Einzelbild herunterladen
 

grtitag, ftn 15. Sonant 1932

tut ^vb«rtzkssisch« Seitung* et- scheut sechsmal wöchentlich. Be- jilgSpkei« monatl.t. Marburg 2.02 EM ausschl. Zustellungegebübr. hei unsren Agenturen 1.93 DM. ,u,ügl- Zustestellungsgebübr. durch hi« Post 2.25 GM Für etwa »urch Streik. Maschiaendefekl oder elementare Lreignist« ausfallend« giummern wird kein Ersatz ge­leistet- Verlag. Dr. 5. Hitzerotb. Druck der Univ-Duchdruckerei Job- Aug. Koch. Mark« 21/23. Fernsprecher: £Rt. 54 und Rr. 55. Postscheckkonto: Am« Frankfurt g. M. Rr. 5015. Sprechzeit der Redaktion von 1011 und

Ubr.

i9 bttli efiffriie

***** J6 Ai Ti i ft ft **

$w*wN* A/ M stnttütttiiM

Anzeiger für (bas frühere kurheffische) Oberhesfen

Rk.12 ez. Safte. Marburg n. Mn

Der Anzeigenpreis beträgt für den 11 gespalt. Zeilenmillimeter 0.08 SM. Familienanzeigen bei Barzabl. 0.07 SM., amtl u. anS- «värtige An,. 0.10 GM Sog. kleine ilnzetgen nach Gpezialtarif.Grund- schrift: Seiend. Bei schwiertg.Sah. sowie bd Platzborschrift 50'i. Auf­schlag. Sammelanzeigen 10O1, Aufschlag Reklam--Millim. 0.40 SM. Grundschrist > Petit. Jeder RabaN gilt al« Barrabatl Ziel 5 Tage. Offerteu-Sebsthrr 25 Pfg., bd Zustellimg der Angebote duscht. Porw -.60 GM. Belege werden berechnet. Erfüllungsort Marburg.

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt nnd Kreis Marburg.

Vorbereitungen für Lausanne

Mussolini fordert Einheitsfront der Schuldner Unklare Haltung Englands Wieder eine Zwischenlösung?

Englands Unsicherheit

(L London, 15. Jan. Ein Reuterbe- ncht verbreitet die Auffassung der eng- lischen Regierung zur Tributfrage und hebt hervor, daß England sich auch mit einem langfristigen Moratorium nicht zu­frieden gebe, vielmehr für eine endgül­tige Lösung eintreten werde.

Der diplomatische Korrespondent des ^vaily Telegraph" glaubt zu wis­se«, daß der französische Ministerpräsident Laval gewissen ausländischen Botschaf­tern ia Paris zu verstehen gegeben habe, Frankreich werde an der Lausanne-Konse- reuz nur teilnehmen, wenn es eine vor­herige Verständigung mit Großbritannien und Deutschland erreicht habe.

Die englische Regierung werde sich nicht damit abfinden, die schwierige, aber wich- ltze Frage auf die lange Bank zu schieben inbem man sie Sachverstänoigen-Aus- Äüssen überweise, was offenbar die Politik bet Lausanner Konferenz zu sein scheint. Von diesem Standpunkt aus betrachtet man auch zweifellos in dem Vorschlag Mussolinis. eine Art Schuldnerver­einigung gegenüber Amerika. England wolle die Erörterungen auf die Tri­bute beschränken und sie nicht auf die Kriegsschulden ausdehnen.Finan­cial Times" erklärt, es verstärke sich die Ansicht, daß die Tribute unbeschadet des Ergebnisies der Lausanner Konferenz praktisch erledigt seien und baß selbst die Halsstarrigkeit der Franzosen die Tribut­zahlungen nicht am Leben erhalten werde. Diese Ansicht sei durch die Erklärung Musiolinis und durch Berichte verstärkt worden, wonach das englische Kabinett mit der City darin Lbereinstimme, dasi es besser sei, die Tribute abzuschaffen anstatt sie noch herabzusetzen.

Reuter meldet: Obwohl es unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht so aus- sieht, als ob eine endgültige Regelung der Reparationsfrage erfolgen könnte, würde doch, wie man zu wissen glaubt, die eng­lische Regierung mit einer Zwischenlösung allein nicht gufrieöen sein, die nur darauf hinausläuft, daß man auf der Stelle marschiert.

Die zuständigen amllichen britischen Kreise unterstützen einigermaßen die An­sicht, daß ein langfristiges Mo­ratorium nicht genüge. ES wäre besser, wenn man jetzt keine endgülttgen Regelungen erlangen könne, einenVer- gleichzuschließen.derdie Endlösung beschleunigt, anstatt sie zu vertagen. Dieser Ansicht dürfte es zuzuschreiben sein, wenn die englische Regierung das ReparattonS- problem studiert und ihre Vemühungen darauf richtet, den Weg für eine künftigere Stimmung frei zu machen, um dadurch eine ungültige Regelung in den Bereich des Möglichen zu rücken. Es gilt noch eine vorläufige Einigung mit der französischen Regierung zu finden, und wenn es gelingt, mit Frarck- reich zu einer Verständigung zu kommen die britische Regierung hegt noch die Hoff- wing, daß dies möglich sein wird so wäre ein allgemeines Abkommen zwischen den E>läubigermächten in Lausanne un- Seheuer erleichtert. Man glaubt zu wissen, daß die englische Regierung es vorziehen würde, wenn die KriegSschuldensrage in Lausanne nicht erörtert würde und sich die Konferenz einzig und allein auf das Re- parationsproblem beschränken würbe. Die

Kriegsschuldenfrage kann befriedigend ohne Amerikas Mitwirkung nicht diskutiert wer­den, und dieser Staat wird nicht einmal durch einen Beobachter in Lausanne ver­treten sein. Im übrigen ist das Datum des 25. Januar feststehend. Man glaubt nicht, daß die Konferenz länger als eine Woche dauern wird.

Das englische Kabinett «nd die Tribvt- frage.

Das englische Kabinett erörterte am Donnerstag wiederum die Tributfrage und hat Verhandlungen mit den italie­nischen Sachverständigen Beneduce ausgenommen. Heber den Plan der deut­

schen Eisenbahnobligationen wird an zu­ständiger Stelle erklärt, daß er von Eng­land abgelehnt werde, während von anderer Seite mitgeteilt wird, daß die englischen Einwände sich nur gegen die Art der Behandlung dieser Frage richte. Layton hat sich in einer ausführlichen Denkschrift über die Belastung der Reichs­bahn durch die Tribute geäußert.

Die italienischen Sachverständige« in London.

Wie die Londoner Blätter melden, sind gestern die italienischen Sachverständigen Prof. Beneduce und B u t i aus Paris in London eingetroffen. Sie haben in Paris mit dem Finanzminister F l a n» d i n und den Beamten des französischen Finanzministerium die Reparationsirags erörtert und suchen jetzt eine gleiche Aus­sprache mit dem Schätzerntzler und Sir Frederik Leith Rost.

Eine bescheidene und vernünftige Summe?

In einem Artikel tritt heute der be­kannte Wirtschaftssachverständige Key­nes dafür ein, daß die britische Regie- tiing sich offen für die völlige Stieb chung der Reparationen und Kriegsschulden und für die Ver­tagung der Lausanner Konfe- renz um 6 Monate erklärt. Keynes schreibt: An den Staatsmännern ist es jetzt, die Frage zu behandeln, für die sie Sachverständnis haben sollten. Ich bin sicher, daß das britische Volk einmütig wünscht, daß die Regierung entschlosien für die völlige Streichung der Reparatio­nen und der Kriegsschulden eintritt, und daß der Premierminister s i ch a n die Seite Italiens ft eilt und den Aufruf Dr. Brünings unter­stützt. Dies sollte unsereerklärte Po­litik^ sein. Diese Politik brauche aber nicht unvereinbar zu sein mit der Rück- sichtmahnahme auf die diplomatischen Schwierigkeiten und den verschiedenen Graben der Entwicklung, die die öffent­liche Meinung der verschiedenen Länder erreicht hat. Deshalb wäre es, so meint Keynes, im Interesse einer Regelung für Deutschland der Mühe wert, sein Einverständnis zu er­klären, einebescheidene und vernünftige" Summe zu be­zahlen, wenn dadurch eine Regelung möglich würde. Eine solche endgültige Regelung müsse im Laufe des Jahres er­folgen, doch glaubt Keynes, daß die Lage noch nicht reif ist, um eine solche Regelung bereits jetzt in Lausanne zu erzielen.

Der Schlußteil des Aussatzes bezieht sich auf die Konferenz von Lausanne und besagt:

Die Lage ist noch nicht reif für eine endgültige Regelung in Lausanne in die­sem oder dem nächsten Monat. Es gibt mehrere Gründe, aus denen sie bestimmt unmöglich ist. Europa und Amerika wer­den von politische Erregungen beherrscht. Besonders können wir angesichts der be­vorstehenden Wahlen in »Frankreich und in Preußen sicher sein, daß die Staats­männer weder des einen noch des ande­ren Landes heute die Zugeständnisse machen, die sie vielleicht innerlich als weise erkennen und die sie in einigen Mo­naten zu machen imstande sein dürften.

Die Beschlüsse, die in Lausanne zu be- sassen sind, kömtten die folgende Form entnehmen:

1. Eine Aussprache der Alliierten, Deutschland in diesem Jahre einen prä­zisen Vorschlag für die endgültige gelt» setzung seiner Verpflichtungen zu machen.^

2. Eine Vereinbarung, die Entwicklung der Wirtschaftskrise während weiterer

Manöver um Briand

Im Zeichen der nahenden Wahlen

Die Huldigungsadresse, die der radikal sozialistische Parteiführer Herriot Briand überbracht hat, fin­det in politischen Kreisen große Beachtung, da man in ihr eine sich auf die Neuwahlen beziehendesymbolische Handlung" er­blickt. Wenn sich auch Briand trotz aller Ableugnungen durch seine Freundeskreise nicht gerade bester Gesundheit erneuern sollte, so ist doch vorauszusehen, daß sich die Opposition seinen Sturz in vollem Maße zunutze machen und seinen Namen zur Kampfparole erheben wird. In den Kreisen, die sein bisheriges Ver­bleiben im Kabinett Laval stets aus tak­tischen Gründen bedauerten, herrscht jetzt tiefe Befriedigung. Wie lebhaft die Vriandfrage die französische öffentliche

Meinung bewegt, geht aus der Presse deutlich hervor. Anstatt abzuflauen, be­mächtigt sich das Gerücht erneut feiner Per­son und will sogar wissen, daß Briand an­geblich schon am Freitag oder Sonnabend in den Wandelgängen der Kammer er­scheinen werde, um seinen guten Gesund­heitszustand zu beweisen. Andere Blätter betanetzp daß Briand »ist zu -taktvoll sei, um sich in kleinlichen Mauövern zu ge­fallen. Er werde vermutlich nach feinem Landsitz abreisen. Schließlich verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß Laval am Dienstag mit einer Mehrheit von 58 bis 60 Stimmen rechnen dürfte, da die Oppo­sition ihm bis zu den Neuwahlen Schon­zeit gewähre.

Mussolinis Appel

Einheitsfront der Schuldner

Der MailänderPopolo d Italia veröffentlicht heute einen Artikel unter der lieberschrift:Vor der vollendeten Tat- fache der deutschen Zahlungsun­fähigkeit. Eine Ansprache an Ame­rika"' Auch dieser Artikel dürfte aus der Feder Mussolinis stammen.

Der Artikel geht davon aus, daß Ame­rika der einzig: Staat sei, der niemanden et­was schulde, dafür aber Gläubiger aller Jet Diese Tatsache vereinfache das Problem. Alle seien sich deslen bewußt, daß es früher oder später zur Streichung der deutschen Repara­tionen kommen müsse.

Die deutsche Regienmg habe amtlich durch ihr« Botschafter mitgeteilt, daß Deutschland nicht mehr zahlen könne, weder heute, noch morgen, noch je. Das sei die vollendet« Tatsache «nd als solche «nwiderruflich, weil man nicht annehm«« könne, daß Deutschland nicht all« Folg« seines Schrittes vorausbedacht habe.

England teile nun mit, daß es keine radi­kalen Lösungen wünsche. Frankreich finde in der noch unbestimmten Haltung der Vereinigten Staaten einen Grund zur Unnachgiebigkeit. Der Schlüssel liege aber allem in den Händen der Vereinigten Staaten. Was sei nun zu tun? Solle man Gewaltmaßnahmen ergreifen, um Deutschland zur Zahlung zu zwingen? Mit welchem Ergebnis?

Die Zett der Ruhrbesetzung sei vorüber.

Eine derartige Maßnahme, an der sich in irgendeiner Form zu beteiligen Italien ab­lehnen werde, sei undenkbar. Was würde aus Locarno werden und was das Schick­sal des Völkerbundes sein? Der ein­zige Ausweg sei, daß man zwilchen den euro­päischen Staaten mit der Schuldenstreichung beginne und dann

Amerika eine gemeinsame Front der ««ropäischeu Schuldner zeige.-

Glaubt ihr, daß die Vereinigten Staaten den Mut hätten, die weiteren Zahlungen ihrer Kredite von den europäychen Staaten zu fordern, die Deutschland eine solche Kon­zession gemacht hätten? Glaubt ihr, daß die Vereinigten Staaten Europa zwingen würden, den verderblichen Kreis­lauf, den die Lausanner Konferenz retzt endgültig brechen soll, wieder neu erstehen zu lassen? Gegenüber einem Willensakt ganz Europas, das durch den gegenseitigen Erlaß der Schulden beweisen würde, daß es die Unterscheidung zwischen Siegern und Besiegten überwunden habe, würden die Vereinigten Staaten nicht den Mut haben, darauf zu bestehen.

Diese Auffassung wird in dem Artikel des Popolo d'Iialia" sodann in moralischer, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht begrüß bet In diesem Zusammenhang wird auch der günstigen Wirkungen gedacht die das H o o v«rmo rat or ium anfangs ge­habt habe, bis die Zeichen der Genesung auslöschtenunter den großen, Wasserstrahlen der Prozedur, die die französischen Juristen, die die Finanzberater des Staates nun ein­mal sind, vornahmen." Wenn also schon bas einjährige Hoovermoratormm die Welt habe wiederbeleben können, so könne man an einer Genesung nicht zweifeln, wenn erst bas große Hindernis fortgeräumt sei, bas alle Völker augenblicklich in fernem Bann halte.

Aber bet erste Schritt müsse in Europa geschehen. Man könne nicht verlangen, daß die Vereinigten Staate« die Ini­tiativ« ergriffen.

Europa müsse die Vereinigten Staaten vor eine vollendete Tatsache stellen, ebenso roie die europäischen Gläubiger Deutschlands die vollendete Tatsache seiner Zahlungsimfähig- keit annehrnen müssen.Die g r o ß e Glocke der Wirklichkeit," so schließt der Artikel,klingt mit ihren hämmernden Schlägen zwischen beiden Ufern des Atlantik