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Anzeiger für (das frühere knrheffische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Frankreich unter Druck
Amerika besteht auf vorbehaltlose Annahme -es Hoovers-Planes — auch durch Frankreich
ff. Washington, 23. Juni. In Kreisen des Weihen Hauses und des Staatsdepartements herrscht die Meinung »or, deh die für morgen erwartete Antwort der französischen Regierung, wenn sie auch nicht ablehnend ausfallen werde, doch von bestimmten Forderungen bezüglich des ungeschützten Teiles der Reparationsleistungen begleitet sein werden. Aber selbst fran- rophile Elemente innerhalb der Regierung würden, wie einstimmig versichert wird, eine bedingte Zustimmung Frankreichs nicht anerkennen, sondern unbeugsam auf der Annahme des Hoover-Planes bestehen.
Bezeichnend für die Haltung der amerikanischen Regierung ist der heutige Leitartikel der „Herald Tribüne" in dem es «.tt. heißt: der Versuch der Pariser Regierung den auf Frankreich entfallenden Anteil der ungeschützten Jahres- zahlungen von dem Zahlungsaufschub auszuschliehen, würde voraussichtlich den ganzen Hoover-Plan zum Scheitern bringen, da die öffentliche Meinung Amerikas es selbstverständlich ablehne, die ganze Bürde des Opfers allein zu tragen. Die Zertrümmerung des Moratoriumsgedankens würde den Zusammenbruch Deutschlands in doppel- bedrohliche Nähe bringen und Frankreich hätte die Verantwortung für die völlige Zertrümmerung des Reparations- »nd Friedenssystems zu übernehmen.
Noch schärfer öuhert sich Hearst in einem groh aufgemachten Leitartikel in den 18 Zeitungen seines Konzerns. Frankreich fei eine stetige Kriegsdrohung. Es benutzte gestohlene Gelder, um eine gigantische Kriegsmaschine aufzubauen, um Europa zu unterjochen; Frankreichs grohspre- cherische Pi ratennation sollte für ein Weltkriegsgericht gestellt und gezwungen werden, Frieden zu halten oder die vernichtenden Folgen seiner Politik zu tragen.
In einem Leitartikel unter der lleber- schrift „Em großartiger erster Schritt" erklärt „World Telegramm", Hoover habe die Krise nicht übertrieben. Sie könne gar nicht übertrieben werden. Deutschland sei dem Bankerott und der Revo- tution so nahe, wie es eine Nation nur sein könne. Ehe diese Ereignisse eintre- ten, müsse in dem einen Jahr, für das der Zahlungsaufschub gelten solle, die Beseitigung des Wettrüstens, der falschen Grenzziehungen und der unübersteigbaren Zollmauern in Angriff genommen werden. Geschähe das nicht, so werde die Gefahr einer Erplo- sron nicht verhindert, sondern nur aufgeschoben.
ff. Washington, 23. Juni. Staatssekretär Stimson erklärte auf dem Presieempfang am Montag, daß die Inkraftsetzung des Hoover-Planes feine Konferenz erforderlich mache, und daß die beteiligten Mächte ihrer Zustimmung Nur auf diplomatischem Wege oder durch eine öffentliche Erklärung Ausdruck zu geben brauchten.
Am heutigen Dienstag wird den 13 interessierten Mächten der ins einzelne gehende Moratoriumsplan, an dessen Ausarbeitung zur Zeit noch gearbeitet wird, zugehen.
Staatssekretär angesichts der gegenwärtigen Lage in Washington zur Verfügung haben will.
*
Auch die ungeschützten deutschen Zahlungen werden aufgeschoben.
Wie „Asioziated Preß" ans Washington von «atzgebenster autoritativer Stelle erfährt, bezieht sich der Vorschlag des Präsidenten Hoover eines einjährigen Zahlungsaufschubes der Kriegsschulden- und der Reparationszahlungen auch auf die ungeschützten deutschen Reparationszahlungen.
Oesterreichs Einverständnis mit dem Vorschlag Hoovers.
Washington, 22. Juni. Der österreichische Gesandte hat heute vormittag im Staatsdepartement vorgesprochen. Er drückte dem Staatssekretär Stimson die große Genugtuung seiner Regierung über Hoovers spontanen Schritt und ihr volles Eino erständnis mit dem Vorschlag des Präsidenten aus.
Die englische Negierung hat am Montag vormittag ihre Antwort auf die Moratoriums-Erklärung Hoovers der amerikanischen Regierung übermitteln lassen. Es wird darin die grundsätzliche Annahme des amerikanischen Vorschlages festgestellt.
Es verlautet, daß Italien den Vorschlag Hoovers mit Sympathie zusttmmt, zugleich aber erwartet, daß Deutschland die wirtschaftliche Erleichterung nicht zu einer zunehmenden politischen Betätigung im Cüdosten benutzt.
In französischen politischen Kreisen rechnet man damit, daß die
französische Regierung in Washington erklären wird, die Hooverschen Vorschläge nur unter der Voraussetzung billigen zu können, wenn Deutschland die e r f o r d e r- lichen Sicherheiten (!) bietet, die in der Anerkennung der Ostgrenze und In Garantien bezüglich der Äbrüstungsfrage bestehen sollen.
Stimsons Erklärungen.
Washington, 22. Juni. In der heutigen Pressekonferenz teilte Staatssekretär Stimson mit, daß die formelle Unter* breitung des amerikanischen Planes bei den beteiligten Mächten bereits auf diplomatischem Wege erfolgt sei. Daß eine
Paris verlangt „Garantien"
Frankreichs Antwort in Vorbereitung
fk. Paris, 23. Juni. Finanzminister tH an bin hat im Laufe des Montage Gemeinschaft mit den Sachverständigen seines Ministeriums die Vorschläge des Präsidenten Hoover geprüft und die französische Antwort ausgearbeitet. Vor dem Zusammentritt des Ministeri- ums am heutigen Dienstag wird eine eingehende Vorbesprechung mit Außen- ministerBri and erfolgen, der am Montag zu spät in Paris emtraf, um an den bisherigen interministeriellen Verhandlungen teilzunehmen. Im Verlauf des Minister- rates soll der Wortlaut der Antwort noch einmal geprüft und endgültig formuliert werden. Nach ihrer Fertigstellung wird die französische Antwort beschleunigt dem französischen Botschafter in Washington zur Weitergabe an Präsident Hoover zugeleitet werden, da letzterer um eine möglichst rasche Bekanntgabe des französischen Standpunktes gebeten hat.
Das „Echo de Paris" hält es für wahrscheinlich, daß die für Washington bestimmte Botschaft die grundsätzliche Zustimmung Frankreichs zur Initiative des Präsidenten Hoover enthalte, jedoch gleichzeitig formelle Vorbehalte in bezug auf den ungeschützten Teil der deutschen Zahlungsverpflichtungen machen werde.
Der diplomatische Mitarbeiter der „Agentur Haoas" glaubt zu wissen, daß her fran
zösische Botschafter in Washington sich Staats» -ftzkretör Sttmson gegenüber zu- dem Vorschlag- des Präsidenten Hoover dahin geäußert habe, daß Frankreich die edelmütigen Gefühle begrüße, die Hoovers Initiative herbeigeführt habe, und daß Frankreich bereit wäre, dem Vorschlag des Präsidenten zuzustimmen, daß es aber den Wunsch habe, das Problem einer aufmerksamen Prüfung zu unterziehen, ehe es amtlich seine Antwort zur Kenntnis bringt.
Mit internationalen finanziellen oder diplomatisckren Verhandlungen vertraute Persönlichketten seien der Ansicht, daß «ine Zustimmung Frankreichs von Garantien begleitet fein müssen, daß das Moratorium Hoovers, das nur auf ein Jahr Geltung habe, den Youngplan nicht verletzen darf und die Unantastbarkeit der ungeschützten Annuitäten Deutschlands beachten müsse.
Bestimmte Finanzkreise Frankreichs faßten deshalb ins Auge, daß Deutschland für 1931/32 500 Millionen Mark oder die ungeschützten Tranche in nationalen Devisen zahlt, die Frankreich als Darlehen an interessierte Nationen zur Verfügung stellt.
internationale Konferenz zur Diskussion über Hoovers Vorschlag einberufen werde, lehnte Stimson rundweg ab. Er betonte, die Angelegenheit dränge so sehr, daß man zu Konferenzen und langen Debatten keine Zeit habe.
Wenn aber die Aktton nicht einstimmig erfolge, fo könnte überhaupt nichts erreicht werden. Eile tue not, eine lange Debatte würde alles zunichte machen.
Stimson ging hierauf auf den Hindenburg- Brief ein, zu dem er bemerkte, daß er erst am Sonntag, also nach der Erklärung Hoovers, hier eingetroffen sei. Er erllätte, daß es nicht der Hindenburg-Brief gewesen sei, der Hoover zu einer sofortigen Aktion veranlaßt habe, sondern daß der Hindenburg- Brief lediglich die Richttgkeit des Hooverschen Schrittes bestätigt habe. Eine Frage nach her Abrüstung beantwortete Stimson dahin, daß gutes Einvernehmen m einer gerechten Sache, nämlich in der Erleichterung der Lage Deutschlands, sicher auch gutes Em- vernehmen in einer anderen Angelegenheit, nämlich in der Einigung über Rüstungsbeschränkungen im Gefolge haben mürbe.
ff. Washington, 23. Juni. Die Abreise Sttmsons nach Europa erfährt eine Verschiebung, wett Hoover dem
Im Spiegel der Presse
Die ^Berliner Abendblätter äußern sich fast alle in ausführlichen Artikeln über die Bedeutung des Vorschlages von Hoover.
Der „Börsen-Courier" fragt: Wird Frankreich widerstreben? Es sei jetzt die Frage, ob das reiche, von der Weltwittschaftskrise noch verhältnismäßig am meisten verschonte Frankreich, das von 1661 Millionen AM. deutscher Voung- Zahlungen in diesem Reparationsjahr allein 907 Millionen RM. erhalte, sich zu dem von Hoover geforderten Verzicht ent* schließe. Die Grundforderung, von der eine Besserung der allgemeinen Weltlage in finanzieller und polittscher Hinsicht aus* gehen kann, bleibe, wie die „Times" mit Recht hervorgehoben haben, daß a n b e m Plane Hoovers nicht herumge* nörgelt werde, wie dies die französische Presse schon jetzt mißvergnügt tue, daß vielmehr.ein einheitlicher Plan bedingungslos akzeptiert werde. Unter Hinweis auf die inneren Auswir* kungen fordett das Blatt, daß die Entlastung keinesfalls zu irgend einer Erschütterung des deutschen Etats führen dürfe, und daß nach keiner Seite hin Konzessionen gemacht werden dürften, um die gesunden Prinzipien, die der Reichssinanz- minister jetzt durchgesetzt hat, zu gefährden.
Die „D. A. Z." schreibt, man müsse in dieser Stunde nicht nur vor jenen Pessimisten warnen, deren einziges Dogma oer Glaube an eine unaufhaltbare Katastrophe sei, sondern auch vor übertriebenen Hoffnungen, die über das im Bereich der Realitäten Erzielbare hinausgingen. Kein Zweifel fei daran möglich, daß die Annuitütenreihe des Poungplanes mit dem Weltmoratorium aufgehött haben werde zu bestehen. HooverS ganze Aktion wäre vergeblich, wenn nach einjähriger Pause Deutschland wiederimaltenAusmaßzuzah- len beginnen müsse. Bevor das Jahr ablaufe, müsse die Reuregelung sichtbar werden, die endlich die deutschen Zahlungen in einer Höhe fest sehe, deren Bemessungen keine Zweifel an der Er* füllbarkeit aufkommen lasse.
Die „B ö r se n z e i tu ng" sagt: Werde der Hoover'sche Vorschlag Wittlichkeit, s o- sei das ein Anfang, nicht mehr. Anunswerde ed liegen, den Anfang auszunutzen. Wir müßten festhalten an der Tatsache, daß die Krise der Welt und Deutschlands nup überwunden werden könne durch gundlegende Revision des unerträglichen Poungplanes, und daß weder Kredite noch ein Moratorium noch ein Aufschub der Zahlungen geeignet seien, diese Kttse wirklich zu beheben.
Der „Lokalanzeiger" sicht ebenfalls in der Wirkung des einjährigen Moratoriums für Deutschland nur eine vorübergehende Erleichterung.
Ruch die „Deutsche Tageszeitung" erörtert die Schwierigkeiten, die Frankreich dem Plane Hoovers machen werde. Vor allem müsse man mit dem Versuch rechnen, für die französische Zustimmung deutsche Bindungen hinsichllich der grundsätzlichen Aufrollung der Re- LisionSfragen während dieses Feierjahres einzuhandeln.
Die „Deutsche Zeitung", die von einer Galgenfrist spricht, bringt Aeuhemngen von führenden Männern der RecKsopposition. — Oberfinanzrat Dr. Bang sagt: Wir wollen keine Gnade, wir wollen unser Recht! Alles das, was jetzt geschieht, ist lediglich eine weitere Hinaus- < zögevung des einzigen Schrittes, der UNS