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Anzeiger fiir (bas frühere kurhessische) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Ein neuer Vorstoß Briands
Die Wahlen in Oldenburg — Starkes Anwachsen der N.S.D.A.P. und K.P.D. — Schwere Verluste der S.P.D.
Österreichs „Unabhängigkeit"
fi. Eens, 18. Mai. Zn Eens hat Bri- and tm Laufe des Sonntags einen neuen Borstotz gegen das deutsch-österreichische Zollabkommen unternommen. Er lieh allen Mitgliedern des Völkerbundes eine nmfangreiche Denkschrift übermitteln, in der er eine Behandlunq der Zollunion auch vom politischen Gesichtspunkt aus verlaugt.
Die Denkschrift Vriands hat in matz- gebenden Kreisen der deutschen Abordnung Befremden hervorgerufen und wird auf das entschiedenste abgelehnt.
Die deutsche Abordnung veröffentlicht eine Stellungnahme dazu, in der sie sich scharf gegen die Verschiebung der Frage auf politisches Gebiet ausspricht und im Einzelnen die Denkschrift wirtschaftlich widerlegt. Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schober wird in der Montagssitzung des Rates gegen die Denkschrift Stellung nehmen.
Einer Londoner Meldung zufolge wird Henderson die Rolle des Vermittlers zwischen dem deutschen und dem französischen Standpunkt in der Zollunionsfrage übernehmen und für eine Vertagung der Angelegenheit (!) eintreten.
Die französische Denkschrift.
Es handelt sich um eine vom 14. Mai datierte, 24 Schreibmaschrnenseiten umfassende Denkschrift, die das Problem unter dem Gesichtspunkt des Völkerrechtes, der po- kitisch-wirtschaftlichen Lage Oesterreichs und schliehlich vom Standpunkt der Bemühungen um die europäische Einigung, behandelt. Die wesentlichen Sätze der Einleitung der Denkschrift lauten:
Die britische Regierung hat -dadurch, dah sie die durch das deutsch-österreichische Protokoll über die Errichtung einer Zollunion aufgeworfene Frage auf die Tagesordnung der 63. Tagung des Völkerbundsrates setzen lieh, einen Schritt unternommen, den die französische Regierung lebhaft begrüht hat. Die Umstände, unter denen dieses Protokoll abgeschlossen worden ist. haben vielleicht ebensosehr wie seine Bestimmungen selbst in Europa eine so lebhafte Erregung verursacht, so unerfreuliche Erinnerungen erweckt und so bestimmte Befürchtungen hervorgerufen, dah es die Oeffentlichkeit nicht hätte verstehen können, wenn der Rat des Völkerbundes als oberster Hüter des Friedens in der Wett sich nicht mit einet Angelegenheit beschäftigt haben würde, durch die die internationalen Beziehungen offenbar beeinträchtigt wurden und über deren Rechtmähigkett ernsteste Zweifel aufgetaucht sind.
Der erste Teil der französischen Denkschrift geht unter Berufung auf den Verttag von St. Germain und das Protokoll von 1922 von dem Standpunkt aus, dah das in dem Protokoll vom 19. März 1931 vorgesehene Zollabkommen, wenn es dazu angetan sei, die Unabhängigkeit Oesterreichs zu gefährden, nur dann rechtsgültig abgeschlossen werden könne, wenn der Völkerbundsrat vorher seine Zustimmung erteile. Die Denkschrift untersucht in diesem Zusammenhang zunächst den Begriff der Unabhängigkeü Oesterreichs und kommt zu dem Ergebnis, dah mit der im Jahre 1919 für unver- äuherlich erklärten Unabhängigkeit nicht nur die politische Unabhängigkeit gemeint sei. sondern die Unabhängigkeit in jeder Hinsicht (!!), insbesondere die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Nach Auffassung der französischen Regierung könne man nicht daran zweifeln, dah die llnabhängigkett Oesterreichs, wenn das vom deutsch-österreichischen Protokoll beabsichtigte Zollabkommen zustande komme, zu mindest gefährdet wäre.
Mehrere Seilen sind der vergleichenden Uniermchung der inneren wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands und Oesterreichs gewidmet, und es wird versucht, die Folgen ner Zollunion mit Deutschland als für
Oesterreich verhängnisvoll (!) hinzustellen. Aus der Statistik könne man vielmehr entnehmen, dah Oesterreich vom wirtschaftlichen Standpunkt her zur Gruppe der Oststaaten gehöre, und dah sich unter diesen Umständen seine Verbindimg mit dem Reich in keiner Weise rechtferttge. Im dritten Teil der Denkschrift wird der Beweis der Behauptung versucht, dah diese Union nicht als der Anfang einer wirtschaftlichen Reorganisierung Europas vermittels regionaler Abkommen betrachtet werden könne. Sie würde zu einer Erhöhung der Zollschranken (?) im übrigen Europa und zu einer Erschütterung der mit grohen Mühen aufgebauten internationalen Industrie-Enten
ten führen und so bald Unordnung und Verwirrung in die internationalen Beziehungen bringen. Schliehlich kommt die französische Denkschrift zum Hauptpunkt ihrer Beweisführung, nämlich den „Befürchtungen und Zweifeln über den wahren Charakter der Annäherung -wischen Deutschland und Oesterreich". Es sei zu befürchten, dah so enge wirtschaftliche Bande die Bildung politischer Bindungen erleichtern und vorbereiten würden, besonders angesichts der Ungleichheit der Partner. Auch müsse man die Rolle der Zollabkommen in der Entwicklung Deutschlands im letzten Jahrhundert bedenken. Die Schilderung der politischen Fort- ichritte Preußens sei zum grohen Teil die
Inner politisches Barometer
Das Ergebnis der Wahlen in Oldenburg
fk. Berlin, 18. Mai. Zn Oldenburg
fanden am gestrigen Sonntag Landtagswahlen statt, die im ganzen Lande ruhig
verliefen und eine Beteiligung von
85 vom Hundert ergaben. Das amt
liche Wahlergebnis läßt eine beträchtliche Zunahme der Nationalsozialisten und eine Abnahme der Sozialdemokraten erkennen. Zm einzelnen haben erhalte«:
1 Mandat
Deutsche Volkspartei
Deutschnationale Volkspart. 2 (bei der Landtagswahl 1928 gingen die beiden Parteien zusammen und hatten fünf Mandate)
Sozialdemokraten 11
Etaatspartei 1
Nationalsozialisten 19
Kommunisten 3
Wirtschaftspaktes 0
Landvolk 1
Weyand 1
Zentrum 9
Christi. Volksdienst 0
Die Ziffern in Klammern die Mandate im alten Landtag.
„ (15)
.. (5)
(3) „ dl
„ (2)
„ (3)
» (0)
„ O)
.. (0)
bezeichnen
Die Stimmen verteilen sich auf die Parteien wie folgt:
Deutsche Volkspartei
5796
Deutfchnationale
13529
(1928 zusammen
41213)
Sozialdemokraten
57586
(66643)
"taatspartei
8983
(24746)
Nationalsozialisten
101419
(17444)
Kommunisten
19389
(8318)
Wirtschaftspattei
4500
(11747)
Landvolk
5427
(19432)
Chttstl. Volksdienst
3006
(0)
Zentrum
46245
(39670)
Splitterparteien
5194
Endergebnisie der Stadt Oldenburg.
Bei den Landtagswahlen wurden in der Stadt Oldenburg abgegeben: Deutsche Volkspartei 1887 (3082 bei der letzten Reichstagswahl am 14. September 1930), Sozialdemokraten 5865 (6778), Deutsche Staatspartei 2632 (3606), Nationalsozialisten 10870 (8525), Kommunisten 3366 (2282), Wirtschaftspartei 986 (1606), Landvolk 98 (335), Christlichsozialer Volksdienst 668 (691), Zentrum 1307 (1233), Deutschnationale 2452 (1733).
Landesteil Lübeck.
Bei den Wahlen für den oldenburgifchen Landtag wurden im Landesterl Lübeck gezählt:
Sozialdemokraten 8283 (bei den Reichstagswahlen 9756). Zentrum 294 (398),
Dcutschnationale 1427 (1566), Kommunisten 1871 (1724), Deutsche Volkspartei 861 (2016), Nationalsozialisten 9656 (7559), Wirtschaftspartei 114 (478), Deutsche Staatspartei 431 (1200). Christlich-Soziale 161 (138). Die Wahlbeteiligung betrug 88 Prozent.
*
Die schwersten Verluste hat die Staatspartei erlitten, die jetzt noch gerade bei demokratischen Wähler des letzten Landtags auf ihre Liste vereinigen konnte. Sie ist von 24 711 Stimmen im Jahre 1928 auf 13 597 im Jahre 1930 und jetzt auf 8983 Stimmen heruntergegangen. Auch die Verluste der Deutschen Volkspartei sind schwer. Während sie bei der Reichstagswahl 1930 noch 13 431 Stimmen vereinte, erzielte sie jetzt 5796. Das Zentrum hatte bei der Reichstagswahl 1930 47 733, bei der gestrigen Wahl 46192. Es hat sich also auch zahlenmäßig fast gehalten. Die DNVP. ist von 14203 auf 13529 heruntergegangen, hat also verhältnismätzig wenig Stimmen verloren. Auffallend stark find die Verluste der SPD. Von 67 005 bei der Landtagswahl im Jahre 1928 hatte fie noch bei der Reichstagswahl 1930 66148 Stimmen behauptet. Jetzt ist fie auf 57 586 heruntergegangen. Das ist namentlich mit Rücksicht auf die hohe Wahlbeteiligung ein beträchtlicher Verlust. Die KPD. hat sich gegenüber der Landtagswahl von 1928 verdoppelt. Am stärksten ist der Zuwachs der NSDAP. Nachdem sie bei den Reichstagswahlen mehr als das vierfache ihres Bestandes vom Jahre 1928 erreicht hatte und auf 76 216 angewachsen war, hat sie bei der gestrigen Wahl nochmals über 25 000 Stimmen hinzugewonnen.
Die Wahlvorbereitung war bekanntlich von allen Parteien mit großem Eifer betrieben worden. Es haben Dr. Brüiing, Dr. Dietrich, Severrng, Hitler und zahlreiche prominente Redner alles Parteien gesprochen. Die Situation im neuen Landtag ist schwierig, da ungefähr 24 Abgeordnete« der im Reiche in Opposition fischenden Parteien etwa 24 Abgeordnete der übrigen Parteien gegenüber stehen. Die Deutschnationalen haben das jetzige Kabinett mitgewählt. Es liegt aber eine Erklärung vor, daß die Deutschnationalen auf keinen Fall eine Spaltung in den nationalen Eesamtblock (Httler, Seifte, Hu- genberg), hineintragen würden. Wie verlautet, wird das Kabinett heute in einer Sitzung zu dem Ergebnis der Wahl Stellung nennten. Man nimmt an, daß es nicht zurücktreten, sondern die Entscheidung des Landtages abwarten wich.
Schilderung der Entwicklung seiner Zoll- Mlionspolitik von dem Vertrag mst Hessen bi< mm Zollverein und der Bildung des Zollparlaments. Auch die Bemühungen, dl- seit 10 Jahren zwischen, Deutschland und Oesterreich zur Vereinheitlichung der Gesetzgebung der beiden Länder unternommen wurden, seien nicht dazu angetan, die auftauchenden Besorgnisse zu zerstreuen.
Die ftanzösische Denkschrift schließt mit einer nochmaligen Bezugnahme auf das Memorandum vom 1. Mai 1930, das eme einstimmige Auffassung der 27 europäischen Mst- gliedstaaten des Völkerbundes zum Ausdruck gebracht und die Notwendigkeit festgestellt habe, daß Europa seine Interessen solidarisch und gemeinsam in einer Atmosphäre des Vertrauens auffassen müsse. Deshalb sei es übertrieben, daß em Projekt als die Betätigung dieser neuen Auffassung dargestellt werde, das außerhalb aller europäischen Organismen und unter besonders strenger Geheimhaltung ausgearbeitet worden sei. Die Oeffentlichkeit habe aus diesem Verfahren den peinlichen Eindruck gewonnen, daß man sie vor eine vollendete Tatsache stellen wolle. Dieser Eindruck habe sich nur zum Teil dadurch zerstreut, daß die deutsche unb die österreichische Regierung öffentlich ihre Absicht bekundeten, das Verfahren des Völkerbundsrates anzunehmen. Die französische Regierung habe mit der größten Befriedigung von diesen höchst opportunen Erklärungen Kenntnis genommen.
Das gemeinsame Gesetz der Mitglieder des Völkerbundes, so heißen die Schlußsätze der Denkschrift, ist ihre Unterwerfung unter die Verpflichtungen der Verträge. Die Unterzeichner des Protokolls vom 19. März 1931 hatten sich damit einverstanden erklärt, daß der Rat der Schiedsrichter über die Unabhängigkeit Oesterreichs sei: es ist also Sache des Rates, mit allen Mitteln, die er für ersprießlich hält, zu untersuchen, ob das deutsch-österreichische Protokoll diese Unabhängigkeit gefährdet. Die Mitglieder des Völkerbundes können feine Zuständigkeit heute so wenig bestreiten, wie sie sich morgen gegen die ergangene Entscheidung auflehnen werden. In (Erwartung dieser Entscheidung darf morgen so wenig wie gestern irgend eine Attion versucht werden, die, um den Wortlaut der Entschließung vom 7. 6. 1928 wieder aufzugreifen, „geeignet wäre, die Prüfung oder die Regelung der Frage durch den Rat zu gefährden".
Deutsch« Stellungnahme.
Zu dem Memorandum, das die französische Regierung durch den Generalsekretär des Völkerbundes dem Völkerbundsrat unterbreitet hat, erfährt das WTB. aus Kreisen der deutschen Delegation, daß man dott von den Argumenten der ftanzösischen Denkschrift nicht überrascht ist. Sie können den Standpunkt der deutschen und der österreichischen Regierung in keiner Weise erschüttern. Das französische Memorandum verschiebt die (Erörterung der Frage aus der juristischen in die politische und wirtschastsiche Sphäre, deren Erörterung der englische Antrag dem Völkerbundsrat ersparen wollte. Die deutsche und die österreichische Regierung habe bei Abfassung des Wiener Protokolls vom 19. März 1931 sich gewissenhaft alle Bestimmungen der geltenden Verträge vor Augen gehalten und sie in jeder Hinsicht relpeftiert. Es ist unverständlich, wie daraus Angriffe gegen die beiden Regierungen abgeleitet werden können. Auf die juristischen Argumente im einzelnen einzugehen, wird die heutige Ratssitzung Gelegenheit bieten. Die Rechtslage i st völlig klar. Die Unabhängig» kett Oesterreichs wird weder durch das Wiener Protokoll in seiner Gesamtheit noch in seinen Einzelheiten beeinträchtigt.
Was die wirtschaftlichen Argumente betrifft, so ist es bisher allgemein durchaus unbestritten, daß die Zollunion eine anerkannte Ausnahme von der Meistbegünstrgung bildet, also mit den geltenden Meistbegünstigungsklauseln vereinbar ist, gleichviel, ob darauf in einem speziellen Handelsvertrag ausdrücklich Bezug genommen ist ober nicht. Die historischen Gegenbeispiele, die das ftan Mische Memorandum anfühtt, bettästigen st Wahrheit diese These, statt Ke zu widerlegen. Die mechanische Art, in der das Problem bet