grtitag, ftn 15. Sonant 1932
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Anzeiger für (bas frühere kurheffische) Oberhesfen
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Vorbereitungen für Lausanne
Mussolini fordert Einheitsfront der Schuldner — Unklare Haltung Englands — Wieder eine Zwischenlösung?
Englands Unsicherheit
(L London, 15. Jan. Ein Reuterbe- ncht verbreitet die Auffassung der eng- lischen Regierung zur Tributfrage und hebt hervor, daß England sich auch mit einem langfristigen Moratorium nicht zufrieden gebe, vielmehr für eine endgültige Lösung eintreten werde.
Der diplomatische Korrespondent des ^vaily Telegraph" glaubt zu wisse«, daß der französische Ministerpräsident Laval gewissen ausländischen Botschaftern ia Paris zu verstehen gegeben habe, Frankreich werde an der Lausanne-Konse- reuz nur teilnehmen, wenn es eine vorherige Verständigung mit Großbritannien und Deutschland erreicht habe.
Die englische Regierung werde sich nicht damit abfinden, die schwierige, aber wich- ltze Frage auf die lange Bank zu schieben inbem man sie Sachverstänoigen-Aus- Äüssen überweise, was offenbar die Politik bet Lausanner Konferenz zu sein scheint. Von diesem Standpunkt aus betrachtet man auch zweifellos in dem Vorschlag Mussolinis. eine Art Schuldnervereinigung gegenüber Amerika. England wolle die Erörterungen auf die Tribute beschränken und sie nicht auf die Kriegsschulden ausdehnen. „Financial Times" erklärt, es verstärke sich die Ansicht, daß die Tribute unbeschadet des Ergebnisies der Lausanner Konferenz praktisch erledigt seien und baß selbst die Halsstarrigkeit der Franzosen die Tributzahlungen nicht am Leben erhalten werde. Diese Ansicht sei durch die Erklärung Musiolinis und durch Berichte verstärkt worden, wonach das englische Kabinett mit der City darin Lbereinstimme, dasi es besser sei, die Tribute abzuschaffen anstatt sie noch herabzusetzen.
Reuter meldet: Obwohl es unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht so aus- sieht, als ob eine endgültige Regelung der Reparationsfrage erfolgen könnte, würde doch, wie man zu wissen glaubt, die englische Regierung mit einer Zwischenlösung allein nicht gufrieöen sein, die nur darauf hinausläuft, daß man auf der Stelle marschiert.
Die zuständigen amllichen britischen Kreise unterstützen einigermaßen die Ansicht, daß ein langfristiges Moratorium nicht genüge. ES wäre besser, wenn man jetzt keine endgülttgen Regelungen erlangen könne, einenVer- gleichzuschließen.derdie Endlösung beschleunigt, anstatt sie zu vertagen. Dieser Ansicht dürfte es zuzuschreiben sein, wenn die englische Regierung das ReparattonS- problem studiert und ihre Vemühungen darauf richtet, den Weg für eine künftigere Stimmung frei zu machen, um dadurch eine ungültige Regelung in den Bereich des Möglichen zu rücken. Es gilt noch eine vorläufige Einigung mit der französischen Regierung zu finden, und wenn es gelingt, mit Frarck- reich zu einer Verständigung zu kommen — die britische Regierung hegt noch die Hoff- wing, daß dies möglich sein wird — so wäre ein allgemeines Abkommen zwischen den E>läubigermächten in Lausanne un- Seheuer erleichtert. Man glaubt zu wissen, daß die englische Regierung es vorziehen würde, wenn die KriegSschuldensrage in Lausanne nicht erörtert würde und sich die Konferenz einzig und allein auf das Re- parationsproblem beschränken würbe. Die
Kriegsschuldenfrage kann befriedigend ohne Amerikas Mitwirkung nicht diskutiert werden, und dieser Staat wird nicht einmal durch einen Beobachter in Lausanne vertreten sein. Im übrigen ist das Datum des 25. Januar feststehend. Man glaubt nicht, daß die Konferenz länger als eine Woche dauern wird.
Das englische Kabinett «nd die Tribvt- frage.
Das englische Kabinett erörterte am Donnerstag wiederum die Tributfrage und hat Verhandlungen mit den italienischen Sachverständigen Beneduce ausgenommen. Heber den Plan der deut
schen Eisenbahnobligationen wird an zuständiger Stelle erklärt, daß er von England abgelehnt werde, während von anderer Seite mitgeteilt wird, daß die englischen Einwände sich nur gegen die Art der Behandlung dieser Frage richte. Layton hat sich in einer ausführlichen Denkschrift über die Belastung der Reichsbahn durch die Tribute geäußert.
Die italienischen Sachverständige« in London.
Wie die Londoner Blätter melden, sind gestern die italienischen Sachverständigen Prof. Beneduce und B u t i aus Paris in London eingetroffen. Sie haben in Paris mit dem Finanzminister F l a n» d i n und den Beamten des französischen Finanzministerium die Reparationsirags erörtert und suchen jetzt eine gleiche Aussprache mit dem Schätzerntzler und Sir Frederik Leith Rost.
Eine bescheidene und vernünftige Summe?
In einem Artikel tritt heute der bekannte Wirtschaftssachverständige Keynes dafür ein, daß die britische Regie- tiing sich offen für die völlige Stieb chung der Reparationen und Kriegsschulden und für die Vertagung der Lausanner Konfe- renz um 6 Monate erklärt. Keynes schreibt: An den Staatsmännern ist es jetzt, die Frage zu behandeln, für die sie Sachverständnis haben sollten. Ich bin sicher, daß das britische Volk einmütig wünscht, daß die Regierung entschlosien für die völlige Streichung der Reparationen und der Kriegsschulden eintritt, und daß der Premierminister s i ch a n die Seite Italiens ft eilt und den Aufruf Dr. Brünings unterstützt. Dies sollte unsere „erklärte Politik^ sein. Diese Politik brauche aber nicht unvereinbar zu sein mit der Rück- sichtmahnahme auf die diplomatischen Schwierigkeiten und den verschiedenen Graben der Entwicklung, die die öffentliche Meinung der verschiedenen Länder erreicht hat. Deshalb wäre es, so meint Keynes, im Interesse einer Regelung für Deutschland der Mühe wert, sein Einverständnis zu erklären, eine „bescheidene und vernünftige" Summe zu bezahlen, wenn dadurch eine Regelung möglich würde. Eine solche endgültige Regelung müsse im Laufe des Jahres erfolgen, doch glaubt Keynes, daß die Lage noch nicht reif ist, um eine solche Regelung bereits jetzt in Lausanne zu erzielen.
Der Schlußteil des Aussatzes bezieht sich auf die Konferenz von Lausanne und besagt:
Die Lage ist noch nicht reif für eine endgültige Regelung in Lausanne in diesem oder dem nächsten Monat. Es gibt mehrere Gründe, aus denen sie bestimmt unmöglich ist. Europa und Amerika werden von politische Erregungen beherrscht. Besonders können wir angesichts der bevorstehenden Wahlen in »Frankreich und in Preußen sicher sein, daß die Staatsmänner weder des einen noch des anderen Landes heute die Zugeständnisse machen, die sie vielleicht innerlich als weise erkennen und die sie in einigen Monaten zu machen imstande sein dürften.
Die Beschlüsse, die in Lausanne zu be- sassen sind, kömtten die folgende Form entnehmen:
1. Eine Aussprache der Alliierten, Deutschland in diesem Jahre einen präzisen Vorschlag für die endgültige gelt» setzung seiner Verpflichtungen zu machen.^
2. Eine Vereinbarung, die Entwicklung der Wirtschaftskrise während weiterer
Manöver um Briand
Im Zeichen der nahenden Wahlen
Die Huldigungsadresse, die der radikal sozialistische Parteiführer Herriot Briand überbracht hat, findet in politischen Kreisen große Beachtung, da man in ihr eine sich auf die Neuwahlen beziehende „symbolische Handlung" erblickt. Wenn sich auch Briand trotz aller Ableugnungen durch seine Freundeskreise nicht gerade bester Gesundheit erneuern sollte, so ist doch vorauszusehen, daß sich die Opposition seinen Sturz in vollem Maße zunutze machen und seinen Namen zur Kampfparole erheben wird. In den Kreisen, die sein bisheriges Verbleiben im Kabinett Laval stets aus taktischen Gründen bedauerten, herrscht jetzt tiefe Befriedigung. Wie lebhaft die Vriandfrage die französische öffentliche
Meinung bewegt, geht aus der Presse deutlich hervor. Anstatt abzuflauen, bemächtigt sich das Gerücht erneut feiner Person und will sogar wissen, daß Briand angeblich schon am Freitag oder Sonnabend in den Wandelgängen der Kammer erscheinen werde, um seinen guten Gesundheitszustand zu beweisen. Andere Blätter betanetzp daß Briand »ist zu -taktvoll sei, um sich in kleinlichen Mauövern zu gefallen. Er werde vermutlich nach feinem Landsitz abreisen. Schließlich verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß Laval am Dienstag mit einer Mehrheit von 58 bis 60 Stimmen rechnen dürfte, da die Opposition ihm bis zu den Neuwahlen Schonzeit gewähre.
Mussolinis Appel
Einheitsfront der Schuldner
Der Mailänder „Popolo d Italia veröffentlicht heute einen Artikel unter der lieberschrift: „Vor der vollendeten Tat- fache der deutschen Zahlungsunfähigkeit. — Eine Ansprache an Amerika"' Auch dieser Artikel dürfte aus der Feder Mussolinis stammen.
Der Artikel geht davon aus, daß Amerika der einzig: Staat sei, der niemanden etwas schulde, dafür aber Gläubiger aller Jet Diese Tatsache vereinfache das Problem. Alle seien sich deslen bewußt, daß es früher oder später zur Streichung der deutschen Reparationen kommen müsse.
Die deutsche Regienmg habe amtlich durch ihr« Botschafter mitgeteilt, daß Deutschland nicht mehr zahlen könne, weder heute, noch morgen, noch je. Das sei die vollendet« Tatsache «nd als solche «nwiderruflich, weil man nicht annehm«« könne, daß Deutschland nicht all« Folg« seines Schrittes vorausbedacht habe.
England teile nun mit, daß es keine radikalen Lösungen wünsche. Frankreich finde in der noch unbestimmten Haltung der Vereinigten Staaten einen Grund zur Unnachgiebigkeit. Der Schlüssel liege aber allem in den Händen der Vereinigten Staaten. Was sei nun zu tun? Solle man Gewaltmaßnahmen ergreifen, um Deutschland zur Zahlung zu zwingen? Mit welchem Ergebnis?
Die Zett der Ruhrbesetzung sei vorüber.
Eine derartige Maßnahme, an der sich in irgendeiner Form zu beteiligen Italien ablehnen werde, sei undenkbar. Was würde aus Locarno werden und was das Schicksal des Völkerbundes sein? Der einzige Ausweg sei, daß man zwilchen den europäischen Staaten mit der Schuldenstreichung beginne und dann
Amerika eine gemeinsame Front der ««ropäischeu Schuldner zeige.-
Glaubt ihr, daß die Vereinigten Staaten den Mut hätten, die weiteren Zahlungen ihrer Kredite von den europäychen Staaten zu fordern, die Deutschland eine solche Konzession gemacht hätten? Glaubt ihr, daß die Vereinigten Staaten Europa zwingen würden, den verderblichen Kreislauf, den die Lausanner Konferenz retzt endgültig brechen soll, wieder neu erstehen zu lassen? Gegenüber einem Willensakt ganz Europas, das durch den gegenseitigen Erlaß der Schulden beweisen würde, daß es die Unterscheidung zwischen Siegern und Besiegten überwunden habe, würden die Vereinigten Staaten nicht den Mut haben, darauf zu bestehen.
Diese Auffassung wird in dem Artikel des „Popolo d'Iialia" sodann in moralischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht begrüß bet In diesem Zusammenhang wird auch der günstigen Wirkungen gedacht die das H o o v«rmo rat or ium anfangs gehabt habe, bis die Zeichen der Genesung auslöschten „unter den großen, Wasserstrahlen der Prozedur, die die französischen Juristen, die die Finanzberater des Staates nun einmal sind, vornahmen." Wenn also schon bas einjährige Hoovermoratormm die Welt habe wiederbeleben können, so könne man an einer Genesung nicht zweifeln, wenn erst bas große Hindernis fortgeräumt sei, bas alle Völker augenblicklich in fernem Bann halte.
Aber bet erste Schritt müsse in Europa geschehen. Man könne nicht verlangen, daß die Vereinigten Staate« die Initiativ« ergriffen.
Europa müsse die Vereinigten Staaten vor eine vollendete Tatsache stellen, ebenso roie die europäischen Gläubiger Deutschlands die vollendete Tatsache seiner Zahlungsimfähig- keit annehrnen müssen. „Die g r o ß e Glocke der Wirklichkeit," so schließt der Artikel, „klingt mit ihren hämmernden Schlägen zwischen beiden Ufern des Atlantik