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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
„Die Organisation des Friedens"
Englands und Frankreichs AbrUtungsnarlchlage in Gen! - Tardieu fordert Sicherheitsgarantien für Frankreich ohne wiiwche Abrüstung
Genf, 8. Febr. Die allgemeine Aussprache der Abrüstungskonferenz wurde heute vormittag eröffnet. Der Sitzungssaal war wieder bis auf den letzten Platz besetzt. In der ersten Reihe hat Dr. Brüning Platz genommen.
Die Aussprache eröffnet der englische Außenminister
Sir John Simon
mit einer einstündigen Rede, in der er u. a. tagte: Die Unterzeichnerstaaten des Der- tailler Vertrages hatten nicht angenommen daß die erste Abrüstungskonferenz erst im Februar 1932 zusammentreten würde. Dre zehnjährige Vorbereitungszelt war jedoch notwendig. Vielfach besteht die Auffassung, daß der Augenblick nicht glücklich gewählt sei, da während der Genfer Verhandlungen im Fernen. Osten ernste Feindseligkeiten int Gange sind. Zwei grundsätzliche Feststellungen sind notwendig:
1. Die Kriegsgeneration ist im Schwinden begriffen. In allen Ländern sind heute schon Männer und Frauen in leitenden Stellungen, die an die Ereignisse von 1914 bis 1918 nur die Erinnerung des Kindes haben. Ie tiefer und bitterer die nationale Erinnerung ist, umso stärker lebt der Argwohn und die Furcht. Aber die Erinnerung der Einzelnen, ist ment mir von kurzer Dauer. Deshalb ist jetzt ,u n b e - di ngt die Zeit gekommen, die A b - rüstung zu erklären.
2. Seit dem Waffenstillstand sind die Staaten auf dem Gebiete der Abrüstung sehr verschieden vorgegangen. Einige Staaten leben noch heute unter den ihnen in den Verträgen auferlegten Be'fchränkungen. Andere Staaten haben ein w e i t g c h e n d e s R ü st u n g s s y st e m entwickelt, das ihren Auffassungen von ihren Pflichten und Notwendigkeiten entspricht und das anderer Art ist als die Abrüstungsbestimmungen des Völkerbundspaktes voriahen.
Die Folge ist em wachsendes Mistverhältnis der Rüstungen.
Der den Versuchen, eine klare Linie für die Abrüstung zu finden, ist unmöglich, eine mathematische Zahl festzusetzen, da die nationalen Umstände verschieden, smd und auch die Rüstungen verschieden lein können. Es ist aber unbedingt zunächst die allgememe Grundlage für die Behandlung der Abrüstungsfrage festzulegen, auf der dann die weitere Herabsetzung der Rüstungen aufgebaut werden kann.
Die Abrüstung must in allererster Linie angestrebt werden als Methode zur Sicherung des Friedens und Begrenzung der Leiden und Risiken eines plötzlichen vernichtenden Krieges.
3n dieser Beziehung ist ein austerordentlrcher Umschwung in der Welt festzustellen. Niemand glaubt mehr heute, dah der Frieden der Welt nur durch Vorbereitung des Krieges gesichert werden kann. Ein hoher Rüstungsstand ist heute kern Er- satz mehr für die Sicherheit. Im besten Falle kann er die Illusion der Sicherheit schaffen, wobei wieder auf der anderen Seite bei anderen Völkern das Gefühl der Unsicherheit geschaffen wird. Das Ideal, das angestrebt werden muh, ist die Si cherh eit für alle. Diese Sicherheit hängt entscheidend von der Herabsetzung der Rüstungen ab. Rüstungen sind nur das Symptom pathologischer Bedingungen, nämlich die Furcht vor Angriffen und das Mihtrauen gegenüber dem Nachbarn. Aber durch die Ansammlungen von Rüstungen wird der Krankheits- zustond nur auf andere Gebiete verlegt.
Die Abrüstung kann durch zwei Methoden erreicht werden. Die eine ist die Feststellung einer Höchstgrenze der Rüstungen, die andere liegt auf dem Wege eines internationalen Abkommens, das bestimmte Kriegswafien und -Methoden aus- schliestt. Für beide Methoden ist m Zukunft eine internationale Autorität notwendig, die die Einhaltung dieser Vereinbarungen sichert. Die englische Regierung setzt M für die beiden Methoden ein. Nach Auftastung der englischen Regierung stellt der Abkommens- entnnirf die beste Grundlage für dre weiteren Arbeiten dar. Eine Herabsetzung der
Der Völkerbund als Friedensgarant Zn China wird weiter gekämpft
fk. London, 9. Febr. Die Japaner haben angeblich die Angriffe auf die Wufungforts ausgegeben, da die Besetzung der Forts, wie sie angeben, für sie keine militärische Bedeutung mehr habe. Auch ein Teil des Dorfes W u f u n g befindet sich noch in den Händen der Chinesen. Die Japaner haben sich zurückziehen mllsien und haben große Verluste erlitten.
Die Chinesen haben sich nördlich des Wusungbaches eingegraben. Etwa ein Drittel von Wusung ist durch die japanische Artillerie-Beschießung zerstört worden.
Der Kampf geht in Schanghai weiter.
fk. Schanghai, 9. Febr. Nach dem Zusammenbruch der Verhandlungen über die Schaffung einer neutralen Zone in Schanghai sind am Montag abend wieder Sie Feindseligkeiten ausgenommen worden.
Vorübergehende Besetzung Tientsins durch die Japaner.
fk. L o n d o n, 9. Febr. Die japanischen Truppen in Tientsin besetzten am Montag für eine kurze Zeit die Eingeborenen« Stadt. Sie zogen sich bald darauf wieder zurück, nachdem eine Einigung mit den chinesischen Stadtbehörden zustandegekom- men war. Heber den Inhalt ist noch nichts bekannt geworden, da die Chinesen ihre Zustimmung nur unter Abgabe von Protesten gegeben haben.
Eine französische Anleihe an Japan?
fk. P a r i s, 9. Febr. Der kommunistische Abgeordnete Cachin hat an den Finanzminister ein Schreiben gerichtet, in dem er um Aufklärung ersucht über Gerüchte von einer japanischen Regierungsanleihe in Frankreich. Er fragt, ob es richtig fei, daß Liefe Anleihe sich auf mehrere 100 Millionen Franken belaufen soll.
„Gleichberechtigung nicht Gleichmacherei"
Interessante Zahlen zum Tardieu-Plan
Der hessische Gesandte in Berlin, Nutz, der Berichterstatter für den Heeresetat im Reichsrat, beschäftigt sich in der „E e r m a n i a" mit dem französischen Abrllstunasplan, der u. a. die Internationalisierung der Zivilluftfahrt und das Verbot des chemischen Krieges vorschlägt. Gesandter Nutz stellt die Zahlen der deutschen und der französischen Zivilluftfahrt gegenüber. Deutschland besitzt 713 Zivilflug- zeuae, darunter 210 Personen- oder Frachtverkehrsflugzeuge des gewerbsmätzigen Lustverkehrs, und 277 reine Leichtflugzeuge (unter 75 PS Motorleistung). Der Rest besteht aus Sportflugzeugen.
Der militärische Wert der deutsche» Zivil- luftflotte ist gleich Rull.
Demgegenüber verfügt Frankreich zurzeit mindestens über 889 Zivillustfahrzeuge und 428 Personen- oder Frachtverkehrsflugzeuge. Nach den amtlichen Angaben des französischen Luftfahrtministers vom Frühjahr 1930 verfügt die französische Republik für Lustsahrtwesen über 2800 Militärflugzeuge, ohne Einrechnung der Reservebestände.
Die Ausgaben betrugen in Deutschland in den letzten vier Jahren 177,7 Millionen 9LÄ, in Frankreich betragen sie für Militär- und Zivilluftfahrt insgesamt 1159,6 Millionen 3LÄ.
Zu dem Vorschlag eines Verbots des chemischen Krieges schreibt Gesandter Rutz, dah
in Frankreich zurzeit 14 staatliche Fabriken und 25 gröhere Prioatwerke für die Herstellung von Pulver und Sprengstoffen arbeiten.
Die Fabrikation von Gaskampfstoffen in den staatlichen Betrieben Frankreichs sei geheim. In mindstens fünf staatlichen Betrieben würden derartige Stoffe hergestellt. Hierzu kämen noch etwa 24 Privatwerke. Frankreich habe zurzeit eine Rüstungsindustrie, die im Frieden bei weitem den eigenen Bedarf übersteigt. Deshalb sei Frankreich das erste Exportland für Rüstungsartikel nach europäischen und überseeischen Ländern.
Die deutsche» Frontkämpfer au die Konferenz.
Berlin, 8. Febr. Der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, ersucht in einem Telegramm die Abrüstungskonferenz, ihr Augenmerk auf die friedensgefährdende Ungleichheit der Rüstungen zwischen den Siegerstaaten und den Unterltzgenen des Weltkrieges zu lenken. Der Stahlhelm fordert die Aufhebung derjenigen Vertragsbestimmungen, die die Wehrhoheit Deutschlands beschränken.
Aehnliche Telegramme sandten der Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser, der Reichsosfi- ziersbund, der Nationalverband Deutscher Offiziere sowie die Frontkämpfervereinigungen Oesterreichs, Ungarns und Bulgariens nach Genf.
Heeresansgaben um 25 v. H. ist unbedingt notwendig.
Der englische Autzenminifter forderte sodann die Abschaffung der Unterseeboot«, des Gaskrieges «nd der Bombardierungen ans der Luft. Gerade diese modernen Waffen wie Gas «nd Unterseeboote würden in einem zukünftigen Kriege get nicht zu schildernde Auswirkungen nach sich ziehen.
Zu den Vorschlägen der französischen Regierung erklärte Simon, die englische Regierung sei bereit, diese wie auch alle anderen Vorschläge mit der gröhten Sympathie und Aufmerksamkeit zu prüfen.
Nach der französischen Uebersetzung der Rede Simons, bestieg der französische Kriegsminister Tardieu
die Rednertribüne. Tardieu betonte zu Anfang seiner Ausführungen, die Aufgabe der Konferenz, eine Beschränkung und Herab
setzung der Rüstungen vorzuberaten, könne nur unter vier Bedingungen erfolgen.
Zunächst müsse die Sicherheit vorhanden sein, di« Durchführung gemeinsamer Aktionen mühte gewährleistet sein, die geographische Lage und di« besonderen Verhältnisse mühten berücksichtigt werden.
Die Bedingungen, unter denen eine Beschränkung und Herabsetzung der Rüstungen erfolgen könne, seien je nach den Umständen verschieden. In diesem Zusammenhang erklärte Tardieu: Gleichberechtigung bedeute nicht Gleichmacherei (ibentite). Sicherung des Friedens und Herabsetzung der Rüstungen seien nur möglich wenn ein allgemeines internationales Sicherheit- und Ea- rantieinitem, das für alle Staaten verbindlich sei, eingeführt werde. Dieser Ausgabe dienten die von der französischen Delegation vorgelegten Vorschläge.
Tardieu entwickelte dann im einzelnen die französische These. Der Artikel 8 des
Völkerbundspaktes behandele nicht nur die Regelung der Rüstungsfrage, sondern auch die Schaffung kollektiver Sicherheit. Der Artikel 8 sei ein unteilbares Ganzes. Eine Be- chränkung und Herabsetzung der Rüstungen ei nur möglich, wenn gleichzeitig der nach ranzösischer Auffassung erforderliche Ausbau >er Sicherheitsorganisttion des Völkerbundes erfolge. Frankreich, das bereits eine Herab- setzung seiner Rüstungen vorgenommen habe, sei bereit, für eine ganz bestimmte Zeit eine Begrenzung seines augenblicklichen Rüstungsstandes ohne besondere Bedingungen anzunehmen.
Tardieu begründete dann den Standpunkt der französisck^n Regierung. Die Rüstungen lasteten schwer auf der Bevölkerung Frank- reichs. 3m Vergleich zum Iahre 1918 Habs Frankreich seine Effektivbestände um Vi, die Zahl seiner Einheiten um die Hälfte und die Dienstzeit um zwei Drittel g ekürzt. 3m Gegensatz zu anderen Staaten, die ihre Rüstungen verstärkt hätten. 3m Iahre 1919 hätten Großbritannien und die Vereinigten Staaten in einer feierlichen Erklärung anerkannt, daß
Frankreichs Sicherheit ungenügend.
sei. Das französische Volk wolle nichts anderes als den Schuh und die Sicherheit seiner Grenzen. Frankreich habe stets eine großmütige Gesinnung gezeigt, so z. B. als es tm Jahre 1930, fünf Sabre vor dem im Versailler Vertrag festgesetzten Termin, ein Pfand aus seiner Hand gegeben habe.
Aus Tardieus Ausführungen ging hervor, daß die französische Delegation die Annahme ihres Programms als eine wesentliche Vorbedingung für drastische Schritte FranIreichs in der Abrüstungsfrage ansieht. Zum Schluß erklärte Tardieu, ein Abkommen ohne Organisierung der Sicherheit wäre eine brutale und ungerechte Prämie für die Zahl und die Technik. Nach der Rede Tardieus wurde die allgemeine Aussprache auf Dienstag vormittag 10 Uhr vertagt.
Pressestimmen
Die Pariser Presie zu den Reden Tardieus und Simons.
fk. Paris, 9. Febr. Die Pariser Moraen- prefie beschäftigt sich sehr eingehend mit ben Reden Tardieus und Simons in Genf. Per- tinar bezeichnet im „Echo de Paris" die Ausführungen des französischen Kriegsministers als eine energische und klare Entwicklung der ftanzösischen These, während die des britischen Außenministers ein wenig theatralisch und von der ftanzösischen Ansicht stark abweichend gewesen sei. In seiner Rede ver- misie man ein Wort von der Achtung der Verträge Sollte die Abrüstungskonferenz zu einer Stärkung des deutschen Heeres und zu einer Schwächung der übrigen europäischen Rüstungen führen, so würde die Erschütterung des Gleichgewichtes (?) ernste Folgen haben. Das alte Sprichwort „Si vis pacem, para bellum" habe auch heute noch Geltung.
Der französische Vorschlag muffe i» Gens als ein Ganzes betrachtet und angenommen werden.
Niemand dürfe Frankreichs Opfer vergessen. Die vorzeitige Räumung des Rheinlandes sei ein in der Geschichte noch nie dagewesener Vorgang.
Englische Blätter llber Simons «nd Tardieus BorfMige.
ft 2 o n b o n, 8- Fe«. Die Vorschläge Sir John Simons werden von den komeroativen Blättern dahin beurteilt, daß sie sich — im Gegensatz zu Tardieu — auf die augenblicklichen Ausgaben der Konferenz, nämlich die Abrüstung, beziehen, und daß sie — ebenfalls im Gegensatz zu den französischen Anregungen — praktisch durchführbar seien. „M o r n i n g P o st" erklärt, Frankreich wolle eine internationale Kriegsmarine schaffen, die es mit furchtbaren Zerstörungswerkzeugen ausrüsten wolle, während Großbritanniens Vorschläge die übermäßig anaeschwollenen Rüstungen auf ein vernünftiges Maß herunterdrücken wollten.
„Daily Telegraph" betont, daß die britischen Vorschläge praktischer Art seien und