Dienstag, u. SM 1831
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«
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Ernste Lage in Spanien
Die Entscheidung über Monarchie oder Republik soll heute fallen — Gerüchte über Rücktrittsabsichten des Königs
Vor der Entscheidung Unglaubliche Fehlgriffe
Havag berichtet aus Madr'd: In tzer Stabs waren gestern Gerüchte verbreitet, dah der König abgedankt habe. Daraufhin demonstrierte bie Bevölkerung auf de, Puerto del Sol mit de« Rufen: ..Es lebe die Republik." Polizei griff nicht ein. Da« Gerücht von der Abdankung des Königs entspricht jedoch nicht den Tatsache«.
Roch keine 6*tWtbuna des spanische« Ministerrats.
Hebet die Beratungen der spanischen Regierung berichtet Havas aus Madrid, dah sich zwei Auffassungen geltend gemacht hätten: Ein Teil der Minister sei der Ansicht, dah die Regierung in ihrer bisherigen Zusammenlegung besteben bleiben müsse, weil die Monarchisten im Grunde genommen die Mehrheit in der Gesamtheit der spanischen Gemeinderäte besähen: der andere Teil der Minister vertrete jedoch die Ansicht, dah der Sieg der Linken in den Provmffalbaupt- städten find d-n gröheren Städten derart sei, dah die Regierung unmöglich länger am Ruder bleiben könne. Dieser Standpunkt scheine durchgedrungen zu sein. Da aber, und sei es nur aus Ehrerbietung gegenüber dem König, das Kabinett nickt wie ein gewöhnliches Kabinett zurücktreten könne, und zwar wegen der besonders heiklen gegenwärtigen Verbältnisie. batten die Minister unterbiet, welche Lösung der Krone unterbreitet werden könne. Eine Lösung würde sein, die Einberufung b er Cortes schleunigst vor- zunebmen. sodah die Eeneralwahlen vor den Proviniialwablen ftattiinden würden. Der Ministerpräsident werde heute vormittag um 10.30 Ubr vom König emvfan- gen werden und ibn über die Ansichten der ewrelnen Minister unf»rri^ten. Möglicherweise würde et die Demission des Kabinetts überreichen Man betrachte es auch als moalick. dah der Ministerpräsident dem König raten werde, die hauvtfä't'lichsten politischen Persönlichkeiten zu Rate zu ziehen. Heute werde also einer der interessantesten und wichtigsten Tage der gegenwärtigen volitüchen Krise sein Rach C^lusi de? Kabinettsrates hätten die Minister so gut wie keine Erklärnn abgegeben. Rinistervräsident Aznar habe auf die (frage, ob es keine Krise gebe, lediglich geantwortet: Rein, ich werde morgen dem Könw berichten und dann wird man Sehen!
Die Agentur Fabra veröffentlicht eine Mitteilung der Jnformationes, dah der König heute früh zu einem Minister, der mit ihm über die durch die Gemeinde- Wahlen geschaffene Lage sprach, geäuhert haben soll, es sei nutzlos, dah seine Freunde versuchten, die Tragweite des Ergebnisies der Eemeindewahlen zu mildern. Er sei Überzeugt, dah sich die gegnerischen Stimme« nicht gegen das monarchistische Regime oder gegen Persönlichkeiten, die der Monarchie dienen, richten, sondern gegen l h n persönlich. Und weil er tatsächlich glaube, dah es sich so verhält, sagte er, dah es seinem Gewissen entspricht, wenn " dieses Problem auf klare und endgültige Weise löse.
Nach Behauptung des Blattes verdiene d«t Gewährsmann dieser Aeuherung absolute Glaubwürdigkeit.
Die sozialistisch-republikanische Partei Pelt unter dem Vorsitz von Alcala Z a - Mora eine Versammlung ab. In einer mlbei gefahten Entschliehuna heiht es: Der
gestrige Tag war der erste Triumph der Republik. Es war schon nicht mehr eine Volksabstimmung, sondern ein Urteil gegen den obersten Vertreter der Monarchie. Die sozialistisch-republikanische Partei lehnt jede Verantwortung für die Ereignisse ab, die eintreten werden, wenn die Monarchie dem Willen des Landes, das ein republikanisches Regime fordert, Widerstand leistet.
In Madrid herrscht vollkommene Ruhe. Die Republikaner und Sozialisten bewahren. wie auch von Regierungsseite anerkannt wird, eine durchaus korrekte Haltung.
Berlin, 13. April. Das Polizeipräsidium in Dortmund (Polizeipräsident Lübbering) hat ein Flugblatt der Deutschen Volks- partei verboten. Die beanstandeten Sätze haben folgenden Wortlaut: „Sieben Fahre mitzregiert in Preutze« die Weimarer Koalition". „In diesen sieben Fahren wurde in Preußen das Wort Parteipolitik groß und das Wort Staatspolitik klein geschrieben", „versagt hat die Regierung auf dem Gebiete der Personal- und Beamtenpolitik, wo man ihr Partei- und Krippenwirtschast vorwirst."
Die Meinung des Auslandes
England würdigt die Erfolge der Diktatur
fk. London, 14. April. Eine in de« frühen Morgenstunden au5 Madrid abgesandtes Reutertelegramm besagt: Allgemein glaubt mau. dah der König zurück- treien wird. In einigen Teile« der Stadt find die Polizisten angewiesen worden, keine» Gebrauch von de, Waffe zu machen. Sie verbrüdern sich mft der Menschenmenge, die Hochrufe auf bie Republik ausbringen. Bisher ist nur ei« Zusammenstoh gemeldet worden, bei dem vor dem Verlagsgebäude eine, republikanische« Zeitung durch Schüsse der Polizei zwei junge Leute schwer und fünf Personen leicht verletzt wurden. Um 2 Uhr morgens waren die Strahen noch ««gefüllt vo« singenden Mensche«.
Die Lage in Spanien wird in der gesamten Londoner Presse eingehend kommentiert. Die „S i m e S“ begnügen sich damit, auf die Gefahr einer Mktatur hinzuweisen. Der liebergang von einer Diktatur zu verfassungsmäßigen Zuständen sei gewöhnlich nicht leicht. Das Ergebnis der Wahlen in Spanien bedeute noch nicht, dah Spanien sich endgültig für eine Republik erklären werde.
Der „Dailh Telegraph" schreibt, man dürfe den Sieg der Republikaner zur Zeit nur als eine Kritik an dem bisherigen Regierungssystem ansehen. Der kluge und taktvolle König Alfons habe die Tatsache berücksichtigt, daß die Sage sich grundsätzlich geändert habe.
„Daily Mail" betont die Fortschritte, die unter der Diktatur gemacht worden seien.
Unter der Diktatur sei im Lande stets die Ruhe aufrecht erhalten worden. Die ganze Welt werde die Ereignisse der nächsten Woche in Spanien mit Besorgnis verfolgen und zusehen, ob ein so großes und stolzes Volk, wie das spanische, zu einem Rückschritt in seinem politischen Leben bereit sein werde.
Die französische Presse, die Vinksblätter ausgenommen, vermeidet bei der Kommentierung der spanischen Wahlen für oder gegen den König Stellung zu nehmen. Man beschränkt sich darauf, den Wunsch auszudrücken, dah der ilebergang zu einem festen parlamentarischen Regime in Ruhe und Ordnung vor sich gehe. Allgemein ist man der Auffassung, daß die Zuflucht zur Diktatur eine Äufstandsbewe- gung auslösen würde, deren Folgen unübersehbar wären. Das „Journal" schreibt u. a„ die Monarchie spüre heute die Auswirkingen zweier großer Fehler: Einmal die Folgen einer siebenjährigen Diktatur, die es als richtig befunden habe, die Organisationen der alten Parteien zu zerstören, zum anderen aber auch eine zulange Aebergangszeit zum parlamentarischen Regime nach dem Sturze des Diktators. „Oeuvre" betont, dah der König nur noch die Wahl zwischen dem Widerstand des Dolles, das heißt der politischen Revolution, und dem einfachen Thronverzicht habe. Der Versuch, die Monarchie zu retten, indem man sie in andere Hände lege, komme bereits zu spät.
Eine Strafexpebitio« «ach Mabeira.
London, 13. April. Der portugiesische Kreuzer „Dasco da Gama" und das Kanonenboot „Limpopo" haben Lissa- bon mit dem Auftrag, nach den Azoren zu gehen, berlaffen. Dor der Ausreise hielt der Präsident von Portugal, Carmona, eine Ansprache an die Besatzungen. Die Regierung hat beschlossen, sen, toeitere Truppen zu einer Strafexpedition nachMadeira und den A z o r e n zu entsenden; sie hat den Dampfer „Dhassa" für 'Truppentransporte bereitgestellt.
Baron Wakatsuki mit der Kabinettsbildung betraut.
fk. Tokio, 14. April. Entsprechend den Erwartungen wurde Baron Wakatsuki heute früh nach dem kaiserlichen Palast berufen. um vom Kaiser mit der Bildung des neuen Ministeriums betraut zu werden.
Raffendemiffion französischer Bürgermeister.
fk. Paris, 14. April. Wie dem „Mali n" aus Cherbourg gemeldet wird, haben die Bürgermeister von 22 Gemeinden in Nord frankreich beschlossen, dem Innenministerium ihre Demission zu übermitteln, well sie sich außerstande erklären, die Sozialversicherungsgesetzgebung zur Anwendung zu bringen.
Diese Nachricht wird zweifellos mit einem Erstaunen ausgenommen werden, obgleich man in Preußen manche Dinge gewohnt ist. Man darf anscheinend nicht sagen, daß eine Koalition, wohl vermerkt nicht die Regierung, etn Land mitzregiert hat. Sprechen die Tatsachen denn nicht deutlich genug auch für solche Kreise, die nicht zur preußischen Opposition gehören? Stimmt es nicht daß ein preußiscker Minister, sozialdemokratischer Oblervanz, das Wort gevrägt hat, daß er der Exponent einer Machtgruppe sei? Ist mit diesem Satz und durch zahlreiche Taten im Laufe der fieben Iabre nicht der Beweis erbrackt, daß hier tatsächlich die Parteivolitik vor die Staatspolitik gesetzt wurde? Und endlich zum dritten Satz: Stimmt es nicht, daß in den weitesten Schichten der preußischen Bevölkerung die heutige Personalpolitik als Partei- und Krippenwirtschast empfunden wird?
Die Art, wie Polizeiofstziere sich jetzt in öffentlichen Versammlungen das Recht hecaus- nehmen, Redner zu verwarnen, gerade so als seien sie die Versammlungsleiter, der psychologische Fehler des Verbotes der Stahlhelmzeitung auf drei Monate, die Auflösung von Versammlungen wegen eines Ausdruckes, der an falscher Stelle stehen mag, dazu ;etzt das neueste Vorgehen gegen das Flugblatt in Dortmund, desien Inhalt sich durchaus in sachlichen Bahnen bewegt, zeigt, daß die Tinge m Preußen so weit fortgeschritten sind, daß eine sachliche Auseinandersekung kaum mehr möglich ist. Man mag die Dinge betrachten wie man will, ein Zeichen der Stärke und des guten Willens sind diese Methoden des preußischen Regierens nicht. Diejenigen behalten recht, die feit Jahr und Tag die Ansicht vertreten, daß mit derartig politisch durchtränkten Regie- rungs- und Verwaltungsmethoden, wie sie in Preußen herrschen, wirkliche Staatspolitik nicht mehr getrieben werden kann.
Ist das wahr?
Essen, 13. Avril. Der Landesverband des Stablhelm hat durch Telegramme an Innenminister Severing und den Regierungspräsidenten die sofortige Suspendierung des Landrats Hausmann -Schwelm gefordert. Begründet wird diese Forderung damit, daß Handsmann am Sonntag in öffentlicher Versammlung erklärt habe, der deutsche Frout- soldat habe Heldenmut nur dann gezeigt„ und wäre nur daun zum Angriff vorgegange«, „wenn er besoffen wie ein Schwein gewesen sei".
Wie einem Bericht der „Rhein.-Westf. Ztg." zu entnehmen ist, hat Landrat Hansmann derartige Ausführungen in einer Versammlung der 'Sozialdemokratischen Partei in Nierenhoff bei Hattingen gemacht, auf der auch zahlreiche Stahlhelmer und Hitlerleute zugegen gewesen seien. Landrat Hansmann habe noch erklärt, daß er selbst als Frontsoldat auch Gelegenheit gehabt habe, einen „Klempnerladen" an seine Brust -zu heften, auf den er aber keinen Wert lege. Ein Zuhörer habe dem Landrat eine entsprechende Antwort gegeben. Die Versammlung sei später von der Polizei aus dem Saal entfernt worden. Auf Grund der Erkundigungen der „Rhein.-Westf. Ztg." habe es sich, wie das Blatt weiter erklärt, herausge- stellt, die angeführten Worte in der Tat gefallen seien und daß Zengen erklärt hätten, diese Aussagen eines preußischen Beamten auf ihren Eid zu nehmen Es sei zu hoffen, daß sich die preußische Regierung dieses Falles mit jenem Nachdruck annähme, der der Würde entspreche, auf die der Staat Wert legen müßte.
Stahlhelmbeschwerde beim Reichskanzler.
Rach einer Mitteilung des Bundesamtes des Stahlhelms hat heute mittag der Leiter
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