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Nr. 229

vderveWch« 3Hhmg, Marvm« <t L. Mittwoch, bat 30. September 1931

Tritt 3

Die Post erobert Südamerika

Die Bedeutung der jüngsten Zeppeliufahrt - Neue deutsche «ersuche über Britisch»Sambia Deutsche Schnelldampfer al» schwimmende Insel«

Zum ersten Mal ist nun ein Zeppelin vorwiegend als Vermittler eines Welt­verkehrs zwischen Europa und Südamerika aufgetreten. Nicht mehr die Briefmarken­sammler haben die 110 Kilogramm Post aufgebracht, die an Bord des®rctf Zep­pelin" ihren Weg nach Südamerika ge­nommen haben. Der Löwenanteil daran stammt aus der deutschen Wirtschaft und aus der Geschäftswelt anderer Länder, die klug genug war, die rasche und sichere Ver­bindung mtt dem südamerikanischen Fest­land wahrzunchmen. Bei der jüngsten Fahrt betrugen die Postgebühren für Kar­ten noch zwei und für Briefe sogar vier Wark. Don der entscheidenden Stelle des nach der Zukunft dieser Tarife befragten Neichspostministeriurns wurde dem Frage­steller derDeutschen Presse-Korrespon­denz" aber spontan erklärt, daß die Reicks- post ganz sicher davon abgehen werde, um auch für die schnellsten und kostspielig­sten Düdamerikavottwege einen Massen- verkehr zu ermöglichen. Ob dieser mtt Zeppelinen geschehen wird, ist beute nur noch eine Finanzierungsfrage. Auf feden Fall will Deutschland in dieser Sache viele Eisen rm Feuer halten, da für uns nicht die mindeste Veranlassung besteht, den Fran­zosen den schnesssten Postweg nach Süd­amerika zu überlassen.

Die Franzosen halten hier immer noch Wasserflugzeug-Schnellverkehr über Dakar und Fernando do Noronha aufrecht. Sie kommen günstigstenfasss in sieben Tagen, Mir oft aber auch erst in neun bis zehn Drgen mit Wasserflugzeugen und Sckmess- fchiffen nach Natal. Sie bauten unter Auf­wand von außergewöhnlichen Mitteln einen anschließenden südamerikanischen Flugzeug- Verkehr auf, mit dem sie bis nach Chile und Bolivia vordrangen und auch Versuche machten. Französisch-Guayana nebst dem Archipel der Teufelsinseln zu erreichen. Dieser überhitzt ausgefühtte Plan, der mehr als zwanzig _ Missionen Mark jährlicher Staatsunterstützungen verschlang, ist finan­ziell zusammengebrochen. und nur aus Pre- Mgegründen wird an Stesse der verkrach- tm Gesellschaft jetzt noch eine Notgesess- fchast aufrecht erhalten. Die Franzosen sind aber ttohdem wohl noch lange nicht soweit, dem deutschen Vorschlag einer Zu­sammenarbeit für den Aufbau dieses Ver­kehrsweges zu folgen, der einen ungeheuren wittschaftlichen Ausschwung und postalisch außerordentlich hohe Gewinne verspricht.

Auf dem südamerikanischen Konttnent Nehmen am Wettbewerb der Luftlinien sogar noch die Amerikaner teil. Den Dor- stessungen der Deusschen, die hinter der brasilianischen Condor-Linie stehen, ist es wenigstens geglückt, eine solche Einigung über die Fahrtage zu erzielen, daß nicht ässe drer Linien sich jeden Tag die Butter vom Brot nehmen. Die Condor-Linie ar­beitet hier ebenfasss im Anschluß an oie auf Fernando do Noronho ankommende Europapoft mit Wasserflugzeugen nach Na­tal, _BefIiegt die ganze südamerikanische Ostküste bis Nio de Janeiro und weiter

Ibis Rio Grande, findet in Santos An­schluß ins Innere Brasiliens und nach Bo­livien, holt mit Schwestergesessschaften auch noch den Verkehr von Aruguah, Argen- ttnien und sogar Chile heran und ist dabei, hier auch einen Nachtdienst aufzurichten. Die Europapost bekam sie schon in Zu­sammenarbeit mtt den deusschen Schnell­dampfern der Südamesskalinien, die durch Barkassen an den Kanarischen Inseln die hierher von Berlin über Barcelona und Cadiz nach den Kanassschen Inseln ge­brachte Europapost aufnahmen. So ge­

langte schon vor den Zeppelinfahrten Post aus Deutschland in achteinhalb Tagen an den südamerikanischen Besssmmungsort. In Verbindung mit den Zeppelinfahrten ging's noch rascher. And für die neueste Fahtt gab es sogar schon einen Poststempel mit dem Aufdruck des Postschlußtages für die Rückfahtt des Zeppelin, so daß man im ganzen südamerikanischen Konssnent bis hinunter zu Chile in den Geschäftshäusern durch die eintteffenden Bssefe wußte, bis , zu welchem Tage man die Möglichkeit zur 1 Rückantwort auf die deutsche Geschäftspoft

Gin ganzes Dorf wir- yevläntet

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Die Hauptstraße von Solzheim bei Neuß a. Rh.

In der kleinen Ortschaft Solzheim bei Neuß a. Rh. viändete der Gerichtsvollzieher falt die gesamte Sabe der 250 Familien, die die Einwohnerschaft des Dorfes ausmachen. Dem einen wurde sein Saus, dem anderen sein Vieh, dem dritten das Land weggeviändet und die Ver­steigerung auf den 12. Oktober festgesetzt. Ursache dieses wirtschaftlichen Zusammenbruchs sind leichtfertige Kreditgeschäfte der Svar- und Darlebnskaffe Holzheim.

hat, eine Antwort, von der man weiß, daß sie in drer bis vier Tagen in den Händen des Empfängers sein wird.

Abseits von den Zeppelinen, die ihre Verkehrsbedeutung erst entfalten können, wenn noch mindestens zwei Luftschiffe außer demGraf Zeppelin" den Süd- amesskaweg befliegen, plant Deutschland unter Förderung der Reichspost, soweit die Mittel reichen, noch einen neuen Versuch, der sich auf den Vorsprung unseres Landes in der Katapulsstarttechnik stützt. Nach diesem schon weitgehend verbreiteten Plan würde ein deutscher Flugstützpunkt in Bss- tisch-Gambia geschaffen. Dott sollen Was­serflugzeuge, um sie schwerer als bisher mit Post beladen zu können, mit Katapulten abgeschlossen werden, so daß sie also nicht vom Wasser ouszusteigen brauchen. Sie treffen mitten im Weltmeer einen deut­

schen Schnelldampfer, mtt dem sie sich durch 'Funk leicht in Verbindung bringen können und benutzen ihn als schwimmende Intel. Der Dampfer nimmt ohne Fahrtunter­brechung nach bewährten Verfahren die Flugzeuge an Bord. Durch Katapulssiart stergt dann vorn, Dampfer ein anderes Flugzeug, das kleiner sein kann, weil von ihm keine besonders große Leistung mehr ^erlangt wird, mit der Post zum Flug nach . .ernando do Noronha auf. Damit wäre eine Möglichkeit gegeben. Poft von Berlin aus in weniger als fünf Tagen an den süd- amenkanischen Konssnent herawubssngen und sie ebenso rasch zurückzubekommen.

So phantastisch dieser Plan flingk, so nüchtern und rein wirtschaftlich sind die Männer der deutschen Organisassonen ein­gestellt. die ihn verwirklichen wollen. Diese Tatkraft ist mit umso größerer Genug­

tuung zu begrüßen, als die Franzosen uns aus mrsackstichen Gründen gezwungen ha­ben, für unseren Postwegaufbau die Kana­ssschen Inseln als Stützpunft zu wählen, was teurer kommt als ein Flllgftühpunkt in Dakar. Glücklicherweise besitzen die Eng­länder hier noch ein Stück Afrika, eben Bsssssch-Gambia, das sich ebenfalls als Stützpunft für Südamerika-Flüge von Deutschland aus eignet, und hier bietet sich uns Gelegenheit zur Lösung einer Auf­gabe die sich um des deutschen Namens und der deutschen Wirtschaft willen anzu­fassen lohnt.

ES wir» uiwwn

Eeneralaufmarfch der Möbelwagen zum 1. Oktober.

Seit Anfang September ist in einem Ausmaß, wie es feit den Friedensfahren nicht erlebt worden ist. der große all­gemein« Zerbstumzug in Gang gekommen Die Wirkungen der W'rt- f-baftskssfe stnd diesmal unverkennbar. Der Wohnungstausch geht zum rrrnMen Teil auf die Kündigungen am 1. Avrfl zurück. Der Umzug am 1. Anril des kommenden Jahres wirb «abssch-inllch noch großer sein. Während die Möbelwagen aus fast allen Sftaßen auf das Ein- und Ausladen warte, werden f<bon die Kündigungsbriefe der Mieter aeschsseben. die am liebsten auch am 1. Oktober in kleinere Woh­nungen ziehen möchten, aber den An­schluß versäumt haben.

Selbstverständlich ist der Prozentsatz der Umzüge in den einzelnen deusschen Lan­desteilen verschieden. Die mittleren und größeren Städte sind stärker daran betei­ligt als die kleineren, in denen die Wirte sich vielfach freiwillig zu einem M i et- nachlaß bereit aefunden haben. Trotz­dem werden auch hier vielfach die großen Wohnungen und Einzelnillen geräumt. Hn ganz Deutschland setzt sich immer stärker die Einsicht durch, daß die Mietgus- gaben in einem immer drücken­der werdenden Verhältnis zu den rapide verminderten Ein­nahmen stehen. Da die Reichsregie, rung aus allgemeinen steuerlichen Grün­den vorläufig noch nicht an einer Herab­setzung der Mieten geben will, greift jeder zur Selbsthilfe. Ihre Parole lautet aber: Umzug!

In Berlin ist der Andrang der Umzüg- ler besonders groß. Der oro^e Teil der Umzüge führt aus 6- bis 10-Zimmermob- nungen in 2-, 3- und 4-^immer-Wgh- nungen. Die großen alten Villen in dem Keheimratsviertel am Tiergarten leiden in diesen Tagen besonders. Aber auch die Vororte erhalten starken Zuzug, weil viele hoffen, sich durch einen eigenen klei­nen Garten besser über dic evtl. Ernäh­rungsschwierigkeiten der kommenden Jahre binüberretten zu können. Selbstverständ­lich liegt der Wabnungsmarkt der Groß­wohnungen und Villen durch biete Flucht tn die Kleinwohnungen aufs schwerste darnieder. Wertvolle alte Grundstücke stnd heute bereits zu Spottpreisen zu haben. Die Rückwirkunaen auf die Hypo­thekengläubiger sind katastrophal.

Simrinimbtni Bantou

tritt in den Ruhestand.

Mit dem morgigen Tage scheidet Herr Su­perintendent Landau aus seinem Amte als Kreispfarrer des Kirchenkreises und Ober-

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Pfarrer der lutherischen Kirche Marburg.

Jahre har er hier im Segen für seine Ge­meinde und für unsere Kirche gewirkt. Daß er, im 70 Lebensjahre stehend, nach einem arbeitsreichen Leben, in den Ruhestand zu treten wünscht, wird man verstehen. Sein Scheiden wird allgemein bedauert. Er war festgewurzelt in seiner oberhessischen Heimat, der seine ganze Liebe gehörte. Geboren ist er am 27. Juli zu Treisbach als Sohn des Lehrers Daniel Landau. Dankbar gedachte er des Segens, den er in seinem frommen El-

«ernhause für sein ganzes Leben empfangen batte. Nach der heimatlichen Schule und der Nrivatschule des Pfarrers Sangmeisters zu Wetter besuchte er das Evmnasium zu Mar­burg unter Direktor Münscher bis zur wohl- bestandenen Abganasprüfunq Ostern 1882. Bei der Entlassungsfeier hielt er als Primus nach alter Sitte die lateinische Abschiedsrede. Er studierte in Marburg und Berlin, und be­stand im Juni 1886 die 1. theologische Prü­fung und danach das Tentamen bei Super­intendent Kümmel!; schon im September 1886 wurde er wegen des damaliaen Pfarrerman­gels vom Konsistorium zum Pfarreramen ein­berufen. Seine Anstellung verzögerte sich durch Ablegung feiner militärischen Dienst­pflicht beim Füsilier-Regiment Nr. 80 in Marburg, Mainz und Hanau. Die Ordination erhielt er mit zwei anderen Kandidaten am 16. Ottober 1887 durch den ersten luther Ee- neralluperintendenten Kolbe in Kassel. Es war die einzige Ordination, welche der unvergeß­liche Een.-Suv. Kolbe in seiner leider nur einjährigen Amtszeit vorgenommen hat. Es war die Zeit, welche unserer hessischen Kirche als Nachwirkung der Erweckungszeit eine Er­neuerung ihrer Ordnungen bescherte: die Presboterial- und Synodalordnung für die evangelischen Kirchengemeinschaften '(bie refor­mierte, die lutherische und die unierte) im Bezirk des Konsistoriums zu Kassel 1885, dann mt Jahre 1889 das neue Gesangbuch mit den alten unverfälschten Liedern und den alten fdwnen Melodien, sowie die neue kirchliche Agende von 1896, wodurch unseres Gottes­dienste bereichert und verschönt wurden.

_ Als Pfarrer Landau nach kurzem kirchlichen Hilfsdienst, tn Oberrosphe und Schweinsberg Src A: i^89 zum Pfarrer des Kirchspiels

Ghristenberg ernannt wurde, gewann er sich bald die Herzen seiner Gemeinde Hier war dte Erinnerung an den Misfionsmann L. Harms tn Hermannsburg noch lebendig, und Plärrer Landau hat die Liebe zur Mission mcht nur in seiner Gemeinde treu gepflegt, sondern auch aus gar manchem Misfionsjeft

btn und her in Oberhessen durch Fein leben» btoes Zeugnis gewirkt und gestärkt. In Münchhausen gründete er auch seinen ftausftanb tnbem er sich am 1. Mai 1890 mit

J?*? Tochter des Pfarrers Theodor 7® >n Kirchhain, verheiratete. Im Oktober 1896 wurde er zum Pfarrer des Kirchspiels r , .«ureft ^nonnt. Ein schwerer Ber- tuft traf ihn als bald nach Anfang des Wefl- krtegey fein einziger Sohn Theodor im Otto- her 1914 fiel: er gehörte zu der Reibe von «.rteasfreiwilltqen aus oherh-ksisthen Bsgrr- I mausern, welche in das Res -Jäger-Bail Nr 24 etngeireien waren und dann in den I irhroeren Kämpfen in Flandern freudig ihr teben zum Opfer brachten. Das harte Leid >'ber d-n Verlust des Sohnes wirkte mit dazu, daß Pfarrer Landau, besonder« auch in den hhweren Jahren, welche der Krieg zur Folge hatte, als Seelsorger vielen in besonderem »egen dienen konnte.

Als Superintendent Havvich wegen seines Alters sein Amt niederaelegt hatte, wurde Pfarrer Landau durch das einmütige Ver­trauen feiner Amtsbrüder nach der althessi­schen Kirchenordnunq von 1566 zum Super­intendenten der luther. Diözese Marburg FrankenbergKirchhain auf Lebenszeit ge- roäljlt. Er ist der Letzte gewesen in der Reihe der lutherischen Superintendenten zu Mar­burg, welche 400 Jahre lang fast ununter­brochen die Diözese geleitet haben, deren erster seit 1527 bzw.. 1530 der Superintendent Adam Kraft, derBischof an der Lahn" gewesen ist. Durch die neue Kirchenverfassung des Jahres 1924 wurde die Diözese Marburg in drei Kir­chenkreise geteilt, an die Stelle des Super­intendenten traten drei Kreispfarrer. Der Kampf gegen die Aufhebung der Diözese Marburg blieb ohne Erfolg. Superintendent Landau leynte die Annahme des Kreispfarr- amts zuerst entschieden ab; er ließ sich erst dann bewegen, dies Amt zu übernehmen als die Zusicherung gegeben war (die B«fasjung

entbleit dieselbe nicht), daß der Kreispfarrer zu Marburg stets ein Lutheraner sein müsse.

Als Superintendent war er traft seines Amtes Mitglied der Eesamtsynode, der er be­reits seit dem Jahre 1906 als gewählter Ab­geordneter angehört hatte; ebenso gehörte et dem neuen Landeskirchentag durch Wohl an bis zu diesem Jahre. In diesen 25 Jahren hat er an der kirchlichen Arbeit und Gesetz­gebung Anteil gehabt, sein Rat und fein ruhiges Urteil fiel bei seiner reichen Erfah­rung ins Gewicht. Fest und entftfiieben ift er ftets, wie einst Pfarrer Kolbe und Een.-Sup. Werner, für das alte gute Recht und Bekennt­nis seiner lutherischen Kirche einaetreten, er bat den Kampf, der seiner milden Natur widerstrebte, jederzeit so geführt, daß auch Andersgesinnte seine Lauterkeit anerkennen mußten.

Die 400iährige Gedächtnisfeier der Einfüh­rung der Reformation war mit der Anlaß, daß durch seine Bemühung das Innere der lutb. Pfarrkirche in würdiger Weise erneuert wurde. Ebenso ist es feiner Be. mühung zu danken, daß bei dem Herannahen des 700jährigen Todestages der hl. Elisabeth die notwendige Restauration der Elisabeih- kirche nach Beschaffung der erforderlichen Mittel durchgefühtt werden konnte. Mehr noch als dies fein Wirken nach außen wird ihm seine schlichte schrist- und belenntnistreue tßrebigt und seine warmherzige Tätigkeit als Seelsorger ein dankbares Andenken in seiner Marburger Gemeinde, ebenso wie in feinen früheren Gemeinden, sichern. Wie er mit manchem seiner Amtsbrüder in treuer Freund­schaft verbunden war, so war er als Super­intendent allen seinen Pfarrern mehr ein Freund als ein Vorgesetzter. Wie er es selbst ausgesprochen hat. daß seine stete Liebe seiner oberhessischen Heimat gehört, so dürfen wir vielleicht hoffen, daß er nicht dauernd von Marburg scheidet, sondern es ihn bald wieder zurückziebt nach Marburg. Gottes Güte aber schenke ihm noch manches Jahr der Ruhe in Freude und Frieden. '