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Nr. 27

£»e*nWe Zett»««, Marburg a. L, Dienstag, d« 2. Februar 1932

Das Land kommt in die Stadt

Ueber den Ausstellungshallen am Berliner Kaiserdamm wehen zum siebenten Male in der Nachkriegszeit die Fahnen der nun schon traditionell gewordenen „Grünen Woche". Das Land ist zum Besuch in die Stadt ge­kommen. Auf den Untergrund- und Stadt­bahnhöfen — überall Gestalten, die unver­fälscht aus Pommern. Ostpreußen, der Mart und Mecklenburg stammen. Zwischen ihnen viele schlanke, sehnige Reiterfiguren, in Zivil und in Uniform, die Helden des groben Reit- und Fahrturniers. Auch ausländische Reiteroffiziere dazwischen. Besonders auffällig zwei junge Holländer im blauen Tolman, Pelz und Tschako. Bei der Er­öffnungsfeier in Halle I in schwarzen Mänteln in Zylinderhüten die führenden Persönlich­keiten der deutschen Landwirtschaft, Minister. Industrieführer, dazwischen höhere Forstbe­amte in ihrer lleidsamen grünen Uniform. Festliche Reden. Schiele, Hirtfiefer, S a h m sprechen. Das Deutschland - Lied rauscht auf. Die schwarze Kavalkade der Ehrengäste setzt sich in Bewegung. Die „Grüne Woche 1932" öffnet die Pforten ihrer gro­ßen deutschen Landwirtschaftsschau.

Wer in diesem schlimmen Notjahr eine Notausstellung erwartet hat, wird angenehm enttäuscht. Das großartige Kaleidoskop der Riesenhallen ist nicht ärmlicher geworden, es ist klarer, farbenprächtiger denn je. Und ein Neues, früher nur dunkel Geahntes spricht diesmal ganz laut, ganz deutlich und un­überhörbar. Die Schau der Land­wirtschaft wendet sich nicht mehr an die Landwirte, an die Bauerns Gutsbesitzer. Für st er. Iägerunv Gutsbeamten. Ihr Ruf dringt zum ganzen Volk. Das Wohl und Wehe des Landes ist wieder zum Wohl und Wehe der Städte geworden. Dis landwirt­schaftlichen Probleme sind Probleme von uns allen. Die Siedlungshäuser und Bauern­gehöfte, die Traktoren, Maschinen und Ge­räte, die Hölzer, Bretter und Eebrauchs- gegenstände, das prachtvolle Tiermaterial der Kaninchen-, Pferde-, Hühner- und Hunde­schau — sie bilden einen Grundpfeiler un-

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Die holländischen Teilnehmer des Reit­end Spring-Turniers, das im Rahmen »er „Grünen Woche" zum Austrag kommt. Links: Oberleutnant Voot van den Zyp and Oberleutnant Dr. von Schaik.

des Aales erzählt, sieht Karlen der Laichplätze im Atlantischen Ozean, Bilder und Prä­parate von der Aal-Larve und ihre Verwand­lung in den Steigaal und kann sogar Steig- aale vorjährigen Fanges lebend im Aquarium bewundern. Auch Fischereigeräte finden sich in reicher Auswahl. Stafislisches Material wird von dem Reichsverband des Deutschen Gartenbaus dargeboten. Auch die, Deutsche Landwirlschaftsgesellschaft wartet mit Schau­bildern auf. Am einprägsamsten die Sied­lungswanderausstellung des preußischen Land­wirtschaftsministeriums. Aber auch der, Frei­willige Arbeitsdienst und die Imkerei sind nicht zu vergessen.

Und so, wie rn Halle T, so in den übrigen Hallen! Die Deutsche Jagdausstel­lung ist in diesem Jahre noch reicher beschickt, als in den vorhergehenden. Beute st ücke aus allen Teilen des Reiches zeugen in künst­lerisch sehenswerter Aufitellung von dem Jagdglück der deutschen Jäger. Auch die K u n st hat hier eine Stätte. Man findet Jagdbilder und Landschaften, die sich nicht nur kaufen, sondern eventuell auch gegen Naturalien austauschen lassen. Durch eine reichhaltige Kaninchen-Ausstellung mit erlesenen Zuchteremplaren geht es dann in das Gegackere und Gegurre der Ge- flügelhalle. Hier find besonders die Landfrauen nicht fortzubekommen. Aber auch der Städter hat seine Freude. Wundervoll

seres Staates, dessen volkswirtschaftliche Be- deutting heute niemanden mehr verborgen ist. Die Not der Städte hat den Blick für die Not des Landes geschärft. Man sucht in allen Schichten unserer Bevölkerung mehr als bisher aufeinander zu achten. Die Rettung und Sanierung der Landwirischaft interessiert wieder die gleichfalls um Sanierung und Rettung bemühte städtische Einwohnerschaft. Der Weg aus der Riesenstadt Berlin hinaus

in die Bezirke des fiachen Landes ist kürzer geworden. ,

Auf 60000 Quadratmeter gedeckter Fläche, in acht großen Hallen und einem wertem Freigelände sind die Schau-, Lehr- und Beweisstücke der „Grünen Woche 1932 ausgebreitet. Prachtvoll schon in Halw I die Hauptsonderausstellung „D e u t s ch e r Wald — deutsches Holz". Das deutsche

Hindenburg besucht die „Grüne Woche"

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Reichspräsident von Hindenburg wird beim Betreten der Haupthalle von oftpreutziichen Bauerntöchtern begrübt.

-----------------------\- Holz zeugt hier für seine hohen Qualitäten und für die Vielseitigkeit seiner Verwertung. Es tritt in Wettbewerb mit den modernen Materialien, die in allen Industriezweigen aufgekommen sind. Ein märkisches Försterhaus, von Kopf bis Fuß auf Holz eingestellt und mit deutschen Holzmöbeln ausgestattet, beweist, daß der „Holzweg" noch lange nicht der schlechteste ist. Mit einem zweiten Heineren hölzernen Wohnhaus, einer „Vollerwerbsstelle" und einem drit­ten, einer „Nebenerwerbs st eil e". bil­det es eine richtige Heine Kolonie, die sich spielzeughaft sauber unter den weiten Stilen- bögen aufbaut. Auch die Möbelfirmen haben den Mut noch'nicht verloren und steuern für die Siedlungshäuser Zimmereinrichtungen von so geschmackvoller und schöner Form bei, wie man sie vor zwanzig Iahren kaum in noblen Bürgerhäusern finden konnte. In der gleichen Halle ist eine reiche Milch-, Butter- und K ä s e s ch a u aufgebaut. Am interssante- sten eine Sammlung deutscher Markenartikel. Man ersieht daraus mit Freuden, daß das deutsche Ei, deutsche Markenmilch und deut­scher Markenkäse den Konkurrenzkampf mit der ausländischen Einfuhr erfolgreich aufge­nommen haben. Jnteresiant auch die land­wirtschaftliche Verpackungsschau, die viele Anregungen für billige Verpackung gibt. Auf der anderen Seite der Halle „aalt" sich die deutsche Fischerei. Man bekommt hier die ganze eigenartige Lebensgeschichte

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die Gold- und Silberfasanen, die gescheckten Pfauen, Sumatra-Hühner, bte Man­darinen- und Brautenten. Aber auch Herr Schiele hebt hier den Finger: „D e u 11 ch - lands Geflügelzüchter, denkt an die jährliche Einfuhr ausländ,- scher Gier im Werte von 300 Ml1• lionen Mark!" Man versteht. Zum Schluß die Pferde-Ausstellung besten deutschen Materials! Sie ist mit ihren,300 Pferden die größte Ausstellung, die bisher geschlossen in einer Halle statt gefunden hat. Hier kann man nicht nur die edlen Vollblutler des Reit- und Fahrturniers aus der Nahe be­wundern, auch das ttojanische Pferd — em 2,75 Meter hoher Schimmel — und em 60 Zentimeter hohes jaoanls ch e s Zwergpony mit dem schönen Namen Etta sind hier zu sehen. Dieses großartige Tier- material bildet den eigentlichen Mittelpunkt der Ausstellung. Bel den Konkurrenzen des Reit- und Fahrturniers an den Nachmittagen und Abenden trifft sich die Elite der Berliner und auswärtigen Gesellschaft. Und selbst der mächtige Kopf des greisen Reichspräsidenten blickt freundlich lächelnd auf das bunte Bild unten in der Arena.......2m vorigen

Jahr besuchten die „Grüne Woche" .300 000 Menschen. In diesem Iahre? Mindestens ebensoviel. Wollen wir wetten . . .?

Ein deutscher Arkus in malten in Not

Der deutsche Zirkus KapitänSchnei- der ist nach einem Gastspiel in Rom, das mit einem Verlust von 300 000 Lire schloß, und einem Auftreten in Neapel, das nach einer Regenwoche klägliche Einnahmen brachte, in schwere Bedrängnis geraten, so daß er am 28. Januar seine Zahlungen einstellen mußte. Alle Bemühungen, den Besuch des Zirkus durch eine Berstärkung des Programms mit seinen hundert Quo- vadiS-Löwen, der Wasserpantomime und einer Ringkampfkonkurrenz zu heben, wa­ren vergebens. Die Verluste des Zirkus sind durch die in Süditalien herrschende Geldkrise verursacht. Diese ist wahrschein­lich darauf zurückzuführenn, daß die Aus­fuhr von Blumen, Gemüse und Früchten infolge der Valutasperve verschiedener Länder st> stark zurückgegangen ist, daß große Mengen dieser Erzeugnisse vernichtet werden müssen. Kapitän Schneider be­müht sich ununterbrochen, Nahrung für Personal und Tiere herbeizuschaffen. Es sind Bestrebungen im Gange, eine Aktien­gesellschaft zu gründen, um die Millionen­werte des Unternehmens zu retten.

®u Skkderschatz im Neckar.

Zwischen oct Antertürkheimer Neckar­brücke und der sog. Daimler-Brücke sah ein Angler aus Antertürkheim silberne Me­tallstücke aus dem Wasser glitzern. Mtt Hilfe von zwei Obertürkheimer Bürgern konnte er, so berichtet das „Neue Tag- blatt", annähernd 700 DM. in Fünf-, Drei-, Avei- und Einmarkstücken heraus­angeln. ES handelte sich um Vorkriegs- geld das heute nur noch den Silberwert besitzt.

Deinen Mund pflegst Du

täglidi...

warum nid# Dehme HaM Gurgle trocken

jetzt RPt. 90 und 45

Götter und Deutsche

Einer unserer bekanntesten und inter­national „berühmtesten" neudeutschen Literaten glaubte es noch vor einem Zahr verantworten zu können, in einer großen amerikanischen Zeitschrift zu behaupten, die nationale deutsche Jugend set führerlos, denn alle geisttgen Deutschen, alle wahr­haften Dichter und Denker ständen ja po- littsch links! Nun, wir wissen es besser, wir wissen, wo Paul Ernst und Hans Grimm, Kolbenheher und Borchardt stehen — und vir möchten den fixen Schreiber noch sehen, der es fertig brächte, etwa George für dte politische Linke in Anspruch zu nehmen. Aber solches Gerede bewegt sich ja so sehr im Dordergrunde des wirklichen geisttgen Ge­schehens, daß es müßig ist, darüber noch viel Worte zu verlleren. Ans ist es wich­tiger zu sehen, daß sich die jungen Men­schen des „neuen Nationalismus" dieser geisttgen Führer und der großen in ihnen verkörperten deutschen Traditton bewußt zu werden beginnen, daß die Kräfte, dte lange von einer nicht minder vordergründi­gen Bettachtung als rohe Gesellen, Lands­knechte und noch schlimmeres gesehen wur­den, ihre eigentliche geschichtliche Rolle erkennen, und daß ihnen Stimmen er­stehen, die aussagen, was in ihnen lebt und was sie von der Zukunft fordern. Wir be­sitzen aus diesem Kreis des seiner selbst bewußt werdenden Nationalisnms' die Bücher etwa von Ernst Zünger und Hiel- scher, Schauwerker und F. W. Heinz, vor allem die grundlegenden Werke Moel­ler van den Drucks, dann das große ^eikorpsbuch „Der Kampf um das Reich"

mit Beiträgen von H. Plaas, E. von Sa­lomon, den Almanach „Aufstand" u. a. — und wir erkennen aus ihnen, welche Rolle der Degttff des Re i ch e S bei diesen Men­schen spielt, die, vom Krieg geprägt und geläutert in den Kämpfen der NachkttegS- zett, jetzt um die polittsche Gestaltung der Zukunft des Reiches ringen. Ein neues, wesenhaft vom liberalisttschen Denke« un­terschiedenes Geschichtsbild steigt herauf, das man versucht ist mit dem Worte der konservativen Revolution zu be­zeichnen, doch find die Linien noch zu un­scharf. als daß ein festes Bild sich ergäbe. So gibt auch der Gedichtabend, den Hans Schwarz unter dem Titel „Götter und Deutsche" (W. G. Korn Verlag, Breslau) veröffentlicht, noch ein Bild des Werdens und Suchens. Kleist, der preußischste un­serer Dichter, und Höldettin, der Seher eines kommenden Deutschland, stehen als Vorbilder groß da und der Schatten Ge­orges steht über den besten Strophen. Aber wir dürfen diese Verse nicht mit rein äschettschen Maßstäben messen, denn ihr Wille ist Ptiittsch, soll politisch sein, ihre Gesinnung, die mitreißende Forde­rung, der mahnende und drohende Anruf ist das Belebende — so sehr, daß die „ly­rischen" Strophen zum Schluß am wenig­sten überzeugen. Auch ist die gedankliche Belastung mancher Gedichte so groß, daß ihnen die zwingende Bildhaftigkeit ab­geht, dafür entschädigen dann aber so überzeugend und glücklich gelungene Ge- bllde wie dieses:

Der unbekannte Soldatt

3m Land des Siegers hat man aufgebaut Sein Grab in Stein! Ans aber aebt er um!

And gibt nicht Ruhe wie man Shn beschwört! And alle Nächte bricht die Wunde aus And macht sein Sterben sinnlos um ein Voll, Das sich am Tage zankt und nächtens schreit And feine Kraft vergeudet an das Nichts!

Neben solche Gedichte (u. a. „Toten­chor" — „Ausbruch" — „Der Zkigend" — „Revolution"), die zürnend mit einer klei­nen und feigen Gegenwart abrechnen und Dllder neuen Wollens aufrichten, treten andere, die „Götter und Deutsche" be­schwören: in „Parcival" das Bild des reinen deutsche« 3ünglingS, in ^Hut­ten" — „Luther" — „Florian Geyer" deutsche Kämpfer voll Mannheit und Schickfalstragik, in „Hölderlin" den adligen Menschen, Vorbild des Selbstopfers für das Edle! Ein Geschichtsbild doll Härte uird Trotz, Größe und Tragik spricht aus allem, nicht im „Erfolg", im „Fortschritt" oder „Glück" ist der Sinn des Lebens zu finden, eher im tragischen Untergang ger­manischer Recken. Nicht llagende Hin­nahme eines unvermeidbaren Schicksals, sondern Trotz und bejahende Bewältigung ist Sache des deutschen Menschen, dessen Wunschbild hier Gestatt gewinnt. And selbst die Götter wollen den Trotz und die Empörung. 3a, die Götter leben aus uns, sie wandeln sich, vergehen und erstehen wieder. ES ist viel aus der Well- und Götter-Schau Georges in diesen Versen — und doch gibt es ein anderes Bild. Wie die Verse spröder und karger sind — sie entbehren ganz der sinnlichen Bewegcheit und Farbigkeit Georges und sprechen oft von nordischer Landschaft (nicht umsonst ist Schwarz der Herausaeber ixm Moeller-

Brucks „Preußischen Stil") —, so ist an­dererseits die Weltsicht schweifender, „nor- discher" als die „südlich" geprägte des vom „römischen Hauch" berührten Rheinlän­ders. Wenn der Nam« Georges mehrfach genannt wird, so ist es einmal deshalb, well Form und Klang der Schwarz'schen Gedichte stark an ihn gemahnen, well stel­lenweis auch deutlich bejahend und ab­lehnend Bezug genommen wird, dann aber vor aßem, well der bei Schwarz zugrunde liegende Begriff von Dichtung durchaus der von George wieder ins Bewußtsein gchobene ist: Dichtung nicht als Bekennt­nis bürgerlicher Herzen und als Feieriags- gefühl, sondern als Deutung geisttger Wellen und als Sehertum. Erweitert totrb dieser» Begriff durch eine politische Gerichtetheit, di« der jungen Mannschaft nach dem Kriege selbstverständliche Vor­aussetzung alles Fühlens und Wollens ist. Der Platz solcher Dichtung ist nicht leicht festzulegen: sie ist keineswegs pattiottsche Zweckreimerei und ist doch polittsch be- sttmmt, ohne den Charakter echter Dichtung zu verlieren. ES scheint, daß sich in solcher Dichtung ein neues Weltgefühl kund­tut, durch das sich der „neue NattonaliS- mu's" grundsätzlich vom Dorkriegspatrio- ttsmus unterscheioet— ein Weltgefühl, das nicht nur polittsche Herrschaft will, sondern gleichermaßen un künstlerischen Raum die Erneuerung! Die jungen Menschen des Aufbruchs zur Natton werden dankbar diese echte Stimme der Deutung und Füh­rung vernehmen und als gehobenen Aus­drucks ihres oft noch dumpfen Wesens und Wollens lieben!