Bette 4
vderhessische Zeitung. Merdurg <t L. Freitag, den 5. Februar 1932
Nr. 30
Marbuvger Schwurgericht
Wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit tödlichem Erfolg 6 Monate Gefängnis
Ms erster Zeuge wird die Mutter des Angeklagten vernommen, die wie der nachfolgende Bruder Gustav, von der Zeugnisverweigerung Gebrauch machen.
Der Zeuge Eckhard N. sagt aus, daß er gegen 4 Uhr nachmittags in die Wohnung der Familie gekommm sei. Er hätte von dem kleinen Gustav einen halben Schoppen Schnaps holen lassen. Dann sei der Angeklagte gekommen. Dieser habe dann noch zweimal Schnaps geholt. Es sei dann zu einem Wortwechsel zwischen der Frau Fink und ihrem Manne gekommen. Er habe darauf die Wohnung verlassen. Wie er die Treppe heruntergekommen sei, wisse er nicht. Don der Tat selbst sei ihm nichts bekannt.
Der Hausinsasse Schiffner, der dann vernommen wird, gibt an, baß die Familie Fink am Vormittag sich mit ihrer zu Besuch weilenden Tochter gezankt hätten. Diese sollte zum Betteln gehen, tat es aber nicht. Daraufhin sei er mit dem Angeklagten jtt Leuten auf dem Lande gegangen, wo sie Kartoffel ausgemacht hätten. Der Angeklagte habe in Dagobertshausen Arbeit an- aeboten bekommen und hätte sich sehr gefreut. Auf dem Nachhausewege habe er immer von der Arbeit erzählt. Gegen 5 Uhr nachmittags. seien sie dann wieder in der Wohnung in Marburg angekommen. Er habe den Angeklagten gebeten, doch mit ihm noch einige Zeit in seine Wohnung zu gehen. Dieser sei dann auch später gekommm und habe Mundharmonika gespielt. Ab und zu sei der Angeklagte weggegangm. Der Zeuge hat auch gesehen, daß der Zeuge N. bei der Familie Fink war. Später habe es dann bei der Familie Fink Krach gegeßen, und er habe nachsehen wollen, was wieder einmal los sei. Als er die Türe zur Wohnung geöffnet habe, fct em Schuh gefallen. Der Angeklagte habe Femen Vater auf das Bett gelegt. Der Zeuge hat dann dm Angeklagtm veranlaßt, emen Arzt zu Holm. Er habe dm Anaeklag- tm gefragt was er gemacht hätte. Darauf habe er gesagt: „Ich weiß nicht, ich kann nichts dafür. lieber die Familienverhältnisse der Ehelmte Fink kann der Zeuge mdjts gutes berichten.
Landgerichtsrat Keul, der die Untersuchung geleitet hat, berichtet dann, die Äus- fagm des Gustav und seiner Mutter ständen im Widerspruch zu dmm des Angeklagten. Gustav habe angegebm, daß er dm Säbel geholt habe, aber dieser sei wieder in die Kammer gebracht wordm, ehe der Schuß gefallen ist. Der Vater habe am Kopfteil und der Angeklagte am Füßteil des Bettes der Mutter gestandm. Sein Bruder Hans habe direkt und mit gestrecktem Arm das Terzerol auf feinen Vater gehalten. — Die Mutter des Angeklagtm habe er in der Klinik vernommen. Diese habe ebenso aus- gesagr wie der Iunge. Die Mutter könne nicht lesen und nicht schreibm und habe unter das Protokoll drei Kreuze gemadjt
Karl Fink macht von der Zeugnisver- weigerung leinen Gebrauch, schildert eingehend die FamilimverhSltniste und betont.
daß zwischen ihm und seinem Datei öfters Krach gewesen sei.
Die nächstm Zeugm, Arbeiter K. und Frau F. sollen ebenfalls über die Familienverhältnisse berichten. Letztere gibt dem Angeklagtm ein gutes Leumundszeugnis. Ebenso die Arbeiter S. und G., die betonen, daß der verstorbene Fink und seine Frau sehr jähzomig gewesm feien. Beide hätten gern Schnaps getrunkm. Frau D. kann nichts wesentliches über die Familie Fink herichtm.
Damit war die Beweisaufnahme gefchlos- len und der Sachverständige, Geheimrat Hildebrand erhielt das Wort. Er erklärt, daß er die Leiche untersucht habe. Der Schuß fei in die rechte Brustseite eingedrungm, habe die Lunge durchfchlagm und eine Hauptader verletzt. Im Körper fei eine Verblutung entstanden. Die Kugel habe man auf dem Rücken unter der Haut herausnehmen könnm. Der Tod fct (ebenfalls auf die Verletzung durch dm Schuß zurückzuführm. Der Angeklagte fei in feinem Geisteszustand minderwertig, aber nicht geisteskrank. Das komme daher, daß der Angeklagte keine gute Erziehung gehabt habe und von einem Trinker abstamme.
Dann beginnen die
Wädoyers.
Etaatsanwalffchaftsrat Kunze führte u. a. aus: Die heutige Verhandlung hat ein trauriges Familienbild gezeigt. Der Vater ein Trinker und die Mutter in Wirklichkeit nicht viel weniger. Zank und Streit warm hier an bet Tagesordnung und auch die Kinder wurdm in den Streit mithineinge- zogm. Das find Tatfachm, die man glauben kann. Dann geht er noch einmal ausführlich auf die Tat des Angeklagtm ein und betont, daß der Angeklagte nie die Wahrheit gesagt habe. Mit der Aussage von dem Krug und „daß er in Notwehr gehandelt hab/', fei er heute zum erstenmale gekommen. Auch diese Aussage sei nicht wahr. Der Angeklagte versuche beute einen Vorteil für sich heraus» zuholm. Der Angeklagte habe vorsätzlich auf seinen Vater geschossen und vorsätzlich seinen Vater getötet. Er mußte sich über ixe Wirkung des Schusses klar fein, denn er habe ja ben ganzen Äbenb die Waffe approbiert Er halte Totschlag für erwiesen und zwar Totschlag an einem Verwandten aufsteigender Linie. Diese Tat werde im Gesetz unter sehr schwere Strafe gestellt und auch mit Recht. In Deutschland herrsche Gott fei Dank noch Ordnung in ben Familien. Auch der Ungefragte hatte keine Veranlassung, so ge- gen seinen Vater vorzugehen. Auf 'Totschlag bet Verwandten in aufsteigender Linie schreibe bas Gesetz eine Strafe von 10 Iahten Zuchthaus vor. Heber biese Strafe hinauszugehen liegt keine Veranlassung vor. Er beantragte hierauf ben Angeklagtm zu 10 Iahten Zuchthaus zu verurteilm und die bürget» lichen Ehrenrechte auf drei Iahte abzuerkennen. Die Ilnfersuchungshaft von 35 Taaen bitte er voll in Anrechnung zu bringen. Bei der Höhe der Strafe bitte er ben Haftbefehl aufrecht zu erhalten.
Bei diesem Antrag bricht der Angeklagte in Weinm aus.
Rechtsanwalt Kreischet ist der Ansicht, daß hier kein normaler Fall vorliegt. Man habe es hier mit einem Manne zu tun, der keine schöne Iugmd hinter sich hat. Schon in ben jungen Iahten hat er von seinen Eltern nichts Gutes lernen könnm. Er fei bann in eine Erziehungsanstalt gekommm. Auf jedm Fäll habe der Angeklagte in Not- wehr gehanbelt. Es fei nicht so, wie bte Staatsanwaltschaft ausführe. Sein Vater habe nach bem Krug gegriffen und bet An- geklagte mußte nnnebmen, baß fein Vater ihn damit schlagen wollte. Der Vater sei als gewalttätiger Mensch bekannt gewesen. Seiner Ansicht nach habe bet Angeklagte in Notwehr gehandelt und muffe aus diesem Grunde frei- gesprochen wetdm. Sollte aber das Gericht annehmen, baß bte Notwehr überschritten ist, bann bitte er auf bte niedrigste Strafe von drei Monaten Gefängnis zu erlernten.
G
Urteil.
Nach einhalbstündiger Beratung verkündet das Gericht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit tödlichem Ausgang zu6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Untersuchungshaft wird in vollem Maße angerechnet. Die zur Tat benutzte Waffe wird eingezogen. In der Begründung betont der Vorsitzende, daß bas Gericht nicht zu ber Keberteugung hat kommen könnm, daß ber Angeklagte feinen Vater habe töten wollm. Da Mutter unb Bruder die Aussage verweigert haben, so konnten die Behauptungen des Angeklagten nicht widerlegt werben. Aus diesem Grunde habe auch das Gericht mildernde Umstände für vorliegend erachtet. Aber auch auf die geringste Strafe konnte das Gericht nicht er« kennen, (nnbern hielt die eingangs erwähnte Strafe für angebracht. Der Antrag des Verteidigers auf Haftentlassung wurde abgelehnt, da das Urteil noch nicht rechts- iräftig ist.
Damit hat die Srhrouraeridjtsnerinbe ihr Ende erreicht. Der Vorsitzende dankte dm Herren Eeschworenm für ihre Arbeit. —n.
Konzert öes ElifabetSÄors
Vokal- und Instrumentalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts.
Nachdem der Minnegefang verklungen und vom .Meistergesang abgelöst war, ent« wickelte sich neben dieser in handwerkliche Fesseln gezwängte Kunst ein Volksgesang, der im 16. Jahrhundert zu einer solchen Blüte gelangte, wie sie herrlicher Deutschland kaum gesehen hat. Der bekannteste Komponist an der Wende des 16. Icihr- hundetts, der alle seine Zeitgenossen weit überragte, war der im Dienste des Kaisers Maximilian stehende Niederländer H.
Isaak. Sein „Innsbruck, ich muß dich lassen", das älteste Lied auf dem Programm, hat seine Lebenskraft bis heute behalten. 3n diesem Lied tritt neben der linearen Selbständigkeit der Stimmen schon die Harmonie in ihr Recht. Gin sehnsüchtiger Ton klingt durch das Äed, das als Konttg. faktzum „O Welt, ich muß dich lassen" in der evangelischen Kirche weiterlebt. Das zweitälteste Äed des Abends „Grün ist der Wal" von L. Lechner zeigt ein noch festeres harmonisches Gepräge und ist von ganz eigenartig herbsüßem Reiz. D. Häuß. mann ist zweimal vertreten. Seinen Liedern merkt man, ebenso wie denen Erle- bachs, von dem wir txer hörten, an, daß er vor allen Dingen in der Instrumental- musik zu Hause ist. Steuccius und Der- netter verstehen in ihren heiteren Liedern die Melodik feinsinnig nach dem zu bet» tonenden Stoffe zu differenzieren. Von zarter Tongebung ist das Volkslied »Aach grüner Fach-.
Die Wiedergabe der Chöre stand auf dem Niveau, das eine bewußte Musikerziehung — fast alle Mitglieder des Chores sind Schülerinnen von Herrn Engelhardt — geschaffen hat. Hervorzuheben ist eine sehr reine Intonation und gute Textbehandlung. Das Volumen der Tones erfährt nur eine solche Steigerung, die den Klang in der Höhe schön und sttahlend läßt. Man merkte an den Darbietungen: der Dirigent sieht nicht die Hauptaufgabe im Drill, nicht im tadellosen „Klappen", ja vielleicht auch nicht im Treffen und Schönsingen, sondern im Reizbarmachen der Seele für Rhythmik, Harmonie und Melodie, im Singen aus innerer Bewegung heraus.
Die Duette, gesungen von E. Lippett (Sopran) und 2le. Engelhardt (Alt), leuchteten in ihrer Schlichtheit wie echte Volkslieder. Der leidenschaftslose Vortrag war hier ein Vorzug.
Marina Tomaschek (Viol.), Wilh. Schmidt (Viol.), Walter Winkler (Cello) und Professor Tomaschek spielten zwei Sonaten von Gebe! und ©anartini, die sich durch kurze, gedrungene Form, die aber eine Fülle musikalischer Gedanken bringt, auszeichnen. Die Spieler erneuerten die hier schon einmal gewürdigten Eindrücke. Auch Hilde Schwab, Prof. Tomaschek und W. Winkler trugen zum Gelingen des Ganzen bei.
Herrn Engelhardt fet besonders gedankt für die Erschließung einer der wichtigsten Epochen aus der Musikgeschichte, für den Musikhistoriker gewiß sehr interessant, ob auch für den Musikfreund in der ausgedehnten Weise?
wirkt wie
«/ gurgeln
Erkältungen oor!
6-Mt-MniMUNS
Vom Frankfurter Sechs-Tage-Rmuen.
Auf dem Vorplatz: „Programm! Das offi- >elle Sechstageprogramm, 50 Pf. hier!" ,75 000 RM. Gesamtpreise, treten sie ein, »Inch beginnen die lO-Uhr-Wertungen!" “IIe5m^tän9t ^ch. An der Kasse Schlangen von Menschen, zwar nicht so groß wie vori- aes Jahr: aber es geht. Brüning kürzte auch me Zuschauermenge. Und 2,50 RM. für einen Stehplatz auf dem Olymp ist viel Geld heutzutage. Aber trotzdem: die Unentwegten bezahlen es.
^n ber Sperre: Es will noch einer einmal schnell durch: er kommt gleich wieder, will nur seinem Bruder den Schlüssel zur Haustür bringen. Aber der Beamte kennt diese schliche: „Wenn Sie feene Karte hab'n, komm se nicht rin!" Gegen diesen Spruch mbt's mchts mehr. Und der Attionär der Firma „3. G. Stempeln" trollt ins Kino: Harry Piel!
In der Halle selbst ein buntes Bild. Der erste Ruf ist, „Meine Herrschaften, Garderobe bitte abgeben!" Zwischendurch hört man dumpf die Holzbahn dröhnen, wenn die Fahrer vorbeirasen. Endlich sieht man die bunte Trikots auf ihren Maschinen. Gleichmäßig in schnellem Tempo umkreisen die Fahrer die Bahn. Ihre Partner ziehen sich die Wollfachen laus, um frisch und unbehindert für die Wertungen zu sein. Sie reden noch miteinander. Einer setzt einen Hut auf. Dinale flirtet mit einer jungen Dame von ber Rundfunktribüne. Iedesmal wenn er vorbei- fäort. ein kurzes Händegeben. Göbel unterhalt sich mit Dortmundern, die hergekommen nnb. Langsam erscheinen alle Fahrer auf der Bahn. Der Ruf: „Fahrer fertigmachen zur 5. Wertung!" hat sie munter gemacht.
Die Halle hat sich auch allmählich gefüHt. Am Büfett im Innenraum stehen schon einige iunge Leute, die ewig, wenn sie Bier sehen, auch Durst haben. Eine einsame Bardame und ein müder Mirer thronen auf hohen Stühlen. Hier geht's erst um 12 Uhr los! Wuritchemnänner laufen umher. „Saure Gurten! Stück 10 Pf!" - „Zigarren! - Zigaretten!" — „Bier gefällig !x
Inzwischen werden auf dem Olymp, wo me „wahren Kenner" sitzen, Hupen, Pfeifen, Harner, Sirenen probiert. Der Schrei nach Musik ertönt aus 50 heiseren Kehlen. Das Grammophon jazzt los: ,,Die ganze West ist himmelblau." Auf der PresseMbüne klappern jbte Schreibmaschinen.
Inzwischen ist es 10 Uhr geworden. Alle Fahrer sind auf der Bahn. Da leuchtet die grüne Lampe auf. Die erste Runde der 10- Uhr-Wertung beginnt. 5, 6 Runden werden in sehr scharfem Temp gefahren. Da stürzt Rmisch vor. Im Nu hat er 20 Meter Vorsprung. Das Feld setzt nach. Und schon ist die schönste Iagd im Gange. Sürtgen löst ihn ab, van Kempen hinterher. Und die Halle brüllt: „Hürtgen! Rausch!" Ein ohrenbetäubender Lärm. Auch Göbel, der blonde Dortmunder jagt jetzt los. Und wieder brüllen die Kenner. Da plötzlich: van Kempen tritt an. Ehe die Fahrer es begreifen, hat er fast eine halbe Runde gewonnen: überhaupt der „fliegenbe Holländer" ist ganz groß: er hat seinen Beinamen nicht umsonst: jeden Spurt holt er, wie er will. Braspennig, van Kempens Partner, löst ihn ab und hält dem Feld gegenüber den Vorsprung, bis Piet nach 2 oder 3 Runden wieder losgebt und sich die letzte halbe Runde holt. So nimmt er in einer Viertelstunde dem ganzen Feld zwei Runden ab.
Stundenlang geht die Jagd. Und wenn es gerade am tollsten zuaeht, und die anderen sich tot gejagt haben, bann holen die „roten Teufel" — Wambst-Broccarbo — ihre Run» ben auf. Sie bleiben so immer mit an ber Spitze. Auch Charlier-Deneef, die Belgier, fahren mit Kopf. Aber auch die gelben Italiener Negrini-Sevargnmi, halten sich an ber Spitze. Schön-Tietz warten noch, um in ber vierten Nacht loszugehen. Die Lieblinge bes Publikums sind aber „die Schwarzen", die Kölner Rausch-Hürtgen. Da, in der Zielkurve ein Schlag. Sevargnini ist gestürzt — Vorderrelfen geplatzt —; van Kempen fliegt in hohem Dogen über ihn hinweg. Aber es ging noch einmal gut. van Kempen erscheint nach ein paar Minuten wieder im Rennen, ihm ist nichts pariert, Seoergnmi hat sich das Kinn aufgeschlagen und eine kleine Schulterprellung: etwas Ruhe und bald erscheint er auch wieder auf der Bahn.
. Bald flaut vor Mitternacht die Jaad ab; die Fahrer sind mübe unb müssen Luft schnappen: denn um Vrl Uhr wird der Kurt-Katsch- Spurt gefahren.
Kurt Katsch vom Frankfurter Schauspielhaus durfte dafür, daß er ben Startschuß abgab, ein Rennpferd stiften. Die Hilde steht im Stall. Sie langweilt sich, bas 6-Tage-Ren- nen ist ihr zu langweilig. Was sie sonst noch macht? Aber sie hat auch Hunger. Auf der weiß« Äeimvanb erscheint in großer
I Schrift: „Kurt Katsch soll mal zu seiner Hübe kommen!" Alles brüllt! „Heu mitbringen!", steht klein barunter! Ein Aufatmen geht durch die Halle. Den Damen ist es merklich leichter ums Hey; geworden. Die Antwort Kalsch's ist: „Die Hilde hat Kalsch's Matratze leergefressen!" Tas soll ein Witz fein! Es gibt auch Leute, die über alles lachen!
Auf ber Pressetribüne sitzt „Onkel Richard": aber er hat auch 'mal Durst unb seine Schreibmaschine langweilt sich. Das muß irgend jemand bemerkt haben. Denn gleich kann man auf ber Leinwand lesen: „Ist Onkel Richard schon aus dem Rennen?" Man will Spaß machen. „Knorze Fritze macht auch keine Witze!" Ich kann mir bas nur so erklären: Krücke fehlt! Wer „Krücke" keimt, weiß, was ich meine!
Inzwischen ist es zwei Uhr geworden. Es ertönt wieder ber Ruf: „Fahrer, ferligmachen zur 8. Wertung!" Und bann geht's los! Stunbe um Stunde jagen die Fahrer um die Dahn. Runden werden gewonnen, Runden werden verloren. Es geht alles durcheinander, ganz toll.
3m Jtrn erträum steht bas Publikum auf Tischen und Stühlen und reckt die Hälse. Nach einer halben Stunde ununterbrochenen Sagens kommt toüber etwas Ruhe ms Feld. Das Ergebnis: Die besten Mannschaften lie- gett wieder zusammen in der Spitzengruppe.
Gleichmäßig umkreisen wieder die Fahrer die Bahn, die leise zittert, w«n 24 Räder über sie hinwegsausen.
Von der Galerie ertönen ermunternde Zurufe, Pfeifen, Schreie aus ganz heiseren Kehlen: „Alfredo, Allgegro!! , womit Dinale gemeint ist. Einer, der auch beim Sport die Politik nicht ganz vergessen kann, ruft den Fahrern, ob ihnen Brünings letzte Notverordnung in die Beine gefahren sei. Andere „wollen für ihr Geld was sehen."
'Inzwischen habe ich Zeit mal einen Dsick in die Kojen der Fahrer zu werfen. Ein paar Bretter, ein Bett, d. h. eine Matratze, ein Kopfkissen und ein paar Decken dient dem Fahrer als Wohnraurn. An der Wand ein Brett mit Medikamenten, Job, Benzin, Belebungsmitteln, was man eben so braucht, um 6 Tage und 6 Nächte auf dem Sattel zu sitzen. Am Kopfende bes „Bettes" ein Art „Nachttisch", wo die Eßwaren liegen, Messer und Gabel, Obst usw. An ber Koje die Nationalflagge. Hinterräder liegen auf dem schrägen Dach, an einem Galgen hängen die Vorderräder. Auch eine Heine Werkstätte
hat ber Betreuer ber Fahrer eingerichtet. Es ist alles da und praftisch und schnell zur Hand. An ber Koje nebenan pumpt einer Reifen auf. Sic sind so prall, daß sie fast Hingen, wenn man mit bem Fingernagel dar- anschnappt. Ein anberer ölt die Lager und hebt das Rad wieder in seinen Stand übrigens solch eine Maschine wiegt nur etwa 20 Pfund. In einer anderen Koje wird ein Fahrer, der ausgeftiegen ist, massiert und eingerieben, einer bekommt ein Pffaster auf den unaussprechlichen Körperteil: wahrscheinlich Sitzbeschiverden. Van Kempens Frau ist auch da und besorgt ihrem Gatten etwas Gutes zu elfen, was ihm schmeckt. Maiborn kämmt sich das blonde Haar aus- der Stirn. Mi et he rückt seine Baskenmütze, die er nie absetzt, zurecht. Distale, der gleich in der ersten Nacht gestürzt war, hat bas Pffaster von Stirn und Kinn genommen; es geht ihm wieder gut
Nach vier Uhr folgen noch zwei Spurts zu je 10 Runden. Zwischendurch werben Prämien ausgefahren: 100 Liter Aeppelwoi, 20 Mark von Mamma Reubold, ein Rennrahmen, Stoff zum Anzug, eine Kiste Wein, unb was man alles so stiften kann.
Um V-5 Uhr. Langsam leeren sich die Ränge. Die Nacht geht so langsam zu Ende. Die Unentwegten, bte immer noch auf irgend eine Senfation hoffen, haben sich überall vorn an den Brüstungen zusammengedrängt. Durstige stehen im Jmienraurn am Büfm: trinken ihre Liköre. Dort stehen einige, ein Frankfurter Würstchen in der Hand, da ißt einer eine sauere Gurke, ein anderer, der sich das alles nicht leisten kann, taut Kaugummi, wie ein Mensch gewordener Ochse.
Die Fahrer sind ruhig geworden, sie beiden schon an die Neutralisation. Das Grammophon singt senttmental: „Das muß ein Stück vom Himmel sein!", oder versucht die Unentwegten mit feurigen Rumbas aufju» muntern. 2m Jnnenraurn spielt eine Jndianerkapelle aus Sachsenhausen: „Ein ,panischer Tango . . " Auf der Pressetribüne Happert noch eine Schreibmaschine.
Die Lust hängt voll Rauch, wie ein feiner Schleier liegt es über bem Innenraum. Bald ist es 6 Uhr morgens. Die Fahrer umkreisen langsam bte Bahn. Dinale versucht hin und wieder einen seiner alten Späße: aber er ist heute nicht aufgelegt
Da perfünben 3 Elockenschläge die Reu- trahfahon. Eine Nacht des Sechstage-Ren- nens dt vorüber Dr. W. S.