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Anzeiger für (das frühere kurheffifche) Oberhessen
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Das zweite Gutachten
Die Braunskommiffion über Arbeitsbeschaffung — Woher kommt das Kapital?
Die vom Reichsarbeitsminifter berufene Gutachterkommission zur Arbeitslosenfrage, die unter dem Vorsitz des früheren Arbeitsministers Dr. Brauns steht, hat. fetzt den Zweiten Teil ihres Gutachtens der Oeffentlichkeit unterbreitet. Er enthält Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ' durch Arbeitsbeschaffung.
In einer allgemeinen Einleitung, in der die gegenwärtiae Lage der deutschen Wirtschaft gefchildert wird, bezeichnet es die Kommission als die Hauptaufgabe aller Wirtfchaftspoluik, die Erstar- r u n g, in der sich die Wirtschaft heute befindet, zu lösen und brach liegende Arbeitskräfte, Produktionsmittel und Warenvorräte produktiv zu nutzen. Sollen Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung in diesem Sinne nicht nur eine zeitweilige Milderuna der Arbeitslosiokeit, sondern darüber hinaus eine Belebung der Gez- samtwirffckaft bringen, so muß es sich um weitgreifende Pläne und Einsatz großer Mittel handeln. Es ni"ß, wie das Gutachten lagt, Kapital nukbar ae- macht werden, das ohne diese Maßnahmen nicht Zur Verfügung stünde. Da in Deutschland die Aufnahme von Kredit zurzeit in ausreichendem Maße nicht möglich ist, hält die Kommission
die Heranziehung von Auslandskapital für unbedingt nötig, vorausgesetzt, daß es zu erträglichem Zinsfuß zu erhalten ist. Weitere Vorausfeßung für das Gelingen der Arbeitsbeschaffung ist aber, daß die öffentlichen Finanzen geordnet sind, daß in der öffentlichen und privaten Wirtschaft und in der Lebenshaltung Sparsamkeit geübt, daß die deutsche Währung aufrecht "erhalten bleibt und daß sich die innerpalitischen Verbältnisse beruhigen.
Im Anschluß an diese grundlegenden Erörterungen nennt die Kommission eine Reihe von
Einzelmaßnahmen zur Arbeitsbeschaffung,
die ihr als besonders wichtig erscheinen.
1. Energiewirtschaft. Sie bietet trotz der großen Entwicklung der Elek- triznätswirtschaft in den letzten Jahren noch Raum für weitere wirtschaftlich zweckmäßige Invessitionen sowohl beim Bau von Kraftwerken wie beim Ausbau von Leitungsnetzen. Dasselbe gilt für das Gebiet der Gaswirtschaft, wo vor allem die verstärkte Inangriffnahme der ?fern- und Gruppengasversorgung emp- ohlen wird.
2. Verkehrswesen. Auf diesem Gebiete empfiehlt das Gutachten große Vorficht. Die Anlage von großen innerdeutschen Durchgangsstrahen für den Fernverkehr, die mit der Eisenbahn tn Wettbewerb treten würden, hält die Kommission nicht für fördernswert, ebenso lehnt sie Kanalbauten ab. Dagegen empfiehlt sie bei der Reichsbahn die Fortführung der Elektrifizierung und vor allem die Verbesserung des alten Straßennetzes. Als besonders wichtig wird auch der Ausbau der ländlichen Straßen erklärt, insbefondere die Schaffung guter Derkehrsanfchlüsfe für die landwirtschaftlichen Siedlungsgebiete.
3. Landwirtschaftliche Meliorationen erklärt das Gutachten als ein besonders geeignetes Feld für die Arbeitsbeschaffung, weil sie viel Arbeitskraft und verhältnismäßig wenig Kapital in Anspruch nähme und auf die Dauer die deutsche Zahlungsbilanz zu verbessern geeignet sei.
4. Landwirtschaftliche Siedlung. Für eine zielbewußte Förderung der landwirtschaftlichen Siedlung setzt sich die Kommission mit besonderem Nach
druck ein, weil sie die Arbeitsverhaltnisse auf dem Lande festigen und die Arbeitsgelegenheiten dauernd vermehren könne.
5. Wohnungswirtschaft. Eine allzu starke Einschränkung des Wohnungsbaues mit öffentlichen Mitteln wird von der Kommission nicht empfohlen, zumal da die volle Ueberleitung des Wohnungsbaues aufu die private Hand im Augenblick wegen der Höhe der Zinssätze und der Baukosten noch nicht möglich sei. Die unvermeidliche Verminderung der zum Wohnungsbau zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel sosi deshalb mög- lickst schonend vorgenommen werden, vor allem sollen die Mittel möglichst gestreckt werden (Zinszuschüsse statt der Gewährung von Hauszinssteuerhypotheken, Bevorzugung der Kleinwohnungen usw.)
Was die Arbeitsbeschaffung mit Hilfe öffentlicher Mittel betrifft, fo unterstützt die Kommission die Bestrebungen, die zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Arbeiten geführt haben. Die seinerzeit vom Reichsfinanzminister angeregte Frage, ob durch Lohn- und Zinszuschüffe private Unternehmungen zur Erweiterung ihrer Tätigkeit subventioniert werden sollen, wird von der Kommission nach den bisherigen Erfahrungen im allgemeinen verneint.
Berlin, 6. Mai. Der Aeltesten- r a t des Reichstages hielt unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten von Kardorff eine Sitzung ab, um zu dem k o m m u - nistischenAntragauf sofortige Einberufung des Reichstages Stellung zu nehmen. In der Sitzung waren alle Parteien mit Ausnahme der Deutschnationalen und Nationalsozialisten. vertreten. Für die Reichsregierung war Staatssekretär B ü n d e r erschienen. Der kommunistische Antrag auf Reichstagseinberufung wurde gegen die Antragsteller a b g e l e h n t.
Ueber den Verlauf der Sitzung erfährt das VDZ.-Büro folgendes:' Die Kommunisten begründeten ihren Antrag mit der Brotpreiserhöhung und den Gerüchten über weitere bevorstehende soziale Abbaumaßnahmen. Sie forderten vom Reichstag die Beratung ihrer entsprechenden Anträge. Staatssekretär Pünder bat dringend, von einer Reichstagseinberufung Abstand zu nehmen. Er betonte insbesondere, daß
irgendwelche Pläne auf weitere Kürzung der Beamtenaehälter oder soziale Maßnahmen bisher jn keiner Form Gegenstand von Kabinettsverhandlungen gewesen wären.
Von sozialdemokratischer Seite wurde zum Ausdruck gebracht, daß eine Reichstagseinberufung im gegenwärtigen Augenblick nicht zweckmäßig fei. weil bisher konkrete Vorlagen der Reichsregierung nicht vorhanden sind. Ferner wurde von sozialdemokratischer Seite die Regierung dringend aut ihre gesetzliche Verpflichtung zur Senkung des Brotpreises und zur Ermäßigung des Zolles hingewiesen. Es wurde bezweifelt, ob die jetzigen Maßnahmen her Reichsregierung ausreichen, um eine Senkung he-* Brot- preifss zu erreichen. Sollte sich dieft Maßnahme nicht in wenigen Tagen als wirksames Mittel zur Brotvreisienkung
Im Schlußkapitel behandelt die Kommission
Maßnahmen besonderer Art, die mit der Arbeitsbeschaffung in loserem Zusammenhang stehen. Sie befürwortet die Ausgestaltung von Einrichtungen der gemeindlichen Arbeitsfürsorae, wobei vor allem langfristig Arbeitslose herangezogen werden sollen, und lehnt die Einführung einer allgemeinen Arbeitsdienstpflicht als ein ungeeignetes Mittel zur Entlastung des Arbeitsmarktes vor allem aus finanziellen Gründen ab. Dagegen empfiehlt f’e die Förderung des freiwilligen A r b e i t s d i e n st es als einen Weg zur Milderung der Folgen der Arbeitslosigkeit. Unbeschadet der Notwendigkeit, Notstandsarbeiten in möglichem Umfang fortzuführen und den Gedanken der Nflicktarbeit auch in der Versicherung festzuhalten, erscheine der freiwillige Arbeitsdienst als ein Weg. der eine mannigfaltige Initiative zur'Bereitstellung und Leistung von Arbeit auf sich ziehen und auch in" der jüngeren Generation Anklang finden könne. Um zusätzliche Arbeit zu beschaffen, werde man Verbände mit ge- meinnützioen Zielen auch dann heranziehen müssen, wenn sie Arbeit bereitstellten, die zunächst nur Mitgliedern oder bestimmten hilfsbedürftigen Kreisen zugute kämen.
Herausstellen, dann würde man erneut zur Einberufung des Reichstags Stellung zu nehmen haben.
Auch von allen anderen Parteien wurde zum Ausdruck gebracht, daß eine Reichstaaseinberufung gegenwärtig unzweckmäßig fei. da oefetzgeberifcher Stoff nicht vorliegt. Alle Varteien behielten sich aber die Stellungnahme zu einer späteren Einberufung des Reichstags vor. Auch in außenpolitischer Beziehung war die Mehrheit übereinstimmend der Auffassung. daß die bevorstehenden Tagungen in Genf und in England eine außenpolitische Reichstagsdebatte gegenwärtig untunlich erscheinet! lassen.
Preußischer Landtag
Berlin, 6. Mai. Der Preußische Landtag beendete am Mittwoch die Aussprache zur zwesten Lesung des Haushaltes des Finanzministeriums. Abgestimmt wird am Donnerstag.
Finanzminister Dr. Söul e r -Aschoff setzte sich ausführlich mit der Kritik am Bc- amtenhaushalt auseinander und er- llärte dabei, daß das Anwachsen der Pensionslasten auch ihm Sorge bereite. Zur Zeit seien etwa 1250 verwendunqsfäb'.qe Wartegeldempfänger vorhanden. Der Minister beklagte die Angriffe, die gegen das Beamtentum gerichtet würden, und lehnte eine Auffassung ab, die davon ausgehe, daß die Beamtenschaft eine unproduktive Bevölkerungsschicht darstelle. Der Reichsgesetzentwurf über ein neues D i e n st st r a f r e ch t für Beamte werde hn Juli in den Reichsrat kommen.
Das Gesetz über die Kürzung der Abgeordnetendiäten aus monatbch 600 Mark wurde debattelos auch in dritter Lesung angenommen, ebenso die Aenderung des preußischen Wohnungsgesetzes. Em Antrag von Epnern <Dt. Vpt.l. den Entwurf wegen mangelnder Ausschugaroeit noch einmal in die Ausschutzberatung zurückzuverweisen, wurde nach heftiger Eeschäfts- ordnungsdebatte abgelehnt.
Keine Reichstagseinberufung
Der kommunistische Antrag ab gelehnt
Tagesspiegel
Das zweite Gutachten der Brauns-Kommission wird von den Morgenblättern in großer Aufmachung gebracht. Eine Anzahl Blätter beschäftigen sich auch in. Kommentaren mit den Auswirkungen des Gutachtens.
Der „Börsen - Cou riet“ schreibt: Der Hinweis auf die Ausgaben der gesamten Poliffk läßt erkennen, daß auch diese Sachverständigen ihre Grenzen fanden vor der niederdrückenden und alles lähmenden Reparationslast. Anscheinend herrscht aber bei den Gutachtern ein gewisser Optimismus darüber, daß es möglich sein wird, vom Ausland billiges Geld zu erträglichen Zinssätzen zu beschaffen, wenn es sich nicht, wie bisher, um Anleihen für den Konsum, sondern für reproduttive Arbeit handelt.
Die „Vossische Zeitung" weist daraufhin, daß die Sachverständigen nur solche Arbeiten in Vorschlag bringen, die sich für eine zentrale Planung eignen. Kanalbauten werden ebenso abgelehnt wie die Anlage großer Durchgangsstraßen für den Fernverkehr. Das Blatt bedauett, daß der Brauns-Bericht einem Kernproblem unserer wittfchaftlichen Gesundung nicht mehr Bedeutung beimesfe: Der Umschichtung der arbeitenden Bevölkerung überhaupt. Zu dem Kavitalp-o- blem meint das Blatt, daß die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kapitalwerbung innerhalb Deutschlands selbst geschaffen werden müßten. Aber auch diese Betrachtung münde in die Frage der inter- ncttionalen Goldverteilung ein.
Der „Vorwä r.1 s" sagt: Die Brauns- Kommission habe keine Patentlösungen aufzeigen können; denn die gebe es nicht. Ihre Vorschläge seien nüchterne krisenpolitische Ratschläge, die zum Dell aus der Hand lägen. Schon vor einem Jahre hätten ernsthafte Anstrengungen unternommen werden müssen, um auf diesen Wegen der Wirtschaft Halt und Anstoß zu geben. Statt dessen habe der Lohnabbau im Vordergründe gestanden. Zur Durchführung der Vorschläge bedürfe es des ernsten Willens und der Akttvität der Reichsregierung — dann aber auch der Geneigtheit des Auslandes, Kredite zu geben. Diese Geneigtheit zu schaffen und nicht zu verdecken, bedürfe sehr umsichtiger poliffscher Führung.
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" stimmt den wesentlichen Gedankengängen des Gutachtens zu. Die Kommission habe die Ausarbeftung eines ton- junkturpolitischen Programms nachgeholt. Daß man nicht gleichzeittg Maßnahmen treffen könne, die die Erstarrung der deutschen Wittschaft weiterhin aufrechterhielten und die Krisenheilung verschleppten, fei eine selbstverständliche Forderung, mit deren Vernachlässigung der Sinn des neuen Gutachtens zerstört würde.
Der „Lokalanzeiger" bezeichnet den grundsätzlichen Dell als selbstverständliche Binsenwahrheiten. Skeptiker würden auch in diesem Gutachten manche Elemente einer Milchmädchenrechnung aufzufinden wissen.
Die „Börsenzeitung" äußett. daß das Gutachten an dem Kernproblem der ganzen Arbeitslvsenfürsorge. der Lohn- fr a g e, vorübergehe bzw. sie nur nebenbei erwähne. Die Lohnpolittk, wie sie in Deutschland ohne Rücksicht auf die Wirtschaft betrieben worden sei, sei zum großen Teil verantwottlich für das Entstehen des Heeres der Arbeitslosen, denen man jetzt mit unzulänglichen Mitteln zu helfen versuche.
Die „Rote Fahne" verboten.
Berlin, 6. Mai. Der Polizeipräsident hat die kommunistische Tageszeitung Rote Fahne" auf die Dauer von 14 Tagen verboten Das Verbot ist erfolgt wegen eines erschienenen Artikels „Zwei Jahre R. F. B.-Verbot", in dem die republikanische Staatsiorm beschimpft und ver- ' ächtlich gemacht wird.