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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Berarrntmachnngen für Stadt und Kreis Marburg.

Am 18. Januar Tributkonferenz

Amerika macht nicht mit Lausanne als Tagungsort Englische Zugeständnisse an Frankreich

ft Washington, 31. Dez. Das Staatsdepartement teilte seinen diplomati­schen Vertretern in Europa mit, datz die Vereinigten Staaten an der Konferenz in Lausanne nicht teilnehmen werden.

Konferenz am 18. Januar.

fk. London, 31. Dez. Wie wir von gut unterrichteter englischer Seite er­fahren, wird die Reparations­konferenz am 18. Januar in La«sa,nnezusammentreten. Eine endgültige Regelung der Tributfrage ist nicht mehr zu erwarten, da England sich auch in dieser Frage dem finanziellen Standpunkt angeschlossen hat

Die englische Regierung hat durch ihre diplomatische Vertretungen Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Belgien, Griechenland, Rumänien, Süd- flawien, Portugal, der Tschechoslowakei und Polen nahegelegt, sich mit der Schwei­zer Regierung uegen der Repara- tionskonferenz, die nach englischer Ansicht am 18. Januar in La u - sänne beginnen könne, in Verbindung zu setzen. Die britische Negierung werde sich unverzüglich mit dieser Angelegenheit an die Schweiz wenden. Man sei in Lon­don überzeugt, datz die Schweizer Re­gierung den englischen Wünschen entgegen­komme werde, lieber die Gründe, die die britische Regierung bewogen haben, auch Polen einzuladen, obwohl Polen nicht direkt an den Tributen beteiligt ist, ver­lautet, datz Polen durch das Hoovermora- torium hinsichtlich gewisser Reliefschulden an den Verhandlungen interessiert sei.

ft London, 31. Dez. Die meisten Morgenblätter erklären unter Hinweis auf die Haltung Amerikas als unvermeidlich, datz auf der kommenden Reparativnskcnfe- renz nur eine vorläufige Rege­lung erreichbar sein werde. Sie geben aber zu, daß dies keine ideale Lö­sung wäre, setzen aber ihre Hoff­nung auf eine künftige Aende- rung der Haltung der Vereint g- ten Staaten.

Daily Telegraph" sagt in einem Leit- artikel: Ob ein dreijähriges Mo­ratorium ausreichen wird, das Ver­trauen wieder herzustellen, bleibt abzu­warten. Immerhin würde bannt eine Atempause gegeben sein.

Times" meinen, die britische Regie­rung wünscht nach wie vor einer Lösung so nahe wie irgend möglich zu kommen. Sie sei sich darüber klar, dah vorläufige Notbehelfe nicht geeignet seien, die wirt- schaflliche Stabilität in Deutschland und das Vertrauen auswärtiger Kapitalisten in Deutschlands Zahlungsfähigkeit wieder herzustellen. Die Regierung sei deshalb der Meinung, datz es in Ermangelung einer Vereinbarung über Annullierung oder westgehendster Verminderung der Schuloen wünschenswert sei, eine wirk­lich weite Ausdehnung des Moratoriums Und eine Verminderung der Sachliefe­rungen zu erreichen, verbunden mit der Zusage, dah die Reparations-Annuitäten, wenn deren Zahlungen nach der Erholung Deutschlands wieder ausgenommen werden, nicht über Deutschlands Zahlungsfähigkei­ten hinausgehen werden.

3m Leitartikel sagenTimes": Es ist eine Regelung notwendig, die zum min­desten die europäischen Mächte der Sta­bilität ein weites Stück näher bringen wird. Eine solche Regelung schließt min­destens Bedingungen ein. nämlich ein an­

gemessenes Moratorium und eine Herab­setzung der künftigen Verpflichtungen Deutschlands auf eine Dumme, die keinen Zweifel darüber läßt, dah Deutschland sie zurückbezahlen kann, ohne seinen Wechsel­kurs zu stark zu stören.

Financial News" setzt ihren Kampf für eine endgültige Lösung fort und sagt, wenn eine völlige Annullie­rung der Kriegsschulden unmöglich sei, so könnten die deutschen Annuitäten auf bei­spielsweise 400 bis 500 Millionen Gold- rnark festgesetzt werden. Zur Zahlung einer solchen Summe würde Deutschland in verhältnismäßig kurzer Zeit im Stande fern.

Französisches Feuerwerk zur Reparationskonferenz.

fk. Paris, 31. Dez. ImJournal'* wendet sich Saint Brice gegen die an­geblichen Vorschläge der englischen Re­gierung, die die deutschen Reparations­zahlungen, ganz gleich ob geschützter oder ungeschützter Natur, auf drei Jahre hin­ausschieben wolle. Französischerseits, so betont das Blatt, sei mehr denn je davon überzeugt, datz n u? e i n e s x a n z i' ch- ' englische Verständigung geeignet

sei,die deutschen Manöver gegen die Re­parationen" zu stören. Wenn man aber zu einer Uebereinftimmung gelangen wolle, so dürfen nicht wieder die Schwie­rigkeiten verschleiert und neue Meinungs­verschiedenheiten dadurch vorbereitet wer­den, datz man als Grundlage französisch- englischer Verhandlungen eine Zusammen­fassung der englischen Vorschläge darstellt. Es sei zu hoffen, datz der englische Finanz­sachverständige, Leith Rotz, andere Vor­schläge mitbringt, als diejenige, die bisher aus London eingetroffen waren. Die eng­lische Regierung dürfe niemals vergesien, datz Frankreich sich nicht zu einem der­artigen Spiele hingeben werde. Wsim man, wie von englischer Seite vorgeschlagen werde, die deutschen Zahlungen ohne Unterschied auf drei Jahre verlängert würde, so würden sie nicht nur einen Vor­rang der Privatschulden vor den Repara­tionen bedeuten, sondern gerade zu einem Monopol dieser Privatschulden führen. In Paris ziehe man andere Schlußfolgerungen aus dem Bericht der Baseler Sachverstän­digen, der ausdrücklich feststellt, datz Deutschland sich unter normalen Beziehun­gen ift eine» ganz anderen ßäge befinden werde, als dies augenblicklich der Fall sei.

Hugenbergs Neujahrsparole

Der beutfchnationale Parteiführer, Dr. Hugenberg, hat folgenden NeujahrS- aufruf erlassen:

Das Jahr 1931 brachte die Götter­dämmerung der marxistischen Demokratte. Die Aichänger der Demokratte wurden selbst zu ihren Totengräbern. Aber sie setzten an die Stelle des plötzlich von ihnen verleugneten Systems nicht etwa einen neuen organischen Staatsaufbau, vielmehr suchten sie mir ihre eigene Herrschaft zu sichern, indem sie dem Willen des Volkes eine bürokratische Diktatur entgegenstellten. Die Folge ist Terror und Gewalt und dro­hender Bürgerkrieg.

Das Jahr 1931 brachte das Erwachen aus dem Erfülllingswahn. Der Zusammen­bruch Deutschlands unter dem Poungplan rechtfertigt vor aller Welt unser Volks­begehren vor zwei Jahren. Aber die Er­kenntnis von der Anmöglichkeit der Er» MlungSpolittk hat die heute Regierenden nicht zu einer Aendemng ihrer autzen- polittschen Mechoden veranlaßt Dadurch sind die Möglichkesten, die für eine Re­vision der FttedenSdiktate und für eine 'Beseitigung der Tttbutlasten vorhanden waren und sind, zum Teil verpaßt zum Teil gefährdet

Denen, die im vergangenen Jahre treu unter den deutschnationalen Fahnen ge­kämpft haben und allen denen, die mit uns ein gesundes, glückliches und freies Deutsch­land wollen, rufe ich für das Jahr 1932 zu:

Der Kampf geht um Preußen, wo in diesem Jahre die Machtentscheidung fällt sofern die Verfassung überhaupt noch etwas gilt Voraussetzung für einen neuen Aufbau des Staates ist die Ausschaltung des ftaatsfeinolichen Sozialismus, lieber Preußen muß das Reich erobert werden. Letzten Enoes entscheidend wird aber sein, was danach geschieht und ob es gelingt ein Deutschlano auszubauen, in dem Reich und Länder in gesunder organischer Glie­derung und im Sinne nicht alter Formen, sondern preußisch-deutschen Geistes geführt werden, und in dem soziale Gerechtigkeit an die Stelle sozialistischer Pfründenwitt- schast tritt

Der Kampf geht vor allem auch um die Freiheit nach außen. Wir können und wir wollen keine Tribute mehr zahlen. Der Widerruf der Kriegsschuldlüge ist die Grundlage des Kampfes um die Revision des Versailler Diktats. Die Ungleichheit der Rüstungen, die eine Gefahr für Deutschland und Europa ist, muß ver­schwinden. Wir wollen eine Regierung, die den Mut hat, den klaren Willen des Volkes in die Tat umzusetzen.

Die Deutschnattonale Volkspartei bekennt sich zu ihrer alten Parole: national, christ­lich, sozial.

Dr. Dingeldey überKampf und Glaube im neuen Jahr".

Berlin, 30. Dez. Der Führer der Deutschen Volkspartei, Reichstagsabgeord­neter Dr. Dingeldey, veröffentlicht zum Jahresende einen längeren Arttkel Kampf und Glaube im neuen Jahre".

Er führt darin u. a. aus, datz das Hin- strömen zum Radikalismus im Grunde der Ausdruck des verratenen Glaubens, des Umherirrens und Suchens, der Furcht und der Verzweiflung sei, die heute in Deutschland die Menschenmasien regierten. Aus solchen Kräften könnten zwar Mas­senbewegungen entstehen, aus denen ent­stehe aber nicht parteipolitisch aufbauende, wirkliche nationale gemeinschaftsbindende Arbeit. Jede Wiederbelebung unserer Wirtschaft, wie auch der Kreditwirtschaft in der Zßelt sei völlig abhängig von der Neuschöpfung des Vertrauens in der wirt­schaftlichen Arbeit der ganzen Welt. Die­ses Vertrauen werde und könne nicht ent­stehen, wenn die Tribut- und Schulden­fragen nicht aus den Kämpfen der Völ­ker verschwinden. Dingeldey betont wei­ter seinen Glauben an das nationale Bürgertum sowie die Deutsche Volkspar­tei und ihren inneren Sinn. Das neue Jahr werde die Deutsche Volkspartei nicht kleinmütig und verzagt, sondern kampf- entschlosien, an Zahl zwar geringer, an Widerstandskraft und Zukunftsvertrauen aber umso entschlosiener finden.

Deutsche Losung

Eine Neujahrsbettachtung von Walter Dloem.

Seit siebzehn Jahren steht das deutsche Volk in kräftezerreibendem Kampf um die Behauptung des nackten Daseins. Seine Weltgeltung ist vernichtet sein National- vermögen verwüstet seine werbenden An­lagen stehen zu einem großen Teile still und müssen verrotten, seine Verpflechtung in den Welthandelsmarkt wird zerfasert Arbeitslosigkett läßt Millionen schaffenS- süchttger Anne und Herzen verdorren. Die Geburtenziffer finit so tief, daß wir mit reihender Geschwindigkeit.auf den Bevöl­kerungsstand vor 1870 zurückgleiten wer­den und dieser Kräfteschwund hat am heftigsten gerade die lebenswürdigsten und geisthaltigsten Schichten befallen.

Diese zerrüttete Volkheit ist unbegreif­licherweise noch immer der Gegenstand der Furcht, des Rachedurstes, der Raffgier der Umwelt Zweidrittel unserer arbeits­fähigen Menschen müssen das erwerbslose Drittel samt seinem Anhang durch chre Arbett mtternähren und können es trotz aller Anspannung kaum vor dem Ver­hungern bewahren. And dennoch ist der Wahnsinn der Welt entschlossen, neben dem Riesenmaß an Schulden, das ge­dankenlose Mißwirtschaft uns aufgepackt hat, auch nochpolittsche" Tttbutlasten von phantastischer Höhe aus uns herauszu­pressen.

lieber der materiellen Bedrängnis türmt sich in schwindelnder Aebergipfelung die seelische. Anter den Mlllionen der Ver­zweifelten aller Attersstufen wütet der Oeffentlichkeit geheim gehalten, eine wahre Selbstmordepidemie. Das Elend der Mas­sen, die Prvletattsierung des Mittelstan­des, der Zusammenbruch der altange­stammten wie auch der in frevelhafter Ausnutzung des nationalen Anglücks rasch und roh zusammengerafsten großen Ver­mögen lassen die Gesamtheit nicht zum Be- wußtsein der gemeinsamen Not kommen. Jeder Stand, jede Pattei, jede Witt- schastsgruppe ist bemüht den anderen die Schuld am allgemeinen Anglück aufzubür- den. Schroffer als je zuvor stehen die ge­sellschaftlichen Schichten und die welt- anschauNchen Gruppen einander gegenüber.

Seit länger als anderthalb Jahrzehn­ten sind wir verdammt, die Schwelle des Jahreswechsels in düsterer Bersorgtheit um die nächste Zukunft unseres Volkes und jedes einzelnen Daseins zu überschreiten. Aber so sehr wir uns auch an einen Zu­stand nimmer aufgehellter Lebensangst ge­wöhnt hoben so tief wie heute war die Verdüsterung noch nie.

In all diesen Jammer leuchtet ein ein­ziger Hoffnungsstrahl: Die wachsende Selbstbesinnung der Nation drin g t in immer breitere Kreise bis tief in die Schichten der handarbeitenden Massen. Die be­ängstigende, aber doch auch letzten Wider­stand entflammende Erkenntnis, daß wir nirgendwo auf Hilfe oder auch nur auf Anteil und Verständnis zu hoffen haben, als einzig bei uns selber. Unter der Wucht dieses 'Begreifens vereinfacht sich das Bild der politischen Zerrissenheit un­seres Volkes. Klar arbeitet sich eine über­sichtliche Gliederung der weltanschauuchen unb staatbildenden Gedankenwelten her­aus. Frellich, mit der Zusammenballung dieser großen Gruppen steigert sich chre Stoßttaft, verschärft sich der Wille zum Entscheidungskampf. Aber während die linke Flügelgruppe sich immer bewußter vom letzten Zusammenhänge mit unseren nationalen lleberlieferungen löst und sich