MiMve», 6m 25. Mürz 1931
Di« .Ob<rb«ssisch« Zritung' «• sch«int sechsmal wrchentlich. Bezugspreis monatlich 2.2VGM.«rs- schließl. Zuslellungsgebühr, durch di« Post 2.45 GM. Für «ttva durch Str«», Maschtneudefe» oder «lernen ta« Ereignisse ausfallende Stummem wird kein Ersatz geleitet. Verlag, Dr. §. Hitzero». Druck der Untb-Buchdruckerei Jod. Aug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Skr 54 und Rr. 65. Postscheckkonto: Amt Frankfurt «. M. Skr. 5015. - Sprech,e» der Kedaktton von 10—11 nnd
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhesse«
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Reichstagsvertagung bis zum Oktober
Einigung über die beiden Restpunkte — Erledigung des Etats ohne den Diktaturparagraphen
Erfolgreiche Taktik Briand und Henderson
Die Frattio« des Landvolks beschäftigte sich a« Dienstag abend in einer Sitzung, der anch Ernährungsminister Schleie und der »olkskonservative Abgeordnete Graf Westarp beiwohnten, mit dem Zollermäch- tigungsgesetz. Die Fraktion sprach sich für die Ablehnung dieses Gesetzes aus. vor alle« wegen de, Artikels 3, de, al« höchst bÄeuklich für die Interesse« der Landwirtschaft bezeichnet wurde. I« der Aussprache wurde betont, die Fraktion müsse auch ihre Stellungnahme z«m Etat davon abhäugtg machen, ob es dem Reichskanzler gelinge, feinen Einfluß dahin geltend machen, daß die sozialdemokratischen Forderungen in de, Ermächtigungsvorlage »rcht »erwirklicht werde».
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3m Reichstag war man gestern abend der 2diffafsung, daß nunmehr alle Streitpunkte, die der glatten Abwickelung der parlamentarischen Arbeiten noch im Wege standen, bereinigt sind. Nachdem die viel besprochenen Steueranträge bereits erledigt waren, ist es gelungen, auch in den beiden noch ausstehenden Restfragen — die Zollermächtigung und die Reichstagsvertagung — zu einer Klärung zu gelangen. In den späten Nachmittagsstunden schien es, als ob die Zollermächtigung doch noch erhebllche Schwierigkeiten machen würde. In agrarischen Kreisen, namentlich bei der Land- volkpartei und auf dem rechten Flügel des Zentrums, ist man von dem Ergebnis der Verhandlungen des Handelspolitischen Ausschusses zwar nicht voll befriedigt, wie ja schon aus der Abstimmungsvertagung' hervorgeht. Es handelt sich aber nur um einen Ausschußbeschluß, der im Plenum in feinen Einzelheiten durchaus noch abgeändert werden kann. In unterrichteten Kreisen vermutet man denn auch daß zwischen der zweiten und dritten Lesung entsprechende Bemühungen einsetzen werden, um den Wünschen der agrarischen Abgeordneten noch entgegenzukommen.
In der Frage der Vertagung des Reichstages haben die Sozialdemokraten dem Wunsche des Reichskanzlers insofern nachgegeben, als sie damit einverstanden sind, daß für den Wiederzusammentritt ein Lag etwa in der zweiten Hälfte des Oktober festgelegt wird. Praktisch haben sie von ihrem Standpunkt nichts geopfert, da auch dann die Möglichkeit besteht, daß eine Mehrheit bei einem außerordentlichen Anlaß eine frühere Einberufung des Reichstages herbeiführt. Ein Drittel des Reichstages ist inzwischen allerdings nicht in der Lage, den Zusammentritt herbeizuführen. Es kann aber immer sein, daß drei Mitglieder des Aeltestenrates die Einberufung dieses Ausschusses beantragen. Der Präsident hätte dann festzustel- len, und zwar unter Berücksichtigung der jetzt vom Reichstage abwesenden Fraktionen, ob sich eine Mehrheit für eine frühere Einberufung ergibt. Sollte sich dann zeigen, daß ein wesentlicher Toll der Mehrheit, die jetzt die Vertagung bis zum Herbst ausgesprochen hat, anderer Meinung geworden ist, so würde er den Reichstag zu einer Zwischentagung einberufen. In Kreisen der Deutschen Volkspartei hatte man gewünscht, daß die Ermächtigung nicht dem Präsidenten, sondern dem Präsidium übertragen wurde. Das hat Präsident Lobe in einer Sitzung, die gestern vormit
tag beim Reichskanzler stattfand, abgelehnt, zumal bei einem solchen Verfahren vermutlich doch Stimmengleichheit herauskommen und er dann den Ausschlag zu geben haben würde. Unter diesen Umständen wird es also dabei bleiben, daß der Reichstag sich auf einen bestimmten Termin int Oktober vertagt und das Weitere der Entwicklung überlassen wird. Nachdem diese Fragen nun soweit geklärt sind, rechnet man in parlamentarischen Kreisen jetzt bestimmt damit, daß der Reichstag bis zum Freitag seine Aufgaben erledigt hat und auseinandergehen kann.
Die erste Unterredung zwischen Briand und dem englischen Außenminister Henderson am Dienstag hat nicht das von den Franzosen gewünschten Ergebnis gezeitigt, daß darin bestanden hätte, daß sich Henderson sofort bereit erklärt hätte gemeinsam mit Frankreich und den anderen Mächten eine Protestaktion in Wien und Berlinein- z u I e i t e n.
Der englische Außenminister hat sM* mehr auf einer bisherige» Zurück« Haltung bestanden und vor übereilte» Schritten gewarnt.
Besserung oder Verschleppung?
Das Urteil Dr. Schachts-Lohnabbau für die Reichsarbeiter.
Bern, 25. März. Auf Einladung der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Vern sprach am Dienstag abend der . frühere Reichsbankpräsident Dr. Schacht in einer zahlreich besuchten Versammlung über das Thema „Ursache und Heilung der Weltwirtschaftskrise". Als Zeichen der bestehenden strukturellen Weltwirtschaftskrise erwähnte der Vortragende die große Arbeitslosennot, das Fallen der Rohstoffpreise und die völlige Unordnung auf dem Kapitalmarkt. In Deutschland habe man versucht, durch eine künstliche Belebung der Konjunktur der Krise beizukommen. Die Mittel zu dieser Maßnahme habe sich der Staat teils durch übertriebene Besteuerung, teils durch ausländische Anleihen, die den Staat autzerordenllich schwer belasteten, beschafft.
Das Einzige, was die deutsche Wirt, schäft nicht brauche, sei ausländische« Kapital. Äei» Industriestaat dürfe ausländische Schulde» habe«.
Das richtige Mittel zur Behebung der Krise liege in der Auswertung der Absatzmöglichkeiten und der Rohstoffbeschaffung. Die Wegnahme der deutschen.Kolonien bezeichnete Dr. Schacht als einen wirtschaftlichen Fehler, der wieder gut- gemacht werden müsse, wenn die Welt
wirtschaftskrise Erleichterung finde« solle. Eine Exportsteigerung sei für Dmitschland. eine Notwendigkeit, wenn es seine ausländischen Anleihen verzinsen und amortisieren und seinen Reparationsverpsltch- tungen nachkommen solle. Allgemein gesprochen gebe es nur einen Ausweg aus der Krise, die Organisierung der Märkte.
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Die hi der letzte» Woche abgebr»che»e» Lohnverhandluuge« für die Reichsarbei, ter st»d gestern wieder aufgenommr» worden. De« vorwärts- znfolge habe« sie wiederum zu keinem Ergeb«is geführt. Die Regier««« habe jetzt eine« 10pro, zestige« Lohaabba» verlangt.
Die Organisationen hatte« im «erlauf der Berhaudlu«ge« de, Regierung eine« Gegenvorschlag gemacht, die Arbeit«, zett allgemein aef 48 Stnnde» festznsetze«, wag ohne «eitere« einen Lohnabba» von mindestens 6 Prozent bedeuten «Eiche. Rach längere» Berhand- lange« erklärte« die Re-ier«agsvertreter, ehte» weitere« Vorschlag nicht mache» zu könne«. Di« A«gelege«heit müsse «uv- mehr bas Kabinett beschäftige«.
Und die Arbeitslosigkeit!
Die Reichsanstalt braucht wieder einen Zwischenkredit
Berlin, 24. März. Infolge der ungünstigen Witterung in der ersten Märzhälfte ist, nach dem Bericht der Reichsanstalt, in dieser Periode auf dem Arbeitsmarkt eine gewisse Stagnation eingetreten. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß Anzeichen einer — vorläufig noch schwachen — Belebung der wirtschaftlichen Tätigkeit auu) weiter bemerkbar sind. Am 15. März waren von den bei den Arbeitsämtern eingetragenen Arbeitssuchenden rund 4 980 000 als arbeitslos anzusehen Am 15. März wurden von der Arbeitslosenversicherung rund 2 526 000 gegen rund 2 589 000 Ende Februar Hauptunterstützungsempfänger betreut. Die Belastung der Krisenfürsorge ist erwartungsgemäß weiter gestiegen, und zwar von rund
908 000 Ende Februar aus rund 949 000 Hauptunterstützungsempfänger im März.
Für das Jahr 1931 sind im Reichsetat keine Mittel mehr für die Arbeitslosenversicherung eingestellt. Die Versicherung ist, wie man sich ausdrückt, vom Etat abgehängt. Zu Beginn des neuen Rechnungsjahres am 1. April hat die Anstalt infolge der faisonmüßig gesteigerten Arbeitslosigkeit erheblich mehr Versicherte als im Jahresdurchschnitt, d. h. ihre Ausgaben liegen im April unS" wahrscheinlich auch noch im Mai über der Höhe der Einnahmen. Als Betrag für den Zwischenkredit, dessen die Reichsanstalt bedürfte, kommen etwa 80 Millionen Mark in Betracht.
Weit höher ist bekanntlich die Belastung der Gemeinden durch die Erwerbslosenfürsorge. Das Ausmaß der Verschuldung läßt sich noch nicht annähernd übersehen.
Perttnax zeigt sich im „E ch o de P a r i s hierüber sehr ungehalten. Jetzt, wo man über die Tragweite des deutsch-österreichischen Abkommens unterrichtet sei, müsse sofort eine formelle Protestnote abgesandt werden. Briand hat in seiner Unterredung den enaische» Außenminister von der Notwendigkeit eines dortigen Schrittes zu überzeugen versucht. Henderson wünsche jedoch nicht so leichtfertig zu entscheiden. Er habe dem französischen Außenminister vielmehr zu verstehen gegeben, daß er zunächst einmal den Bericht des englischen Botschafters in Wien abwarten wolle. Am heutigen Mittwoch findet eine neue Unterredung zwischen den beiden Außenministern statt. Das Blatt wundert sich außerdem darüber, daß auf der ersten Zusammenkunft des europäischen Organisationsausschusses kein Wort über bas deutsch-österreich sche Abkommen verloren worden sei.
Der „Petit Parisi en" will noch weiter berichten können, daß man englischer seit wenigstens einmal genau fren Text des Dokuments prüfen w ll. Da die gleiche Ansicht auch in Rom vorherrsche und der französische Gesandte in Prag, Raux nach Paris unterwegs sei, um die französische Regierung über die Auffassung der tschechoslowakischen Regierung zu unterrichten, könne man annehmen, daß noch weitere Tage vergehe» werden, bevor die Mächte, die die österreichische Anleihe garantiert hätten, erneu gemeinsame» Standpunkt einnehmen.
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Zu Sen französischen Pressekommentaren über das deutsch-österreichische Zollabkommen schreit die „Germania": Das Zentrum des Widerstandes liegt wieder einmal in Paris. Der praktische Schritt auf dem Wege zu Paneuropa, der endlich getan werden soll, scheint garnicht im Sinne Briands zu liegen. Es muß als tiefbedauerlich bezeichnet werden, daß es bei diesem Schritt auf dem Wege zur europäischen Befriedigung und Konsolidierung wieder einmal niemand anders als Frankreich ist, das sich der friedlichen Evolution in den Weg stellt und gegen jeden positiven Versuch Sturm läuft, sei am Quai d'Orsay nicht nur erdacht, sondern auch von ihm ausgeführt wird. Es wird Briand nicht leicht werden, selbst mit noch so raffinierten rethorische« Umschreibungen seine eigene Vaterschaft abzuleugnen und er sieht sich der Gefahr gegenüber selbst als Störer des europäischen Wirtschaftsfriedens zu erscheinen, wenn er versuchen wollte, durch eine internationale Aktion in Genf oder durch eine Anrufung des Haager Schiedsgerichtes dem Abkommen entgegen zu treten.
Der „Vörsenkurier" schreibt: Obwohl man in politischen Kreisen Berlins nicht geneigt ist, sich mit Anwürfen dieser Art auseinander zu setzen, glaubt man doch hier einmal festhalte« zu müssen, wie sehr der „Temps" mit zweierlei Maß mißt. Wenn Rumänien und Süd- flavien im Rahmen von Paneuropa Zollabmachungen treffen oder wenn beispielweise in Skandinavien eine Konferenz stattfindet, die im Grunde genommen die gleichen Ziele hat, dann ist nach französischer Äuffaffung natürlich alles in Ordnung Sobald sich aber von deutscher Seite ähnliche Bestrebungen geltend machen, glaubt ein Teil der französischen Prefse in althergebrachter Weise darin eine „Bedrohung" Frankreichs fehen zu müssen.