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Montag, tcn’S. M1931
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
St. 302 Sß.SaW.
Marburg a. Lahn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Amerika läßt Europa allein?
„Deutschland soll seine Zahlungsunfähigkeit erklären" — Bevorstehende Aussprache zwischen Macdonald und Laval
Washington, 27. Dez. In höchsten Sashingtoner, mit dem Weißen Haus nd dem Staatsdepartement in engster Verbindung stehenden Amtsstreisen wird rhlärt, daß Amerika keinen Ver- lieter zur Haager Konferenz : i-n t s e n d e n werde. Die Hoover-Re- lierunq beabsichtige, Europa gegenüber olange eine Nichteinmischungspolitik zu erfolgen, als es sich nicht für die Siche- ung der deutschen Zahlungsfähigkeit nb für die Vorbereitung zur Wieder- ; ehr der europäischen wirtschaftlichen < rholung verbürge.
■ Die Opposition im Kongreß gegen jeg- Hches Zugeständnis in der Schuldenfrage E'nge die Regierung, ihre ganze Kraft inneren Wirtschaftsfragen zuzuwen-
. Augenblicklich sei selbst die Entsen- g eines Beobachters zweifelhaft.
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i. Paris, 28. Dez. Wie der „New- ker Herald" aus Washington berich- glaubt man, daß die E n t s ch e i - n g über die Beteiligung Ame- ta 5 an der Regierungskonferenz r die Schulden- und Re para- nsfrage von der Fassung der Ein- mg abhängen werde, die an die Ver- gten Staaten gerichtet würde. Im fe der gestrigen "Unterredung zwischen er und den Mitgliedern des Kabinetts e sich eine Opposition gegen i Beteiligung geltend g e - ch t, dagegen wären Staatssekretär 'Ion und die Finanzsachverständigen eine Beteiligung der Vereinigten aten.
IDie Anregung des Baseler Berichts be- ’ iglich der Kriegsschulden hat bei fütp mden amerikanischen Kongreßmit- liebern beider Parteien stärksten Widerspruch hervorgerufen. Der emokratische Fraktionsfüh er Rainev kündigt endgültige Ableh» mg des Kongresses gegenüber einem Zahlungsaufschub der Kriegsschulden an. r führte u. a. aus, feder, der für ein >eues Moratorium stimme, belaste den amerikanischen Steuerzahler mit wei- iren 11 Milliarden Dollar. Dis merikanische Regierung habe sich verflichtst, den Kontrakt cinzubalten, den e mit den amerikanischen Bürgern ein- hangen sei, als sie Bonds zur Finan- erung des Krieges ausgegeben habe, lamals hätten die Konareßleute betont, sß es sich nur um eine Anleihe handele, ob daß das Geld zurückgezahlt werde, er republikanische Fraktionsführer nell betonte, es gehe nicht an, daß t europäischen Staaten ihre Schulden vf die Amerikaner abladen. Damit ürbe das amerikanische Volk niemals inverstanden fein.
»ssprache zwischen Macdonald und Laval vor der Regierungslonferenz.
ft. Paris, 28. Dez. Ministerpräsident I a c d o n a l d hat dem französischen kinisterpräsidenten ein Schreiben iiber- ichen lassen, ln dem er dem Wunsche «lsdruck gibt, vor der bevorstehenden Re- erungskonferenz eine persönliche ussprache stattfinden zu lassen.
Der außenpolitische Berichterstatter des »Echo de Paris", Pertinax erinnert : diesem Zusammenhang noch einmal an e Ergebnisie der Besprechungen zwischen 'm französischen Finanzminister Flandin pb Leith Roß. Die englische These geht Mhin, Deutschland ein öjähriges F o ratorium zu gewähren und Frank- Orch zu dem Verzicht auf seine Repara- Donsforderungen einschließlich des ungenützten Teiles zu bewegen und es auf der Mderen Seite durch die Auwebung seiner
Schulden an Amerika schuldlos zu halten. Finanzminister Flandin machte demgegenüber geltend, daß Deutschland min- destens den ungeschützten Teil der Reparationen zahlen müße, der ihm unter Umständen in Form eines Kredites an die Reichsbahn wieder zur Verfügung gestellt werden könne, wie dies gelegentlich des Hoover-Moratoriums der Fall gewesen ist. Rach Wiederherstellung der wirtschaftlichen Verhältnissen soll Deutschland die Reparationszahlun
gen in vollem Umfange wieder aufnehmen, und nur vom geschützten Teile befreit werden, wenn Amerika seinerseits auf seine Schuldenforderungen verzichtet. (?) Die beiden Finanzsachverständigen wurden sich schließlich dahin einig, daß alles unternommen werden müße, um die Eläubigermächte Deutschlands nach der Gewährung eines Moratoriums von Schuldenzahlungen an Amerika zu befreien. Die von Macdonald angestrebte Unterredung mit
Blutige Zusammenstöße in Indien
Englische Notverordnungen und ihre Folgen
London, 27. Dez. Die englische Regierung hat drei neue Not st and s - Verfügungen erlassen, die der Regierung in der Nordwestprooinz in Indien neue weitgehende Vollmachten zur Aufrechterhaltung der Ordnung geben. Sie gestatten Massenverhaftungen, Inhaftnahme von verdächtigen Personen, Besitzergreifung von Gebäuden und Land, Herausgabe von Bestimmungen, die den Zutritt zu bestimmten, besonders gefährdeten Gebieten verbieten und die Einsetzung von besonderen Gerichtshöfen, die das Recht haben, gegen aufrührerische Personen sofort die Todesstrafe zu verhängen. Der Handel mit Waffen wird einer besonders scharfen Kontrolle unterworfen. Die Behörden sind berechtigt, gegen Personen, die Steuern verweigern, sofort einzuschreiten.
Sofort nach Herausgabe dieser Notstandsverfügungen kam es zu schweren Zusam- rnenstößen zwischen den Behörden und den Roten Hemden, die in größerer Anzahl in Peschawar erschienen waren. Die Polizei ging mit Stöcken gegen die Menge vor, während das Militär das Feuer eröffnete. Daber wurden acht Personen getötet und 50 verletzt. Der Chef der Polizei wurde verwundet. Auch nt anderen Bezirken kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, wobei die Menge auf die Polizei mit Steinen warf. Die Behörden melden jedoch, daß sie die Sage völlig in der Hand haben.
Der Führer der Roten Hemden, Abul Bhafur Khan, der auch der Gandhi der Nordwestgrenze genannt wird, und sein Bruder sind von den englischen Behörden verhaftet und aus der Nordwestprovinz abgeführt worden. Außerdem wurden noch 17 Verhaftungen vorgenommen. Die englischen Behörden erklären, daß sich Bhafur
einer gefährlichen und aufreizenden Propaganda schuldig gemacht und den Frieden ernstlich gestört habe. Durch sein Verhallen gefährde er die verfassungsmäßige Entwicklung der Nordwestprovinz.
Ämnihernd 200 Verhaftungen, darunter Pandit Nehru.
Wester wird gemeldet: Zm Zusammenhang mit den neuen von der englischen Regierung erlassenen Notstandsverfügungen sind seit Freitag in den fünf Distrikten der indischen Nordwestprovinz 188 Personen verhaftet worden. Unter den Verhafteten befinden sich zwei Zeitungsoerleger und mehrere führende Persönlichkeiten der Roten Organisation. Nachdem es am Sonnabend in Peschawar zu schweren Zusammenstößen gekommen war, ereigneten sich in den verschiedenen Orten neue Zusammenstöße zwischen Polizei und Rothemden. An einer Stelle wurde eine Polizeiabteüung, die einen Mann wegen unbefugten Waffen- tragens verhaftet hatte, angegriffen und mußte sich in em Haus einschließen. Die Polizisten wurden gezwungen, den Gefangenen und die beschlagnahmten Waffen wieder herauszugeben.
Der Präsident des Allindischen Kongresses, Pandit Jahwarlal Nehru, wurde auf der Reise von Allahabad nach bay von der britischen Polizei verhaftet. Bomban von der brstischen Polizei verhaftet, eine Versammlung des Arbeitskomitees des Indischen Kongresses zu besuchen. Gleichzeitig mit Nehru wurde ent anderes bedeutendes Kongreßmitglied verhaftet.
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Gandhi wieder in Indien.
fk. Bombay, 28. Dez. Gandhi ist heute früh hier gelandet.
Laval scheint auch in erster Linie der Lösung dieser Frage zu dienen. Pertinax erklärt hierzu, daß die Aufstellung einer gemeinsamen englisch-französischen Front, nur unter gewissen Umständen möglich sei.
Kommt man zuO Einsicht?
fk. London, 28. Dez. In einer Besprechung des Baseler Berichtes unterstreicht die Londoner Presse, daß der Tributroum Sie Welt von einem Unglück in dax andere gestürzt habe. Es sei zwecklos, jetzt wieder eine neue Art Porrngplan auszuarbeiten.
Die Pariser Presie, die ursprünglich der deutschen Auffassung über den Baseler Schlußbericht entgegengetreten war, hebt jetzt ebenfalls hervor, daß Deutschland nicht in der Lage sei, seinen Verpflichtungen nachzukommen.
Senator Borah für gänzliche Tributstreichung.
Senator Borah erklärte nach einer Washingtoner Meldung zum Baseler Er
gebnis, daß er keine wirtschaftliche Erholung Europas sehen könne, solange die Reparationen nicht gänzlich gestrichen würden. Zwölf Jahre lang seien Konferenzen abgehalten und Aenderungen vorgeuom- men worden, ohne daß eine Besierung eingetreten sei. Wenn Europa die Tribute nicht annullieren könne, sei es besser für die Vereinigten Staaten, Europa gänzlich allein zu lassen, um nicht selb st mit in den Bankrott hin- eingezogen zu werden. Die französische Behauptung, daß die ungeschützten Zahlungen berechtigt seien, könne Deutschland durch die Erklärung zurückweisen, daß bereits rund 10 Milliarden gezahlt worden feien.
Erdbeben in Oberitalien.
Rom, 27. Dez. Am 1. Weihnachtsfeiertag find mehrere Ortschaften in Friaul von einem Erdbeben heimgesucht worden. In Artegna sind zahlreiche Häuser beschädigt worden. Zn Osoppo und Gemona weisen mehrere Gebäude Risie auf.
DerKernderAbrüstungsfrage
Von Oberst a. D.
Dr. h. c. Bernhard Schwertfeger.
An der Schwelle des neuen Jahres empfängt uns die seit Iahren erörterte, seit Monaten mit immer verstärktem Nachdruck in den Vordergrund des politischen Interesses geschobene Abrüstungsfrage. Für Anfang Februar erwartet man den Zusammentritt der großen Genfer Abrüstungskonferenz. Da ist es hoch an der Zeit, daß alle deutschen Menschen sich dessen bewußt werden, was diese Konferenz für uns bedeutet und um was es sich im letzten Grunde handelt.
In der widerspruchsvollen Fülle der Abrüstungsgedanken, die letzthin in allen Kulturländern der Erde und mit besonderem Nachdruck bei uns in Deutschland erörtert worden sind, tritt immer noch nicht klar genug zutage, wie es gekommen ist, daß der pazisistische Erundinhalt der Abrüstungsidee „Nie wieder Krieg" oder des Weckrufes der Freifrau v. Suttner „Die Waffen nieder" um plötzlich aus dem lichten Äether des Gedanklichen in die rauhe Wirklichkeit tatsächlicher politischer Erwägungen herabgestiegen ist. Den Grund dafür müssen in erster Linie wir Deutschen nüchtern und klar erkennen, um daran zu ermessen, was uns zu tun bleibt und mit welchen Hoffnungen wir an die Abrüstungskonferenz hcrantreten dürfen.
Ms im Herbst 1918 nach dem Hinzutritt frischer, überreichlich ausgestatteter und von kriegerischem Geist beseelter amerikanischer Streitkräfte die Waage des Schicksals sich zu Ungunsten Deutschlands und seiner Verbündeten neigte, da beherrschte die sogenannten Siegerstaaten jener Triumphgedanke, dem die Inschrift am Denkmal des Poilu auf der Esplanade zu Metz „On les a" — „Man hat sie" — vielleicht den treffendsten Ausdruck gibt, daß es nunmehr endlich gelungen sei, das wilde Raubtier in der Mitte Europas, „boche", das Volk der Hunnen und Kriegsverbrecher, der Völkerrechtsverletzer und Aktenfälscher zu , überwältigen. Viereinhalb Jahre der schwersten Nöte und Blutopfer hatten dahingehen müssen, ehe es gelang, den Kriegswillen der deutschen Menschen endlich zu brechen, die unbestreitbare militärische Ueberlegenheit des deutschen Heeres unschädlich zu machen. Nun aber galt es, dieses mühsam erreichte Ergebnis für eine möglichst lange Zukunft sicherzustellen. Daher ersannen die Schöpfer des Versailler Diktates die Entwaffnungsbestimmungen, die im Teil V des Versailler Äertragsinstrumentes enthalten sind, und die unserem Vaterlande die bekannten schweren Abrüstungsbestimmungen unter der Begründung aufnötigten, es solle dadurch die Einleitung einer allgemeinen Rüstungsbeschränkung aller Nationen ermöglicht werden. Wie der Gang der Dinge gezeigt hat, kam es den damaligen Machthabern der Entente, die stärker waren als der mehr ideell eingestellte Wilson, in allererster Linie darauf an, zuerst einmal die Entwaffnung Deutschlands sicher- zustellen. Das mit so großer Mühe einge- fangene reißende Tier mußte unschädlich gemacht und in seinem durch unerträglich schwere Grenzänderungen künstlich noch verengerten Käfig festgehalten werden, damit es nicht „wieder wie 1914" ausbrach und seine friedlichen Nachbarvölker in das Grauen eines neuen Krieges stürzte.
In dieser Auffassung liegt der unlösliche Zusammenhang zwischen der Entwaffnungsfrage und dem Problem der Verursachung des Weltkrieges, also der sogenannten Kriegsschuldlüge, begründet. Die völlig falsche Anschauung, die unter dem Einflüsse der Kriegspropaganda entstanden und durch die ganze Welt verbreitet worden war, die Vorstellung nämlich eines kriegslüsternen Deutschlands, das im Sommer 1914 den erwünschten Anlaß oer Serajewo benutzt habe, um die Welt mit Krieg zu überziehen, aus keiner anderen Absicht als der, nun endlich die Weltherr, schäft an sich zu reißen: diese Vorstellung hat die Eegnerstaaten in der Auffassung geeinigt, daß man nur durch die Entwaffnung Deutschlands künftigem neuem Unheil vorzubeugen vermöge. Ebenso, wie man es fertig brachte, den ganzen Vertrag von Versailles mit seinem Artikel 231 als Sühne für begangene