pierre Laval .^4
nett Paul Boncour, das geeignet sei, sowohl im Senat wie auch in der Kammer eine Mehrheit zu finden. Voraussetzung sei allerdings, daß er Tardieu als Kriegsminister beibehält. Tardieu hat bereits Paul Boncour seine volle Unker- stützung zugesagt. Tardieu, Kolonialminister R eynaud und Paul Bon« cour werden bereits in den Abendstunden des heutigen Mittwoch in Paris erwartet, P e r t i n a x glaubt allerdings zu wißen, daß von Paris aus der Versuch unternommen werden soll, den Kriegsminister zu veranlaßen, sein Genfer Mandat trotz des Rücktrittes der Regierung beizubehalten. Man will diesen Versuch mit den deutschen Vorschlägen in Genf be- Srünben, die am Donnerstag vom deut- hen Botschafter N a d o l n y unterbreitet werden sollen.
Eine Regierung bet Konzentration.
2m Senat hatte man den Eindruck, daß viele Senatoren, die gegen die Regierung gestimmt haben, dies weniger aus rein inner* politischen Erwägungen getan haben, als deshalb, weil sie noch einmal versuchen wollten, eine Regierung weitestgehender Konzentration zu bilden.
Auch in der Kammer vertrat man nach Havas die Ansicht, daß der Senat durch seins Stimmabgabe den Wunsch habe bekunden roollen, eine Annäherung zwischen den, verschiedenen republikanischen Kammerfraktionen zu ermöglichen. Die Abgeordneten, der bisherigen Mehrheitsparteien s .'lleu nicht abgeneigt fein, sich an einer weitgehenden Konzentration zu beteiligen. Gewisse Mitglieder der Minderheit fraktsonen e k arten kgrundsätzlich zur Bildung einer Konzentrationsregierung bereit, jedoch mit dem Vorbehalt, daß die radikale Fraktion daran teilnehmen müße.
2n den Wandelgängen der Kammer wurden für die Regierungsbildung in erster Linie bie Senatoren Paul Boncour, Louis B a r t h o u und Albert S a r i a u t genannt, normt.
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„Echo de Paris" geht davon aus, daß in zwei Monaten die Kammer zu wählen fein wird, und jedes Ministerium, das gegen die Geschlossenheit der Kammer vorgehen wollte, zum Sturz kommen müßte. Die Krise könne daher nur durch das Kabinett oelütt werden, das auf der-
Das Erdbeben in Cuba
Die Verwüstung in einer bet Hauptstraßen Santiagos.
Untere Bilder sind bie ersten in Deutschland eingetroffenen Aufnahmen von der furchtbaren Erdbeben-Katastrophe, die bie schöne Antilleninsel Cuba heimgesucht und viele Hundert Todesopfer gefordert hat.
Hindenburgs Unterschrift