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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Rr.M 66.Mre.
Marburg «.Lahn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachrngen für Stadt und Kreis Marburg.
Briands völliger Bankerott
Bei der Präsidentenwchl durchgefallen, als Autzenministir erledigt — das ist Frankreichs „Verständigungswille"
Abschied von Genf
Triumph der Reaktion
fl. Paris, 15. Mai. Autzenministtz Yriand hat einem am gestrigen Him «elfahrtstag in Paris stattgefundenen Ministerrat sein Rücktrittsgesnch »nterbreitet. Auf lebhafte Einwirkung des Staatspräsidenten und des Ministerrats hi« hat er sich aber doch noch bereit erklärt, nach Genf zu gehen. Obwohl eine amtliche Bestätigung für den bereits erfolgten Rücktritt Briands noch nicht vorliegt, gilt der Außenminister in Paisex politischen Kreisen aber als bereits demissioniert.
Briand begründet die Zurücknahme seiner Abdankung.
dürfte sich in Genf mit den Strömungen der internationalen Politik so, wie si-r heute vorherrschen, bekannt machen wollen, da schon seit der Kandidatur Briands zu den Präsidentschaftswahlen in politischen und parlamentarischen Kreisen die Meinung vorherrschte, daß er nach dem Ausscheiden Briands aus dem Quai d'Orsay für wichtigere Aufgaben vorgesehen sei.
Die Volksmassen, die in der Frühe des 13. Mai Versailles zuströmten, die Parks und Alleen mit ihren plappernden Stimmen erfüllten und irgend etwas ganz Besonderes von der Präsidentenwahl erwarteten, sind nun doch auf ihre Rechnung ge- ! kommen. Noch am Vormittag standen die । Wetten 3:1 für Aristide Briand. Der I „Mann des Friedens", der Mythos ge-
Wo bleibt Locarno? •
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Autzenminister Briand hat nach dem Ministerrat, wie Havas berichtet, erklärt, er habe seine Demission als Außenminister eingereicht und sich nur bereit erklärt, sie wieder zurückzunehmen, weil seine Ministerkollegen darauf bestanden hätten, und zwar unter besonderer Berufung auf die Pflichten, die Briand in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Komitees für die Europaunion auferlegt sind. Briand habe außerdem erklärt, er würde nicht bis zum Schluß der Verhandlungen in Genf verbleiben.
Briands Abreise nach Genf.
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Briand hat Paris bereits am Donnerstag kurz vor 22 Uhr verlassen und sich in Begleitung des Unterstaatssekretär itn Wirtschaftsministerium Francois P n cet und -eines Kabinettschef 2egfr wie einiger anderer höherer Beamten bes Quai d'Orsay nach Genf begebe, eine w ,cgi ocr
8roße Anzahl Parlamentarier unb ehe- f ^-.nzösißen Parlamentarier gegen die fai*t= malige Minister hatten sich auf >em Bahp- 1 ,r ™ " hof eingefunden, um von ihm Lbschicd i nehmen. Auch Ministerpräsihent 9 a d hatte sich vertreten lasten. Man üben»nck,.e dem Außenminister, der sich bei bester Laune befand, einen großen Blumenstrauß und versuchte noch in letzter Minute eine Erklärung über seine zukünftige Haltung " zu erlangen. Briand fügte jedoch seinen '<• bisherigen Erklärungen nichts hinzu, so- p baß man heute lediglich weiß, daß er vor- aussicktlich bereits im Laufe der kommenden Woche nach Paris zurückkehrt, um sodann seinen endgültigen Rück tritt zu nehmen. Ministerpräside' Laval werde in diesem Falle die F^ rung seiner Geschäfte bis zum Rücktrit^. Gesamtregierung am 13. Juni a*, nehmen. Man rechnet damit, daß oer^^^ folger des „Locarno-Ministers", A^zr ihn nennt, der jetzige Unterftaa' . ' 5 hn Wirtschaftsministerium, FT
Poncet, sein wird. . . <
In politischen Kreisen gilt^r Füh- zurückgetreten. Die Ueberna'? „iKt da- rung der Genfer Abordnun^d ntjt ®
Rucktrittsgesuch ruckgano» »v'P m Man nimmt als ganz sich- an- daß Bnand sofort nach seiner Rücker aus <Sen den .Quai d'Orsay verlä? °der aber spate ftens bei der UebeiCV ber dentenschaft am 13. .^nt, d'e bekanntlich den formalen Rück^tt der Regierung be dingt, eine Neubeeauung mit demAutzen Minister ablehnt Die Ernennung Poncets rum zweiten "relegierten, wird allgemein »?6.Sri«nb leinen«* folger in Etaf einfuhren will. Poncet
I Neureiche Person ihres, wie es habe icke ine, ^wollen. -nabiegbaren Außenministers. Sie feien fürdie Staatskunst Briands,, nicht für die Rickuig Briand, noch weniger: fiir Briand. ttt.tie „Deutsche Tageszei- tun g'ldia <it, Doumergue. der ausgesprochene art i der Linken, habe sein Septenm 1 Mer Botschaft »e gönnen, die in
ZunAusgang der französische» Präsidentenwahl -ehmen eine Reihe Berliner Blätter ausfühi-ch Stellung. Die „DAN" Herr Btgnd sei den wirklichen Machthabern Frankreih gut genug gewesen, um mit seinen tönenden Friedensreden den Zeitgewinn zu erzielen, yährenddessen sie ihre Rüstungen und den Arsbau der frpnzLsischen Hegemonie hätten vcherden können. Jetzt tinne er gehen. Eindeutige 'fbsage an den Frieden, das sei die Parole, »je Frankreich, genau einen Tag vor der Ziieizmenkunft in Genf, ausgegeben habe. Die Armani a“ sagt, die Wahl Doumers pme z»ie Ibgifche Konsequenz der französischen Austastung von der höchsten Staatswürde Jar. Die „B ö r s e n z e i tu n g" stellt fest, ba| mit Doumer zwar ein betont national denynder Franzose, nicht aber einer jener Vertretfr der französischen Rechten auf den Präsidenbnstuhl gehoben worden sei, die sich als „Detztschestfrester" einen Namen gemacht hätten.! Etz dränge sich die Vermutung als habr der französische Ratanalkongretz ?i bgefati'fes Spiel getrtebens als sei die "st v mio' Emphase propägierte Kandidatur
Fr nur ein außenpolitisches 'Sanässt e ttQ, ■ ;1. -ncr MF»e»»-Couricr' tagt ffen- Anstand sehe fetzt das Mißtraue- per
Hcrbr. ©eine Laufbahn habe er mit der aggressiven Rede von Toulon abgeschlossen. Wenn selbst dieser Präsident, der wenig politische Erfahrung hatte, gelegentlich fast richtungweisendes Eingreifen in die Außenpolitik für notwendig gehalten habe, so könne Deutschland von der aktiven und vitalen Persönlichkeit Doumers gewiß nichts Besseres erwarten, zumal er gegen den offiziellen Kandidaten des „Friedens" gewählt worden sei. Die „VossHdje Zeitung" ist der Auffastung, daß in Versailles die Entscheidung gegen Europa gefallen sei,1 am Vorabend der Genfer Tagung, von der die bedrängten Völker neue Impulse der Hoffnung erwarteten. Der „Tag" sagt, Doumer sei gewiß nur als Kompromißkandidat gewählt worden, um Briand zu Fall zu bringen. Das nationalistische Frankreich habe ihn auf den Schild erhoben, und er werde die Erwartungen seiner Anhänger gewiß nicht enttäuschen. Die „Deutsche Z e i t u n g“ sagt, daß Briand j-tzi unterlegen sei, zeige erneut, wie unsinnig -nfere Außenpolitik gegenüber Frankreich bis auf diesen Tag gewesen sei. Das Blatt erwartet, daß iran an der Lektion, die den Deutschen mit bet Präsidentenwahl oon den Franzosen erteilt worden sei, nicht vorübergehe. Der „Vorwärts" siebt in dem Sieg Doumers einen Sieg der Internationale des Rationalismus. Als Gegner Briands sei Doumer der Kandidat der Rechten. einschließlich der äußerste- Reaktion ge- | wesen, und die Rechte dürfe sttzt seinen Sieg als den ihren feiern.
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toorbene Außenminister ber französischen Republik lag klar in Front. Sein Rame schwebte auf aller Lippen, und man hielt es für ausgeschsossen, daß Briand besiegt den Kongreßsaal des Versailler Schlosses verlassen würde.
In dem Ringen um das Elhsöe hatte sich neben Briand nur noch einer etwas mehr vorgewagt: Paul Doumer, der einfkußreiche Präsident des "Senats. Es fiel auf, daß Doumer am Montag einen Verzicht auf seine Kandidatur trotz Dri- ands Schilderhebung abgelehnt hatte. War das die Dulle eines Greises, oder versteckte sich etwa hinter solcher Hartnäckigkeit eine andere, höhere Macht? Für Doumer schlug die französische Reaktton die Werbetrom- sel. Die Boulevard-Blätter vom Schlage .des „Ami du Peuple" fuhren schwerstes Geschütz auf gegen den verhaßten Aristide Briand. den FriebenSavostel, den Dater- landsverräter. Andere, ernsthafte Blätter schnellten elegantere, versteckte Pfeile von ihren Sehnen. Heuchlerisch fragten sie das französische Volk, ob es nicht besser sei, daß der „Mann des Fnedens" seinen Platz im Ouai d'Orsah behielte, statt sich im EIHsee auf die Bärenhaut zu legen. Man wagte nicht, laut zu sprechen — beileibe nicht. Briands Autorüät mußte mik viel spitzigeren Waffen untergraben werden.
901 Deputierte und Senatoren antworteten um 2 Ahr mittags auf den Ramens- aufruf im Versailler Kongreßsaal. Auf dem verzierten Präsidentenstuhl nahm Paul Doumer, der Senatspräsident, Platz. Weißbärtig, blaß, ein wenig fahttg vor Erregung. Doumer wußte, worum es ging. Die Reaktion, die Rechte hatte chu auf ihren Schild erhoben. Düumer, der sich zur bürgerlichen Linken rechnet, nahm das hin. Sein Ehrgeiz überwand die Bedenken, und außerdem: hatte er sich nicht schon oft zu ber Politik des Friedens bekannt, ber fein großer Gegner Briand im Quai bDrsay diente? Er sah, wie sich m ber Geschichte Frankreichs alles wieber- holt: Schon 1924, bei ber letzten Präsidentenwahl, standen sich zwei LinkSmänner, ber eine als Kanbidat der Rechten, gegenüber. Es war alles in ber Ordnung — wenigstens für Paul Doumer.
Während draußen vor dem Schloß Reiterabteillingen und Infanterie Gewehr bei Fuß st nben, und die Pariserinnen in ihren sommerlichen Toiletten den Korso auf- und abtoanbelten, nahm im Kongreßsaal das Schicksal seinen Lauf. Heber« füllte Tribünen, Hitze in den Sälen des Schkosi-eS. Das Stimmengewirr von draußen br-ang bis in die geöffneten Fenster hinein. Rach 4 Ahr war die Auszählung ber St: mmen beendet, das Ergebnis des erften ' Dahlgangs tourte vor einem lautlos tau ichenden Publikum verlesen. Wie ein Fchnfarenstoß erscholl »s in die brütende .'Hitze: Doumer mit 4« Stimmen in Front, Briand mit 401 im Hintertreffen. Rur «3 Sttmmen fehlten Soun»r entscheid enden absoluten Mehrheit. Mle andere j. Splitterstimmen fielen nötig aus. ßäf mendes Entsetzen zuerst. Währ<-ch die itungsleute zu dem Telephon Nsten v 3tb mit bebender Stimme, das ®rgeu^ oes ersten Wahlganges durchfagten, trat^ Briands Freunde, die sozialisttschen und radikalen Gruppen, zusammen. Der zweite Wahlgang drcchte. Das Gespenst einer endgültigen Niederlage des Auhemnini- sters tauchte ruf. In dieser beklemmenden Viettelstunde entschloß sich Briand zu einem ungewöhnlichen Schritt: Er Mg