Mittwvlh, SeiM. Februar WZL
Di« .Oberhrssisch« Seitung* er schein« sechsmal wSchentltch. Be- zugspreis monatl.t. Marburg 2.02 SM. aosschl. ZuflellungSgebühr, hei unsren Agenturen 1,93 GM. zuzügl. ZustestrllungSgebühr, durch die Post 2.25 GM. Für etwa durch Streik, Maschinendefektoder elementare Ereigniste ausfallend« Nummern wird kein Ersatz geleistet. Verlag, Dr. §. Hitzeroth, Druck der Unid-Buchdruckerei Job. Ang. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr. 54 und Rr. 55. Postscheckkonto: Amt Frankfurt «. M. Rr. 5015. - Sprechzeit Vt Redaktion von 10—11 und '/,!—! Ubr.
Marburger ragesanzeiger
MM
LanreArtms
Nk. 84 67.Mkg.
Marburg a.Labu
Der Anzeigenpreis betrckgt für den 11 gefpalt. Zellenmillimeter 0.08 GM., Familienanzeigen bet Barzahl. 0.07 GM., amtl. u. ans- wckrtige Anz. 0.10 GM. Sog. kleine Anzeigen nach Speziallarif.Grund- schrist: Eolonel. Bei schwierig.Satz, sowie bei Platzdorschrift 50"/« Aufschlag. — Sammeianzeigen 100*1» Aufschlag Reklam--Millim. 0.40 GM. Grundschrift: Petit. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt. Ziel 5 Tage. Asferten-Debsthr: 25 Pfg^ bei Zustellung der Anacbote einschL Porto —.60 GM. Belege werde« berechnet. Erfüllungsort Marburg.
Anzeiger für (das frühere kurheffische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Genfer Rede Brünings
Energische Betonung der grundsätzlichen Forderungen - Theoretische Zurückweisung der ftanzösischen Verschleppungsmanöver
Genf, 9. Febr. Das Ereignis des Tages oar die Rede des deutschen Reichs- ! anzIers, die er heute auf der Abrästungs- lonferenz anschließend an die Ausführungen »es amerikanischen Delegierten, Eibson, hielt. Die Tribünen des Berhandlungssaales waren brechend voll; die Reihen der Delegierten, bis sich während der Ucbersctzung der Rede Eib- sons etwas gelichtet hatten, füllten sich rasch, als in den Wandelgängen Glockenzeichen an- kündigien, daß der deutsche Vertreter das Wort ergreifen werde.
Reichskanzler Dr. Brüning
führte in seiner Rede u. a. folgendes aus: Meine Damen und Herren! Wenn ich tn dieser feierlichen Stunde das , Wort ergreife, so bin ich mir bewußt, daß diese Zusammenkunft, zu der sich die Regierungen der ganzen Welt vereinigt haben, einen Vorgang von einzigartiger und welthistorischer Bedeutung darstellt. Seit langem hat das deutsche Volk diese Stunde ersehnt. Die Stunde für die Beratungen ist gut gewählt; denn die Auffassungen der Menschheit smd ohne Zweifel in der Abrüstungsfrage in einem bedeutsamen Wandel zu fortschrittlicheren und veredelten Formen zwischenstaatlichen Denkens und Handelns begriffen. Was bisher als Wunschbild die Geister beschäftigte, soll sich aus dieser Konferenz zum verpflichtenden Gebot des Völkerrechts verdichten. Es soll niä)t mehr jedes Land allein über seine Rüstungen bestimmen, sondern die Art und der Umfang der Rüstungen sollen durch gemeinsame Verhandlungen aller Staaten vereinbarlich festgelegt werden. Das Friedenswerk, das mit der Gründung des Völkerbundes eingelciket werden sollte, und durch spätere Akte, wie den Kelloggpakt, weitergeführt wurde, ruft gebieterisch nach der Durchführung des Abrüstungs ge- dankens, als seiner naturgemäßen Vollendung und Krönung. Die vereinbarliche freiwillige Abrüstung aller Staaten ist neben der großzügigen und entschlossenen Li- guidation der wirtschaftlichen und finanziellen Restbestände des Krieges, die den Wiederaufbau der Welt stören, der wichtigste und dringendste'Schritt, um die von der Katastrophe des Weltkrieges in ihrem Lebensmark getroffene Menschheit zu neuer Gesundung und neuem Aufstieg emporzuführen.
Unseren Frontkämpfern von ehedem steht das Bild des Weltkrieges in seiner ganzen Furchtbarkeit unverwischt und unverlierbar vor Augen. Wenn es unserer Generation, der Generation der alten Kombattanten, nicht gelingt, ein Bollwerk gegen die Wiederkehr solcher Katastrophen wieder aufzurichten, wie soll es dann den Nachfahren gelingen, die die Verhinderung des Krieges wohl als Ideal, aber nicht so lebendig wie wir als unbedingte Notwendigkeit und Pflicht empfinden werden?
Der Wille zum wahren Frieden, ein Gebot derchristliche n Gesinnung, das ist das erste und wesentlichste Erfordernis, das jeder der an dieser Konferenz beteiligten Staaten mitbringen muß, wenn sie einen Erfolg haben soll. Nicht einzelne Personen, Nicht Gruppen pazifistischer Träumer, sondern bie organisierten Millionen der Kirchen, der Arbeiterschaft und, immer bedeutungsvoll, der Brauen, haben ihren Willen, ihr Verlangen jfiar zum Ausdruck gebracht. Ich 6m überzeugt. daß auch jede der hier vertretenen Negierungen wünscht, daß es ihr gelingen 4n ächte, die Lebensziele ihres Landes auf friedlichem Wege zu erreichen. Daher stnuß der neue Wilke zum Frieden die Ver- 'folgune eines Interesses auf kriegerischem Wege als Mitte! der nationalen Politik bewußt außer Rochmmg stellen.
Jeder muß mit ehrlichem Gewissen prüfen, wie weit er unter der Voraussetzung einer »allgemeinen gleichen Abrüstung Ktlier Staaten seine Rüstungen auf das im lLölkerbnndspakt »oigeiebene Minimum nur (irgendwie senken lernt. Daher begrüßen wir die Gesinnung, die vor einiger Zett der fei* tenbe Staatsmann einer anderen Großmacht praktisch zum Ausdruck gebracht hat. indem er
sich bereiterklärte, sein Land bis auf 10 000 Gewehre abzurüsten, vorausgesetzt, daß keine andere Nation mehr behält. Daher fort mit dem Streben, die eigenen militärischen Kräfte s» hoch wie möglich zu halten und die des Nachbarn so viel wie möglich herabzudrücken.
Fort mit dem Bestreben, sich selbst mit dieser oder jener Interpretation der Bestimmungen die Möglichkeit militärischer Kraftentfaltung zu sichern und sie anderen
zu nehmen. Das ist der Weg, um die Konferenz zum Scheitern zu bringen und den heute bestehenden unseligen Zustand des bewaffneten, auf ungleichen Rechten auf- gebanten Friedens aufrecht zu erhalten.
denn die Abrüstung ist unbedingt notwendig, um neben anderen bedeutsamen Schritten die unerträgliche Spannung zu beseitigen, die heute lähmend auf der ganzen Welt lastet, und die Weltwirtschaft von Tag zu Tag
Eine deutliche Sprache!
Erandi geißelt die französiche Gewaltpolitik
Die italienische Angenminister 8 r a n d i hat heute morgen in Genf den französischen Antrag zur Abrüstungsfrage mit scharfen Worten als Gewaltpoli- t i k gegeißelt, die er als die g r ö ß t e E e - "fahr der Zuka n ft bezeichnete. Et wandte sich scharf gegen den französischen Standpunkt in der Sicherheitsfrage. Das Wettrüsten, das nach dem Weltkriege eingesetzt habe, sei eine ungeheure Gefahr. So sorge man nicht für
-- ■—MB—
Sicherheit auch alle Verträge könnten über die furchtbaren Gefahren nicht hinwegtäuschen. Der Krieg im Osten sei eine ernste Warnung. Die Aufgabe der Konferenz sei, Recht und Gerechtigkeit zu stärken und nicht etwa die Gewalt zu rechtfertigen. Alle bisherigen Theorien seien nur eine Fassade, hinter der sich die Wahrheit verbirgt!
3MB
Das Echo der Rede
Bedenkliche Zurückhaltung — Paris trotzdem aufgebracht
Die Genfer Rede des Reichskanzlers wird in den meisten Abendblättern sehr eingehend besprochen.
Das „V. T.“ unterstreicht, daß der Kanzler mit keinem Wort von der Alternative der Wehrfreiheit gesprochen habe. Es sei anzunehmen, daß es ihm gelungen sei, wenigstens zur psychologischen Vorbereitung der notwen- oigen Atmosphäre des Vertrauens beizutragen.
Der „V. V. C.“ nennt es bemerkenswert, daß der Kanzler auch diesmal auf die Notwendigkeit der Abschaffung der Reparationen und auf die Notwendigkeit großzügiger und entschlossener Liquidation der wirtschaftlichen und finanziellen Restbestände des Krieges hingewiesen hat.
Die „D. A. Z." betont die hohe Qualität der Ausführungen des Kanzlers, vermißt aber eine schärfere Zurückweisung des französischen Projektes. Man hätte eine direkte Antwort auf die provozierende Rede Tardieus erwarten und hoffen müssen, daß der eigene deutsche Abkommensentwurs auf den Tisch des Hauses niedergelegt oder als unmittelbar bevorstehend angekündigt werde.
Auch der „Lokal-Anzeiger" bemängelt, daß Verschiedenes in der Rede gefehlt habe. Der Eindruck iei zu akademisch gewesen. Wo sei das Wort von der Kriegsschuldluge nach den gestrigen unerhörten Anschuldigungen Tardieus? Wo sei der deutsche Vorschlag? Ein Vorschlag, der jetzt schon bestimmend auf die Diskussion einwirke und verhindere, daß sie endgültig in das französische Fahrwasser gerate.
Aehnlich äußert sich die „B ö r s e n - Z e i - tuns“. Deutschland habe mit der Rede des Reichskanzlers nicht versucht, den Angriff Frankreichs unmittelbar abzuwehren und mit einem ebenso stürmischen Gegenangriff zu beantworten. Brüning habe zwar auch eine Art von Offensive getätigt, aber in der Arena, in der um Theorien und Ideale gerungen wird.
Die „Deutsche Zeitung“ spricht sogar von einer „verpaßten Gelegenheit“.
Die „Kreuzzeitung“ nennt die Rede einen ,,Versager“ und bezeichnet sie als „verhängnisvolle Weichheit".
Pariser Pressestimmen zur Brüning-Rede.
Die Ausführungen Dr. Brünings in Genf werden am Mittwoch morgen von der Pariser Presse sehr eingehend besprochen. Die Blätter geben allgemein den sehr gemäßigten Ton des Reichskanzlers wieder, betonen aber gleichzeitig, daß Dr. Brüning dennoch nicht versäumt habe, die deutsche These so, wie sie seit langem von der Mehrheit des deutschen Volks vertreten werde, klar und unzweideutig zu entwickeln.
Der „Petit Parisi en" betont u. a., daß Dr. Brüning nicht weniger als sechsmal das Wort Gleichberechtigung wiederholt habe. Das Blatt wirft dem Kanzler vor, eine völlig negative Rede gehalten zu haben, der jeder aufbauende Vorschlag fehle. Seine Ausführungen seien von Anfang bis Ende nichts anderes gewesen als die Forderung der Lösung der Reparationsfrage auf der Grundlage der Gleichberechtigung und Gleichheit der Sicherheit, (Eine derartige These, so fügt das Blatt hinzu, sei durch nichts gerechtfertigt.
Auch das „I o u r n a I" unterstreicht, daß die Ausführungen des Reichskanzlers ebenso gemäßigt in ihrer Form wie radikal in ihrem Inhalt gewesen seien. Man könne schon jetzt mit Sicherheit sehr wichtige Aussprachen voraussagen, wenn die Vorschläge der einzelnen Mächte zur Beratung gestellt würden. Von allen Gleichheiten hohe Brüning nur die eine vergessen, die sich auf die Annahme des durch die Verträge geschaffenen Status quc beziehe und die man als Grundbedingung für eine Abrüstung ansehen könne.
Pertinax bezeichnet im „Echo de Paris" die Revanche (!) als das einzige Ziel der deutschen These.
Auch in den linksgerichteten Pariser Blättern ist die Aufnahme der Ausführungen des Reichskanzlers wenig günstig. Die „E r e Nouvell e“, das Organ Herriots, schreibt, daß Dr Brüning ganz unzweideutige Anspiegelungen auf die Revision der Verträge gemacht habe. Er habe die Abrüstungsfrage nur dazu benutzt, um seine großen deutschen Forderungen wieder einmal aufzuwerfen.
mehr zum Stillstand bringt. Bei allen internationalen Bemühungen um Beseitigung der Not der Gegenwart ist immer und immer wieder in elementarster Form die Erkennt- nis zum Ausdruck gekommen, daß die erste Voraussetzung für das Gelingen solcher Bemühungen die Wiederher st ellung des Vertrauens ist. Nun, hier haben wir die Gelegenheit, diese Voraussetzung ganz zu erfüllen. Die Abrüstung tarnt eine Realität schaffen, die, wie nichts anderes des Vertrauen der Völker zu stärken vermag.
Die wirtschaftliche Not der Welt beruht im gegenwärtigen Zeitpunkt zweifellos in erster Linie auf den politischen Zahlungen und den übertriebenen ungleichen Rüstungen. Die Welt darf nicht daran zugrunde gehen, daß die Staatsmänner den Mut nicht finden können, die Erkenntnis, die sie in ihrem Innern tragen, entschlosien und einmütig zu verwirklichen. Die Staatsmänner, die hier versammelt sind, tragen zudem eine besondere Verantwortung ans Grund einer der Welt gegebenen feierlichen Zusage.
Ich erinnere daran, daß die Sieger des Weltkrieges bei Vorlegung ihrer Friedensbedingungen ausdrücklich als ihr gemeinsames und feierliches Bekenntnis niedergelegt haben, daß die allgemeine Herabsetzung und allseitige Beschränkung der Rüstungen eines der beften Mittel für Kriegsverhütung sei und daher als eine der ersten Aufgaben des Völkerbundes betrachtet werden müsse. Hierin ist klar zum Ausdruck gebracht, daß die allgemeine Sicherheit dir staatliche Sicherheit nicht gefährdet, sondern fördert; da sie also mit der Verantwortung der Staatsmänner für die Sicherheit des eigenen Landes nicht im Widerspruch steht, sondern im Gegenteil gerade in ihrem Sinne liegt, läßt auch der Artikel des Völkerbundspaktes, der die allgemeine Abrüstung vor- schreibt, und der für die vor uns liegende Aufgabe das Grundgesetz bildet, die Möglichkeit offen, bei der Bestimmung des Mindestmaßes der Rüstungen jedes einzelnen Staates den Erfordernissen der nationalen Sicherheitsbedürfnisse Rechnung zu tragen.
Es gibt nichts, was uns, die wir hier versammelt sind, von der Verantwortung für das Nichtzustandekommen einer klaren Lösung für die allgemeine Abrüstung freisprechen könnte. Große und kleine Staaten tragen diese Verantwortung in gleichem Maße, denn das Grundprinzip des Völkerbundes ist Gleichberechtigung. Das Deutsche Reich, für dessen Politik ich die Verantwortung trage, ist bereit, an der vor uns liegenden Aufgabe mit ganzer Seele mitzuarbeiten und nach seinen Kräften alles Verantwortbare zu tun, um im Sinne der Verküicher des Abrüstungsgedantens und entsprechend ihren im Völkerbundspakt nieder- gelegten Grundsätzen biete Konferenz zu einen) abschließenden Ergebnis zu führen.
Die deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk fordern nach der eigenen Entwaffnung die allgemeine Abrüstung. Deutschland hat darauf einen rechtlichen und morali> ch en An- ipruch, der von niemand in. Zweifel gezogen werden kann. Das deutsche Volk erwartet von dieser Konferenz die Lösung des Problems der allgemeinen Abrüstung auf dem Boden der Gleichberechtigung und auf der Grundlage gleicher Sicherheit für alle Völker. Untere Delegierten sind beauftragt, mit aller Energie die Verwirllichung dieses Sietes zu betreiben. Die deutsche Delegation kamt aber zum Ausgangspunkt der praktischen Arbeiten nicht den Können- i l o n s e n r w u r r nehmen, den die vorbereitende Kommission ausgearbeitet hat. Dieser Entwurf entspricht nicht den Erforder- nissen des Tages. Er ist lückenhaft und schweigt über wesentliche Punkte.
Ziel dieser Vorschläge wird es sein, der allgemeinen und wirksamen Herabsetzung der Rüstungen praktische Wege zu eröffnen und dem in neuen Vertragswerken, insbesondere den Kelloggpakt, erfolgten Verzicht auf den Krieg durch Verbot und besondere Beschränkung aller der Waffen Rechnung ru