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M. Rr. 5015. — Sprech, rit tct Redaktion von 10—11 und
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberheffen
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnngen fiir Stadt nnd Kreis Marburg.x
Das Zentrum will noch nicht ■
Vorläufige Absage an die Nationale Opposition — Brüning will „Schritt für Schritt" weiter gehen
Der Weg des Zentrums ist in der schien Zeit reichlich unklar gewesen. Das Schwanken zwischen rechts und links war wohl schon immer ein Charakteristikum der Zentrumspolitik, doch hat das Zentrum in den früheren Jahren immer noch eine halbwegs feste Linie eingehalten, wie sie in den verschiedensten Koalitivnsregie- mngen zum Ausdruck gekommen ist. In letzter Zeit, besonders in den letzten Wochen, hat man nie recht gewußt, auf welche Seite sich die Partei ' des Reichskanzlers festlegen würde. Dor der Kabinettsumbildung hieß es, daß das Ruder endgültig nach rechts herumgeworfen werden sollte und daß man auch di« Kräfte auf der Rechten zur Mitarbeit heranziehen würde. Aus der Kabinettsumbildung wurde aber eigentlich nur eine Kabinettsverkleinerung und nun sah alles wieder ganz anders aus. Der vom Zentrum maßgeblich bestimmte Regierungskurs, wurde nicht nach rechts, sondern noch weiter als bisher nach links abgedreht.
Dann kam die Zeit der Koalitions- gefprüche. Brüning machte in seiner Le- mnnten Reichstagsrede eine liebenswürdige Verbeugung vor den Nationalsozialisten und in den Zentrumsblättern uitd von maßgebenden Zentrumsführern wurde allen Ernstes die Möglichkeit eines Eintritts der Nationalsozialisten in die Regierung erörtert. Nun ist es auch damit aus! Die Sitzung des Parteiausschlusses des Zentrums in Berlin und die auf dieser Tagung gehaltenen Reden haben gezeigt daß es dem Zentrum auch nicht einen Augenblick ernsthaft darum zu tun gewesen ist. die Nationalsozialisten zur Mitarbeit heranzuziehen, sondern daß alles nur taktisches Geplänkel war, das ganz anderen Zwecken — nämlich der Schwächung und Spaltung der Nationalen, Op- swsition — diente. . Don den Koalitions- «rörterungen, wie sie tatsächlich geführt worden sind, ist nur noch ein «koalitionS- politisches Gerede'" übrig geblieben. And dieses «Gerede" ist, obwohl maßgebende Zentrumsführer, wie Prälat Schreiber und Jentrumsblätter, wie die «Germania" daran beteiligt waren, nach den Worten des Parteivorsitzenden «Prälat Kaas" außerhalb der Partei" umgegangen.
Der Parteivorsitzende wird diese Erklärungen nicht nur abgegeben haben, um die Linksgruppen des Zentrums zu beruhigen, die über die Ausschiffung des Zen- trumsmimsterS Wirth und wegen der Auf- Ksung der Stelle zur Lleberwachung der rechtsradikalen Bewegung, deren Leiter, Ministerialdirektor Spiecker, von Groener entlassen worden ist, etwas ungehalten sind. Im Gegenteil, die Zentrumstagung hat eine so eindeutige Tendenz gegen die auf der Rechten stehenden Parteien einschließlich der Deutschen Dolkspartei gezeigt, daß man sich ein für alle mal darüber klar sein sollte, daß der Weg des Zentrums, so wie die Dinge heute liegen, niemals nach rechts gehen wird. Eine Bestätigung hierfür findet man auch in der Rede Brünings. Alle Zentrumsredner Und auch der Reichskanzler haben erklärt, daß eine Zusammenfassung aller Kräfte, wo immer sie auch stehen mögen, eine Unbedingte Notwendigkeit sei, um die Not des Daterlandes zu bannen. Wenn Prälat KaaS aber die von den Nationalsozialisten gebotene Hand mit wegwerfender Gebärä zurückweist und der Reichskanzler mit einer Schärfe gegen die Deutschnationalen und die Deutsche Dolkspartei 'polemisiert, tote will man da zu einer gemeinsamen Zusammenarbeit mit diesen Parteien gelangen? “
Der Widerspruch, der in diesen Aeühe- rungen liegt, läßt sich nicht fortleugnen. Und ebenso ist es auch mit mehreren anderen Wendungen, die der Kanzler in seiner Rede gebracht hat. Er hat von weiteren schweren Opfern, die dem deutschen Doste bevorstehen, und von einer ge- rechten Verteilung der Lasten gesprochen. Die'Regierung will die Kaufkraft stärken. Auf der anderen Seite aber werden Lohnsenkungen größten Ausmaßes gefordert.
Der Reichskanzler beschuldigt die «extremen Parteien", daß sie der Schaffung und Kräftigung des Vertrauens im In- und Ausland im Wege ständen. Er spricht von «inflatorischen Bestrebungen", gegen die er sich zur Wehr sehen müsse, wob«: er wahrscheinlich ebenfalls die Rechts
parteien meint. Dabet'ist aber nun doch bereits zum AeberMH von feiten der Rechtsparteien erflärt worden, daß niemand auch nur im geringsten an eine Inflation denkt und daß man solche Treibereien als das größte Verbrechen am deutschen Volle ansieht. Von inflationistischen Bestrebungen kann somit überhaupt nicht die Rede sein und es muh gerade im Ausland eigenartig berühren, wenn ausgerechnet der Reichskanzler immer wieder auf diese Gerüchte zurückkommt.
Alles in allem ist es tief bedauerlich daß der Reichskanzler sich zu einer Rede hinreihen ließ, die in weitesten Volkskreisen noch viel weniger verstanden werden wird, als dies bei den bisherigen Maßnahmen der Regierung der Fall gewesen ist.
Das Urteil der Presse
Die meisten Morgenblätter beschäftigen sich kn ihren Leitartikeln mit der aestriaen Tagung des Reichsausschusses der Zentrumspartei und der dort vom Reichskanzler Brüning gehaltenen politischen Rede.
Die „(5 ernt an i a" unterstreicht die Einmütigkeit wie Geschlossenheit des Zentrüms, das sich zu jener Politik der mutigen Sachlichkeit bekannt habe, die in der Persönlichkeit des Reichskanzlers Brüning verkörpert sei.
Auch nach Auffassung der „Vossischen Zeitung" ist auf der Zentrumstagung die Führerstellung Brünings so stark zum Ausdruck gekommen, daß an irgend rvelche Schwankungen und Schwenkungen seiner Partei in absehbarer Zeit nicht zu denken sei.
Der „Börsen-Courier" sieht in den Reden eine Klärung in dem „merkwürdigen Helldunkel" der Presseerörterungen über die neuen Koalitionsmöglichkeiten. Das Ziel der Politik des Zentrums sei, während des Winters keinerlei Störungen im Innern und keinerlei Beunruhigung des Auslandes, von dessen Vertrauen zu Deutschland bei den kommenden Entscheidungen so viel abhänge, aufkommen zu lassen.
Ebenso unterstreicht der „SB ormärt s" die Ablehnung eines Zusammengehens des Zentrums und der Nationalsozialisten. Der Kurs des Zentrums bleibe unverändert.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" entnimmt aus der Rede des Pxöla- ten Kaas, daß alle Deutungen, die von einer angeblichen „Absage" des Zentrums an eine
Rechtsorientierung sprechen, vollkommen falsch sgirn. Zur Zeit beabsichtige die Zentrums- Partei eine solche Schwenkung nÄst, und sie denke natürlich auch nicht daran, sich etwa für später darauf festzulegen. Daß es aber niemals dazu kommen dürfe, werde mit keinem Worte behauptet. Nach der wirtschafts-poli- tischen Seite hin beanspruche neben dem erneuten Dersprechm des Kanzlers, er werde sich bis zum äußersten gegen alle inflatorischen Maßregeln zur Wehr setzen, besondere Aufmerksamkeit seine Erllärung über die Notwendigkeit, eine größere Elastizität der Ta- rffverträge zu erreichen, und zwar im Wege der Verständigung.
Die übrige Rechtspresse beschäftigt sich rm wesentlichen mit den parteipolitischen Ausführungen des Kanzlers und erörtert die Tatsache, daß in der späteren Fassung die Angriffe gegen die Deutschnationalen und die Volkspartei nicht enthalten sind. — Die „B ö r s en - Z e itun g" schreibt, der Reichskanzler hätte derartige patteipolitische Aeuße- rungen in diesem Augenblick seinen Parteifunktionären überlassen sollen. Die Oeffent- lichkeit, das Deutsche Volk und die Welt erwarteten in einer Zeit, in der das furchtbarste Weltgewitter sich zusammenziehe und über Deutschland sich zu entladen drohe, etwas anderes von dem Führer der deutschen. Politik.
Der „Tag" und der „Lokak-Anzei- g e tt' fordern, daß klargestellt werde, ob der Kanzler tatsächlich von „Brunnenvergiftung" und „Unanständigkeit" gesprochen habe.
Die Zentrumstagung
Berlin, 5. Nov. Der Reichsausschutz der Deutschen Zentrumspartet trat heute vormittag 10 Uhr im Plenarsitzungssaal des Reichstages zusammen. Der Vorsitzende der Partei,
Abgeordneter Raas
eröffnete die Sitzung mit Worten der Begrüßung an die in außerordentlich großer Zahl erschienenen Vertreter aus allen Teilen des Reiches.
Mit großer Schatte wandte sich Kaas dann gegen die Koalitionsgerüchte, die, wie er sich ausdrückte, in jüngster Zeit von Kreisen außerhalb der Partei in der Deffent» lichkeit erörtert worden seien.
Es seien keine Taffachen eingetreten, die geeignet wären, an dem früheren Beschluß der Zentrumsfraktion des Reichstages, in dem jede Toletterung einer Rechtsregierung abgelehnt wurde, irgend etwas abzuändern.
Es fei jetzt nicht die Zeit für derartige Koalitionsredereien. die fchließlich nur geeignet
wären die Aktionsfähigkeit und Handlungsfreiheit der Reichsregierung zu schwächen und zu h e m m e n. Es komme jetzt nicht auf Worte an, sondern auf Taten.
Die Ausführungen des Vorsitzenden fanden aus der Vettammlung heraus außerordentlich starken Beifall. Sodann erhielt das Wort der Generalsekretär der rheinischen Zenttumspar- tei, Ruffini - Köln, zu einem Vortrag „Wie steht die Partei die Tätigkeit des Reichskanzlers Brüning?" Der Redner stellte fest, daß die Wählerschaft des Zentrums nach wie vor gesonnen fei, sich vorbehaltlos und entschlossen hinter den Reichskanzler Brüning zu stellen.
Daraus nahm der Kanzler
Dr. Brüning,
von der Versammlung stürmisch begrüßt, das Wort, und gab einen ausführlichen Ueber blick über die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der letzten Monate. Der Kanzler setzte sich mit dem Verhalten der einzelnen Parteien auseinander und dankte der Zeck- ttumspartet für ihr festes und oerantwortungsbereites Handeln, mit dem sie allem Ansturm
gegenüber ausgehakten habe. Wenn ander« Parteien denselben Mut gehabt hätten, dann würden sie heute nicht derartig« Verluste an die radikalen Parteien, zu verzeichnen haben«
Der Kanzler erklärte weiter, daß er nicht beabsichtige, das Parlament dauernd oder auf längere Zeit auszuschalten, die Regierung brauche lediglich Zeit zur Arbeit.
Es gehe nicht an, in dieser Notzeit überstürzt« Entscheidungen zu treffen; die Hauptsache sei, das Vertrauen des deutschen Volkes zu erringen und zu erhalten. Der Kanzler erklärte, er würde sich bis zum letzten
dagegen wehren, irgend eine inflatorisch« Maßnahme zu treffen.
Die Etatslage des Jahres 1932 bezeichnete Bet Kanzler als schwierig und ernst. Es werd« wohl ohne neue Opfer des Volkes nicht abgehen. Nötig sei aber unbedingt, den Schrumpfungsprozeß in der Wirtschaft, 3nou» ftrie und Handwerk aufzuhalten. Außerdem tnüffe eine
Lösung des Neparatisnsproblems erfolgen, die für das deutsche Volk erträglich fei und der ganzen Welt das Vertrauen wie- dergibt. In diesem Zusammenhänge berührte der Kanzler auch die Stillhaltungs- frage, die so gelöst werden müsse, daß neben einer Beruhigung im In- und Auslande auch eine Sicherstellung unserer wirtschaftlichen Unternehmungen erzielt wird. Die ewige politische Agitation, das Predigen von Erperimen- ten müsse aufhören, damit in Deutschland und in der übrigen Welt die Vertrauensatmosphäre die allgemeine Nervosität überwindet.
Das Jahr 1932 wird für Reich, Lander und Gemeinden in finanzieller Hinsicht das allerschwerste sein.
Sicherlich wird gerade dieser Winter dem deutschen Volk die schwersten Nervenprobe aufer- fegen. Aber das deutsche Volk darf nicht im letzten Augenblick, gerade wo man soweit ist, daß man
die Aussicht in eine beffere Zukunft
hat, die Nerven verlieren. Man barf nicht nur an das Chaos glauben, und in Resignation verfallen, sondern muß einen reit aiöfen Glauben haben und aus diesem Glauben die Kraft gewinnen, mutig den Dingen entgegenzutreten, mutig in die Zukunft zu schauen. Hat man diese Geisteseinstellung im deutschen Volke wieder erreicht, so wird nichts das deutsche Volk unterdrücken können, so wird das deuffche Volk, das gepeinigt und bedrückt ist sich letzten Endes trotz aller Schmie- rigkeiten in der ganzen Welt auf Grund seines Glaubens, auf Grund feiner Kraft, auf Grund feines Fleißes endlich einmal sicher durchsetzen.
Die Ausführungen des Kanzlers wurden vorn Parteiausschuß mit stürmischem langanhaltendem Beifall auf genommen.
Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald erklärte, eine koalitionspolitifche Frontverbreiterung sei heute nicht m ö g I i ch, weder nach links noch nach rechts. Nach links deshalb nicht, weil damit eine Mehr- heit nicht zu erzielen wäre und nach rechts nicht, weil damit außenpoli tische Erschwerungen bei den Repara- ticms- und Stillhatteverhandlungen eintreten wurden. Der Minister gab dann einen Bericht über
di« deutsche Verschuldung und Zinsenlast, der die seit einige- Tagen bekannten Ziffern bestätigte. Wir find gegenwärtig mit etwa 11—12 Milliarden kurzfristig, mit etwa einer gleichen Summe langfristig verschuldet und dazu kommen etwa 4—5 Milliarden ausländische Beteiligungen an der