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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Der abrüstungsfeindliche Präsident
Präsident Doumergue hält den Schutz des Völkerbundes für unzureichend - Ein Vermächtnis an die französische Nation
Die gefürchtete Zollunion
Englands Forderungen
Der Präsident Doumergue hielten gestern in Nizza bei einem Empfang, der an- läßlich seines Besuches von den Behörden veranstaltet wurde,' eine Rede, in deren Verlauf er auch auf politische Fragen ein- oing. Der französische Patriotismus, so führte er aus, sei nicht aggressiv. Er sei für niemanden gefährlich. Er strebe nicht danach, Frankreich über alle Länder «nporzuheben und den anderen Ländern die Hegemonie Frankreichs auszuzwingen. Er wolle Frankreich nur den Platz sichern, auf den es ein Anrecht habe. Er wolle die Unabhängigkeit Frankreichs ausrechterhalten, auf die es nicht verzichten könne, und er wolle die volle Sicherheit, die Frankreich unbedingt brauche, um zu arbeiten, sich im Frieden zu entwickeln und in größtmöglichem Matze an dem Fortschritt und dem Glück der Menschheit mitzuwirken. .Frankreich habe zu sehr unter dem Kriege gelitten, als daß es nicht den Wert des wohltuenden Friedens schätze. Ein dauerhafter Frieden sei aber nur möglich, wenn die Sicherheit der Grenzen völlig gewährleistet sei.
Frankreich habe also da§ Recht, anzunehmen, datz. solange der Völkerbund keine ausreichende militärische Macht z« seiner Verfügung habe, um für die Durchführnng seiner Entfchei- dange« zu sorge«, falls man sich ihnen nicht freiwillig beuge, es selbst wachen, achtgeben und sich nur auf sich selbst verlasien müsse.
Zn dieser Annahme werde Frankreich noch bestärkt, weil es sich plötzlich einem unvorhergesehenen Ereignis gegenübersehe, dessen Bedeutung in der Gegenwart und dessen Folgen für die Zukunft nicht verkannt werden dürften, weil die Geschichte des Landes, in dem dieses Ereignis eingetreten sei, einen Präzedenzfall aufweise, der lehrreich sei und den zu vergessen gefährlich wäre. Frankreich brauche Nur sich vom gesunden Menschenverstand leiten zu lassen, und dieser geiuude Menschenverstand rate ihm zweierlei: 1. über «en guten Zustand der Finanzen zu warben, 2. sich von dem Gedanken leiten Klassen, datz ein Land, solange es keine
. rke internationale Streitmacht gebe, Aicht zulassen dürfe, datz man seine eigene materielle Streitkraft unter das Niveau herabsetze, das die Sicherheit und Unantastbarkeit des Landes erhalte. Die jetzt ! lebenden Generationen trügen vor den hie 'f"g^n ^"erationsn die Veianwortung ’
Die große Rede Des Staatspräsidenten Doumergue in Nizza hat in der fron» ^iHen Presse ein lebhaftes Echo gefun« «en. Man unterstreicht allgemein die De- Deutung der Ausführungen DoumergueS mwohl in innen- wie außenpolitischer Hm- l$t. Das „Echo de Paris" betont, «a» es sich bei den Ausführungen des W.aatsprasidenten nicht um eine gewöhn- «a>e Rede, sondern um ein Manifest «w eine Erteilung der letzten Ratschläge ”n das französische Volk handele. Pertt- unterstreicht dabei, daß die Worte DoumergueS entweder als eine Derur- eilung des Völkerbundes und ’tne Ablehnung jeder Abrüstung, wie man Jt UM Auge gefaßt habe, aufzufassen sei, fwer aber seine Worte seien absolut be- ?eutungs-los. Das „Journal" hebt her- rot- daß die Ausführungen DoumergueS
nicht mir für Frankreich, sondern auch für andere Staaten außerhalb der französischen Grenzen bestimmt gewesen wären. Der „Figaro" begrüßt es, daß Frankreich heute noch über Patrioten verfüge und spricht die Hoffnung aus, daß Brian d sich die Worte zu Herzen nehme und in Zukunft danach handele.
„Journee Industrielle" schreibt, die sehr deutliche Anspielung des Präsidenten der Republik auf die auStoärtige Lage, nämlich das deutsch-österreichische Abkommen, verdiene besondere Erwähnung.
V r i a n d empfing am Donnerstag nachmittag den englischen Botschafter in Paris, Lord Tyrrell, mit dem er eine recht ausgedehnte Unterredung hatte. Obgleich «ntlicherscits über den Gegenstand der Be-' fprechung nichts bekannt gegeben wurde, glanbt man in gut unterrichteten Kreisen z« w»ssen, datz der englische Botschafter dem Auhenminister über die Programm- ändernngen der Ministerbesprechung i« Chequers unterrichtet hat. Autzerdem
Warum Volksbegehren?
Ein Aufruf des Präsidenten des Reichslandbundes
Der Präsident des Reichslandbundes, Graf von Kalckreuth, veröffentlicht folgende Kundgebung:
Der Stahlhelm ruft im Volksbegehren für Auflösung des Landtages das Volk auf, Urteil zu sprechen über Erfolg und Mißerfolg einer 12jährigen Tätigkeit der derzeitigen preußischen Regierung. In einseitiger Auslegung der Notverordnung des Herrn Reichspräsidenten scheint die preuhische Regierung die öffentliche Kritik ihrer Taten nach Möglichkeit durch Anwendung staatlicher Machtmittel verhindern zu wollen. Das darf den seiner staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten bewußten Landwirt nicht hindern, sondern muh ihm ein doppelter Ansporn sein, nach ernster Prüfung auch seine Stimme in die Waagschale des Volksbegehrens zu werfen.
Was müssen wir von einer preußischen Regierung, die ihrer geschichtlichen Aufgabe gerecht werden soll, fordern?
1. Verständnis für eine nationale Wirtschaftspolitik, die die wirtschaftliche Grundlage jeden Standes, und besonders des deutschen Ostens, die die deutsche Landwirtschaft gesund erhält.
2. Schutz deutscher Arbeit und christlicher Kultur.
3. Gewährleistung einer unabhängigen und von politischen und anderen Machttendenzen unbeeinflußten Rechtsprechung.
Was hat die preuhische Regierung auf diesen Gebieten geleistet?
1. Auf wirtschaftlichem Gebiete ist sie nur zu oft bemüht gewesen, die Mahnahmen, die vom Reich zum Schutz der deutschen Land- wittschaft, besonders des schwer ringenden Ostens getroffen werden sollten, zu sabotteren, oder sie so umzubiegen, dah aus wirtschaftlichen Hilfsmaßnahmen polittsche Machtmittel wurden.
2. Den Schuh deutscher und chrisüicher Kultur hat das Preuhen der Gegenwart bisher so auf gefaxt, dah es dem immer stärkeren Einbruch der religionsfeindlichen sozialistischen und kommunistischen Kulturpropaganda fast untätig zusieht.
Das Kultusministerium ist einem Sozialdemokraten anvertraut worden, der in der Pflege republikanischer Gesinnung unter Polizeiaufsicht seine wichttgste Kulturaufgabe sieht, der, kein Gefühl hat für das unlösbare Band,' das Christentum und Deutschtum zu einer Einheit verbindet, sondern sich nach eigener Aussage lediglich als einen „Erponenten einer Machtgruppe" empfindet. So steht das Preußentum der Nachkriegszeit seiner Aufgabe als Schützer christlicher und deutscher Kultur wesensfremd gegenüber.
3. Hat die preuhische Regierung der Rechtsprechung im preuhischen Land die Freiheit und polttische Unabhängigkeit gesichert? Seit
Monaten werden der preußischen Regierung auf'Grund anscheinend einwandfreien Beweismaterials zahlreiche Fälle schwerster- Knebelung und Beeinflussung der Rechtsprechung der Verwaltungsorgane des Staates vorgeworfen, ohne daß diese Vorwürfe durch die sonst so anklagefreudige preußische Regierung im öffentlichen Gerichtsverfahren widerlegt worden wären. Bangt der preußischen Regierung vor dem Antritt des Wahrheitsbeweises durch die Männer, gegen die man eine Anflage nicht zu erheben wagt?
So hat die preußische Regierung auf den Gebieten der Wirtschaft, Kultur und Rechtspflege, die ihr anvertraut sind, seit Iahren völlig versagt: Darum weg mit dem preußischen Landtag, der heute eine preußische Regierung stützt, die es nicht verstanden hat. ihren nationalen, kulturellen und wirtschaftlichen Aufgaben in den 12 Iahren ihren Bestehens gerecht zu werden!
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Neue Kürzungen am Preußen-Etat
Berlin, 9. April. Die vorgesehene Kürzung des preußischen Etats um 20 Millionen erstreckt sich auf eine ganze Reihe von Positionen. An den pädagogischen Akademien, von denen in diesem Jahre drei neue geplant waren, werden 3,2 Millionen gespart. An den Bedürfnis-Zuschüssen der höheren Schulen werden 1,2 Millionen eingespart. Bei den Theaterzuschüssen werden 213 000 Mark gestrichen. Die Prüfungsvergütungen merben mit 100 000 um 10 Prozent geküßt. Von den Mitteln für Unterstützungen und Beihilfen für Beamte werden 3,3 Millionen gestrichen. Die Reisekosten werden um 500 000 Mark gleich 5 Prozent, die Unterhaltungszuschüsse um 700 000 Mark gleich 25 Prozent gekürzt.
Am Bau-Erhaltungsfonds werden noch 5 Millionen gleich 12 Prozent gespart, am einmaligen Vaufonds der Justizverwaltung 650 000 Mark. Die Zuschüsse für den Forstkulturfonds werden um 1 Million, der Fonds zur Förderung des Luftfahrtwesens wird um 100 000 Mark, der zur Unterstützung der Renn-Vereine um 300 000 Mark gekürzt. Fast anderthalb Millionen werden am Polizei-Etat gekürzt, und zwar eine Million für Kleidung, 120 000 Mark für Mieten, 10 000 Mark für Fernverbindungswesen, 40 000 Mark für Bildungswesen 230 000 Mark für Verpflegung der Dienstpferde.
sollen die Schwierigkeiten, hie i« der Redi- gierung des Flottenabkommens aufgetaucht sind, Gegenstand eingehender Erörterung gewesen sei«.
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Ueber die Ziele der englischen Außenpolitik äußerte sich Henderson in einer Rede in W o o l w i ch. Er erklärte u. a., die Nationen könnten von dem geringen Wert zukünftiger Kriege und von der Notwendigkeit der Abschaffung des Krieges nur überzeugt werden, wenn auf der kommenden Abrüstungskonferenz
die stehende« Heere fit6 zur niedrigsten Grenze herabgesetzt wörden, die sich mit der nationalen Sicherheit vereinbare« lasse.
England habe eine Politik gefordert, die die Sicherungen gegen den Krieg verstärke. .Es habe stets eine Völkerbunds- volitik verfolgt, und werde alles tun, um die Abrüstung durch Abmachungen mit anderen Nationen herbeiführen.
Auch der Marineminister Lord Alexander betonte in einer Rede in Hüll die Notwendigkeit, die Abrüstung auf dem Wege internationaler Abmachungen zu erreichen, da England allein nicht weiter abrüsten könne. Der Erfolg werde davon abhängen, ob die anderen Nationen bereit seien, die englische Politik zu unterstützen. Durch ein europäisches Flottenabkommen ließen sich die Schwierigkeiten beseitigen, die noch einer offenen Erörterung der Abrüstungsfrage auf der kommenden Konferenz entgegenständen. Ein solches Abkommen würde auch zu einer wesentlichen Verbesserung der Beziehungen zwilchen Frankreich und Italien führen. Man könne die Hoffnung auf eine Lösung der Schwierigkeiten noch nicht aufgeben. England werde alles tun, um einen Erfolg herbeizuführen.
Financial Times- zur Zoll-Uulo«.
Zn einem Leitartikel über den Plan einer deutsch-österreichischen Zoll-Union führen „Financial Times" aus, daß seit dem Kriege in der ganzen Welt ein (Streben nach wirtschaftlichem Rationalismus wahrnehmbar sei. Die Staaten hätten immer zahlreiche Hindernisse in den Weg des freien Handelsverkehrs durch Errichtung von Tarifschranken gelegt. Das Ergebnis sei, daß die Menge der Waren, für die ein Markt zu finden schwierig sei, stetig zunahm. Deutschland sei durch seine Reparationsverpflichtungen weiter bestrebt, seinen Ausfuhrhandel zu vergrößern, um seine Gläubiger befriedigen zu können. ES strebe daher nach einem sicheren Martt für seine Waren. Das geplante Abkommen mit Oesterreich sei ein durchaus logisches Ergebnis. Allerdings habe die Sache noch eine andere Seite, denn die künstlich gezüchteten Interessen würden bei einem Fallen der Zollschranken in Schwierigkeit geraten. „Financial Times" schließen, daß die Zoll-Anion zwischen Oesterreich und Deutschland noch weit von ihrer Verwirklichung entfernt seien. Da aber andere Länder zur Teilnahme aufgefordett seien, so bleibe abzuwarten, ob dieser erste entschlossene Schritt den notwendigen Anstoß in Richtung auf das Ziel geben werde, das beinahe allgemein als ersttebenswert anerkannt worden fei.