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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberhefsen

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachnnge« für Stadt und Kreis Marburg.

Der neue Plan Hoovers

Ein Versuch, die ftanzösischen politischen Forderungen zu umgehen - Abkommen zur Verlängerung der kurzfristigen Kredite

Zunächst noch große Schnürigkeiten

Die Konferenz der Finanzminister und Finanzsachverständigen endete am Diens­tag, ohne datz sich eine Einigung auch nur abzeichnete. Die Minister werden voraussichtlich am Mittwoch vor­mittag der Bollkonferenz ihre Berichte über die Frage vorlegen, wie man die Mah­nahmen zur Verhinderung der Kapitals­abzüge aus Deutschland ergreifen kann. Lom Forsign Office wurde folgende amt­liche Verlautbarung ausgegeben:

Der von der Hauptversammlung am Dienstag vormittag eingesetzte Ausschuh der Finanzminister unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten als Präsident der Konferenz versammelte am Dienstag nach­mittag u. a. die Finanzminister der Ber­einigten Staaten, Frankreichs und Eng­lands, sowie Dr. Brüning und Franc- qui. Die Ergebnisie der Verhandlungen des Ausschusies werden der am Mittwoch vormittag tagenden Hauptkonferenz vorgelegt werden.

Das Ergebnis der Vormittagssitzung.

Die Siebenmächtekonferenz vertagte sich nm 12.45 Uhr über die Mittagspause, lieber die Vormittagssitzung wurde fol­gendes Communiqu6 ausgegeben:

Die Konferenz ist um 10 Uhr im Foreign Office zusammengetreten und hat über internationale, finanzielle Zusam­menarbeitsmöglichkeiten beraten, die ge­eignet sein könnten, möglichst umgehend das wirtschaftliche Gleichgewicht in Deutsch­land wiederherzustellen, und zwar als Vorbereitung zur Prüfung weiterer Mah- nabmen, die sich als notwendig Heraus­stellen sollten, um die Finanzsituation Deutschlands für dauernd wieder auf eine feste Grundlage zu stellen. Cs wurde vereinbart, daß die Finanzminister der'auf der Konferenz vertretenen Mächte sowie Reichskanzler Brüning nachmittags unter dem Vorsitz Macdonalds zu einer neuen Sitzung zusammentreten sollen, in der die Prüfung der aufgeworfenen Kragen fortgesetzt werden soll.

Erklärungen Stimsons.

Einen interesianten Beitrag zu der Aussprache auf der Vormittagssitzung der Konferenz, die einmütig die Auffasiung Ergab, daß zunächst die augenblicklichen Kredite für Deutschland verlängert wer­den müßten, gaben die Ausführungen Etaatssekretärs Stimsons, der deutlich zum Ausdruck brachte, daß

die Amerikaner nicht nur keinen ihrer Kredite in Deutschland zuriick- ziehen wollten, sondern diese vielmehr

in letzter Zeit vermehrt hätten, btimson sprach ferner sein Vertrauen aus, ®og die großen amerikanischen Danken bei der Erhaltung der Kredite in Deutschland Mitarbeiten wollten, und daß von den gleichen Instituten in den anderen LSn- dern ebenso verfahren werde. Zum Schluß unterstrich der Staatssekretär besonders die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit aller Länder in der Frage der Kreditauf- dringung.

Ein Ausschuß der Finanzminister.

Zu der ersten Vollsitzung der Konferenz Ettlärte Außenminister E u r t i u s, der d^ute zum ersten Male seit seiner Ankunft me deutsche Presse empfing, daß man sich ausschließlich mit der Erörterung finan- ? \e Her Probleme befaßte. Hierbei war "esonders bemerkenswert, datz sich E t i m -

s 0 n in hervorragendem Maße an den Besprechungen beteiligte und daß die Amerikaner versuchten, die Lage auf das genaueste aufzuklären. Zunächst befaßte man sich mit der Frage,

unter welchen Umständen und mit welchen Mahnahmen ein Stillhalte- Konsortium gebildet werden kann, so dah auch wirklich praktisch der gröhte Teil der kurzfristigen Anlagen nicht zurückgezogen wird.

Man wies darauf hin, daß es keinen Zweck haben würde, wenn sich nur die Großbanken verpflichteten, keine Anlagen zurückzuziehen, während die Kleinbanken damit fortfahren. Es müßte Vorsorge ge­troffen werden, damit eine wirkliche Still­haltung erreicht werde. Diese Fragen wur­den aufs eingehendste erörtert unter Be­rücksichtigung von Zahlen über die Größe der derzeit in Deutschland vorhandenen

kurzfristigen Anleihen französischer, ameri­kanischer, schweizer und holländischer Her­kunft.

Da es sich zeigte, daß eine Erreichung von praktischen Vorschlägen in dem großen Kreis der Vollkonferenz nicht möglich sei, beschloß man, um 3,30 Uhr nachmittags eine Konferenz der F i n a n z m i n i st e r abzuhalten, während die Vollkonferenz heute früh um 10 Uhr wieder zusammen­treten wird. Es besteht die Hoffnung, daß diese Konferenz der Finanzministerin der Lage sein wird, der heutigen Voll­konferenz praktische Vorschläge zur Lösung der ersten Frage zu überreichen.

Die zweite Frage, die Zurückführung neuen Kapitals nach Deutschland, wurde auf der gestrigen Sitzung zwar gestreift, aber nicht vertieft.

Der Vorschlag Hoovers

Die Erneuerung der kurzfristigen Kredite

Washington, 21. Juli. Dem Text des amerikanischen Vorschlags entnehmen wir: Der Kern des Problems ist die Wiederher st ellung des Ver­trauens in Deutschlands Wirtschaft, so­wohl in Deutschland selbst wie im Aus­lande. Was die politische Seite anbe­trifft, so hofft Amerika, daß die Völker Europas durch gegenseitiges Verständnis und guten Willen alle Reibungsverhält­nisse beseitigen, damit die Welt mit der politischen Stabilität Europas rechnen kann. Was die wirtschaftliche Seite anbetrifft, so ist die gegenwärtige Notlage durchaus eine Krise kurzfristiger Kredite. Der Hauptdruck auf Deutsch­lands Wirtschaft ist durch den gemein­schaftlichen Schritt der Gläubigermächte mit der Suspendierung aller Zahlungen aus Regierungsschulden für ein Jahr er­leichtert worden. Deutschland hat aber sein Wirtschaftsleben zu einem sehr be­trächtlichen Grade mittels ausländischer kurzfristiger Kredite finanziert.

Es liegt fein Grund vor, die Sicher­heit der Grundlage, auf der diese Kredite ruhen, zu bezweifeln.

Aber die in den letzten Wochen herr­schende Unsicherheit brachte einen solchen Verlust an Vertrauen mit sich, daß Deutschlands Bank- und Kreditwesen einer sehr schweren Belastung ausgesetzt war. Erstens gab es eine Flucht aus der Mark in Deutschland selbst, zweitens wurden ausländische Depositen abgezogen und die Kredite seitens ausländischer Banken beschnitten. Diese Bewegungen sind durch nichts zu rechtferti­gen, und wenn sie durch eine gemein­same Aktion aufgehalten werden können, so besteht kein Grund, daß die gegenwärtige Notlage nicht sofort und endgültig überwunden werden könnte.

Was das Nächstliegende betrifft, näm­lich die innere Flucht vor der Mark, st> kann dies und es geschieht dies bereits « erfolgreich bekämpft wer­den durch die entschiedenen Maßnahmen der deutschen Regierung und der Reichs­bank. Was die auswärtigen Kredite be­trifft, so glauben wir, daß die erste An­näherung an dieses Problem in der Auf­stellung eines Programms besteht, das eine Verlängerung der laufenden Kredite

um eine angemessene Frist ermöglicht. In diesem Zusammenhangs nehmen wir an, daß diese Kredite zusammen mit der Befreiung von den Reparationen und dem sich aus der Behebung der Panik ergebenden natürlichen Besitz genügen sollte, um den gegenwärtigen Bedarf der deutschen Wirtschaft zu decken.

Bei der Entwicklung eines solchen Programms könnten die Länder, die Hauptbankzentren besitzen, einschließlich der Vereinigten Staaten, Belgien, Frank­reich, Großbritannien. Holland, Italien, Japan und der Schweiz, es gut auf sich nehmen, ihren Bankiers anzuempfehlen, in der Weise organisatorisch vorzugehen, daß es ermöglicht wird, die laufenden Kredite für Deutschland für einen ange­messenen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Die Verantwortung für die Ausarbeitung der Einzelheiten eines solchen Pro­gramms sollten den Bankgemein­schaften der betreffenden Länder über­lasten werden. Derartige freiwillige Ab­machungen sollten für die gegenwärtige Zett chre Ergänzung finden in einer sttengen Kontrolle aller Devisentrans­aktionen durch die Reichsbank derart, datz die Banken versichert sein können, datz keine willkürlichen Abziehungen stattfinden, weder von deutscher Seite noch außerhalb Deutschlands. Das wird zur Aufrechterhaltung des Gesamtbestan­des der Kredite aus jedem Lande beitra­gen. Von der B. I. Z. sollte ein Komitee ernannt werden, um ein Zusammenwir­ken besonders bei den folgenden Fragen zu gewährleisten: Um zunächst im Ein­vernehmen mit den Bänkinteressenten in den verschiedenen Ländern von diesen Ländern Vorsorge zu treffen für die Wiedererneuerung des gegen­wärtigen Bestandes der laufenden kurz- fristigen Kredite; um zweitens über die unmittelbaren weiteren Kreditbe- "ürfnisse Deutschlands eine Unter­suchung anzustellen; drittens über die Entwicklung von Plänen während des Verlaufes der nächsten sechs oder acht Monate für eine teilweise Umwand­lung der kurzfristigen Kredite in langfristige Kredite.

Erklärung Castles

Washington, 21. Juli. (WTB.s Un- terstaatssekretär Castle gab heute in einer Pressekonferenz den Inhalt der neuen amerikanischen Vorschläge bekannt, die Staatssekretär Stimson der Londoner Ministerkonferenz unterbreiten wird. Die Grundgedanken des Hooverplans sind wie Castle erklärte folgende:

Der Plan vermeidet, jegliches Eingehen auf französische finanzielle oder politische Bedingungen und bezeichnet als wichtig­stes Problem die

Nichtkündigung der gegenwärtigen kurzfristigen Kredite fvwie deren bal­dige Umwandlung in langfristige Kredite.

Als einzige Garantie wird eine strikte Kontrolle seitens der Reichs­bank über die Transaktionen in frem­den Devisen gefordert. Castle teilte mit, datz der Plan am Freitag an Stim­son und Mellon gesandt wurde und daß Stimson ihn am Samstag mit dem fran­zösischen und deutschen Premierminister besprochen habe. Er bezeichnete die Auf­nahme des amerikanischen Planes als durchaus freundlich.'

Er gab ferner an, daß von den 1200 Millionen Dollar der in Deutschland in­vestierten kurzfristigen Kredite etwa die Hälfte aus den Vereinigten Staaten stammten. Er hoffe, daß die Zentralban­ken zusammen mit der BIZ. die Privat­banken dazu veranlassen würden, diese Kredite nicht abzurufen,

etwa notwendige weitere kurzfristige Kredite zu geben,

dann aber innerhalb des nächsten halben Jahres die Umwandlung dieser Kredite in eine langfristige Anleihe in die Wege zu leiten. Er betonte, daß die ersten bei­den Punkte lediglich ein erster Schritt seien, um Zeit für diese Umwandlung zu gewinnen.

In Regierungskreisen sprach man sich zuversichtlich darüber aus, daß der ameri­kanische Plan mit Rücksicht darauf, daß Deutschlands finanzielle' Struktur die fundamentale Grundlage" sei, und daß die Reichsregierung so energische und mutige Schritte zur Bekämpfung der Flucht aus der Mark ergriffen habe, eine baldige Annahme durch die in Betracht kommenden Stellen finden werde. Man sei erfreut über den freundschaftlichen Ton der Diskussion zwischen Frankreich und Deutschland und man glaube, daß die Banken den amerikanischen Plan billi­gen würden, da es ihnen nichts nütze, ihr

D aus Deutschland zurückzuziehen.

Eine nette Konferenz?

Auch heute früh beschäftigen sich die Londoner Blätter eingehend mit dem Verlauf der Londoner Sieben-Mächte- Konferenz. So heißt es in einem QIrtitel des diplomatischen Korrespondenten des Daily Telegraph" u.a. das Ziel der britischen Regierung bestehe dann, auf der gegenlvättigen Konferenz eine Vereinbarung über die Deutschland wäh­rend der nächsten drei Monate zu gewährenden Hilfsmaßnahmen herbeizu­führen. Wenn im LEtober Vettrauen und Kredit wieder hergestellt feien, dann solle eine umfassende Konferenz stattfinden.

AuchDaily Herold" zufolge sei Die Aeberzeugung allgemein, daß es

im Herbst eine neue Konferenz geben müsse, um die ganze Frage der europäischen Finanzstabilität, besonders die der Reparationen und Kttegsschulden zu erwägen. Es darf nicht vergessen werden.