Sonnabend, btn 20. Juni 1931
,Ob«rh«ssische Zeitung' et- sechsmal wöchentlich. Be- ^gSpteis monatlich 2.2OGM.anS- sKlteßi- ZustellnngSgebübr. durch y, Post 2.45 GM. Für etwa durch Htteik, MaschinendeseN oder eie- ^grtaee Lreigniste ausfallende »gnttnetn wird kein Ersatz ge- Vertag. Dr. §. Httzervth.
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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Marburg L Mo
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Bedeutungsvolle Erklärungen Hoovers
Amerika greift in die Reparationsfrage ein — Langfristige Anleihen für Deutschland?
Washington. 19. Sunt. Präsident Hoover erklärte heute, er habe mit mehreren Führern beider politischen Parteien über Maßnahmen gesprochen, die geeignet seien, zur wirtschaftlichen Wiedergesuu- dung sowohl in den Bereinigten Staaten und im Ausland beizutragen und insbesondere eine Stärkung der Lage in Deutsch land her- beizuführ-n. Man sei sich noch nicht über bestimmte Pläne schlüssig geworden, aber die Art, in der die Vertreter beider Parteien ans die Angelegenheit eingegangen seien, sei durchaus befriedigend gewesen.
Der Präsident hatte zuerst eine längere Unterredung mit dem Staatssekretär Stirn» son, hierauf eine mit den Führern der beiden Senatsfraktionen und anschließend daran eine mit dem Unterschatzsekretär Mills. Der Präsident der Senatskommission für Finanzen Smoot ist eiligst telegraphisch nach Washington berufen worden. Die Konferenzen selbst wurden dann am Nachmittag fortgesetzt: Hoover empfing den Unter« staatsseketär Klein, der Sachverständiger für Fragen des Auszenhandels ist und eines der ältesten Mitglieder der Finanzkommisston des Revräsentantenhauses, Bacharach.
Wie Reuter berichtet, wird das Eingreifen des Präsidenten in Zusammenhang gebraucht mit den gestrigen Unterredungen zwischen Mellon und Maedonald in London und zeigt, wie man glaubt, daß eine wichtige Entscheidung über die amerikanischen und europäischen Finanzen im Sange sei.
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In der ameri!anis chen Presse wird die Erklärung Hoovers als ein historisches Dokument bezeichnet und als Beweis für die Erkenntnis, daß sich Amerika dem Ernst der Lage nicht länger entziehen könne. Heber die Pläne Hoovers gehen die Vermutungen dahin, daß man Deutschland nicht durch eine Herabsetzung der alliierten Kriegsschulden, sondern durch Gewährung langfristiger Kredite helfen wolle.
„Baltimore Sun" behauvtet, sie habe aus guter Quelle erfahren, daß Hoover die Initiative in der Schuldenfrage ergreifen nnd den Alliierten vorschlagen wolle, für zwei oder drei Jahre die Zahlungen an die Vereinigten Staaten einzu stellen. unter der Bedingung, daß sie während des gleichen Zeitraumes keine Reparationen von Deutschland verlangen. Dieser Plan würde nach der „Baltimore Sun" die Verträge mit den Alliierten über ihre Schuldenzahlungen unangetastet lassen und es gleichzeitig den Alliierten ersparen, Amerika um Zahlungsaufschub zu bitten. Dadurch werde das Prestige Europas gewahrt und Amerikas Prestige gehoben.
Stimson betonte, Hoovers Erklärung werde aller Voraussicht nach seine Europareise nicht verzögern.
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Berkin, 20. Juni. Der „Börsen- Courier" schreibt zu den Meldungen über die Erklärung Hoovers zur Reparationsfrage:
. Daß Nachrichten über bevorstehende positive Entschlüsse Amerikas in Europa und besonders m Deutschland nicht mit unbesonnenem. erwariungsfreudigem Optimismus ausgenommen werden, dafür bürgen die Erfahrungen schwerer Jahre; sie bürgten dafür auch dann, wenn man die im Ton fast eu- ropaferndliche Rede, die Präsident Hoover neulich fn Indianapolis hielt, mit der Rücksicht auf westamerikanische Stimmungen und aus dem Wunsch erklärt, verfrühten Festlegungen vorzubeugen. Diese bestimmten Formulierungen Hoovers aber über eine amerikanische Hilfsaktion zugunsten Europas und insbesondere auch Deutschlands sind immerhin neeütnei. stär
kere Erwartungen zu wecken. Die veränderte Haltung des Präsidenten dürfte, wie auch zugegeben wird, nicht zum wenigsten von den umsonst abgeleugneten Reparationsbesprechungen Mellons und Stimsons beeinflußt sein.
Stimfons Europa-Reife.
Washington, 19. Juni. Die Vorbereitungen zur Europa-Reise des Staatssekretärs Stimson sind nunmehr soweit gediehen, daß bereits die Auswahl _ seiner Begleitung vorgenommen wurde. Auster Frau Stimson werden sein persönlicher Assistent Klots, sein Adjutant Hauptmann Regnier und sein Privatsekretär Morlock an der Reise teilnehmen. Die Rückkehr aus Europa dürfte Mitte September erfolgen, das Abfahrtsdatum jedoch ist bisher noch nicht festgesetzt.
Vorbereitungen in Berlin
Sitzung des Reparations-Ausschusses.
Berlin, 19. Juni. Wie wir erfahren, hat der reparationspolitische Ausschuß des Reichskabinetts,
der bekanntlich seinerzeit aus Ressorts gebildet worden ist, die an den Fragen der Reparationen besonders beteiligt sind, haute eine Sitzung abgehalten, an der auch die Botschafter Dr. H o e s ch und Dr. v o n Schubert teilgenvmmen haben. Die Beratungen galten natürlich der Borbereitung der Mahnahmen, mit denen das Reichskabinett die Revision einleiten will. Sie werden in den nächsten Tagen fortgesetzt. Inzwischen werden auch die Botschafter von Prittwitz und Reurath in Berlin erwartet, die sich bereits auf der Reise befinden. Diese Besprechungen, die bereits vor einer Reihe von Tagen angekündigt worden waren, werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen, da der Revisionsschritt bei der großen Bedeutung und den Schwierigkeiten des ganzen Problems natürlich einer eingehenden und sorgfältigen Behandlung bedarf. : .
Frankreichs Erpressungspolitik
Oesterreich soll auf den Zollpakt verzichten
fk. Paris, 20. Juni. Don unterrichteter Pariser Seite wird bestätigt, daß die französische Regierung als Vorbedingung für die Gewährung einen Anleihe an Oesterreich politische Forderungen stellt«, die auf «ine Erweiterung des Genfer Protokolls und «men schriftlich en Verzicht auf die Verwirklichung der Zollunion hinausliefen, von der österreichischen Regierung aber als unannehmbar abgelehnt wurden.
Paris, 19. Juni. Wie von unterrichteter Seite bestätigt wird, sind die fran- zöslsch-österreichischen Verhandlungen über den Abschluß eines Kredites in Höhe von 350 Millionen Schilling „vorläufig" gescheitert. Auf französischer Seite wird als Begründung dafür angegeben, daß die österreichische Regierung sich geweigert habe, die politischen Garantien zu geben, die von französischer Seite gefordert wurden.
Die österreichischen Unterbänbler seien aus Paris abberufen worden.
Weiter wird bestätigt, daß die französische Regierung tatsächlich, dem Gesandten in Wien die genannten politischen Forderungen als Vorbedingung für die Gewährung einer Anleihe habe überreichen lassen.
Ob Frankreich nunmehr seine Absichten, auf diesem Wege die österreichisch-deutsche Zollunion zu beseitigen, aufgegeben hat, scheint jedoch unsicher zu sein. Anscheinend wollen die Franzosen ihre Pläne bei einer etwaigen Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Oesterreich in anderer Form weiterverfolgen. England will auch ohne Frankreich helfen.
fk. London, 20. Juni. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß englische Bankkreise an einer schnellen Überwindung der österreichischen Finanzkrise interessiert sind und, falls eine internationale Aktion nicht zustande kommt, Oesterreich eventuell auch ohne Frankreich helfen wolle.
Neue Diskonterhöhung?
Die Devisenverluste der Reichsbank
Aus Berlin wird uns gemeldet:
Nachdem bis zum Donnerstag di« Devisenabzüge bei der Reichsbank bis auf etwa 10 Millionen 9WC zurückgegangen waren, ist am Freitag ein neuer Anstieg auf 50—60 Mill. eingetreten. Wiederum handelt es sich zum großen Teil nm die Auswirkung ausländischer Kreditkündigungen, und zwar, wie es scheint, nunmehr in stärkerem Maße von französischer Seite; die französischen Banken haben, im E-gcnsah zu den Empfehlungen der Bank von Frankreich, schon Anfang der Woche begonnen, Gelder zurückzuziehen. zum großen Teil auch durch mittelbare Kündigungen, die Guthaben in Holland und in der Schweiz betrafen und Abzüge durch die Banken dieser Länder in Deutschland zur Folge hatten. Da nicht abzusehen ist, wie lange diese vorwiegend von politischen Gründen bestimmte Attacke audauern wird, muß
die Frage einet neuen Diskonterhöhung als akut betrachtet werden, obwohl die Reichsbank bisher keinerlei solche Absichten erkennen ließ. Aber die Borsorge für die Finanzierung des Ultimo wird, wenn nicht alsbald eine völlige Beruhigung auf dem Devisenmarkt eintritt, der Reichsbank weitere Entschlüße nicht ersparen.
3n sachverständigen Finanzkreisen wird die zögernde Haltung der Reichsbank vor allem deshalb bemängelt, weil sie die Gefahr mit sich bringt, daß das Institut, wenn es noch weiter geschwächt wird, bei der Beschaffung eines etwa benötigten höheren Rediskontkredites im Auslande der Golddiskontbank nur einen mangelhaften Rückhalt geben könnte, jedenfalls weniger Rückhalt, als wenp sie durch weiteres Anziehen der Diskontschraube und Kreditrestriktion die Devisenverluste energisch abitovvte.
Die Neubesetzung des Wirtschaftsministeriums
Bon zuverlässig unterrichteter parlmnen- tarkfcher Seite hören totr, daß bei den letz- ten Verhandlungen über eine Ergänzung des Reichskabinetts im Rahmen der vvlksparteilichen Forderungen auf eine Ambkldung als Anwärter für die Führung des ReichSwirtschaftSministeriunrs Dr. Paul Silverberg sehr ernsthaft genannt worden ist. Man ist auch bereits in den volksparteilichen Kreisen, die Silverberg zum Reichswirtschaftsminister machen möchten, und die diese Ernennung dem Reichskanzler nahegelegt haben, an Silverberg hinsichtlich der Aeberncchme des Reichswzrtschaftsministeriums herangetreten. Es verlautet aber, daß Silverberg sich bis heute ablehnend verhält.
Mahnruf der Aerzte
Köln. 19. Juni. Der Deutsche Ärzte, tag nahm am Freitag eine Entschließung ein. stimmig an, in der er seiner Genugtuung darüber Ausdruck gibt, daß die Aufstellung wichtiger Grundsätze und die Formulierung praktischer Vorschläge für eine Reform der Krankenversicherung einmütig gelungen ist. Die ganze deutsche Aerzteschaft erwartet von der Reichsregierung, daß den ärztlichen Spitzenverbänden rechtzeitig Gelegenheit gegeben wird, den maßgebenden Stellen vor den für den Herbst in Aussicht genommenen Reformen auf dem Gebiete der Sozialversicherung ihren sachverständigen Rat und ihre Vorschläge zu unterbreiten. Auch die jetzige Krise werde, wie in stüherene Notzeiten, die deutschen Aerzte bereit finden, sich den Möglichkeiten anzupassen, die füt die Weiterführung der Sozialpolitik gegeben sind.
In einer anderen einstimmig angenommenen Entschließung zur Frage des passiven Luftschutzes stellt der Deutsche Äerztetag angesichts der bevorstehenden Abrüstungskonferenz die Forderung an die Reichsregierung, durch internationale Vereinbarung die Verwendung von Giftgasen zur Vernichtung eines Volkes unmöglich zu machen.
Angenommen wurde ferner eine Kundgebung, ht der es n. a. heißt: „Sie Deutsche Aerzteschaft stellt mit ernster Sorge vor der ganzen Welt fest, daß der Gesundheitszustand des deutschen Solle» durch die Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit nnd die drückenden Tributlasten immer mehr bedroht ist. Die deutsche Aerzteschaft erhebt ihre warnende Stimme dagegen, dast da« deutsche Volk wiederum dem Hunger und seinen entsetzlichen Folgen ausgeliefert wird."
Köln, 19. Juni. Der von Geheimrat Stander ausgearbeitete Entwurf zu einer Reichs-Aerzteordnung wurde heute vormittag auf dem 50. Deutschen Äerztetag mit überwältigender Mehrheit angenommen.
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„Abänderung der Notverordnung !"
Berlin, 20. Juni. Der Borstcind der Sozialdemokratischen Partei hat einen Aufruf veröffentlicht, der eine Kampfansage gegen die Rotverorü- nung enchält. Die Sozialdemokratie fordere, daß ihr sozial ungerechter Inhalt durch einen gerechteren ersetzt werde. anderen Parteien, die sich gegen die Rot- vervrdnung erklärt hätten, verfolgten ganz andere Ziele als die Sozialdemokratie. Nationalsozialisten und Deutschnationale, Großagrarier und volksparteiliche Scharfmacher wollten die Arbeiterbewegung bei»