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Der Widerstand setzt ein
Briand lehnt jede Revision des Young-Plans ab - Die Verflechtung der Tributftage mit Rüstungs-und Schuldensragen
Alte Methoden Keine Aenderung?
Paris, 9. Iuni. In der heutigen Sitzung der Kammer n erlangte der Abgeordnete Lorin (Fraktion Maginot) die baldige Besprechung seiner Interpellation über die Breslauer Stahlhelmkundgebung, die eine Provokation dargestellt habe und an der sogar der Kronprinz, der Kandidat für die Nachfolge Hindenburgs sei, teilgenommen habe. In Aachen hätten die Stahlhelmleute Eupen und Mal- n«dy, ja sogar Elsatz-Lothringen zurückgefordert. Deutschland Jet gegenwärtig pangermanistisch und bedrohe den Frieden Europas.
Außenminister Briand antwortete, die Redner auf den Stahlhelmkundge- bungen hätten nicht gerade pazifistischen Geist bewiesen. Besonders in Breslau seien in Anwesenheit von Marschällen, Generälen und Prinzen bedauerliche Worte gefallen. Zum mindesten müsse man die dortigen Vorgänge als . . —
bedauerlich und tadelnswert bezeichnen, und sie würden gerade kurz nach den Genfer Bemühungen um Regelung der Minderheitenfrage noch tadelnswerter. Die französische Regierung habe diese Bewegung mit Interesse verfolgt und den für die Außen- politik zuständigen deutschen Stellen erklärt, was sie von einer solchen Kundgebung halte. Derartige Kundgebungen entsprächen nicht dem Geiste der Zusammenarbeit zwischen beiden Völkern für die Organisierung eines festen, dauerhaften Friedens. Er glaube, sagen zu können, daß das von der französischen Regierung zum Ausdruck gebrachte Ee- füyk von der Reichsregierung geteilt worden sei. Wenn derartige Zwi- eälle sich ereigneten, müsse man sie kalt- j und vernünftig betrachten. Die Zukunft beider Völker liege in einer Zusammenarbeit. Man müsse unaufhörlich die Aufmerksamkeit 'ber deutschen Regierung auf derartige Kundgebungen lenken und sie bitten, mit Men verfügbaren Mitteln einzn-
schreiten,
um eine öftere Wiederholung derartiger Kundgebungen zu verhindern. Die Reichsregierung sei aus einem Wahlkampf heroorge- gangen, der Politiker in den Vordergrund habe treten lassen, die chauvinistischer seien als die Stahlhelmleute. Es wäre für Frankreich nicht gut, wenn die Rerchsregierung durch die Rationalisten gestürzt würde. Sicherlich werde angesichts jedes derartigen DorfMes die französische Regierung nicht verfehlen, zu protestieren, damit die Zusammenarbeit nicht gestört werde.
Briand wies weiter darauf hin, dah der Friedensgedanke in Deutschland unleugbare Fortschritte gemacht habe. Man dürfe nicht vergessen, dah der Sieg auf Frankreichs Seite sei, und auch nicht, dah das deutsche Volk durch seine zum wenigsten schmerzliche Wirtschaftslage in starke Erregung versetzt werde. Trotz allem wäre es nicht recht,
nicht anzuerkennen, dah es zwei Deutschlands, mehrere Deutschlands gebe.
Die Nationalisten bildeten nicht die Mehrheit. Sie seien n i ch t in der Regierung. (Sie seien nicht die Herren der Lage. Solange nicht bewiesen sei, dah es unmöglich sei, die Friedenspolitik mit Deutschland genau wie mit den anderen Ländern Europas fortzusetzen, glaube er, dah es in Frankreichs Interesse liege, bei dieser Politik zu bleiben, ks sei möglich, dah Deutschland bei den Londoner Besprechungen versucht habe, seine schlechte Wirtschaftslage geltend zu machen. Das sei sein gutes Recht. Frankreichs Recht sei es, wenn man ihm irgendetwas vorschlage, was den Interessen des Landes zuwiderlaufe. Nein zu sagen. Es sei nicht möglich, eine Frage, wie diese, ohne Frankreichs Zustimmung zu regeln. Es sei nicht möglich, das feierlich unterzeichnete Abkommen ohne Frankreichs Einwilligung umzu- stohen. Der Youngplan sei erst kürzlich in Kraft gesetzt worden.
Es könne nicht die Rede davon sei«, den Boungplan zu revidieren, da et einen definitiven Charakter trage.
Er enthalte in sich Möglichkeiten für Deutschland. Deutschland werde davon vielleicht Gebrauch machen. Das sei sein Interesse. Von dort aber bis zu dem Schritt, ihn völlig umzugestalten und von einer neuen internationalen Konferenz für die Schuldenfrage zu sprechen, fei ein weiter Weg. Bisher habe man sich an den französischen Auhen- minister noch nicht in diesem Sinne gewandt. Die Kammer könne sicher sein, dah et sich nicht hineinziehen lassen werde.
Die Interpellation Lorin wurde hierauf auf unbestimmte Zeit vertagt.
Eine amtliche Mitteilung zu den Gerüchten über ein Transfer-Moratorium.
Amtlich wird mitgeteilt: Gegenüber Meldungen, nach denen die Reichsregierung in den nächsten Tagen bereits Beschlüsse bezüglich der Ankündigung eines Transfer-Moratoriums treffen würde, wird von zuständiger Seite festgestellt, dah diese Mitteilungen jeglicher Begründung entbehren.
Die Reichsregieruug hat keinerlei Beschlüsse gefaßt, sie wird sich auch durch derartige Mitteilungen nicht zu voreiligen Handlungen drängen lasse«.
Reparationen und Rüstungen
Nicht Wirtschaft, sondern Politik
Der Washingtoner Korrespondent der „Times" meldet: Staatssekretär Stirn- son hatte gestern vormittag eine lange Unterredung mit dem Präsidenten Hoover, aber weder über das Communiqu^ von Chequers, noch über den Erlaß der deutschen Regierung ist ein Kommentar gegeben worden. Immerhin ist es ausgefallen, datz der Staatssekretär keine Gelegenheit nahm, auf die amerikanische Anf- fasiung hinzuweisen, datz zwischen Reparationen und Kriegsschulden kein Zusammenhang bestehe.
Die Möglichkeit, dah von Europa die Bereinigten Staate« gewtssermatzen eingelade« werde« könnte«, der Me- deraufrollung der ganze« Kriegsschul- deafrage «äherzntrete«, wird von verschiedene« Mitglieder« des Kabinetts mit Unruhe betrachtet.
Staatssekretär Stimson soll allerdings weniger beunruhigt sein als der Präsident selbst. Die sich allmählich bemerkbar machende Neigung, Schuldenverminderung und Abrüstung als zusammenhängende Frage zu behandeln, betrachtet man als eine Andeutung, daß die Vereinigten Staaten, wenn sie aufgefordert werden sollten, die Schuldenfrage neu zu erwägen dies nur im Zusammenhang mit der Abrüstungssrage tun werden. Der Korrespondent weist dazu auf den gestrigen Leitartikel der Washington Daily News hin, der seiner Meinung nach in diesem Zusammenhang Gedankengänge enthalte, die in weiten Kreisen Aufnahme fänden. In dem Artikel heißt es:
Die Fiktion der Washingtoner Regierung, daß Reparationen und Schulden nichts miteinander zu schaffen hätten, bräche zusammen, aber Verminderung oder gar Streichung der Schulden sei eine zu einfache Lösung. Es müsse doch im Auge behalten werden, daß Amerika bereits 25 bis 75 Cent pro Dollar an Kriegsschulden gestrichen habe, und daß die alliierten Regierungen die ihnen dadurch ermöglichten Ersparnisse für vermehrte Rüstungen vergeudet hätten. Die amerikanischen Bauern und Arbeiter wollten nicht für die Vorbereitungen zu einem neuen europäischen Krieg ihr Geld opfern. Die Lösung fer daher, Verminderung der Schulden, der Reparationen und der Rüstungen zusammen.
I Dex Gegenbesuch Macdonalds nicht vor August.
> Zn London gilt es als wahrscheinlich, datz der Besuch Macdonalds und Hendersons t« 8eH<« erst «ach Beginn der Parlamentsferie«, also nicht vor August, voraussichtlich aber «ach vor der Septembertagung des Bölkervunds- rates erfolge« wird.
„Times" über den Besuch dec deutschen Minister.
„Time s" schreibt in einem Leitartikel: Dr. Brüning und Dr. Curtius haben gestern England verlassen, nach einem Besuche, der zweifellos ein großer persönlicher Erfolg gewesen ist. Ist die Hoffnung zu erwägen, daß die gegenwärtigen Besuche den Grund für eine kommende Neuerwägung der internationalen Kriegsschulden bereiten werden? „Times"' fährt fort: Was unmittelbar interessiert, ist die Wirkung des Besuches des Reichskanzlers auf seine eigene Stellung in Deutschland. Der erste Eindruck scheint nicht ungünstig zu sein. Die gemäßigten Kreise hätten keine große Erwartungen gehegt und l'ien daher nicht enttäuscht darüber, daß reine konkreten politischen Ergebnisse erreicht worden seien. Aber die jetzige Reichsregierung sei Meich wie andere Regierungen Europas eine Minderheitsregierung, und ihre Stellung k« sogar noch schwieriger als. die der meisten anderen. Das Blatt sagt weiter: Es sind Zeichen erkennbar, daß die Zuneigung der öffentlichen Meinung zum Rationalismus die Mehrheit der jetzigen Iugend in eine Partei zicht, die für den Sturz der jetzigen Regie- rung und für die Rückweisung der Reparationszahlungen eintritt. Ist die Regierung von heute eine Vertreterin des Deutschlands von morgen? Findet die deutsche Nation ihre Lasten tatsächlich so unerträglich, daß sie den verzweifelten Schritt ihrer Verleugnung durch eine Revolution erwägt?
Bisher ist kein endgültiges Beweis- material dafür erbracht worden, datz Deutschland tatsächlich nutzer Stande ist, die jährlichen Reparationszahlungen fortzuführen, zu denen es sich vor etwas mehr als einem Jahre im Haag bereit erklärte.
Es sek zu hoffen, daß Deutschland sich den maßvollen Ratschlägen und der weisen Führung seines jetzigen Kanzlers anschiiehen werde.
In politischen Kreisen beschäftigt man sich lebhaft mit der Frage, welche Stellung der Reichskanzler gegenüber den Wünschen nach einer Abä nderung der Notverordnung einnehmen wird, die von verschiedenen parlamentarischen Sei-, tat laut geworden sind. Soweit wir unterrichtet sind, ist aber nicht damit zu rechnen, daß Kanzler und Kabinett solchen Forderungen nachgeben werden. Das habe seinen Grund vor allem darin, daß ein Entgegenkommen an die Parteien insofern die Substanz der ganzen Notverordnung gefährden könne, als niemand weiß, wo die Aenderungen aufhören sollen. Nach der Auffassung, die in der Regierung nahestehenden Kreisen herrscht, würde ein Nachgeben die Reichsregierung auf recht abschüssige Bahn führen. Dazu kommt noch, daß die Forderungen der Sozialdemokratie und die des rechten Flügels der Regierungskoalition nicht nur auseinander- gehen, sondern sich gegenseitig widersprechen, so daß also praktisch kaum ein Weg zu einer Verständigung über die Abänderung gegeben sein würde.
Anter diesen Umständen haft man es offenbar für richtiger, die Notverordnung so zu lassen, wie sie zur Zeit aussieht. Dabei wird darauf hingewiesen, daß die Reichsregierung die Absicht habe, die viel kritisierte Krisensteuer nur so lange zu erheben, wie es unbedingt notwendig ist. Die Kritik an der Notverordnung dürfe nicht dazu führen, daß die Regierung in der Campagne um die Revision der Tributlasten behindert werde. Der Kanzler toirb bei den Besprechungen, die er nach seiner Rückkehr mit den Parteiführern haben wird, zweifellos mit allem Nachdruck auf diese einwirken. Nachdem sich das Kabinett voraussichtlich am Donnerstag mit der Situation befaßt haben wird, wird er am Freitag nach Neudeck zum Reichspräsidenten reisen, um Bericht zu erstatten und dann werden sich bis in die nächste Woche hinein die Besprechungen mit den Parteiführern abschließen. Zn den Kreisen der Reichsregierung sei man sich durchaus bewußt, daß in der Reparattvnsfrage die Reic^regiemng mit ganz bestimmten Vorschlägen und Forderungen herauskommen müsse. Es ist anzunehmen, daß der Reichskanzler den Parteiführern erklärt, daß er für die notwendigen Vorbereitungen etwa drei Wochen braucht, daß aber noch Ende dieses oder Anfang nächsten Monats entscheidende Schritte unternommen werden. Von dieser Ankündigung wird die nächste polftische Entwicklung beherrscht sein. Nach Auf- faffung gut unterrichteter Kreise werden die Parteien, auf die es jetzt in erster Linie ankommt, sich der Argumentation des Kanzlers kaum entziehen. Das würde also bedeuten, daß die Gefahr einer ReichstagSeinberufung nicht sehr akut ist. Znwiefern die Reichsregierung in der scharfen Kritik an der Notverordnung eine Behinderung des Kampfes um die Revision erblickt, ist uns nicht klar. Glaubt man etwa, es werde im Ausland einen wirkungsvolleren Eindruck machen, wenn das deutsch- Volk Verordnungen dieser Art für „feine weltbewegende Sache" Höft? Man sollte doch lieber in Regierungskreisen dem Ausland gegenüber einmal den gleichen rücksichtslosen Mut beweisen, mit dem man dem deutschen Bürger den letzten Groschen aus der Tasche hott. Das nationale Derftschland kämpft nicht nur gegen die unerhörten und doch^ll feiner Besse-