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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Marburg a. Laho
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen fnr Stadt und Kreis Marburg.
Frankreichs Gnade ausgeliefert
Brüning und Curtius fahren, uneingeladen, nach Paris — Der englische Ministerbesuch abgesagt
Die Fahrt nach Paris
Auf Beschluß des Reichskabinetts, das sich am Donnerstag nachmittag mit der Sorbreitnng der Pariser Reise beschäftigte, werden der Reichskanzler und ter ReichsanhenMinister in Begleitung einer groben Abordnung am Freitag nachmittag Berlin verlassen und sich |e den Verhandlungen nach Paris begeben.
Die Verhandlungen der deutschen Mi- «ster in Paris werden nicht lange dauern Snnen, da die Minister erst Sonnabend I »achmittag eintreffen, während sie bereits bM Sonntag Paris wieder verlas- kse« müssen, um an der für Montag
"Uhr festgesetzten Ministerkon- Mcrc nz in London teilnehmen zu Minnen.
Die Abreise des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers nach Paris zur ‘ Teilnahme an den franzöfisch-englisch- bMerikanischen Besprechungen wird am Mreitag abend erfolgen. Die Minister Werden begleitet sein von dem Staatssekretär im Reichsfinanzministerijim Dr. ^Schäffer, dem Staatssekretär im Aus- rwäitigen Amt Dr. von Bülow, dem Vor- . tragenden Legationsrat Dr. Reinebeck amb den Legationsräten Graf Sorma und MSaron von Plessen. Außerdem wird Mi- Msterialdirektor Graf von Schwerin- Mpgsigk, der zu der Sachverständigenkon- .ferenz nach London gereist ist,, nach Paris herüberkommen.
Die Herren werden am Samstag nachmittag um 14 Uhr in Paris eintreffen, und die Besprechungen dürften sich über den ganzen Sonntag erstrecken. Am Montag vormittag erfolgt dann die Reise nach London, so daß die deutschen Staatsmänner in der englischen Hauptstadt rechtzeitig zu der großen Regierungskon- strenz eintreffen. Wie lange die Londoner Konferenz dauert, läßt sich nicht Men. Schon aus dem großen Fragenkomplex, der dabei behandelt werden soll, läßt sich schließen, daß die Konferenz «ine ganze Reihe von Tagen in Anspruch nehmen wird. Es ist fraglich, ob der Kanzler selbst bis zum Schluß drüben bleiben wird.
Der französische Ministerrat hat sich am Donnerstag mit den bevorstehenden deutsch-französischen Beratungen befaßt «ud nach dem amtlichen Bericht u. a. „die nnanziellen Garantien (!) und die Maßnahmen zur politischen Befriedigung (!), die sie begleiten feilen“, einer Prüfung unterzogen.
Einem Reutertelegramm/!) zufolge soll “e Möglichkeit eines Kompromisses "fer die politischen Forderungen Frank- ^ichs jetzt näher denn je sein. In Lon- fen nimmt man au, daß die deutsche« Minister in Paris vor voll- '»dete Tatsache« (!) gestellt fein werden.
$i® Deutschen sind nicht nach Paris ein- ieladen, man erlaubt Unten nur, zu 1 kommen.
Gedanke, die Deutschen nach rttis zu berufen, ist englischen Meldun- rn Zufolge auf die Einwirkung von .-«nderson zurückzuführen. Laval, '- meldet „Daily H e r a l b“, sei nicht «Mach tigt worden, eine offi-
2 Milliarden Kredit
Was fordert Frankreich als Gegenleistung?
Die ganze französische Presse erwartet mit Spannung die Ankunft der deutschen Minister für Sonnabend nachmittag. Inzwischen ergeht man sich in Mutmaßungen über die Beschlüsse des Mini- sterrates. Dieser soll Garantien als unumgängliche Vorbedingung für die Hilfe für Deutschland fordern.
Gefährliche Harmlosigkeit
Die Blätter sprechen davon, daß Deutschland zuerst ein Kredit in Höhe von 500 Millionen Dollar durch die Bank von Frankreich- die Federal-Re-' servebank und die Bank von England zur Sicherung der Reichsmark gewährt werden soll. Dieser Kredit soll daun spkker i« eine von Frankreich, England, Italien und Belgien gegebenen Anleihe i« derselben Höhe umgebildet werden. Diese soll nach 10 Jahren zurückgezahlt werden. Ein Ausschuß, der noch eimzusetzen ist, soll die Rückzahlung der Anleihe überwachen, die von der BIZ. vermittelt wird. Als Gegenleistung für diesem Beistand würden von Deutschland weitgehende finanzielle Garantien verlangt werden.
„La Republique", das Organ Data diers, schreibt: Morgen wird am Quai d'Orsay
zielte Einladung abzuschicken. Der rechte Flügel des Kabinetts hätte diese einfache Höflichkeit abgelehnt. Die französische Regierung sei vielmehr lediglich damit einverstanden, daß Dr. Brüning nach Paris komme. Der Unterschied möge vielleicht nur gering sein, aber er sei absichtlich gemacht.
Die Londoner Konferenz
Don amerikanischer Seite wird der Zweck der Londoner Konferenz dahin gekennzeichnet, daß er der Formulierung eines sorgfältig überlegten, auf lange Sicht berechneten Planes zur Unterstützung Deutschlands sowie der Beilegung der Differenzen zwischen Berlin und Paris dienen soll. Räch einer englischen Darstellung wird jedoch erwartet, daß auch politische Probleme nicht ausgeschaltet bleiben können.
Frankreich und die Londoner Minister- kouferenz.
Heber die Vorgeschichte der Einberufung einer Ministerkonferenz nach London weiß ein französischer Korrespondent des „Daily T e l e gra p h" aus Paris folgende Einzelheiten zu berichten: Ministerpräsident Laval hatte sich dem britischen Vorschlag, am Montag eine internationale Konferenz in London abzuhalten, widersetzt. Während der Nacht zum Donnerstag aber erhielt Henderson aus London beunruhigende Meldungen über die Folgen, die eine Verschlimmerung der deutschen Krise auf die ausländischen Märkte haben könnte. Um Mitternacht
die erste Sitzung des Verwaltungsrats Europas
abgehalten. Wir können uns nur darüber freuen, daß Dr. Brüning und Dr. Curtius hierher kommen, und wir bedauern tatsächlich, daß ein derartiger Beschluß ' unter dem Zwange der Ereignisse (den die Franzosen selbst geschaffen haben! Die Red.) getroffen worden ist. Aber es ist hier nicht der Ort, um Vorwürfe zu machen. Jetzt muß man Händeln und zwar schnell. Das Blatt spricht fast als einziges den Gedanken aus, daß Frankreich die finanzielle Lage Deutschlands nicht ausbeuten dürfe, um den finanziellen Imperalismus fpielen zu lassen. Es dürfe auch nicht den Fehler begehen, politische Garantien zu fordern. Denn was würden Unterschriften bedeuten, fragt das Blatt, die man unter . der Drohung des Zusammenbruchs erhalten hätte?
Zur Reife des Reichskanzlers und des Reichsaußenminifters nach Paris schreibt das „Journal": Der Beschluß 'der Reichsregierung bedeutet einen U m schwung der deutschen Politik, der geeignet ist, seine Lage günstig zu beeinflussen, die äußerst gefährlich war. Dr. Brüning und Dr. Curtius faßten endlich den einzigen Beschluß, der Rettungsaussichten eröffnen kann. DaS Vertrauensproblem muß von den Nationen Europas in einem europäischen Geist (?) in Angriff genommen werden. Es setzt außerdem die Mitwirkung Amerikas und eine weitgehende internationale Zusammenarbeit voraus.
(Siehe besonders Seite 2.)
teilte Henderson dem Ministerpräsidenten Laval telephonisch mit, daß Mac- d o n a l d sich außerstande gesehen habe, die Einladung zur Londoner Ministerkonferenz aufzuschieben und auf eigene Verantwortlichkeit gehandelt habe. Gestern vormittag folgte dann eine zweistündige Konferenz im Arbeitszimmer L a - v a l s im Innenministerium. Der Ministerpräsident erklärte sich grundsätzlich mit einer internationalen Konferenz einverstanden, aber
n«t ««ter der Bedingung, daß die deutsche« Minister erst «ach Paris käme«, «ad daß mit ihnen eine grundsätzliche Vereinbarung über den Plan finanziellen Beistandes, den die sran- zöfische Regierung entworfen (!) habe, erreicht werde.
Infolgedessen wird zunächst eine Vorkonferenz zwischen den französischen und den deutschen Ministern in Paris abgehalten werden.
Der amerikanische Schatzkanzler Mellon, der zur Zeit zur Erholung in Südfrankreich weilt, ist von Washington angewiesen, sich an der Londoner Konferenz zu beteiligen.
Pressestimmen
Die unmittelbar bevorstehende Reise des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers nach Paris wird in der Beniner Presse febr lebhaft besprochen.
Die Blätter der Rechtsopposition halten an ihrem bereits gestern abend zum Ausdruck gebrachten ablehnenden Standpunkt fest, und
auch die „Deutsche Allgemeine Zeitung" verspricht sich von einer Verhandlung in Paris, die ohne Zweifel mit politischen Bedingungen belastet sein werde, nichts. Das Blatt betrachtet die Gerüchte aus Lbndon und Paris, die „plötzlich sehr günstig und entgegenkommend klängen, mit kältester Skepsis" und betont, daß noch niemals für eine solche Abordnung zu internationalen Verhandlungen die Linie ihrer Politik so klar vorgezeichnet war. Während die „Deutsche Tageszeitung" ihren Kommentar zu der Pariser Reise geradezu mit der Ueberschrift „Die Pariser Falle" versieht und erklärt, daß es Frankreich auf einen großen Schlag gegen die deutsche Revistonsbewegung ankomme, schreibt der „Berliner Üokalanzei-- g e r", daß die französischen politischen Wünsche wohl nicht in der Form von Forderungen auftreten werden. Immerhin glaubt das Blatt, daß Frankreich seine politischen Forderungen als Vorbedingungen für die notwendige Stabilität in Deutschland oder in Europa in irgendeiner Form aufrechterhalten werde. >
Auch die „Germania" must zugeben, daß die Wiederaufnahme des deutsch-französischen Gesprächs unter wenig günstigen Auspizien stattfinde. Wenn die oeutsche Regierung, betont die „Ee r m a n i a", sich entschlossen hat, dieses innen» und außenpolitische Risiko zu tragen, welches mit diesem Umweg über Paris verknüpft ist, so tut sie dies zweifellos in dem vollen Bewußtsein, der Verantwortung für eine ungewöhnlich schwere Lage und in der festen Erwartung, daß man für diese Lage in Paris und in der ganzen Welt das unbedingt notwendige Verständnis (?) zeigen wird. Sollte sich das deutsch-französische Gespräch in jenem Rahmen abwrckeln, den die französische Regierung vor der Kammer entwickelt hat, so wäre freilich dieser Umweg nutzlos, aber auch London wenig erfolgversprechend; denn wie die Dinge liegen, bietet sich ohne die französische Mitwirkung nur eine bescheidene Aussicht auf eine internationale Hilfsaktion. Die deutsche Regierung wird in der Lage sein, über Fragen, die im Völker, bund und in der diplomatischen Aussprache wiederholt eine Rolle gespielt haben, wie die Abrüstung und die Zollunion (!), Rede und Antwork zu stehen und die deutsche Auffassung klar zum Ausdruck zu bringen. Aber nicht hiervon, sondern von einer beiderseitigen Erkenntnis der engen Schicksalsoerbundenheit und von der Notwendigkeit einer wahrhaft paneuropäischen Initiative kann mit Aussicht auf Erfolg gesprochen werden.
Das „Berliner Tageblatt" weist darauf hin, daß man nicht mit einer raschen lleberwindung der politsichen Schwierigkeiten rechnen dürfe. Es werde viel vom guten Willen aller Beteiligten abhängen.
-Nerven verloren?
In offiziösen Verlautbarungen wird es so hingestellt, als ob auf Anregung Hendersons eine Einladung der deutschen Minister von Paris ausgegangen sei. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Henderson hat den deutschen Besuch in Paris vielmehr in Berlin angeregt, ohne daß die französische Regierung die Minister eingeladen hätte. Paris hat lediglich erklärt, die deutschen Minister könnten kommen. Man wird nicht fehlgehen, wenn man von dieser demütigenden Haltung der Pariser Regierung auf die Methode schließt, mit der die französischen Minister mit den Deutschen zu „verhandeln" entschlossen sind. Es wird jetzt auch so hingestellt, als ob die „substantiellen Garantien", die Frankreich fordert, harmloser Natur sein könnten. Viele Menschen haben eben aus der Vergangenheit nichts gelernt. Es mag genügen, feftzustellen, daß die deutschen Minister als Bittsteller kommen, aus einem Lande, in dem jeden Tag das Chaos auszubrechen droht, dessen Finanzen in einer mehr als bedenklichen Verfassung sind, sodaß seine Minister mit dem besten Willen nicht gegen harte Forderungen der Gegner