Einzelbild herunterladen
 

Nr. 27

Vfttr r

' Hinrichtung gefangener Chinesen.

Chinesische Blätter behaupten, daß etwa 150 gefangene Chinesen van de« Japaner« erschossen worden seien. Bei den meisten der Hingerichteten soll es sich am Freischärler handeln. Weiterhin berichten die Blätter, datz ganze Wagenladungen toter Chinesen heute mor- genvon japanischen Landungstruppen bei­seite geschasst worden seien.

- ...» —

Deutsches Reich

Einstimmig gegen di« Einführung ein« Schlechtsten«.

Berlin, 1. Febr. Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages erörterte am Montag die von der Deutschen Fraktion und der Wirtschaftspattei gegen die Etn- führung einer Schlacht st euer in Preußen eingebrachten Anträge. Nachdem die Redner sämtlicher Fraktionen sich gegen die Schlachtsteuer ausgesprochen hatten, wurde einstimmig der Antrag der Deut­schen Station gegen diese Steuer angenom­men, wodurch der Antrag der Wirtschafts- partei, der im Ziel dasselbe fordette, erle­digt war. — Angenommen wurde auch ein Antrag ber Deutschen Volkspattei auf noch­malige Prüfung der Bestimmungen über die Abführpflicht von Nebeneiimahmen staatlicher Beamter.

Nationalsozialisten in Magdeburg verhaftet.

Magdeburg, 1. Febr. Zwischen. Nationalsozialisten und Kommunisten kam es heule nachmittag zu verschiedenen Zusammen- stößen, bei denen ein unbeteiligter Arbeiter durch einen Stich in den Hals schwer verletzt wurde. In den späten Abendstunden nahm die Polizei eine Durchsuchung des SA.- Heimes vor und verhaftete 38 National­sozialisten.

Redeverbot für einen Stahlhelm-Landes- führ«.

Hagen, 1. Febr. Der Landrat des Kreises Olpe hat dem Landesführer des Stahlhelms, Studienrat Mahnken für den Bezirk des Kreises Olpe Redeverbot auferlegt, weil zu befürchten stehe, datz durch das öffentliche Auftreten Mahnkens im Kreise Olpe die öffentliche Ruhe und Sich«- hett gestött roerbe.

öin Ueberttitt zu den Deutfchnationalen.

Berlin. 1. Febr. Der bisher der Wttt- schaftspattei angehörende preußische Land- tagsabgeordnete Mentz ist zur Deutsch- nationalen DolkSpartei und Landtagsfraktion übergetreten. Er be­gründet diesen Schritt in einer Erklärung damit, daß er sich überzeugt habe, daß eine wirksame Vertretung des Gedankens des Privateigentums einzig und allein in der Deutschnationalen Volkspattei im Sinne ihres Parteiführers Dr. chugen- berg gewährleistet ist. Besonders der Am- stand, daß es möglich war, die Vierte Notverordnung mit den das Eigen­tum gefährdenden, außen- und innenpolt- ttsch geradezu lebensgefährlichen Lendenzen zu erlassen, habe ihm die Erkenntnis gebracht, daß Deutschlands Ge­sundung nur bei einer Patter gesucht wer­den könne, die den unverfälschten Eigen- tumsbegttff in eine neue Zett hinüberzu­retten entschlossen fei.

CberbeHifdw Zeitung. Marburg a. L. Dienstag, den 2. Februar 1932

Kundgebung des Reichslandbundes Drohende Vernichtung der deutsche» Wirtschaft

M Berlin, 1. Febr. Dtt Reichsland­bund veranstaltete heute eine Kundgebung, an ber mehrere hundert Vertreter der Landbünde aller deutschen Länder und preußischen Provinzen teilnahmen. In seinem Hauptreferat führte der geschäftsführende Präsident, Graf von Kalckreuth, u. a. aus:

Der Appell des Reichskanzlers an die in­ternationale Wittschafrssolidatttät vermag nicht zu verhindern, datz das Ausland die Blockade bet deutschen Erpottmättte dauernd verstärkt und uns die Kredite entzieht. Der Reichslandbund steht aui dem Standpunkte, datz auch heute noch die wittfchaftliche Le­bensmöglichkeit und die politische Freiheit des deutschen Volkes ge­reitet werden können, wenn die Zügel ber Regierung in die Hand von Männern ge­legt werden, die den Wisten zu entschlossener Tat aufbttngen.

Es mutz in aller Oeffentlichkeit festgestellt werden, daß das deutsche Volk an Repara­tionszahlungen schon mehr ge­leistet hat, als die Grundlage des Ftte- densvettrages von ihm verlangte.

Aber auch wenn es gelingt, weitere Re­parationszahlungen fernzuhalten, so bleibt die Lage noch immer hoffnungslos, wenn nicht die Grundübel beseitigt wer­den: die zunehmende Arbeitslosigkeit uud die schrumpfende Kaufkraft und Produk­tionskraft ber Landwirtschaft.

Beide hängen eng miteinanber zusammen und haben ihre gemeinsame Quelle in ber ver­fehlten Erportp oli ti k Deutschlanbs. Nur die beutsche Erde kann heute dem Volke noch Brot und Arbeit sichern. Mer die Produktionskraft des deutschen Ackers ist am Erliegen. Allein durch die V«billigung ber Ausgabenseite des Landwirtes kann die Un­rentabilität nicht erfolgreich bekämpft werden. Die Einnahmeseite mutz auch dann gesteigett werden, wenn es nicht in den

theoretischen Rahmen der allgemeinen Preis­senkung hineinyatzt. Der Versuch, die Ein­nahmeseite der Landwirtschaft. durch Er- höhung des Butterzolles zu steigern, kommt zn spät und ist zudem unzureichend.

Der Druck, deu ber Ernährungsrninister auf die Roggenpreise ausiibt, wird sich im kommenden Herbst schwer räche«.

Die Schuldenlast der deutschen Wirt­schaft ist nur dann tragbar, wenn durch wei- tere wirkungsvollere Eingriffe in die Zins­gestaltung die Belastung auf ein erträgliches Matz abgesenkt wird. Eine Schuldenrege- lung kann natürlich auch an den Auslands­schulden nicht vorübergehen, wie es jetzt bei der Zinssenkung wegen Mangels an Mut zur Wahrheit geschehen ist.

Sicherung d« Staatskasieu am jeden Preis ohne Rücksicht auf Rentabilität bet Wirtschaft mutz zwangsläufig zu einer

Vernichtung bet Wirtschaft führen.

Ausschlaggebend für die Bekämpfung ber Arbeitslosigkeit ist die Beseitigung unseres starren Lohnsystems. Ich halte die schematische Lohnsenkung für einen wirtschaftlichen Feh­ler, geschaffen aber werden mutz eine größere Freiheit der Arbeitnehmer, Arbeit zu suchen und anzunehmen, wo sie sich bietet. Auch eine Neuregelung der Arbeitslosenversicherung ist notwendig. Ein« der wirksamsten Wege zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ist die Wie­derherstellung der Wehrhoheit bes beutschen Volkes. Statt Abrüstung der anderen soll­ten wir nach dem Grundsätze „Gleiches Recht für alle!"

die Wiederherstellung der deutsche« Wehrhoheit

fordern. D« Landbund hat es für seine Pflicht gehalten, seine Kampfkraft einzusetzen St die Erreichung einer Regierung, die den

illen besitzt, die deutschen Kraftquellen in schwerster Schicksalsstunde auszuschöpfen und die letzten Reserven einzusetzen im Kampfe für Freiheit und Leben des deutschen Volkes.

Der Aufruf des Sahm - Ausschusses

Der Stahlhelm lehnt ab

Der vom Berliner Ob«bürgermeister Dr. Sahm ins Leben gerufene Hindenburg- ausschutz erläßt folgenden Aufruf:

„Das Volk wist Hindenburg! Deutsche: In wenigen Wochen soll das deutsche Volk den neuen Reichspräsidenten wählen. Millionen sind der lleberzeugung. daß für die höchste Würde bes Reiches nur ein Mann in Betracht kommt: Hindenburg! Gegenüber der geschichtlichen Persönlichkeit des gegenwär­tigen Reichspräsidenten treten alle anderen Namen zurück, die in den Erörterungen b« letzten Wochen von b« Patteipolitik ge­nannt worben sinb.

Hinbenburg: Um diesen Namen leuch­tet der Ruhm von Tannenb«g und die le­bendige Ettnnerung an das deutsche Heer des Weltkrieges, das vier Jahre lang den Boden der Heimat schützte und die deutschen Waffen siegreich in ferne Länder trug.

Hindenburg: Das ist ein Leben deut­scher Pflichterfüllung im Dienste des Vater-

- Fehlende Unterschriften

lartbes von der Kaiferproklamatt'on von 1871 bis zur Präsidentschaft ber Republik.

Hinbenburg: Das ist eine Ueberwin- , düng des Parteigeistes, das Sinnbild ber Volksgemeinschaft, die Führung in die Freiheit. •

Hindenburg: Das ist für Deutschland und die Welt die vornehmste Vettörperung der deutschen Natton: ber Erste im Kriege, ber Erste im Ftteben unb der Erste im Herzen seiner Mitbürger.

Deutsche! Seid in dieser Stunde ein Volk, dankbar, einig und groß.

Eine spontane Kundgebung soll Hindert-- b u r g bitten, sich als Volkskandidat für die Wiederwahl zum Reichspräsidenten zur Verfügung zu stellen. Keiner barf beiseite stehen, wenn es gilt, sich zu Hinbenburg und zur nationalen Einheit zu bekennen.

Deutscher! Dein Name gehört Hindenburg!

Berlin. 1. Februar.

Der Hindenburgausfchutz."

Der von dem Gahr Au> ch ’ r gebene Aulrui zur Doflswahl »bu enourz, ist unterzeichnet von folgenden Per:vmiq- terten: _ , _ .,

Oberbürgermeister Dr. Sahm: Reichs- g«id)tspräiibent a. D. Dr. Simon?; Oberpräsident von Batoäi: Frau Mi­nisterialrat Bäumer: Verbandsvor:eher Hans Bechly: Oberbürgermeister Be- lian; Staatsminister a. D. Dominien?; Geheimrat Dulsberg: Postbaurat Eck- ternach: Rechtsanwalt Seemann Fischer: Wil­helm Flügel: Landesbaurat Fritz-München; Reichsminister a. D. Dr. G e tz l e r: Stau Anna von Gierke: Präsident Dr. Grund; Heinrich Grünfeld: ©«hart Hauptmann; Geheimer Regierungsrat Dr. Georg Heim- Regensburg: Frau Geheimrat Hetzberger; Oberbürgermeister Jarres- Duisburg: Pro- fessor Junkers-Dessau: Präsident Dr. D. Kappler: ©en«afiuperintenbent D. Karow- Berlin: Staatssekretär z. D. Dr. Kemp, ner: Dr. Kleemann: Prälat Kreuz; Kommerzienrat Krumbhaar-Liegnitz: Freiherr von Landsberg-Steinfurth: Ernst Lemmer; Geheimrat Dr. Lewald: Professor Lieb«, mann: Atthur M a h r a un ; Geheimrat Os­kar von Miller-München: Präsident Dr. Mulett: Oberpräsident Gustav N o s k e ; Ge> Heimrat Prof. Duden: Verbandsvorsitzender Bernhard Otte: Geheimrat Professor Planck: Präsident Stadttat Pflugmacher-Magdeburg; Staatsminister Schmidt-Ott: Bffchof Schrei. ber-Berlin: Bankdirettor Dr. Solmssen: Pro- fessor Philipp Stein: Professor Tiflmmm- Bonn: Frau Dr. Dorothea Velsen: Ee- neralkonsuk 2Barm«= Stuttgart; Frau Mi. nisterialrat Helene Weber: GenerÄmajor a. D. Wintetteldt: Frau Dr. Zahn-Harnack.

Di« Absage bes Stahlhelms.

Das Bundesamt des Stahlhelms teilt mit:

D« erste BandesfShr« Selbte habe dem Berliner DbetbürgetmeiMet Dr. Sahm mit ge­teilt, datz « sich nicht in bet Lage sehe, dem von Dr. Sahm geplanten A n s s ch n tz für die Wiederwahl bes Reichs- präfibenten von Hinbenbmg beizntreten. Diese Stellangnahme richte sich nicht ge» ge^i Hindenburg. Der Stahlhelm er­blicke jedoch weder in Dr. Sahm die ge­eignete Persönlichkeit noch in dem von ihm beschrittenen Wege bet Bildung eines vor­wiegend mittelparteiliche« Ausschusses das geeignete Mittel für die Behandmag der Reichspräsidenten frage.^

Die Blätter des Schett-Verlages, „L o- kalanzeigett' unb ag" äußern sich mit Zurückhaltung. Sie unterstreichen di« Tatsache, daß der Aufruf nicht von em« Bereitwtfligkett des Reichspräsidenten spreche, die Kandidatur auf Grund eines Aufrufes des Ausschusses zu übernehmen und schließen daraus, daß d« Reichspräsident sich noch nicht entschieden habe.

Der „L o kalanzeiger" nennt dazu noch eine Reihe von Namen führend« Män­ner, die sich dem Ausschuß nicht angeschlossen hätten, obwohl sie vorh« genannt worden seien, unt« ihnen Dr. h. c. Brand es, Reichskanzler a. D. Dr. Cuno, Eckener, der Vorsitzende der Vaterländischen Ver- bände, Graf von der Goltz, d« Prä­sident des Reichsftiegerbundes, General von Horn, d« Erste Präsident des Reichsland­bundes, Graf Kalckreuth, d« Vor- sitzende des Reichsverbcmdes d« Deutschen Industrie, Dr. Krupp von Bohlen- Halbach, der Führer d« Freien Gewerk­schaften, L e i p a r t, Geheimrat Dr. Ra­vens, der volkspattelliche Reichstagsäbge- orbnete Gouverneur z. D. Dr. Schnee, der Bundesführ« des Stahlhelms, Franz Selbte.

Marburger Stadttheater

Preradooic: Verstehen wir uns?

Wie einfach ist boch bas Leben! Quantilla prudentia — mit welch geringem Aufwand an Klugheit ist es boch zu meistern! Wozu eigent­lich bemühen sich die Kolbenheyer, Zrese, Bar­lachs, bie Ertrnm, Zehrer, Schwarz, Niekisch, Söhlmann, die Hitler, Hugenberg Selbte, Dingeldey, Brüning um'ben neuen Staat, bie neue Wirtschaft, den neuen beutschen Men­schen? Warum diese Krisen ber Wirtschaft,' der Politik, bes Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus? Warum das Geschrei um Frei­heit ober Autorität, Mensch und Gott, Alter, Jugend. Liebe, Ehe, Individuum, Kollektivis- mus, Westen, Osten, Rom? Warum diese endlosen nächtlichen Debatten, diese ver­wirrenden Vorträge, Versammlungen, Hand­greiflichkeiten, warum diese Bücher, Zeitlchrif- ten, Flugblätter, heftigen Worte her und hin?

Verstehen wir uns? Schreiben, reden, schla­gen wir uns nicht auseinander? Kommen wir je zusammen? Kommen wir vorwärts? Ueberwinden unt, was alt, rückständig, über­lebt, unfruchtbar unb lächerlich ist? kommen wir zu neuen Ufern, säen wir neue Saat, überwinden wir die Sünden der Väter, uns selbst?

Warum solcher Aufwand, eitel, nutzlos ver­tan? Seht diesen Peter von Preradovic, die- | sen echten „Europäer", jugoslawischer Staats­angehörigkeit, kroatischer Vater-, deutscher Muttersprache, europäischer Seelenzugehörig­keit! Diese in drei Generationen gemischte wegweisende Raffe aus kiid- und nord­slawischem, deutschem, italienischem, unga­rischem. französischem Blut! Da gibt es doch keine Probleme, keine Krise der Ration, der Generation, der Obstipation! Rein, ewig gleich und spiegelglatt und eben — fließt das Leben!

Verstehen wir uns? Aber gewiß doch! Seht, hier sind drei Generationen. Die Mumien- Generation: die Großmutter, ihr Bruder (der Oberst), ihr Freund (der Hausarzt); die Erei- sengeneration: der Bankdirektor (Sohn der Großmutter), Thea, seine Frau; die „eigent­liche" Generation: Leo und Lilly, Bank- birektorskinder, und Emanuel» ein jung«

Dichter. Sie leben alle in einem guten Haus, in angenehmer Wohlhabenheit, bie Mumien spielen Skat, ber Vater macht in Effetten, seine Frau repräsentiert, alle haben wenig Zeit für die Kinder, die ihre eigenen Wege gehen.

Plötzlich großer Krach. Die Dank, an ber Papa Direktor ist, wackelt, große Unruhe im Haus, die Familie kommt ins Rollen unb, was schlimmer ist, ins Reden. Mit einer Geschick­lichkeit, die allein an dem ganzen „Stück" be­wundernswert ist, läßt der Verfasser Groß­mutter und Sohn, Enkelin und Freund, Enkelin und Enkel, Großmutter unb Enkelin, Großmutter unb Tochter auf der Bühne allein, damit sie uns in breiter Rede und Gegenrede auseinandersetzen, welche Abgründe zwischen den Generationen klaffen. Also Diskussi­onen am laufenden Band mit etwas pein­lichen Pausen dazwischen. Was wir da Horen, ist nicht gerade neu unb keineswegs tiefgrün­dig, z. B. daß bie jungen Leute ihr Glück alleine machen wollen und die Rücksichtnahme auf die Alten gründlich leib sind, ober daß bie alten Ehr- unb Standesbegriffe doch auch ge- wiffermaßen berechtigt waren und Pünktlich- keit unter allen Umständen von Nutzen ist. Manchmal wird es sogar erschütternd banal, z. V„ wenn bie Mutter von zwei erwachsenen Kindern ausruft: „Gib mir meine Jugend- fahre wieder, die mir der Krieg gestohlen hat!" 5a, d« Krieg spielt eine große Rolle in diesem „Stück", er entschuldigt alles! Er muß auch entschuldigen, daß diese in einem Hause le­benden Menschen „sich nicht verstehen", was übrigens wenn man es genau besieht, gar« nicht so schlimm ist, denn wir alle, Kinder unb Eltern, müssen uns darum ständig unb immer aufs neue bemühen. Viel schlimmer ist, daß diese Familienmitglieder sich nicht einmal recht trauen, sie glauben nicht mehr an­einander. und das ist eigentlich das völlig un­gelöste, mit dem Wort Krieg, 40 000 -Ä oder einer Verlobung auch nicht beiseite zu schie­bende Problem. Es ist wohl in dem „Euro- päertum“ des Dichters tief begründet unb uns sehr fremb.

Wie dem auch sei — bie ganze Familie, die bis dahin wohl noch keine Gelegenheit gehabt

hatte, sich auszusprechen, stellt plötzlich in leb­haften Zwiegesprächen fest, daß die Welt sich sehr gewandelt hat. Ein Vater muß Geld ver­dienen (früh« nicht?), eine Mutter muß re­präsentieren (früher nicht?), ein Sohn muß mit der Frau eines Briefträgers anbändeln dürfen, bie ihn promot aus ihrer Gunst ent­läßt, als Vaters Reichtum bebroht ist, eine Tochter muß sich in einen jungen Dichter ver­lieben können, ber nebenbei das Glück hat, einen wohlhabenden Vater zu beItzen. So redet man hin und her, und der Zuhörer d-nkt, das war mindestens schon zu Ibsens Zeiten genau so, aber nun muß das große Reue kommen, das uns Heutige angeht unb überzeugt.

Aber bas große Neue kommt nicht, fonbern es ist ganz einfach so, baß bie Großmutter, sehr klug unb sehr erfahren, noch 40 000 Jl im Strumpf stecken hat unb bamit den Rest bes Bankbefizits abdecken kann Nun ist fast alles in Butter. Die einzelnen Familienmitglie­der bebattieren zwar ein wenig weiter, ja, es kommt zu einer sehr schönen, saft überzeugen­den Aussprache zwischen Großmutter und Schwiegermutter, aber wenn dann zum Schluß die Enkelin-Lilly bas große Wort hat, sich mit ihrem Dichter verlobt unb von dem Eigenleben der Jugend faselt, dann stehen vor uns drei sehr ernste Fragen auf: Erstens, was wäre aus dieser Familie geworden, wenn die 40 000 Jl im Strumpf nicht gewesen wären? Zweitens, was wäre, mit oder ohne Bank­krach, aus allen Debatten geworden, wenn die­ser Prachtmensch von Großmutter, diese Der- körperung von Tradition, Leoensklugheit, Lebenswillen unb absoluter Sauberkeit nicht gewesen wäre? Und drittens, und mit dieser Frage mögen sich der Dichter und ber Inten­dant doch noch ein wenig beschäftigen: Wie kann man es wagen, einem deutschen Publi­kum im Jahre 1932 noch ein solches Zerrbild junger Menschen zu zeigen? Kam es jemals, kommt es aber besonders heute an auf solche Dichterlinge, wie diesen Sohn eines Brot­fabrikanten, der da ausruft: „Die Tat be­ginnt!" und nichts aufzuweisen hat als „Freunde bei den Zeitungen", bie ihm an­scheinend seine Gedichte abkaufen sollen, und einen Vater, auf besten Kosten er mit Neigun­gen zum Bolschewismus feine Jugenb ver­

bummelt? Sanbelt es sich heute noch um Töchter, bie, wie diese Lilly mit ein paar albernen Phrasen von Glück, Elend unb Rück­sichtnahme das Leben zu meistern wähnen? Der dritte Junge, Leo, mag gelten, um ihn ist uns, wie seiner Großmutter, nicht bange. Er wird außer seiner Viola unb Mechanik noch andere Sorgen unb Schicksalsfragen kennen unb hoffentlich ernsthafter anzupacken lernen. Aber von solchen Fragen ist in bem „Stück" von Preradovic nicht die Rede. Es dient lediglich b« Unterhaltung.

♦

„Stück" und Aufführung wurden gestern getragen von ber einzigen Gestalt, bte der Dichter zu schaffen vermocht hat, ber Groß­mutter, bie kaum eine Schauspielerin groß­artiger hätte barstellen können als Auguste Prasch -Erevenberg. Die Vettret« ber „Mumien-Generation", bie gestern in bem so beängstigenb schwach besetzten Stadt­saal saßen, konnten mit Recht stolz sein auf ihre klugen, gütigen Worte, unb sie taten Recht baran, dieser Meisterin des Spiels und lebensechten, herzlichen Ausdrucks ehrenden Beifall zu spenden. Auch die übri­gen Darstell« verdienen Anerkennung für ihre durchweg guten Leistungen. Maria Koch fand überzeugender, als ber Dichter es zu sagen vermocht hat, aus ber oberfläch­lichen Wett ber Repräsentation ben Weg zurück zu ihrer bederen Aufgabe als Mutter unb Frau. Jochen Hauer spielte ben mtt Kriegsettminungen, aber auch mit cini- gen tiefen Lebenserfahrungen gelabenen Oberst a. D. ganz vortrefflich. Auch Karl Heyser unb Raimund Scheich« hielten sich gut. Das Bühnenbild war ganz vortrefflich.

Das Marburger Publikum fand an dem „Stück" weniger zu lachen als das unserer Nachbarstadt. Es dankte lebhaft für die gute Darstellung, verließ aber das Theater nicht nur mtt innig« Freude über die alle Herzen gewinnende Großmutter, son­dern mtt Ernster Sorge um die, die nach ihr Schicksal gestatten sotten, die Enkel sowohl wie die „Stücke". Dr. S.