Genf - nach Versailles
Scharfer Gegendruck
Sonnabend.
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Der Kampf in Genf beginnt
Heute Aussprache über allgemeine wirtschaftspolitische Fragen — Montag Aussprache über die Zollunion
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesfe«
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
fk. <5 c n f, 16. Mai. Zn Genf fand am Freitagnachmittag eine bedentsame Unterredung zwischen de« „großen Bier", de« Ministern Curtius, Henderson, B r i a n d und Grand! statt, in der vereinbart wurde, daß am Sonnabend vormittag im Europaausschutz die Eeneral- ausfprache über die allgemeine Wirt-
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Francois Poncet, Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußern, soll nach Pariser Meldungen als Nachfolger Briands Frankreich bei der Genfer Völkerbundstagung vertreten. Briand wird nur noch an den Verhandlungen des Europa-Ausschusses teilnehmen und danach sein Amt als Außenminister niederlegen.
schaftslage beginnt. Am Montag soll sodann im Rat die erste Aussprache über die rechtliche Seite der deutsch-österreichischen Zoll-Union stattfinde«.
In unterrichteten Genfer Kreisen besteht die Auffassung, daß die Gegensätze nach der Aussprache der vier Außenminister sich verschärft haben. Von englischer und französischer Seite wird ein ungewöhnlich starker Druck auf die deutsche und österreichische Regierung ausgeübt, um sie zu einer Aufgabe des Zollabkommens zu bewegen.
Der K o n t r o l l a u s s ch u ß für die österreichische Völkerbundsanleihe, bei, aus Vertretern von acht Regierungen besteht, ist am Freitag in Genf zusammengetreten und hat festgestellt, daß eine Prüfung der deutsch-österreichischen Zoll-Union vorläufig noch nicht notwendig sei, da erst ein Protokoll über den Abschluß vorliegt, nicht aber schon die fertige Zoll-Union.
Am Sonnabend werden Außenminister Dr. C u r t i u s und Bundeskanzler Scho- b e r im Rahmen der grundsätzlichen Aussprache im Europaausschuß Erklärungen über die wirtschaftspolitischen Probleme Europas und über das Ziel und Wesen des deutsch-österreichischen Zollabkommen-, abgeben.
Die sowjet-russische Abordnung mit Außenminister Litwinow an der Spitze ist am Freitag in Genf eingetragen.
Ein römisches Blatt ist in der Lage, genaue Einzelheiten des Briandschen Gegen- planes zu oerösfentlichen, der den Getreideabsatz der Agrarländer, oie Absatz
krise der europäischen Industrie, den Kapitalmangel und in einem besonderen Ka- prkel die Lage Oesterreichs behandelt.
Berweisung der Zollangleichung an de« Haager Gerichtshof?
fk. Paris, 16. Mai. Der Sonderberichterstatter des Havas glaubt, daß es bei den Beratungen in Genf zur Entscheidung über die deutsche und französische These hinsichtlich der Zollangleichung ziemlich schwierig erscheine, nicht das juristische Gutachten des Internationalen Gerichtshofes im Haag einzufordern. Wie es scheint, sei ein dahingehender Beschluß als Abschluß der Arbeiten innerhalb des Völ- kerbunt«rates zu erwarten.
Genf, 15. Mai. Unter starkem Andrang von Delegierten, Pressevertretern und Publikum wurde heute vormittag nach einer ganz kurzen vertraulichen Beratung die dritte Tagung des Europa-Ausschusses mit einer öffentlichen Sitzung in der Glasveranda des Völkerbundshauses durch den französischen
Autzemninister Briand
als Vorsitzenden des Ausschusses eröffnet. 3n einer schriftlich ausgearbeiteten Ansprache, die in Inhalt und Vortrag auch bet Erwähnung des deutschen Antrages völlig leidenschaftslos klang, gab Briand einen lleberblick über die bisherigen Arbesten des Europa-Ausschusses, insbesondere auf dem Gebiet der Getreidewirtschaft und des internationalen Kreditwesens. Er betonte, daß die Wirtschaftsfragen nicht der einzige Beratungsgegenstand des Ausschusses seien, daß sie aber gegenwärtig entert Grund zur Zwietracht darstellten, den zu beseitigen eine wichtige Aufgabe sei. Briand stellte fest, daß die Arbeiten des Ausschusses bisher einen normalen Verlauf genommen hätten, und daß die festgesetzten Fristen eingehalten werden konnten. Es ergebe sich eine positive Bilanz, die, wenn nicht zur Befriedigung, so doch zur Zuversicht berechtige. Der Ausschuß habe fetzt eine schwierige Etappe zurückzukegen. Er habe sich auf Antrag von Dr. Curt ins mit der Frage
der Zollbeziehungen in Europa
zu beschäftigen. Dabet werde jede Regierung ihren Standpunkt freimütig darlegen, aber die Eesamtinteressen zu berücksichtigen haben, so daß ein Werk der Solidarität und der allgemeinen Wohlfahrt zustande komme. Briand charakterisierte schließlich die Beziehungen des Europa-Ausschusses zum Völkerbundsrat dahin, daß
der Völkerbundsrat für Achtung des Rechts zu sorgen habe, während es die Aufgabe des Europa-Ausschusses sei, auf dem Wege der Erfüllung der wirtschaftlichen Bedürfnisse rüstig vorwärts zu schreiten.
Nach Briand hielt
Henderson
eine wiederholt von großem Beifall unterbrochene kurze Rede, in der er seine Befrw- digung darüber, ausdrückte, daß Briand wieder zu der Genfer Tagung gekommen sei und mit einer bei Henderson ungewöhnlichen Leidenschaft Briands Rolle int Dienste des Weltfriedens feierte. Auf die Präsidentenwahl in Frankreich anspielend meinte er, er spreche im Namen der ganzen Versammlung, wenn er dem Wunsche Ausdruck gebe, daß es Briand vergönnt sein möge, welche Entwicklung die politische Lage m Frankreich
Kopflosigkeit — das ist die erste Wirkung von Briands Niederlage in der Völ- kerbundsstadt. Ein Ergebnis aus der jüngsten Zeit ries ähnliche Bestürzung hervor: der Ausgang der Wahlen des 14. September. Für ein paar Stunden hörte man das Knistern int Gebälk des Genfer Völkerbunds- Hanses. Mit der vorwärtsschreitenden Zeit kehrte dann auch die kühle Aeberlegung wieder und die Nachricht, daß Aristide Briand dennoch nach Gens kommen und der Enrvpakommission pflichtgemäß präsidieren werde, beruhigte etwas die aufgeregten Gemüter. In Genf Wird Briand, der in Begleitung seines Anterstaatssekre- tärs Poncet erscheint, mit allen Ehren empfangen. Der müde Briand scckl gerade
auch immer nehme, seine bisherigen Aufgaben in Genf fortzusetzen. Was auch immer geschehen möge, der Europa-Ausschutz werde sich stets der guten Zusammenarbeit mit Briand erinnern.
Briand erwiderte kurz, indem er Henderson und der Versammlung für die freundlichen Begrüßungsworte dankte und betonte, daß der Völkerbund und der Europa-Ausschuß Einrichtungen des Friedens seien, die über alle Erwägungen nationaler oder innerpolitischer Art gestellt werden sollten.
Die Politik Frankreichs in Genf werbe durch irgendwelche Veränderungen i« der Innenpolitik nicht beeinfkutzt werden.
Nach Briand erläuterte der schweizerische Bundesrat Motta fernen Bericht über die organisatorischen Fragen des Europa-Ausschusses, wobei er das rechtliche Verhältnis zum Völkerbund zu den nichteuropäischen Staaten, die nicht Mitglieder des Völkerbundes sind, darstellte. Der Bericht wurde nach einigen Bemerkungen Briands, der eine kühnere Konzeption des Europa-Gedankens gewünscht hätte, sich im ganzen jedoch mit den Ausführungen Mottas einverstanden erklärte, angenommen, um der nächsten Völkerbundsversammlung vorgelegt zu werden. Schließlich wurde ohne Aussprache der Antrag des Organisationsausschusses angenommen,
die Freie Stadt Danzig, «soweit ihr besonderer Status und chr Abkommen mit Polen es gestatte«, und in der in diesen Abkommen vorgesehenen Form" zu den Arbeit«, des Europa-Ausstosses hinzu- ruziehen.
Die nächste Sitzung des Ausschusses, in der in Anwesenheit der russischen, türkischen und isländischen Vertreter die Aussprache über die wirtschaftlichen Fragen eröffnet werden soll, findet morgen vormittag statt.
Das Programm für Cheguers.
London, 15. Mai. Bei ihrem bevorstehenden Besuch werden, wie Reuter zu berichten weiß, Reichskanzler Brüning und Reichsaußenminister C u r t i u s vom König im Buckingshampalast empfangen werden. Im Foreign Office wird am 5. Juni zu ihren Ehren ein Bankett statt- finden. Das Wochenende bringen die beiden Minister inoffiziell auf dem Landsitz Macdonalds zu; sie reifen am 9. Juni wieder von Ehequers zurück.
am Politischen Brennpunkt seines Schaffens erfahren, daß die Well nicht verzichten will auf die Mitarbeit dieses «Ministers des Friedens". Briands Prestige in der Bölkerbundsstadt ist unerschüttert.— trotz der Präsidentschaftswahl.
Inzwischen haben die Schnellzüge aus allen Teilen Europas die Staatsmänner mit ihren Delegationen an den Genfer See gebracht. Am Himmelfahrtstage war der Kreis der Genfer Gäste so gut wie geschlossen. Nur Briand fehlte noch, und die russische Delegation, die man zur Europatagung eingeladen hatte, wird erst am Freitag abend am Gestade des Genfer Sees eintreffen. Bemerkenswert eilig hatten es diesmal die Außenminister Großbritanniens und Italiens mit ihrer Genf- reifc. Bevor sich die anderen Staatsmänner überhaupt in Genf wohnlich ein- gerichtet hatten, f. ckw» die Herren Henderson und Grands schon ihre Köpfe zusammen. ES ist kein Geheimnis mehr, daß Italien in der Europakommission in den nächsten Tagen eine ungewöhnliche Betriebsamkeit entfallen will. Italien scheint sich zu diesem Zwecke der englischen Mithilfe versichern zu wollen. Die Anter- redung, die Grandi mit Henderson führte, diente der Verständigung über ein gemeinsames englisch-italienisches Vorgehen, vor allem in der Europakommissivn. Man nimmt es in Rom mit einem Male sehr ernst mit gewissen Bestimmungen des Locarno-Vertrages, die London und Rom die Aufgabe zuweisen, zwischen Frankreich und Deutschland auSgkeichend zu wirken.
Die GeMsStze werden sich entzünden, wenn nach der Erledigung der beiden ersten Programmpunkte der Europakommissivn am Samstag die „wirtschaftlichen Fragen" auf der Tagesordnung erscheinen. Am die deutsch-österreichische Zollunion geht hier der Kampf. Briands Gegenplan ist in seinen Umrissen bereits bekannt und totrb von dem französisch-tschechischen Block der deutschen Zollunion gegenübergestellt wer-, den. Italien zögette lange, dem deutschen ZoNunionSplan gegenüber eine klare Stellung einzunehmen. Man weiß jetzt, warum. Grandi hat einen eigenen Wirtschaftsplan in seiner Tasche, den er vor den europäischen Staatsmännern im Genfer SMngs- saal vortragen wird. Wie aus Aeutze- rungen italienischer Blätter, vor allem des „Giornale d'Italia", hervorgeht, steht dieser italienische Gegenplan „zwischen der französischen Paneuropathese und der deutschen These eines Mitteleuropa". Italien wird dabei an Ereignisse der letzten Zett anknüpfen, an die Abmachungen mit Oesterreich und Ungarn, nach denen Italien größere fontingentierte Mengen unga- I rischer Agrarerzeugnisse und österreichischer Industrieerzeugnisse aufnimmt und dafür wiederum auf dem österreichischen und ungarischen Martt italienische Erzeugnisse absetzt. Krediterleichterungen sollen der Ausfuhr der beiden Donauländer zugute kommen. Italien scheint öm Sinne zu haben, gleichsam ein Netz von wirtschaftlichen Verständigungen einzelner Staaten zu schaffen. Ein solches Netz würde die Starrheit des Briandschen Gegenplans entbehren und die Begrenzungen des deutschen Zollplans fallen. Da England möglicherweise sein Ansehen auf die Wagschale des ttalienischen Gegenplans wirft, wird man in Genf sehr ernsthaft Über die Vorschläge Gran dis beratschlagen. Vieles bleibt allerdings auch hier noch zu klären. Die Dreiecksabkommen, die Italien d«schtägtz
Höflich wie immer
Henderson tröstet Briand