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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
An die Adresse Frankreichs
Entschlossener Kampf Erandis gegen Tardieus Sabotage — Ohne Abrüstung gibt es keine Sicherheit
(Senf, 10. Febr. Auf der heutigen Sitzung der Abrüstungskonferenz nahm der italienische Außenminister Erandi das Wort zu einer überaus bemerkenswerten Darstellung der Auffassung seines Landes über die Äbrllstungsfrage.
Hauptpunkte der Rede waren eine scharfe Kritik der französischen Vorschläge und eine entschiedene Ablehnung der Politik des unbeugsamen Egoismus, die Wiederholung der Musiolinifchen Forderung nach Eleich- berechtigung aller Staaten.
Die ausführliche Entwicklung des Gedankens, daß die deutsche Abrüstung nur der Anfang der allgemeinen Abrüstung sein dürfe, und der Hinweis auf die Abrüstungsmethoden des Versailler Vertrages, der in dem Verbot der Angriffswaffen allgemeine Nachahmung verdiene. In diesem Sinne erklärte Erandi die Zustimmung seines Landes zu einem „organischen Plan der qualitativen Rüstungseinschränkung", der folgende Punkte umfaßt:
Auf dem Gebiet der Flottenabrüstungen:
1. Gleichzeitige Abschaffung der Linienschiffe und der llnterfeeboote.
2. Abschaffung der Flugzeugträger.
Auf dem Gebiet der Landrüstungen:
1. Abschaffung der schweren Artillerie jeder Art,
2. Abschaffung der Tanks jeder Art, Auf dem Gebiet der Luftrüstungen: Abschaffung der Bombenflugzeuge. Auf allen Gebieten:
1. Abschaffung der Angriffsmittel des chemischen und bakteriologischen Krieges jeder Art,
2. Revision der internationalen Abkommen zur Sicherung eines vollständigeren und wirksameren Schutzes der Zivilbevölkerung.
Im einzelnen führte Erandi aus: Es gibt zwei Wege, die nach meiner Auffassung zu nichts führen können: Der eine ist der Weg der Abrüstungsdemogogie. der andere der Weg der Abrllstunassovbistik. Unsere Arbeit muß sich auf die Notwendigkeit begründen, das Abrüstungsproblem in praktischer Weise zu löten und uns nach den internationalen Verpflichtungen zu richten, die wir eingegangen sind. Diese Verpflichtungen sind positiv und klar.
Die Fortsetzung der unfruchtbaren Aussprache über das Verhältnis zwischen Abrüstung und Sicherheit würde bedeuten, daß wir in den Fehler verfallen, den ich die Abrüstungssophistik genannt habe.
Die Tatsache zeigt uns, daß es ohne Abrüstung keine Sicherheit geben kann.
Wir befinden uns auf der schiefen Ebene eines neuen Wettrüstens, das umso beängstigender ist, als man diese Erscheinung bei dem düsteren Hintergrund der Wirtschaftskrise, die alle Länder erfaßt hat, betrachtet. Wie der deutsche Reichskanzler so richtig erklärt habe, hänge der praktische Wert der Abkommen und der zwischen den Völkern ausgetauschten Erklärungen über die Aufrechterhaltung des Friedens von den Ergebnisien der gegenwärtigen Konferenz ab.
Erandi wandte sich entschieden gegen die Aufrechterhaltung eines Zustandes, den er das Regime des Rüstungsüberge- wichtes nannte. Jedes militärische Uebergewicht sei zwangsläufig dazu bestimmt, auf die Gesamtheit der internationalen Beziehungen seinen Druck fühlbar werden zu lassen, und es wäre müßig, zu hoffen, daß es diesen Druck immer int Dienste der Gerechtigkeit ausüben werde.
Es handele sich für die Konferenz jetzt darum, dem Rechte mehr Macht und nicht der Macht mehr Rechte zu geben.
Erst wenn die Rüstungen der verschiedenen Länder auf das niedrig te Niveau herabgesetzt würden, dann werde die in dem Artikel 8 des Völkerbundpaktes erwähnte gemeinsame Aktion im Falle
eines Angriffs wirksam einsetzen können. Der Rus nach dieser gemeinsamen Aktion werde aber so lange toter Buchstabe bleiben, als einzelne Mitgliedsstaaten eine so mächtige Rüstung behielten, daß jedes Streben nach einem gemeinsamen Vorgehen vor dem Dilemma eines Mißerfolges oder eines blutigen Krieges Halt machen müßte. Wenn man eine Politik des un-
Doch ein Geheimabkommen?
Frankreich finanziert die japanischen Rüstungen
fk. London, 11. Febr. Die Verhandlungen zwischen den hauptsächsten an der wichtigen Schanghaier Frage interessierten Mächten über die Japan gegenüber einzunehmende Haltung verden zwar fortgesetzt, haben aber bisher keine Fortschritte zu verzeichnen. Man will anscheinend zunächst einmal die weitere Entwicklung abwarten. Aus Tokio-wird gemeldet,
Kreise wenig Hoffnung auf eine friedliche Beilegung des Streites haben.
„Daily Expreß" erklärt den japanischen Widerstand gegen die Friedensverhandlungen mit einem Geheimabkommen zwischen Japan und Frankreich. Dafür spreche auch das Anziehen der Aktien der französischen
Rüstungsindustrie. Ma» glaubt, daß die japanischen Aufträge zu Munitionslieferungen durch den französischen Handel finanziert wurden. Auch die japanfreundliche Haltung Paul Boucours sei ausgefallen. Falls das Bestehen eines Eeheimoertrages zwischen Frankreich und Japan sich nachweisen lasse, wonach Frankreich die japanische Politik
gegen entsprechende Unterstützung des französischen Standpunktes durch Japan in Genf und Europa billige, sei zu befürchten,, daß Washington einen ähnlichen Bertrag mit China zum Schutze seiner dortigen Jnter- esien abschliehen werde. Diese Frage werde hinter den Kulisien der Diplomatie sorgenvoll erörtert.
d«tz dk au-tttchMk* Mandschurei und in ton' Vertragshäfeu
Konkret und deutlich
Die Presse zur Rede Erandis
Die französische Presse zur Rede Erandis.
Mit der Rebe Grandis auf der Abrüstungskonferenz ist man in Paris natürlich nicht zufrieden. Das bringt m prägnanter Weise der Austenpolitiker des „Echo de Paris" $um Ausdruck, der erklärt,
Erandi habe die Rede gehalten, die
Brüning nicht zu hakten waxte.
Das Schwarchemd habe wie nie ein Braunhemd gesprochen. Er werde nicht nur den Beifall der italienischen Faschisten, sondern auch die Zustimmung des 5>itler= Deutschlands und des übrigen Deutschlands erhalten. Die Spitze der italienischen Rede sei andauernd gegen Frankreich gerichtet gewesen.
Der Auhenpolitiker des „Petit Parisi en" urteilt: Der Erfolg des ita» lienischeu Außenministers ist groß und verdient gewesen. Dom realistischen Standpunkt geschen ist in der Tat die Deweis- führung Erandis unangreifbar. Wenn man ihre Doraussetzungen zuläht, greift alles wunderbar in einander und nichts erscheint natürlicher als die Schlußfolgerungen. Leider sind diese Doraussetzungen stets von Frankreich als unannehmbar erklärt worden.
Die englische Presse zur Erandirede.
Die gestrige Rede Erandis wird von der Londoner Marge »presse mit Wärme begrüßt, während di« Ausfichrungen Japans und Polens wenig Beachtung finden. Der Eenfer Korrespondent des „Dailh Telegraph" sagt: Erandis Rede war die konkreteste, die bisher gehalten wurde.
Kein Wortführer irgend einer Delegation hat das Erbiet der Rüstungsbegrenzung so umfasiend und so kategorisch bezeichnet, wie er.
Die bestimmte, aber nicht herausfordernde Art, mit der er die heikle Frage der Eleich- heit der Rüstungen behandelte, und die praktische Anwendung der DölkerbundS» satzungen bet Vorhandensein eines Regimes der Ungleichheit als unmöglich bezeichnete, hat Bewunderung erregt.
Der Genfer Korrespondent der „Times" sagt: Der Beifall, der Erandi gespendet wurde, galt in erheblichem Maste seiner Erklärung, daß alle Rationen gleichberechtigt sein müssen. „Times" sagen in einem Leitartikel: Das Programm des italienischen Außenministers Erandi ist drastisch, aber es gründet sich fest auf die allgemein anerkannte Voraussetzung,
daß in einer Welt, die sich gegen Angriffskriege ausgesprochen hat, Angriffswaffen ein Widersinn find.
Der italienische Dorschlag geht weit, aber er enthält nichts, was eine zur Behandlung der Abrüftungsfrage einberufene Der- fammlung als phantastisch beiseite schieben könnte. Erandi habe, wie bereits Dr. Brüning, Gleichberechtigung für alle Rationen und Herabsetzung der Rüstungen a if 'das niedrigste Riveau verlangt. ' Diese Forderung sei in keiner Weise unverträglich mit Sicherheit. Im Gegentell würden sie zum Verschwinden der auf dem Kontinent herrschenden Anruhe führen. Es gebe keine stärkere und praktischere Garantie gegen das von Frankreich und Polen befürchtete Wettrüsten Deutschlands als die Herabsetzung der Rüstungen auf ein niedriges Niveau durch einen allgemeinen Beschluß. Das Verlangen Deutschlands nach Beseitigung der Ungleichheit sei natürlich und vernünftig und führe zur wahren Sicherheit.
beugsamen Egoismus verfolge, efne Politik des Unverständnisses der lebendigen Kräfte der Geschichte, eine Politik! der Rüstungen, so werden die wesentlichen! Voraussetzungen des Friedens ganz natür«! lich wegfallen. Bezüglich der von dem! amerikanischen Vertreter angeregten Verlängerung der Flottenabkommen von Washington und London erklärte Erandi: Ich für meinen Teil bin fest von der Not-z wendigkeit überzeugt, das Londoner, Flottenabkommen zu ergänzen.
lleber die Methode der Abrüstung erklärte Erandi: Sie kennen die beiden Hauptpunkte, die der Regierungschef, meines Landes für die italienische Haltung in dieser Hinsicht ausgestellt hat: Diej Gleichberechtigung aller Staaten! und Ausgleich der Streitkräfte auf! dem niedrigsten Niveau. In diesem Zusammenhang machte Erandi über die französischen Vorschläge folgende bemerkenswerte Ausführungen:
Die Friedensverträge bestimmen unzweideutig, daß die militärischen Ver-- pflichtungeU, die gewifi« Staaten übernommen haben, den Anfang einer allgemeinen Abrüstung darstellten. Diese Bestimmungen sollten nicht für diese Staaten den Zustand dauernder Unterlegenheit schaffen, sondern sie stellten, wie es der Präsident der Friedenskonferenz feierlich erklärt hat, „den ersten Schritt zu jener allgemeinen Herabsetzung und Begrenzung der Rüstungen, die die alliierten und afiociierten Mächte als eines der besten Mittel zur Verhütung des Krieges erstreben, bot*. Es war also nicht eine Verpflichtung, die eine Staatengrupp« gegenüber einer anderen Gruppe übernommen hat. Es war eine allgemeine Verpflichtung eines jeden von uns gegenüber allen andere«.
Zum Schluß feiner Rede wies Erandi darauf hin, daß die schwersten Opfer in der Abrüstung von den stärksten Staaten verlangt werden müßten: aber das sei nut gerecht. Die am stärksten bewaffneten Staaten hätten am wenigsten zu fürchten,' und müßten mit gutem Beispiel vorangehen. Sie müßten zuerst auf die Waffen verzichten, die wesentlich für einen An- Srifsskrieg bestimmt seien. Nach Ab- haffung dieser Kriegsmittel werde man leichter und rascher zu einem Abkommen über Verminderung und Quantitative Begrenzung der anderen Rüstungen gelangen:
Nach Erandi sprach der japanische De- legationssührer, Botschafter Matsu- d e i r a, der erklärte, trotz der unglücklichen Lage in Dftaften sei Japan so entschieden wie je dazu entschloßen, die Sache der Abrüstunaskonferenz zu fördern. Matsudeira erklärte, die japanische Delegation sei bereit, den Konventionsentwurf als Grundlage der weiteren Arbeiten anzunehmen. Den Vorschlägen über das Verübst von Lustbombardements (!) und der Verwendung von Eiftaaten und Bakterien stimme die japanische Delegation vollkommen zu. Japan sei bereit, an einem gerechten praktischen Abkommen mitzuarbeiten, durch das die Begrenzung u. d die Herabsetzung der Riistunaen am besten bewirkt werde, jedoch bürte die nationale Sicherheit nicht gesährdet werden.
Die französische These wurde dann zum erstenmal unterstützt von dem polnischen Außenminister Z a l e s k i. Er begann mit einem Hinweis auf die geschichtli-^e Entwicklung und die geographisch« Lage