Dienstag,
den 17. Ros. IM
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Anzeiger für (das frühere kurhesfische) Oberhessen
Marburger TagesanzeLger
Mische Lan-eWtung
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Marburg a. Loba
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Was wird das Zentrum tun?
Die entscheidende Frage nach der Hessenwahl — Soll die N. S. D. A. P. immer noch ausgeschaltet werden?
Wichtige Entscheidung
Das Echo in der Presse
Nachdem sich die erste Aeberraschimg über den Ausgang der hesiischen Landtags- wahlcn gelegt bat, siebt im Vordergrund vor allem die Frage, wie in Zukunft regiert werden soll. Die Weimarer Koalition, die 13 3abre hindurch im Lande Hessen tonangebend war, ist nicht mehr möglich. Auf der anderen Seite läßt sich aber auch eine reine Rechtsregierung nicht bilden, da die Nationalsozialisten, die bekanntlich über 27 Mandate verfügen, zusammen mit den Deutschnationalen, dem Hessischen Landvolk und der Deutschen Volkspartei nur 31 Mandate aufbringen können, roäbrenb zur Mehr- heitsbildung 36 Stimmen notwendig sind. Eine Mehrheit gegen die Nationalsozialisten wiederum-läßt sich nur schaffen, wenn die Weimarer Koalition zu ihrer Unterstützung die Kommunisten heranholi. Da aber eine solche Möglichkeit von vornherein ausschaltet, so wäre entsprechend den parlamentarischen Grundsätzen die einzig mögliche Regierung «me Verbindung der beiden stärksten Parteien, die miteinander arbeiten können, nämlich von Zentrum und Nationalsozialisten.
Daß die Nationalsozialisten zu einer Koalition mit dem Zentrum unter gewissen, Bedingungen nicht abgeneigt sind, haben die in der letzten Zeit geführten Gespräche über die Synthese Hitler-Brüning hinreichend bewiesen. Die Frage ist aber, ob auch das Zentrum sich bereitfinden wird, dem Wilken der hessischen Wählerschaft nach entern. Kurswechsel, wie er in dem Wahlergebnis schlagend zum Ausdruck kommt, Rechnung zu tagen. Die Zentrumspartei ist sich ihrer Schlüsselstellung sehr wohl bewußt. Ohne das Zentrum kann überhaupt keine Regie- rung gebildet werden. Bisher aber hat man für den Fall eines Zusammengehens mit den Nationalsozialisten stets die Bedingung ausgestellt, daß dort eine geistige und politische Umformung vor sich gehen und daß die nationalsozialistische Bewegung den politischen Möglichkeiten angepaßt werden müsse. In den kommenden Auseinander- chungen zwischen Zentrum und NSDAP, m Hessen wird sich zeigen, ob in diesen grundlegenden Fragen überhaupt eine Heber« vnstimmung möglich ist. Allem Anschein «ch bat das Zentrum wenig Neigung, nach- iugeben. Die Partei des Reichskanzlers bellst sich darauf, daß sie sich auch im hessischen Wahlkampf als ein unerschütterliches Bollwerk erwiesen habe. Das hessische Zenttum -eint, soweit sich die Dinge heute bereits iberblicken lassen, entschlossen zu sein, sich torläufig überhaupt auf keine koalitionspo- itischen Unterhaltungen mtt den National- ozialisten einzulassen. Wohin diese Tattik ihren wird, bleibt abzuwarten. Wenn es acht gelingt, Zentrum und Nationalsozia- 8ten unter einen Hut zu bringen, so wird lllch Hessen in die Reihe der Länder ein- tteten, in denen bisher eine parlamentarische Regierung nicht zustande gekommen ist, und «v, wie in Bayern, Sachsen, Oldenburg und Hamburg ein gestürztes Kabinett als „ge- i-äftsfübrende Regierung" weiter amtiert.
dies besonders im Hinblick auf das hessische Wahlergebnis einer völligen Nichtach- htng der Volksmeinung und einer geradezu demonstrativen Verleugnung des demokratischen Prinzips gleichkommen würde, braucht W nicht erst gesagt zu werden.
In Linkskreisen tröstet man sich bamtt, daß Re Nationalsozialisten auch in Hessen noch slicht die absolute Mehrheit erreicht haben. Rn der Spätausgabe des sozialdemottatischen b8 o r ro ä r t s" wird sogar behauptet, daß pfe NSDAP, auch nicht die Aussicht habe, *ber in Hessen noch sonstwo allein die *ebrbeit zu gewinnen, wenn — die Kräfte *s Widerstandes, nämlich der Sozialdemo- tatie, stark bleiben. Vielleicht, daß man auch in Zentrumskreisen immer noch *ben Hoffnungen bmgibt Dabei beweisen tade die Wahlen in Hessen das Gegenteil, ta noch 9 Mandate fehlen der NSDAP, n absoluten Mehrheit! Noch vor kurzem st niemand von den berufenen Hütern der Demokratie auch nur im entferntesten daran
geglaubt, daß die NSDAP, jemals die bei weitem stärkste Partei werden würde. Bei dem ungeheuren Aufschwung, den die Partei Hitlers genommen bat, besteht durchaus die Möglichkeit, daß gerade die unmotivierten und kleinlichen Hmdernifse, die man den Nationalsozialisten auf dem Wege zur Machtübernahme entgegensetzt, die Welle des Protestes zu einer alles über'chwemmenden Flut ansteigen lassen. Daß die Sozialdemokratie gar nicht mehr so sehr davon überzeugt ist. daß es ihr gelingen wird, die nationalsozialistische Flut auftubalten, beweist die Tatsache, daß man in SPD.-Kreisen bereits von der Möglichkeit einer sozialdemokratisch-kommu-
Der Ausgang der hessischen Landtags- Wahlen wird in der Berliner Presse, deren Aeuherungen naturgemäß alle unter dem Eindruck des nattonalsozialistischen Sieges stehen, eingehend besprochen.
Der sozialdemokratische „Abend" und die Presse der Mittelparteien betonen, daß trotz des großen Wahlerfolges der Ra- tionalsozialisten eine klare Mehrheitsbildung nicht erfolgt ist, und daß das Zentrum sich gut behauptet hat. Der „Abend" spricht von „Krisen- und Verzweiflungswahlen". Die Harzburger Front werde
Drohung der S. P. D.
Sie fordert „eindeutige Erklärung" des Kanzlers
Wie das Nachrichtenbüro des Vdz. erfährt, wird voraussichtlich dm Dienstag eine Besprechung der sozialdemokratischen Führer mft dem Reichskanzler Dr. Brüning stattfin- den. Man ist bet der Sozialdemokratie der Auffassung, daß durch das Auftreten der Nationalsozialisten, das auf der anderen Seite eine geschlossene Abwehrfront auf der Linken geschaffen habe, der Bürgerkrieg in bedrohliche Nähe gerückt sei. Die Sozialdemokratie will diese polftischen Fragen zum Gegenstand einer Aussprache mit der Reichsregierung machen. Sie wist von der Reichsregierung eine eindeutige Erklärung nerlangen, ob sie die Vorbereitungen des Nationalsozialismus zum Bürgerkrieg wetter dulden wolle oder ob sie bereit sei, diesem Treiben mtt allen Mitteln energisch entgegenzutreten.
Zentrum und Reichsbanner.
3n einer Mitteilung der Pressestelle der Zentrumspartei heißt es u.a.: Der „Völkische Beobachter" hat die Behauptung aufgeftellt, der Vorsitzende der Deutschen Zentrumspartei, Prälat Prof. Dr.
Kaas, wäre Mitglied des Reichsban- neiy Schwarz-Rsi-Äold. Mr stellen demgegenüber fest, daß Pros. Dr. Saas nie« malfe Mitglied des Vorstandes des Reichsbanners oder auch nur Mitglied desselben gewesen ist, daher auch nicht austreten bann, wie es vom Hitlerorgan gefordert wird. Wir stellen auch ausdrücklich fest, daß die Zentrumspartei als solche in keinerlei Verbindung mit dem Reichsbanner steht.
Auch öffentliche Banken für Börseneröffwmg.
Berlin, 16. Nov. Nachdem nunmehr durch die 7. Durchführungsverordnung über die Devisenbewirtschaftung Vorsorge dafür getroffen ist, daß die aus dem Verkauf von deutschen Wertpapieren entstandenen Guthaben vom Auslande nicht abgezogen werden können, bat der Verband öffentlich-rechtlicher Kreditanstalten erneut um baldige Wiederherstellung des Börsenverkehrs ersucht. Der Verband hat darauf aufmerksam gemacht, daß sich die Unzuträglichkeiten des rmge- t eg eiten Wertpapierverkebrs in steigendem Maße bemerkbar machen. Nur durch Wiedereröffnung des Börsenverkehrs könne der Wertpapierhandel eine reeste Grundlage erhalten und die Unruhe und Unsicherheit, unter der gegenwärtig die Mettenbesitzer leiben, beseitigt werden.
msti chen Einhettsfront gegen den „Faschismus' spricht. Dr. Breitscheid hat in Darmstadt erklärt, „wenn die kommunistische Par- tet auf Terrorismus und Putschismus ver- zichtet, dann wäre eines der Hmdernifse besemgt, die einem gemeinsamen Abwehrkampf der Arbeiterschaft gegenüber dem Fa- ^.nnis tm Wege stehen." In kommu- ntstvchen Kreisen hat der Vorschlag zur Bil- düng emer roten Einhettsfront ein immerhin fteundllches Echo gefunden. Nur scheint man sich dort diese Front unter Ausschluß der heutigen sozialdemottatischen Führer vorzu- stesten.
Das ist eine Entwicklung, die auch dem Zenttum zu denken geben sollte und die die Gefahr eines Bürgerkrieges bedenklich naherückt, falls man sich nicht zu einer Aenderung des heutigen, Kursus entschließt. Hinru kommt noch ein weiterer sehr wichtiger Ge- stchtspuntt, der nicht außer acht gelassen werden barf. 3n Linkskreisen hat man es fast nach jeder Wahl als einen Erfolg für sich verbucht, daß der Einbruch in die marristi- sche Front den Nationalsozialisten nicht gelungen sei. Tatsächlich sind die Verluste der Marrrsten auch bei den Hessen-Wahlen nicht allzu groß gewesen. Sie betragen, wenn man die Gewinne der Kommunisten, der kommunistischen Opposition und der sozialistischen Arbeiterpartei berücksichtigt, gegenüber dem 14. September 1930 etwa ein Mandat. • Dadurch aber, baß bie SPD. fortgesetzt
Stimmen an ihre weit radikaleren marristt- schen Genossen abgeben muß, wird sie immer mehr in die Roste eines Vortrupps des Kommunismus hineingedrängt. Eine Entwicklung, die sie ganz von selbst dazu zwingt, sich immer mehr den kommunistischen Eepffo- genhetten anzupassen, um nicht ihren ganzen Wählerbeftanb zu verlieren. Um so mehr wird sich bas Zentrum überlegen müssen, ob es durch ein wetteres Zusammengehen mit der SPD. sich sozusagen auf indirektem Wege zum Wegbereiter des Kommunismus machen will.
Das Urteil gegen die Henning-Mörder.
Hamburg, 16. Nov. Nach achttägiger Verhandlung wurde am Montag nachmittag im Prozeß gegen die Mörder des kommunistischen Bürgerschaftsmitgliedes Ernst Henning vom Hamburger Schwurgericht das Urteil verkündet. Es wurden verurteilt wegen gemeinschaftlichen Totschlages, gemeinschaftlich verübten versuchten Toffchlages, gemeinschaftlicher Nötigung und verbotenen Waffenbesitzes Hoeckmayr zu fiebenIahren Zuchthaus, Jansen zu sieben Jahren Zuchthaus und Sammel zu sechs Jahren Zuchthaus. Der Staatsanwalt hatte für Hoeckmayr und für Jansen neun und für Bammel acht Jahre Zuchthaus bean- tragt
wieder zerfallen, ohne die Macht erobert zu haben, wenn die Kräfte des Wider» standes gegen sie stark bliebest. Kern dieses Widerstandes aber könne nur die So- zialdemottatte sein.
Die „Germania" schreibt: Es gibt heute praktisch nur noch vier Parteien in Deutschland: Die Nationalsozialisten, die Sozialdemokraten, die Kommunisten und das Zentrum. Am die gegenwärtige Situation in Deutschland richtig zu kennzeichnen, braucht man nur darauf hinzu- rveisen, daß von diesen Parteien zwei sozialistisch sind und die dritte und größte den Sozialismus nicht nur in ihrem Aamen und Programm für sich in Anspruch nimmt, sondern auch in ihren Wählermassen über einen mit sozialreakttonären Elementen vermischten starken sozialistischen Bestand berfügt. Angesichts der überragenden Stärke dieser drei Gruppen und der fortschreitenden Zertrümmerung der gemäßigten Parteien wächst die Verantwortung des Zentrums für die politische und gesellschaftliche Weiterentwicklung unseres Volkes in ein noch nie da gewesenes Maß hinein. Der politische Amschichmngsprozeß, den wir durchleben, wird wahrhaftig nicht auf dem Gipfelpunkte des nationalsozialistischen Machtgewinnes beendet sein. Dort wird vielmehr etwas beginnen, was wichtiger und bedeutender ist als die Entwickelung der Zahl und der Größe: Die geisttge und polittsche Amformung einer Bewegung zu einem wirklichen Instrument der Staatspolitik, die sich allerdings gleichfalls nicht ohne Erschütterungen des deutschen Parteigefüges vollziehen kann
Der „Börsen-Courier" fordert, daß der Flut, die nicht mehr zu leugnen sei, und der tatsächlichen Entwickelung Rechnung getragen werde. Geschehe das unvermeidbar Gewordene, so bestehe noch immer die Möglichkeit, daß die Radikali- sien'.ng gerade dadurch aufgehalten werde. Hier set'die Schicksalsausgabe deS' Zentrums, der einzigen ungebrochenen nichtradikalen Partei; aber auch eine Aufgabe weitblickender, Anbesonnenheiten vermeidender sozialdemottattscher Leitung.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" stellte zum „100. Male" die Frage, wie lange die stürmische Umgestaltung der Parteiverhältnisse noch weiter gehen solle, ohne daß man ihr staatspolitisch Rechnung trage. Wo sei die Hoffnung, aut die sich das Verhalten der Machthaber, insbesondere in Preußen, stützen könne, dem Vormarsch der Rechtsbewegung Einhalt zu tun? Roch sei zur Bildung einer arbeitsfähigen Regierung das Zentrum notwendig, und seine Schlüsselstellung sei ihm geblieben. Wer garantiere, daß das im April oder Mat'bei den Preußenwahlen noch ebenso sein werde?
Die ^Börsen-Zeitung" sieht den einzig möglichen Weg, eine wirklich stabile Regierung auf die Beine zu stellen, nur in der Form eines Zusammenschlusses zwischen den Nationalsozialisten, den bürgerlichen Rechtsparteien und dem Zenttum.
Der „Lokal-Anzeiger" nennt die Wahlen das Ergebnis von iy2 Jahren Brüning-Politik: Seine Anhänger im Volke eine immer mehr dahinschwindende Heine Minderheit; die als seine radikalste nationale Gegnerin geltende Partei im stürmischen Vormarsch, der Marxismus mft dem Gedanken des Zusammenschlusses gegen das übrige Deutschland spielend.
Der „Angriff" schreibt: Die Hessen- Wahl hat erneut deutlich unterstrichen,^