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Obrrhessiicke Zeitung. Marburg a. L.. Sonnabend, den 30. Januar 1932
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Sie Politik »er Sedie
Mit dem Beginn der Saison in Genf sollte sich der Schauplatz der politischen Vorgänge nach Genf verlagern, wenn nicht wesentlich andere Gegenstände in den Vordergrund des Interesses getreten wären. Die Unsicherheit der Lage, ist dieselbe geblieben. Weder innenpolitisch noch außenpolitisch, noch auch Hinsicht, lich der Reparationen sind irgendwelche positiven Ergebnisse zu buchen.
Der Kampf um Hindenburg.
Reichskanzler Brüning setzte mit seiner.Erwiderung auf die Denkschrift Adolf Hitlers fürs erste den Schlußpunkt hinter feine Aktion zur Verlängerung der Amtszeit des Reichspräsidenten auf parlamentarischem Wege. Der Cache nach brachte diese Antwort nichts Neues.
Deutsches Kreditabkommen 1932.
Das Ergebnis der langwierigen und komplizierten Verhandlungen zwischen den Vertretern des deutschen Schuldnerausschusses und der ausländischen Gläubigerbanken über die Verlängerung resp. Erneuerung des am 29. Februar ablaufenden alten Stillhalteabkommens löst zwar nicht die Probleme der deutschen kurzfristigen Verschuldung, trägt aber doch die Keime einer halbwegs annehmbaren künftigen Lösung in sich. Fruchtbar werden kann dieses deutsche Kreditabko^.men 1932 allerdings nur dann, wenn die kommenden neuen Reparationsverhandlungen endlich tn einem anderen Geiste und unter Aufstellung anderer Zielvunkte geführt werden, als es bei den ersten Versuch, zu einer Gesamtregelung 3U gelangen, und als es auch in der verflossenen Woche wiederum bei den Verhandlungen zwischen England und Frankreich geschehen ist. Immer noch weigert sich Frankreich, den Anschein seines vermeintlichen Rechtes vreiszu- geben und hat dieser Halsstarrigkeit auch die geplante Begegnung zwischen Macdonald und Laval vorläufig geopfert.
Senser Schlamassel.
Die in Genf im Augenblick des Zusammentritts der 66. Konferenz des Völkerbundsrats herrschende Situation läßt sich nur schwer mit einem der theoretischen Würde des Ortes und der Veranstaltung entsprechenden Ausdruck kennzeichnen. Die äußerst gefährliche, ja eine Katastrophe kaum mehr vermeidbar machende Zuspitzung im japanisch-chinesischen Konflikt ist eine allzu peinliche, wenn auch verdiente Quittung für die Energielosigkeit und Lauheit, mit der der Völkerbundsrat dreimal versäumt hat, in den Konflikt in dem Sinne, wie es seine Pflicht gewesen wäre, einzugreifen oder sich doch auch nur unzweideutig und klar darüber zu äußern. Mit dieser Niederlage hat der Völkerbundsrat fürs erste das Vertrauen verspielt, das man ihm hinsichtlich der Regelung gewisser innereuropäischec Streitigkeiten vielleicht noch. entgegen brachte. Dabei droht vom Memelgebiet her infolge der litauischen Gewaltpolitik eine Gefahr, deren Größe noch nicht recht abzuschätzen ist, die aber ganz unzweifelhaft nur durch unverzügliches mannhaftes Auftreten des Dölkerbundsrates in halbwegs annehmbarem Sinne bewältigt werden könnte.
Die richtig« Konferenz im richtigen Augenblick.
Die „Große" Abrüstungskonferenz scheint gerade in eine „große" Zeit fallen zu wollen.
Bom Kriegsschauplatz
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Stacheldrahtverhaue rings um die Grenze der Chinesenstadt.
Die ausländischen Konzessionsgebiete sind gegen die Cbinesenstadt mit Stacheldrähten abgezäunt und sowohl für die Japaner wie für die Chinesen gesperrt.
Man soll sich über die Tragweite der fernöstlichen Entwicklungen keinen Täuschungen hingeben. Zwar führen die Japaner ihren Eroberungsfeldzug in China taktisch sehr behutsam, allein behutsam oder nicht — der Augenblick ist gekommen, wo der Stoß sozusagen das Zentralnervensystem trifft. In diesem Falle sogar zwei solcher Systeme, nämlich in Schanghai, dem Brenn- und lieber« schneidungspunkt aller internationalen Interessen in China, und in Chardin, dem Kernpunkt und Bollwerk der russischen Interessensphäre im Fernen Osten. Man wird stark daran zweifeln müssen, daß es Japan gelingt, jetzt noch länger seinen Krieg gegen China als eine Säuberungsaktion zur Wiederherstellung der Ordnung zu frisieren. Der durch Japans Vorgehen hervorgerufene Zerfall der Ordnung in China macht bedrohliche Fortschritte, die höchstens in dem sehr gefährlichen Sinne einer verzweifelten Konzentration aller nationalen Kräfte zum offenen Kampf gegen den japanischen Eindringling bis zu einem gewissen Grade kompensiert werden. Daß hierin keine Milderung der Kriegsgefahr liegt, braucht wohl nicht gesagt zu werden.
Spanien in Flammen.
Angesichts dieser Drohungen treten die Vorgänge in Spanien, wo zeitweise Revolution und Gegenrevolution in bedenklicher Stärke wieder aufflammten, beinahe in den Hintergrund. Es scheint allerdings, als ob das endliche Eingreifen der Regierun gegen die kommunistisch-separatistische Propaganda, gegen die K'rchenstürmer und Klösterschänder ver
bunden mit der Geste der Aktion gegen die Jesuiten die unmittelbarsten Gefahren beschworen hätte. Immerhin wird man diese Dinge schon wegen ihrer Wirkung auf die politische Gleichgewichtslage im westlichen Mittelmeerbecken im Auge behalten müssen, denn wenn Spanien seine Revolutionsprobleme nun nicht bald und gründlich bewältigt, so besteht Gefahr, daß es zu einer Macht zweiten Ranges unter den westlichen Mitlel- telmeermächten herabfinkt.
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Reinhardt macht sich kleiner.
Kein Ruhm, kein* Glanz wird von der Krise verschont. Jetzt ist der berühmteste deutsche Theaterleiter, Max Reinhardt, der ob seiner Leistungen sogar von der Steuerbehörde respektvoll als volksbildend anerkannt wurde, glücklich soweit gekommen, daß er seinen Berliner Theaterkonzern habilieren, ja auf zwei Fünftel zusammenstreichen mutz. Nachdem er bereits früher eines seiner Theater aufgegeben hatte, verlätzt er jetzt seine beiden im Berliner Westen gelegenen Bühnen, die Komödie nud die Kammerspiele. Es bleibt ihm das Sorgenkind, der vor zwölf Jahren mit so grotzen Hoffnungen eröffnete „Zirkus Reinhardt, offiziell Großes Schauspielhaus genannt, und daneben die klassische Stätte seines Wirkens, das Deutsche Theater. Reinhardt
hatte sich in den letzten Jahren allzu sehr ausgebreitet und man mutzte aus seinen Bühnen manchmal schmerzlich seine Allgegenwart vermissen. Vielleickt gibt er in seinem zusammengeftrichenen Theaterkonzern jetzt wieder etwas häufigere Regie-Gastspiele nach dem Rezept: Nein aber gut.
Torgau: die größte Garnison der Welt.
Die Stadt Torgau kann sich rühmen, in einer Hinsicht die größte Garnison der Welt zu besitzen. Einer ihrer Mitbürger, dem Schuhmachermeister Bruno Richter, gehört nämlich die umfangreiche Zinnsoldatenarmee der Erde. Er verfügt über nicht weniger als 16000 Zinsoldaten, das gesamte preußische Gardekorps: HJnfanterie-Regimenter, 40 Schwadronen Kavallerie, 8 Abteilungen Artillerie, eine Maschinengewehrabteilung, Eardejäger, Eardeschützen, Train, Pioniere, das Husarenregiment 12, das früher in Torgau garnisonierte usw. Sein Bruder, der Kassensekretär Otto Richter in Torgau, besitzt 8000 Zinnsoldaten des ehemaligen vierten Armeekorps. Außer diesen beiden Sammlern gibt es in Torgau, auch Klein- Potsdam genannt, noch eine ganze Reihe Sammler, die auch sehr interessante Zinnsoldatenformationen besitzen. Damit wird der Rekord des englischen Marineleutnants Charmant, dem die Presse kürzlich nachrühmte, er sei mit 10 000 Figuren der Besitzer der größten Zinnsoldatenarmee der Welt, geschlagen.
Taubentreue.
Ein Brieftaubenzüchter in Norden (Ostfriesland) ließ am 14. Juli 1930 durch sei. nett Gewährsmann in Friedrichshafen von dort aus fünf seiner besten Tiere zum 720 Kilometer langen Rückflug nach Norden aufsteigen. Darunter befand sich auch ein prächtiger dunkler Täuber, der Liebling seines Schlages. Als die Tauben in Friedrichshafen freigelassen wurden, herrschte wohl gutes Wetter, aber es dauerte nicht lange und es setzte auf dem größten Teile des für die Rückreise in Betracht kommenden Gebietes stürmisches Regenwetter, ja in der Umgebung Nordens sogar Haaellchlaq ein. Die aefieder- ten Boten wurden nach allen Richtungen verschlaaen und nur eine Taube kehrte zurück. Auch der Täuber, der bereits 1929 einen Flug von Friedrichshafen glücklich durchgeführt hatte, blieb aus und sein Besitzer gab ihn verloren. Als dieser aber vor einigen Wochen seinen Taubenschlag betrat kam ihm sein länast für tot gehaltener Täuber entgegen, ließ sich wie früher von ihm aus der Hand füttern und streicheln und zeigte sich äußerst zutraulich. Anstatt des Erkennunqsringes, den das Tier bei seinem Abflug trug, hatte es einen andern. Es kann darauf geschlossen werden, daß der Täuber in ..Gefangenschaft" geraten worden war. Das treue Tier hat dann eine Gelegenheit zur Flucht wahrgenommen und nach fast 16 Monaten den Weg nach Hause gefunden
Aufsprkngen der Hande und des Gesichts wird aus« geheilt, schmerzhaftes Brennen sowie Röte und Juckretz der Haut werden beruhigt durch die wundervoll kühlende, reizmildernde Creme Leod»r. Unter-Vorkriegspreise.
(Nachdruck verboten!)
Roman von Johannes Hollstein.
ü. Sortievung.
>,-^ein Sohn hat mir nichts davon erzählt, Herr Geheimrat."
„Das macht dem Wackeren alle Ehre!" sagte der Geheimrat bewegt. „Cie dürfen stolz auf Ihren Jungen sein. Er hatte sich auch geweigert, seinen Namen zu nennen. Ich wüßte wirklich nicht, wie ich meinen Dank abstatten sollte, wenn nicht einer der Berufsphotographen Ihren Sohn geistesgegenwärtig gefilmt hätte. Ich erhielt heute den Film und Bekannte von nnr erkannten in dem Helfer Ihren Sohn. Ich trete heute eine größere Reise an. meine Tochter ist vor Aufregung noch ans
gefesselt und mein Schwiegersohn weilt in Südamerika. Drum komme ich heute noch um meinen tiefempfundenen Dank abzustatten. Ich bitte Sie herzlich, Ihrem heben, wackeren Sohne meinen Dank zu übermitteln."
„Gern, Herr Geheimrat!" sagte der ^merzlenrat erfreut „Ich freue mich, konnte^ et" Wü£f "erhuten
,,3a, und was für ein Unglück! Unser Sonnenschein, der kleine, liebe Kerl! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es mir zumute gewesen wäre, wenn der kleine liebe -ou/Iche tot wäre! Nein, Sie dürfen stolz
L^ren«^in, lieber Herr von ^Erlingk. Was für ein Mann, ein bild-
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ÄuX ft.*" Bate- 1n,,S.An»nimmer ,$uttöe ist er! Ist Nicht
‘®u.?nett- War lange auf Reisen! Ist erst fett vorgestern wieder da." 1
„Reisen soll die Jugend! Soll die Augen aufmachen und lernen. Sie arbeitet dann ganz anders, die Jugend wenn sie erst einmal ein Stück Welt gesehen hat. Sie werden noch viel Freude an Ihrem Jungen erleben. Ein ganzer Kerl! Unsereins hat einen Blick dafür. Nochmals herzlichsten Dank!"
Dann ging der Geheimrat.
„Sie werden an Ihrem Sohn noch viel Freude erleben!"
Das Wort ging dem Kommerzienrat im Kopfe herum. Er dachte darüber nach, wohin er den Jungen stecken könne, damit er sich in das väterliche Großunternehmen einarbeitete und einst sein Erbe antreten könne.
Da kam ihm ein Gedanke.
Rosenburg!
Sein großes Rittergut an der polnischen Grenze in Oberschlefien . . . das war eine Aufgabe zugleich.
Er ließ Willfried rufen. ♦
Wenige Minuten danach kam Willfried.
„Geheimrat Häberlein war bei mir!“ sagte Kamerlingk und betrachtete gespannt das Antlitz des Sohnes.
„Häberlein Unbekannt, Vater!"
Er vertauschte jetzt den Ausdruck Papa mit Vater, und er klang auch besser in seinem Munde.
„Häberlein ist ein weltbekannter Chirurge, Willfried. Er wollte dich sprechen,wollte dir seinen Dank abstatten. Ich habe mich sehr gefreut, als er erzählte, daß du sein Enkelchen vor dem Ueberfahren- werden durch einen Lastkraftwagen gerettet
Willfried war leicht verlegen.
„So hat er doch erfahren, wer ich bin."
„3a, durch einen Filmphotographen.
Hast deinen Namen nicht genannt! Junge,
ich hätte es auch so getan. Ich glaube, dir gehts wie mir: ich werde nur verlegen, wenn sich einer bei mir bedankt."«
„So ist es, Vater!" entgegnete Willfried, verließ aber schnell das Thema und fragte: „Hast du dir überlegt, wohin du mich stecken willst?"
„Ja antwortete der Kommerzienrat bedächtig. „Ich hätte eine Aufgabe für dich!"
„Ausgezeichnet."
Hör' zu, verstehst du was von Landwirtschaft?"
„Nein, noch nicht? Aber das darf kein Hinderungsgrund sein."
„Sollt's auch nicht! Du wirst tüchtig lernen! Also höre und entscheide dich! Du weißt, daß ich an der polnischen Grenze in Oberschlesien ein Rittergut besitze."
„Ist mir bekannt, Vater!"
Das Rittergut — Rosenburg heißt es — ist im denkbar besten Zustande, Gebäude, Maschinen, alles, was du dir wünschen kannst. Zu ihm gehören rund 2000 Morgen Feld, guter Boden und 800 Morgen Wald, der weniger wertvoll ist, denn der größte Teil ist erst seit zwanzig Jahren aufgeforstet! Jungholz!"
„Ich bin im Bilde!"
„Weiter: auf dem Rittergut schafft der Inspektor Thomas Brucks, ein großer, breitschultriger Mann, noch etwas massiver als ich, mit einem tiefschwarzen Vollbart und mit einer wunderbaren Ruhe begabt. Der Mann ist eine Persönlichkeit, er tritt auf wie ein Grandseigneur.
„Ist er tüchttg?"
Auf die Frage kam nicht gleich die Antwort.
Der Kommerzienrat sah vor sich hin.
„Ja . . . das ist der wunde Punkt. Das weiß ich nicht. Der Mann hält Rosenburg wundervoll im Schuß. Es knackt nur so. Und doch wirft das Rittergut kaum einen lleberschuß of "
„Das ist doch unmöglich, Papa!"
„Du hast recht! Es ist eigentlich unmöglich, aber ich habe trotz aller Mühe, die ich mir gegeben habe, nicht ergründen können, woran das liegt. Die Bücher sind mustergültig in Ordnung. Alles geht klar und sicher seinen Gang. Peinlich ist alles geregelt. Es ist nichts festzustellen. Wenigstens, ich habe nichts feststellen können."
„Stimmen denn die Ernteerträge?"
Der Kommerzienrat zuckte die Achseln. „Ja, das ist schwer zu sagen. Ich bin kein Landwirt, um denDoden nach seiner Klasse richtig zu beurteilen. Ich habe mit dem Nachbar, dem Rittergutsbesitzer Herrn von Waslewski Rücksprache genommen . . ."
„Ein Pole?"
„Scheinbar nicht! Er bezeichnet sich als guten Deutschen und ihm ist nichts Polnisches anzumerken. Also mit ihm nahm ich Rücksprache, und der jammerte mir vor, daß die Erträngnisse dort allerdins schlecht seien. Brachte verschiedenerlei Gründe vor. Aber ... ich bin doch nicht ganz überzeugt."
Willfried schüttelte verwundert den Kopf.
„Seltsam, seltsam, Papa! Ich meine... zu Rosenburg gehört soundsoviel Land, das muß, wenn man einen Durchschnittsertrag annimmt, soundsoviel bringen Mit dem Vieh ist es nicht anders. Milchkühe... Anzahl mal Durchschnittsertrag. Wenn da was nicht stimmt, da weißt du ja, wo du einhaken mußt."
„Ja, das wohl, aber . . . lerne erst mal diesen Brucks kennen ... der rechnet, ich sage dir, er ist ein Genie, der rechnet und setzt dir haarklein auseinander, daß eben ein Mustergut, das glänzend in Stand ge- halten wird, nicht mehr abwerien kann. Unrentabilität der Landwirtschaft."
(Fortsetzung folgt.)