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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Frankreichs neuer Triumpf

Brüning und CurLius gehen am 5. Juni, also nach der Genfer Tagung, nach London

Berlin schnell getröstet

Jetzt fast bedeutungslos

Äeutet meldet, datz der Besuch des Reichskanzlers und des Reichsoutzen- «inisters vom S. bis 9. Zu»t stattfin­de« wird.

Die ursprünglich für eine der ersten bei­de« Maiwochen vorgesehene Zusammen- kunft mutzte angeblich deswegen auf die Zest nach Pfingsten verlegt werden, weil für die ersten Maitaqe der englisch« Pre­mierminister »nd mehrere seiner Kollegen bereits anderweitig gebunden (?) waren, «nd weil das zweite Wochenende im Mai zeitlich zu nahe an die Tagung des Europa-Ausschusses und die daran an- schlietzende Ratstagung rückte.

I« Berliner politischen Kreisen be­grübt (!) man allgemein, datz es nun ge­lange« ist. die Verständigung über den Zeitpnnlt der deutsch-englischen Zusammen­kunft herbei, ukühre«. der be'den Re­gierungen genehm ist. Dabei bört man die Ansicht, datz die Frage, ob der Besuch vor oder nach der Genfer Tagung er­folgt, garnicht von so wesent­licher Bedentnag (?) ist. Die Hauptsache bleibe, datz in der nächsten Zeit Gelegenheit zu einer persönlich'» «nd freandschaftlichen Aussprache zwischen den Englischen und den deutschen Staats- «iSnnern gegeben ist. in der alle Fragen, di« beide Seiten interessiere«, zur Sprache gebracht werde« solle«.

Sine Anzahl Berliner Morgenblätter beschäftigt sich mit der Verschiebung der deutsch-englischen Aussprache von Chequers auf den Juni.®. A. Z.",Deutsche Ta- g^zeitung" undLag" sehen darin einen Erfolg der französischen Hetze gegen diese Konferenz. DieD.2I.Z.", die in sehr scharfer Form gegen die französischen Quer­treibereien polemisiert, denen gegenüber es Mir eines gebe: Iestbleiben, sich auf nichts einlasien und eingedrechselte Phrasen in den Wind scblagen, warnt davor, daß man die freundliche Gest« der Einladung nun mcht mehr als das betrachten soll, was es ursprünglich gewesen sei.

DieDeutsche Tageszeitung" bezeichnet die Art, in der die Vertagung «folgt sei. alsnidjt gerade sehr höflich". ©Mei fraglich, t>6 der Besuch im Juni noch etwas zu bedeuten haben werde. Jetzt müßten die Vorbereitungen für Genf mit Ruhe und Festigkeit erfolgen.

DerTag", der die Vertagung eine »peinliche Aeberraschung für das auswär­tige Amt" nennt, schreibt, daß die Gen­fer Besprechungen jetzt lchne Vorbereitung sowohl über das Abrüstungsprvblem sowie auch über den Zollbund stattfänden. An sich sei es mir zu begrüßen, daß Henderson letzt mit Brüning und EurtiuS vor den Genfer Verhandlungen kein Kompromiß in "lesen Fragen vereinbaren könne. ES Meide in Genf, auch ohne daß Deutschland irgendwelche Zugeständnisse auf anderen Gebieten macht, zu keinem für Deutschland unzulänglichen Kompromiß in der Frage des Zollbundes kommen, falls der Außen­minister den entsprechenden starken Wider- stund leiste. Je weniger bei den Genfer Verhandlungen herauskomme, umso stärker werde die deutsche Positton in London sein.

DieGermania" fordett, daß man !>ch nunmehr nicht mehr allzulange bei der

Vorgeschichte aufhalten solle, obwohl gar kein Hehl daraus zu machen sei, daß der 1. oder 8. Mai willkommener gewesen wä­ren, da sie vor der Tagung des Völker­bundrates lägen.

DieBörsen-Zeitung" stellt fest, daß die Verschiebung geeignet sei, den IBcrt der geplanten Aussprache erheblich herabzumindern. Es stehe zu befürchten, daß zu diesem Termin die zur Debatte gestellten Fragen der Zollunion und der Abrüstung auf den Genfer Tagungen so- toeit erörtert worden seien, daß man sich von der deutsch-englischen Konferenz kei­nen Fortschritt mehr vorsprechen könne.

Die Pariser Presse ist über die Ver­schiebung des Termins der Ministerbe­sprechung in Chequers sehr erfreut und schreibt diese plötzliche Wendung in erster Linie der kühlen lleberlegung des eng­lischen Außenministers zu, der sich darüber klar geworden sei, daß er eine politische klnklugheit begangen habe. Man betont plötzlich, daß die Besprechung in Chequers niemals etwas mit der von Henderson- B r i a n d vorgeschlagenen Zusammen­kunft zu tun gehabt habe Es habe sich vielmehr um zwei grundverschiedene Kon­ferenzen gehandelt, von denen die eine lediglich dem Flottenproblem, die andere

Im Schlepptau Frankreichs"

England ist sehr vorsichtig

Die vomDaily Herold" gebrachte Be­hauptung, datz Henderson als Zusam- menkunftsort für die A b r ü st u n g s - konserenz London vorschlagen wollte, w'rd in de» englische» Kreise» als nicht zutreffend bezeichnet. Auf der letzten Bölkerbundsratssitzung seien sich die Mit­glieder des Rates schon im Prinzip über Genf einig geworden.

In London ist unverkennbar die Ten­denz vorhanden, alles zu vermeiden, was die französische Empfindlichkeit stören könnte. Infolgedessen weist man im Foreign Office darauf hin, daß auch nicht der geringste Zusammenhang zwi­schen den österreichisch-deutschen Verhand­lungen und den Flottenverhandlungen bestehe, wie dies in einigen englischen Zeitungen bereits angedeutet worden war. England hoffe vielmehr, daß trotz der bestehenden ernsten Schwierigkei­ten, die sich bei den Flottenverhandlungen ergebe» hätten, ein Ausgleich gefunden werden könnte. Die Tatsache, daß sich die Sachverständigen am kommenden Montag wieder in London träfen, bewiese den festen Willen der Beteiligten, die Ver­handlungen erfolgreich zu Ende zu führen, wenn möglich noch im Laufe dieses Mo­nats. Man will in London also wohl er­reichen, daß die Flottenfrage unter Dach und Fach gebracht wird, ehe der deutsche Reichskanzler und der Außenminister nach London kommen, sodaß die englisch-fran­zösische Atmosphäre völlig bereinigt und freundschaftlich gestaltet ist, ehe die deutsch-englischen Besprechungen einsetzen.

Nunmehr schaffen auch die zuständigen englischen Stellen Aufklärung über die bisher noch umstrittene Frage der eng­lischen Einladung an Briand, nach London zu kommen. Die Verwirrung war durch die vorzeittge Veröffentlichung des beabsichtigten deutschen Besuches in derTime s und durch die nicht hin­reichende Informatton der Beamte» des Foreign Office durch de» Außenminister Henderson entstanden. Dieser hatte gegen Ende seiner Paris-Rom-Reise Briand ge­sprächsweise und ganz unverbindlich vor­geschlagen. die Unterzeichnung des euro­päischen Flottenabkommens dadurch etwas feierlicher und bedeutungsvoller zu gestal­ten, daß der französische und italienische Außenminister nach London kommen soll­ten. Damals war von einer Einladung

der deutschen Herren noch keine Rede. Henderson hatte vergesien, hiervon den Beamten des Foreign Office Mitteilung zu machen. Als Henderson an die deut­sche Botschaft mit seinem Vorschlag des deutschen Besuches herantrat, wurde in- folgedesien die Möglichkeit eines gleichzei­tigen Erscheinens Vriands und Erandts auch nicht erwähnt. Es handelt sich also um zwei von einander getrennte Hand­lungen, die nichts miteinander zu tun haben. Briand ist jedenfalls zu den deutsch-englische» Besprechungen nicht hin­zugeladen worden.

.^Doily Herold" weist die französische Presse zur Ordnung.

Das ArbeiterblattDaily Herold" schreibt: Die Bemerkungen der franzö­sischen Presse über den bevorstehenden Be­such der deutschen Minister in London sind reichlich taktlos gewesen. Die Auffassung Frankreichs sei nicht berechttgt, sich durch einen deutschen Besuch in London beteiligt zu fühlen. Dies sei wirklich etwas stark. Das Blatt erklärt, derarttge Angriffe brächten Paris nur Schaden und riefen in England eine Verstimmung hervor, die die Franzosen in ihrem eigenen Interesse vermeiden sollten.

Graf Zeppelin" nach Aegypten gestartet

fl.Friedrich»hafe«, 9. April. Das LustschiffGraf Zeppelin- ist heute früh 6.08 Uhr ja einer Fahrt nach Aegypten ge­startet.

An Bord befinden sich 25 Passagiere, u. a. der Graf von Brandenstein-Zeppelin, Kapitän R. Booth, der Führer des englischen Luft­schiffes ,Il. 100", der bekannte Journalist von Wiegand, der Oberst Goffage, Militärattachee der englischen Botschaft in Berlin Die Fahrt­route führt bei entsprechender Wetterlage vor­aussichtlich die Rhone entlang über Marseille, Korsika, Rom, Neapel, Creta und Alexan­drien. Am Sonnabend früh gegen 6 Uhr wird das Luftschiff in Kairo eintreffen. Nach Aus­wechselung der Passagiere wirdGraf Zep­pelin" sofort zu einer Rundfahrt über Aegyp­ten und Palästina wieder aufsteigen, an der auch einige ägyptische Prinzen teilnebmen werden. Am Sonnabend erfolgt von Kairo der Start zur Rückfahrt nach Friedrichshafen, wo das Luftschiff im Laufe des Montags wieder erwartet wird.

aber allgemeinen internationalen Frage» dienen sollte.

Briand sei sehr wohl für die erste Be­sprechung eingeladen gewesen, so betont Pertinax imEcho de Paris, aber es sei niemals die Rede davon gewesen, ihn auch zu der zweiten hinzuzuziehen, an der lediglich Henderson und die deutschen Mi­nister Brüning und Curtius teil* nehmen sollten. Macdonald sei sich jedoch inzwischen darüber klar geworden, daß er seinem Außenminister vielleicht zu freie Hand gelasien habe, und hierauf allein sei die Aufschiebung der Konferenz bis nach der Genfer Tagung zurückzuführen.

DerPetit Parisien" betont, datz Henderson vor allem daran gelegen sei, tn Genf als unparteiischer Richter auftreten zu können: der nicht vorher den Aus­legungen der interessierten Länder Gehör geschenkt habe. DasOeuvre" gibt ebenfalls seiner Befriedigung über die Verschiebung der Konferenz Ausdruck und unterstreicht dabei, daß die Zusammen­kunft nach der Genfer Tagung nicht nur keine Gefahr, sondern auch ohne Be­deutung sei. Die Linkspresse verhält sich im allgemeine» recht teilnahmslos und begnügt sich mit der bloßen Feststellung der Ereigniffe, ohne ihnen einen Kom­mentar zu widmen.

Mali tt erklärt, es sei klar, datz nach Genf diese Begegnuna keinen grotzen po­litischen Wert mehr habe.

Wenn Brüning und C«rti«s in Eng­land eittträfee, würden die Beschlüsse, an die Frankreich denke, bereits ge* fotzt se»«

und die verantwortlichen Minister sämt­licher Erotzmächte in wünschenswerter Weise miteinander Fühlung genommen haben.

Petit Parisien" schreibt, in Ber­lin habe man sich von einer Begegnung zu Anfang Mai viel versprochen und ge­hofft, in Genf energischer auftreten zu könne». Die Berliner Blätter, die diese Begegnung als einen Mißerfolg der Poli­tik des Quai d'Orsay gefeiert hätten, hät­ten jetzt das Nachsehen. Der englische Außenminister habe schnell das Manöver erkannt, in das die deutschen Staats­männer ibn hätten hineinlocken wollen. Der deutsche Besuch Anfang Juni bringe nicht mehr die gleichen Ungelegenheiten mit sich und man habe sich dann in Che­quers vor allem mit der Abrüstungskon­ferenz zu beschäftigen, wie es ursprüng­lich vorgesehen war.

E x s e l s i o r" mißt der Begegnung in Chequers im Juni eine symbolische Be­deutung bei. Sie sei eine Geste, durch die England aufs neue seinen Willen betonen möchte, das Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich zu wahren. Im übige» dürfte die Reise der deutschen Minister zu keiner besonderen Regelung führen, aus dem einfache» Grund weil eine europäische Regelung ohne Frank­reich nicht erfolgen könne. Das sei eine Tatsache und keine Prestigefrage. Auch derF i g a r o" spricht von einem reinen Höflichkeitsbesuch, zu dem die Reise der deutschen Minister dienen werde, bedauert aber dennoch, daß England es für nötig gehalten habe diese Einladung überhaupt ergehen zu lassen.