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Anzeiger Mr (das frühere knrheMche) Oberheffen
Anzeiger der amtliche« Bekanntmachung«« für Stadt und Kreis Marburg.
Bleibt Briand im Amt?
Der Erfolg in Genf sichert seine Stellung — Man wirbt um den „verschlagenen Märchenerzähler"
Berechtigte Kritik an Curtius
Die Entscheidung fällt morgen
"Der Chefredakteur der „D.A.Z.", Dr. Fritz Klein, geht in der PfingstanSgabe des Mattes noch einmal eingehend auf die Ereignisse in Genf ein und roiedechvlt mit aller Schärfe die Angriffe auf Dr. Cur- tins. Er verteidigt zunächst den Zeitpunkt des ersten Angriffs und hebt hervor, daß der Beweis für die Richtigkeit des Dorgehens durch die Rede des englischen Außenministers Henderson vom Sonnabend erbracht worden sei, die niemals ge» scbehen wäre, wenn die deutsche Oeffent- lichkeit nicht rebelliert und den Staatsmännern Englands gezeigt habe, daß auch die deutsche Geduld einmal eine Grenze habe. Sodann beschäftigt er sich noch einmal eingehend mit den Vorgängen anläßlich der Ueberweisung der Zollunion an den Haag. Die deutsche Regierung habe die Zollunion auf die Tagesordnung des Europa-Aus- sckusses setzen lassen. Kaum in Genf einge- trvsfen, setze jedoch Der verschlagene Märchenerzähler Briand es durch, daß vereinbart werde, im Europa-Ausschuß Die_ Zollunion nicht zu behandeln. Am nächsten Tage halte der deutsche Vertreter eine philosophische Rede über Wirtschaftskrisen im allgemeinen. Der französische Vertreter aber gebe eine fulminante Ansprache von sich, in der er beweise, daß die deutsche Zollunion ein Ang r i f f auf d e n Frie- den sei, daß die Verträge sie verbieten
Schwere der Wohsfahrtslasten finanziell vor dem Zusammenbruch stehen, eine fühlbare Erleichterung.
hege ernste Zweifel, ob der Völkerbunds- rat in einer so wichtigen Angelegenheit jetzt bereits eine endgültige Entscheidung treffen dürfe. Er lehne jedoch auf das nachdrücklichste auch die Erklärung der polnischen Regierung ab, daß sie jetzt bereits die Verantwortung für die Folgen eines Vertagungsabschlusses ablehne.
Keine übertriebenen Hoffnungen für Chequers.
Angesichts der herannahenden Konferenz von Chequers glaubt „Obfer- v e r" die deutsche Oeffentlichkeit vor übertriebenen Hoffnungen warnen zu müßen. Es wäre für England gänzlich zwecklos, etwa die deutsch-englischen Beziehungen auf Kosten der englisch-französischen verbessern zu wollen. England müße lediglich auf die Wiederherstellung des Friedens in Europa hinarbeiten. Wenn die Schwierigkeiten beider Länder in Chequers besprochen würden und die deutschen Minister hierbei die Reparationsfrage aufwerfen sollten, so könnten sie zwar erwarten, daß man ihnen mit Sympathie zusehen werde, aber sie müßten mit der Antwort rechnen, daß eine internationale Angelegenheit auch international geregelt werden müßte, und daß eine Ueber- eilung ihrerseits der Gipfel der llnklug- heit wäre.
WasbringtdieNotverordnung?
Das Gerücht von der Gehaltskürzung hält sich
werben. In den weiteren DerhanDkungen einige man sich mit Deutschland undOester- reich darüber, die Angelegenheit an das Haager Gericht zu verweisen. Zwei Minuten vor Beginn der Ratstagung am nächsten Tage jedoch komme derselbe englische Außenminister, mit dem dies vereinbart war, mit der Ankündigung heraus, er müsse leider auf den Zusatz bestehen, daß der Rat des Völkerbundes über die Haager Gerichtsentscheidung noch zu befinden habe und daß bis dahin alle Vechandlungen zwischen Deutschland und Oesterreich e i nzu st e H e n seien. Innerhalb weniger Stunden also die zweite Perfidie, ebenfalls durch Herrn Briand veranlaßt. Was aber sei von unserer Seite geschehen? Es hätte Herrn Henderson mit- geteilt werden müssen, daß die deutsche und Ssterreichische Delegation sich an das Abkommen vom Sonntag gebunden fühlten und ittchi in der Lage seien, den Zusatz zu akzeptieren. Es hätte gekämpft werden müssen gegen ein Vorgehen, das den Tod des Wiener Vertrages bedeuten könne. Deutschland sei an die Verabredung nicht mehr gebunden gewesen. Warum habe man von deutscher Seite, die sich mit Recht der Aeberweisung an den Gerichtshof nicht widersetzte, nach dem von Herrn Henderson vorgenommenen Bruch der Vereinbarungen nicht ebenfalls opponieren können? Weiter. Nachdem Herr Briand so seinen Triumph in der Tasche gehabt habe, sei im Europa-Ausschuß mit keinem - Wort mehr über die Zollunion gesprochen worden und der Erfolg der deutschenIui- tiative habe darin bestanden, daß Herr Briand und Nur Herr Briand Gelegenheit erhalten habe, seinen Standpunkt in der ganzen Welt ohne Widerspruch zu verbreiten. Das Erschütterndste aber sei die völlige Einheitlichkeit sämtlicher Staaten unter Führung Frankreichs in der Stellungnahme gegen uns. Wo bleibe da die diplomatische Vorbereitung der Tagung? Das fei eine Situation, die der deutsc^n Stellung in feiner Weise angemessen sei und die die Gefahr eines völligen Mißerfolges der Zollunion in bedrohliche Räß« rücke. Ein inne rpolitischer Gesichtspunkt schließe sich an. Sehe man Denn nicht, daß wir in Deutschland in einer revolutionären Situation ständen, die Brücken und Dämme wegzureihen drohe? Da sei es doch unmöglich, Den Reichskanzler, Dem man es zutraue, daß er das Verhängnis abwehren könne, weiter zu kvm- promitieren durch Rückschläge, wie sie in Genf in Erscheinung getreten seien. Die wirtschaftliche Besserung sei noch in weitem Felde. Dieses mihhandelle Volk wolle Den Glauben an Die Führung, das Vertrauen in den Staat wiedergewinnen. ES werde Armut und Knechtschaft weniger bitter empfinden, wenn Shm gesagt und gezeigt werde, daß es auch in der Erniedrigung eine stolze Haltung gibt. Deswegen Die Forderung, das DechältniS zum Völkerbunde zu überprüfen. Ein sicher vortrefflicher Zustizminifter brauche noch kein guter Minister des Auswärtigen zu sein.
Die Dörsenzeitung" beschäftigt sich in einem „Abkehr vom alten Weg!" überschriebenen Artikel mit dem Ergebnis der Genfer Ratstagung und kommt dabei zu Dem Schluß, daß die notwendige Aende- rung Der deutschen außenpolitischen Methode nicht durch einen Wechsel im Außenministerium allein erschöpft werden könne. Das Ausland müsse sehen, daß die überaus starke, nationale Welle Deutschlands nicht «ehr im unfruchtbaren Sand Der Oppo-
Wie bei „Deutsche" meldet, haben die Arbeiterorganisationen der drei Ge- werkschaftsrichtungen am Sonnabend dem Reichsarbeitsministerium eine Eingabe zugestellt, die auch dem Reichskanzler und dem Reichspräsidenten zugeleitet wird. In dieper Eingabe bringen die Verbände ihre große Sorge um die gesamte Sozialver- stcherung zum Ausdruck. Das Anwachsen der Liziallasten wird zugegeben. Gerade dieses Anwachsen sei aber Beweis für das Anwachsen der großen Rot. Die hohe Gesamtziffer der Summe für soziale Zwecke dürfe nicht irreführen. So hoch sie auch insgesamt sei, so gering wären die Leistungen für den einzelnen Empfänger. Zudem dürfe nicht unberücksichtigt bleiben, daß die Leistungen der Sozialversicherung schon teilweise erheblich eingeschränkt worden seien. Der durchschnittliche Satz der Invalidenrenten betrage nur 36 Mark monatlich, der Rentensatz für invalide Witwen sei noch kleiner, und noch geringer sei die Waisenrente. Eine weitere Kürzung sei hier völlig umöglich. Ebenso sei ein gerechter Ausgleich zwischen der Invaliden- und Angestelltenversicherung anzustreben. In der Eingabe werden weiter die Forderungen auf Verschlechterungen der Unfallverficherung-zurückgewiesen. Eine Verbesserung ber Unfall- und Krankheitsverhütungsmaßnahmen müsse angestrebt werben, um Dem Eintreten neuer Rentenfälle vorzubeugen. Weiter wird gefordert, daß den Versicherten auf Grund des Paragraphen 161 der Reichsverfassung eine maßgebende Mitwirkung in der Unfallversicherung eingeräumt wird.
ff. Paris, 26. Mai. Nach Informationen aus zuverlässiger Quelle soll Außenminister Briand sich endgültig entschlossen haben, sein Rücktrittsgesuch zu- rückzuzieheu. Wie „Echo d« Paris- am Dienstag früh meldet, soll diese Entscheidung am Mittwoch nach Schluß des Mi- msterrates amtlich bekannt gegeben werden. Briand ist am heutige« Dienstag früh aus Cocherel nach Paris zurück- gekehrt.
Am Sonnabend hat Briand, wie „M a - tin“ berichtet, mit dem neugewählten Präsidenten der Republik, Paul D o u - Bier, bei einem gemeinsamen Freunde gespeist. Dieser soll Briand darauf hingewiesen haben, daß die Versailler Wahl fein politisches Votum gewesen sei und daß die Kammer stets mit überwiegend« - Mehrheit Briands Außenpolitik gebilligt habe, sodaß für ihn kein Grund vorliege, den Quai d'Orsay zu verlassen. Auch Ministerpräsident Laval hat, wie bereits gemeldet Briand zu beeinflußen versucht, sein Portefeuille zu behalten. Briand soll jrtwch, wie „Echo de Paris" erklärt, sich nicht haben überzeugen lasten und zur Begründung angeben, bie Regierungsmehrheit stimme wohl öffentlich für ihn, bei Eeheimabstimmungen aber gegen ihn nnb führe außerbem gegen ihn eine heftige Campagne. Seine Würbe gebiete ihm, zu bemiffionieren. Brianbs Umgebung glaubt nach diesem Blatt, daß dies fein'letztes Wort sei.
Nachtrag zu Gens
Der deutsche Antrag auf Offenlegung des Rüstungsstandes.
Genf, 23. Mai. Der Völkerbundsrat hat heute den Antrag der deutschen Regierung auf Offenlegung sämtlicher Rüstungen noch vor der Abrüstungskonferenz abgelehnt und eine Entschließung angenommen. nach der der Völkerbundsrat nicht Die Machtbefugnisse hat, von ben Regierungen eine Bekanntgabe der Rüstungen zu verlangen, sondern den Regierungen bie an der Abrüstungskonferenz teilnehmen werden, lediglich anrät, bet Abrüstungskonferenz. bie notroenbigen Mitteilungen über den gegenwärtigen Rüstungsstanb zu geben.
Die Prüfung des polnischen Oberschlesieu- Berichts auf den September vertagt.
Der Völkerbundsrai nahm den deutschen Antrag auf Vertagung der Prüfung des polnischen Oberfchlesienberichts auf September einstimmig an. Dir Vertreter der französischen und der polnischen Regierung erklärten, sie sähen sich gezwungen, ihre Opposition gegen den deutschen Vertagungsantrag zurückzuziehen, da Henderson in seiner Eigenschaft als Ratspräsident die einstimmige Annahme des deutschen Antrages gewünscht habe.
Henderson erklärte, er empfinde weitestgehende Sympathie für den deutschen Standpunkt. Dre polnische Regierung sei durchaus zu tadeln, daß sie diesen Bericht so spät eingereicht habe und könne nicht erwarten, daß der Rat in einer so schwierigen Angelegenheit i« kürzester Frist einen Beschluß faste. Dr. Gurtius sei durch die Leitung der Ratstagung, sowie durch Verhandlungen hn Europa-Ausschuß so überlastet gewesen, daß er unmöglich die notwendige Zeit habe finden können, den polnischen Bericht zu prüfen. Er selbst I
Der „Berl. Börsen-Courier" schreibt über die neue Notverordnung u. a.: Die umfangreichen Vorarbeiten der zuständigen Refforts sind so gut wie abgeschlossen. Die neue Notverordnung baut u. a. auf der Sparermächtigung auf und wird eine ganze Reihe von Abstrichen an den einzelnen Etats bringen, dabei auch den Wehrhaushalt nicht verschonen. An diesem Haushalt solle« rund 50 Millionen eingespart werden. Das Kernstück der neuen Einnahmerechnung dürfte entweder eine etwa Iprozentige neue Kürzung der Beamtengehälter oder eine sogenannte Beschäftigungssteuer werden, die von sicheren Einkommen von einer etwas höheren Grenze aus erhoben werden soll. Von der ursprünglich geplanten Erhöhung de^ Umsatzsteuer dürfte man absehen, da sie im Widerspruch zu den Bemühungen der Negierung stände, die Preise niedrig zu halten. Als wesentlicher Teil der Notverordnung ist die Reform der Arbeitslosenversicherung anzusehen. Der Vorschlag, Krisen- und Wohlfahrtsunterstützung zu vereinheitlichen und bie Gemeinden entsprechend zu finanzieren, würde eine Erweiterung der Bedürftigkeitsprüfung bringen, d. h. bte Prüfung würde jetzt bereits vorgenommen werden wen« die Aussteuerung aus der Arbeitslosenversicherung erfolgt und nicht erst beim Uebergang vo« der Krisen- zur Wohlfahrtsfürsorge. Ferner soll die Unterstützung der Saisonarbeiter neu geregelt unb etwa ben Sätzen der Krisenfürsorge angepatzt werden. Schließlich ist u.a. eine Kürzung der Kriegsrenten in den leichtesten Fällen, unb nur wenn ein ausreichender Verdienst da ist, vorgesehen. Von der Reform der Arbeitslosenversicherung erhoffen besonders die Städte, die unter der