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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
Nr. SS 86.Mrs.
Marburg a.LM
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Keine Erhöhung des Butterzolls
Vor der Entscheidung über die Zollerhöhungen — Maßnahmen zur Verbilligung des Brotgetreides
Beimengung von Kartoffelmehl N.S.D.A.P. und Hindenburg
Im ganzen gesehen hat man in unterrichteten Kreisen den Eindruck, daß die Situation, die sich infolge der Gegensätze in der Zollfrage verhältnismässig zugespitzt hatte, durch die gestrige Kabinettssitzung wesentlich entspannt worden ist. Man rechnet damit, daß die heutige Abendbesprechung diese Entwicklung weiter fördern wird. In diesem Sinne ist offenbar auch der letzte Satz der amtlichen Mitteilung zu verstehen, der die Entscheidung des Kabinetts als dicht bevorstehend bezeichnet.
Die nationalso irlistische Reichstagsfraktion hat, wie die Blätter berichten, auf ihrer Sitzung in München eine Entschließung gefaßt, in der sie gegen die aufgrund der Notverordnung gegen Nationalsozialisten getroffenen Maßnahmen Einspruch erhebt. Am Schluß der Entschließung wird an den Reichspräsidenten die Aufforderung gerichtet, „die Grundrechte der Verfassung gegen die Eesetzesbrüche der parlamentarischen Mehrheitskoalition zu verteidigen", oder, falls er dies nicht könne, zuruckzutreten.
Die „Germania" übt schärfste Kritik an 1 dieser Stellungnahme der Nationalsozialisten
Der Ernst der Lage
Den Finanzminister vsrläßEder „gemäßigte Optimismus"
Wie wir erfahren, werden die Beratungen über die zollpolitischen Maßnahmen zunächst in der Form Weitergeführt, daß Ijeute, Mittwoch abend eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler, dem Reichsarbeits-, dem Reichsernährungsund dem Reichsaußenminister stattfindet. Zn dieser Aussprache soll besonders die Frage des Schweine- und Fleisch- zolles noch einmal behandelt werden. Die letzte Entscheidung über die ganzen Fragen dürfte deshalb von einer Ka- binettssttzung zu erwarten sein, die voraussichtlich am Donnerstag stattfindet.
Zm ganzen scheint nach dem Verlauf der gestrigen Beratungen der Stand der Dinge ungefähr folgendermaßen auszusehen: Wie zu erwarten war, wird
die Eichi^aug des Butterzolles zunächst zurückgestellt
werden, da dieses Problem noch eine Reih« weiterer Verhandlungen notwendig macht. Es ist kaum anzunehmen, daß noch in diesem oder im nächsten Monat eine Entscheidung in dieser Frage fällt. Die endgültige Entscheidung über Speck,- Schmalz- und die Hülsenfruchtzölle dürfte auch erst am Donnerstag fallen. Man bat aber den Eindruck, daß sich auf diesen Gebieten verhältnismäßig leickt eine auch die Landwirtschaft zufriedenstellende Lösung finden läßt.
Eine besondere Rolle hat in den letzten Besprechungen auch
die Frage des Brotpreises gespielt. Das Kabinett dürfte einet Lösung nahegekommen sein, die das Brotgetreide verbilligt, und zwar spricht man in unterrichteten Kreisen von einem Einfuhrkontingent zu einem ermäßigten Zollsatz, das wahrscheinlich über bestimmte Häfen geleitet wird. Wie diese Lösung im einzelnen aussieht, läßt sich im Augenblick noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Sicher ist aber, daß durch die vom Kabinett geplanten Maßnahmen der Vrot- preis wieder auf den alten niedrigen Stand zurückgeführt wird, ohne daß das sogenannte „Konsumbrot" kommt. Allerdings ist eine freiwillige
Beimengung von 15 Prozent reinem
Kartoffelmehl
in Aussicht genommen, die den Wert des Brotes nach Ansicht maßgeblicher Kreise nicht vermindert. Vergleichsweise ist interessant, daß in Holland ein 20prozentiger Beimengungszwang besteht.
Ein weiterer Ausgleich zugunsten der Interessen der Verbraucher, die durch die zu erwartenden Zollerhöhungen belastet werden können, ist auch von gewissen Verhandlungen mit den Zentralstellen der Bäcker- und Fleischerinnungen )u erwarten, die die Reichsregierung emzulei- ten beabsichtigt. Bisher besteht nämlich der Brauch, daß Geschäfte, die ihre Waren billiger verkaufen, als in den innungs- mäßlgen Bindungen vorgesehen ist, in eine Ordnungsstrafe genommen werden, weil sie nach Ansicht der Innungen unlauteren Wettbewerb treiben. In Kreisen der Reichsregierung steht man aber auf dem Standpunkt, daß das freie Spiel der Kräfte nicht auf diese Weise behindert werden darf. Man wird deshalb den Innungen nahelegen, die bisherige Uebung aufzugeben. Diese Verhandlungen dürften zweifellos Erfolg haben, weil sonst anzunehmen ist, daß die freiwillige Vereinbarung durch gesetzlichen Zwang ersetzt wird.
Hamburg, 28. April. In einer Versammlung der Deutschen Staatspartei sprach heute abend Reichsfinanzminister Dr. Dietrich über die schwebenden poli- ttschen Fragen. Wir gehen, führte der Minister aus, einem Sommer wichtiger Ereignisse und Entscheidungen entgegen. Die Frage, ob ein Ende unserer Finanzsorgen abzusehen ist, läßt sich leider nicht beiahen. Einkommen- und Lohnsteueraufkommen sind nicht zu übersehen, ebensowenig die Entwickelung der Zölle und der umstrittenen Tabaksteuererhöhung, die nicht zuletzt aus reparationspolitischen Gründen durchgeführt werden mußte. Weniger die Durchführung des Etats an sich, als die 420 Millionen Schuldentilgung ist das Problem des Tages, wenn auch beides eng miteinander verbunden ist. Als Kernpunkt des sommerlichen Arbeitsprogramms bezeichnete er die Beschäftigung mit dem Problem der Arbeitslosigkeit. Fest stehe seines Erachtens,
daß Deutschland einen zweiten Winter mit fünf Millionen Arbeitslosen nicht erlebe« könne, «nd da dräng« sich die Frage auf, ob die Aufgabe überhaupt auf beet Wege einer Versicherung z« lösen sei, deren Fehler «nd Mißstände niemand leugnen könne.
Der Minister streifte zum Schluß die Maßnahmen zur Förderung der Kapitalbildung, deren Erfolg freinch ebenso wie alle Bemühungen zu einer Entlastung zuletzt immer wieder von der Reparationsfrage abhängig sei.
Reichstag im Juni?
In unterrichteten parlamentarischen Kreisen nimmt man, wie die „Wandelhalle" berichtet, an, daß der Reichstag nun doch vor dem Herbst noch einmal zu einer kurzen Tagung zusammentreten wird. Der von den Kommunisten vor einigen lagen eingebrachte Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages werde allerdings keine praktische Wirkung haben, da die Regierungsparteien und die Sozialdemokraten entschlossen seien, diesen Antrag abzulehnen. Es sei aber anzunehmen, daß Mitte oder Ende Mai die Sozialdemokraten selbst einen Antrag aus Einberufung des Reichstages stellen würden, der dann natürlich eine Mehrheit finden werde. Man glaube, daß die bevorstehenden
neuen Notverordnungen für die Sozialdemokraten die äußere Veranlassung zu diesem Schritt sein würden, da die neuen Notverordnungen Bestimmungen enthalten sollen, die, wie man behauptet, die Sozialdemokraten nicht hinnehmen könnten, ohne wenigstens den Versuch zu machen, sie durch eine Entscheidung des Reichstages zu beseitigen. Die Lage für die Sozialdemokraten sei gegenwärtig sehr schwierig, da der sozialdemokratische Parteitag, der zum 31. Mai nach Leipzig einberufen worden ist, vor der Tür stehe. Auf diesem Parteitag werde die sozialdemokratische Reichstagsfraktion ihre Haltung rechtfertigen müssen, ebenso wie die 9 sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten, die in der Panzerkreuzerfrage gegen ihre Fraktion gestimmt haben, ihre Gründe vortragen würden. Der sozialdemokratische Parteivorstand werde daher, um .der radikalen Stimmung in weiten Kreisen der Sozialdemokratischen Partei nachzugeben, auf Einberufung des Reichstages dringen. Man nehme an, daß der Reichstag dann im Juni zu einer kurzen, etwa einwöchigen Tagung zusammentreten werde. Für diesen Zusammentritt" würden sich auch die Deutschnationalen, die Nationalsozialisten und die Kommunisten erklären, vielleicht sogar auch die Vertreter der Wirtschaftspartei und des Landvolks.
Zunahme der Wohlfahrtserwerbslosen
Berlin. 28.April. Zn be« brutschen Landkreisen wurden nach einer Statistik des Deutsche» Landkreistages am 31. März 1931 347 000 laufend unterstützte Wohlfahrtserwerbslose festgestellt. Gegenüber dem Stande vom 28. Febr. 1931 (342 000) bedenket dies eine Steigerung nm 5000 oder 1,5 Prozent. Danach hat im Gegensatz zur Arbeitslosenverfichernng und Krisenfürsorge, die im März eine Entlastung erfahren haben, die finanzielle Belastung der Landkreise durch die Wohl- fahrtserwerbslosrnfürforg« sich weiter er- Ijöljt _
Aufhebung des Uniform Verbots in Taoen.
Karl sruhe, 28. April. Nach einer amtlichen Mitteilung ist das allgemeine Verbot des Tragens von Parteiuniformen und Bundestrachten bet "öffentlichen Versammlungen und Umzügen vorn morgigen Tage an aufaeboben worden.
und weist die Angriffe gegen den Reichspräsidenten entschieden zurück. Das Urteil des Volkes über diesen Ungeist werde einmal schart und deutlich gesprochen werden. Die „Deutsche A l I g e m e f n e Zeitun g" schreibt, wenn irgend etwas dazu beitragen könne, den Nationalsozialisten zahllose Sympathien zu verscherzen und ihren Gegner« ein willkommenes Stichwort zu liefern, dann sei es der Kampf gegen Hindenburg und die Form, in der man diesen Kampf führen M können glaube.
Sitzung der Reichstagsfraktion der NSDAP.
Am Montag fand unter dem Vorsitz von Dr. Frick eine Sitzung der vollzählig versammelten Reichstagsfraktion der NSDAP, statt. Dr. Frtck berichtete über die Tätigkeit der nationalen Opposition bet dem Auszug aus dem Reichstag und über das Verhalten des Bürgertums in Thüringen. Adolf Hitler sprach Dr. Frick den Dank der ganzen Bewegung für seine Tätigkeit aus, Pas Ergebnis des bürgerlichen Verrats sei, daß die Bewegung m Thüringen erst recht vorwärts schreite. Eine Neuwahl werde nut einer Zerschlagung des Bürgertums als Schützerin des Manismus enden. Wenn Bismarck früher gesagt habe, der Liberalismus sei die Vorstufe der Sozialdemokratie, so könne man heute feststellen, im heutigen politischen Bürgertum liege bereits der Bolschewismus beschlossen. Die Fraktion beschloß dann die oben erwähnte Entschließung, in der es u. a. noch heißt:
„Der Verfälschungsfeldzug gegen die NSDAP, hat nach Erlaß der Notverordnungen des Herrn Reichspräsidenten Formen angenommen, die jeder Beschreibung spotten. Nachdem der Reichstag auseinandergegangen ist, wird der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete gerade als Freiwild der Gerichte des Systems betrachtet. Entgegen den ausdrücklichen Bestimmungen der Weimarer Verfassung werden die von 6Vr Millionen deutscher Wähler bestimmten nationalsozialistischen Volksvertreter von Eerichtstermin zu Gerichtstermin geschleppt, wegen lächerlichster Lappalien zu hohen Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt, ja, sogar den Beschlüssen des Reichstages zuwider, wie im Fall Loe- per durch Zwangsvorführung oder im Fall Goebbels durch Haftbefehl ihrer verfassungsmäßig garantierten Freiheit beraubt. Man verbietet nationalsozialistischen Abgeordneten das Reden vor ihren Wählern. Nationäl- sozialistische Presseorgane werden Schlag um Schlag auf Wochen und Monate verboten. Kurz und gut, die Freiheit der Geister und der Meinung in rigorosester Weise geknebelt und gefesselt. Die in München versammelte Reichstagsfraktion erhebt gegen diese unerhörten Verfassungsbrüche vor der ganzen deutschen Oeffentluhkeit einstimmig und feierlich Einspruch. Sie versichert und gelobt, nicht zu ruhen und zu rasten, bis diesem Terror-Regiment durch Urteil des Volkes legal ein Ende gemacht wird."
Kein Gegensatz Hitler-Goebbels.
Die Nachricht des „Tempo", daß Gregor Strasser zum Leiter sämtlicher norddeutschen (Baue der NSDAP, und damit zum Vorgesetzten von Dr. Goebbels ernannt worden sei, wird von nationassozialistischer Seite dementiert. Es wird vielmehr betont, daß Dr. Goebbels nach wie vor das volle Vertrauen von Hitler habe. Dies sei auch bet der Münchener Aussprache ausdrücklich festgestellt worden.
Entbind«« des Angellagten von ferner«« Erscheinen.
Berlin, 28. April. Die gestern wegen des Ausbleibens des Angeklagten Dr. Goebbels unterbrochene Verhandlung gegen ihn wurde heute fortgeführt, nachdem er inzwischen zwangsgestellt und nach Berlin gebracht worden mar. Nachdem Dr. Goebbels sich geweigert hatte, sich zur Sache selber zu äußern, beantragte Staatsanwaltschaftsrat Stenig Eintritt in oie Verhandlung. Das geschah auch, nachdem das Gericht die Kriminalbeamten, die Dr. Goebbels vorführ, ten. entlassen hatte. Zuerst wurde die Be»