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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhesse»
Nr. SS 66. (fatal.
Marburg aLlcha
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt nnd Kreis Marburg.
Aufregung über die Zoll-Union
Diplomatischer Schritt in Wien - Verschleierter Protest Frankreichs, Italiens und der Tschechoslowakei
Der Grundgedanke der Union Sturmlauf der Gegner
Berlin, 21. März. (Amtlich.) Zwischen der Reichsregierung und der österreichischen Regierung sind in letzter Zeit Besprechungen über die Frage geführt worden, in welcher Weise Deutschland und Oesterreich zu der Verwirklichung des Gedankens einer europäischen Zusamenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiete beitragen könnten. Diese Besprechungen sind bei dem Besuch des Reichsministers des Auswärtigen Dr. Cur- ti u s in Wien insoweit gefördert wor- dne, datz in den maßgebenden Beratungen, die beiderseits in den Kabinetten in Berlin und Wien stattgefunden haben, die llebereinstimmung über das weitere gemeinsame Vorgehen auf diesen Gebieten festgestellt werden konnte.
Beide Regierungen find fich darüber klar geworden, datz mit den bisher üblichen Methoden der Handelspolitik das erstrebte Ziel nicht zu erreichen ist, sondern datz dafür andere Wege gefunden. werden müssen. Scbon während der Septembertagung in Genf hat der österreichische Vizekanzler Dr. Schober der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, datz die bessere Organisierung der europäischen Wirtschaft mit regionalen Ver- ständigungen beginnen müsse.
Z« Verfolg dieses Gedankens haben die beide« Regierungen fich jetzt entschlossen, t« dieser Richtung einen praktischen Anfang zu machen und aufgrund bestimmter, vereinbarter Richtlinien in Verhandlungen über einen Vertrag zur Angleichung dex zoll- und handelspolitischen Verhältnisse ihrer Länder einzutreten. Dabei find sich die beiden Regierungen darüber einig geworden, datz sie auch mit jedem anderen europäischen Staat« auf desse« Wunsch in Verhandlungen über eine gleichartige Regelung eintreten wollen. Die für de« deutsch-österreichischen Vertrag vereinbarten Richtlinien lassen fich, wie folgt, zusammenfassen:
Deutschland und Oesterreich schließen sich für den Warenverkehr zwischen ihren Ländern und für ihren Warenverkehr mit dritten Staaten zu einer Zollunion zusammen. Diese Zollunion soll nach einem neuen System aufgebaut werden, das von den für Zollunionen sonst üblichen Formen erheblich abweicht. Die Unabhängigkeit beider Länder bleibt unberührt. Sie werden einen überstimmenden Zolltarif und ein überstimmendes Zoll- e einführen, die künftig nur auf
id einer Vereinbarung zwischen ihnen abgeändert werden können. Im Warenverkehr zwischen de« beiden Ländern sollen keine Einfuhr- und Ausfuhrzölle erhoben werden; jedoch werden sich die beiden Regierungen darüber verständigen, für welche einzelne Waren sich einstweilen noch Zwischenzölle als erforderlich erweisen. Die Zollverwaltung jedes der beiden Länder bleibt völlig selbständig. Die von ihnen vereinnahmten Zölle werden nach einem noch festzusetzenden Veiteilungs- schlüssel verrechnet. Jede der beiden Re- tzierungen soll das Recht behalten, für fich mit dritten Staaten Handelsverträge ab- zufchlietzen, doch mutz hierbei Rückficht darauf genommen werden, datz diese Verträge nicht im Widerspruch mit dem ab- zuschlietzenden deutsch-österreichischen Vertrage stehen. Auch soll bei solchen Verhandlungen mit dritten Staaten möglichst
Seinsam vorgegangen werden. Zum
:cke der reibungslosen Durchführung des Vertrages soll ein paritätisch zusammengesetzter Schiedsausschutz gebildet werden, der die Aufgabe hat, strittige Auslegefragen zu entscheiden und auch sonstige bei der Durchführung des Vertrages etwa entstehende Meinungsv erschi ed enheiten zwischen den beiden Teilen zu bereinigen. Der Vertrag soll während der Dauer der ersten drei Jahre unkündbar sein, von da ab aber von jedem Teil unter Zustimmung seiner gesetzgebenden Körperschaften mit einjähriger Frist gekündigt werden können.
W i e «, 22. März. $te Wiener amtliche Nachrichtenstelle teilt mit: Am 21. März erschiene« im Laufe des Tages die diplomatische« Vertrete, Frankreichs, der Tschechoslowakei und Italiens beim Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten, Vizekanzler Dr. Schober, mit der Mitteilung, datz die t« den Zeitungen vom 17. März d I. veröffentlichte Nachricht über den A b f ch l« tz einer Zollunion zwischen Oesterreich und Deutschland ihre Regierungen veranlaßt
Dr. Curtius klärt auf
Ein erster praktischer Schritt
Der „Matin" veröffentlicht eine Erklärung des Reichsaußenministers Dr. Curtius zu der östereichifch-deutfchen Einigung in der Zoll- und Wirtschaftsfrage. Dr. Curtius erinnert daran, wie der holländische Delegierte, der ehemalige Ministerpräsident Colijn, in einem Bericht an den Völkerbund von den verschiedenen Mißglückten Versuchen gesprochen habe, die seit 1927 unternommen worden seien, um die europäische Wirtschaftseinigung herbeizuführen. Der Reichsaußenminister hebt besonders die Enttäuschungen der letzten Jahre hervor, die Deutschland zu der Erkenntnis zwangen, daß man sich auf einen weniger weitgehenden Rahmen beschränken müsse, da es nicht möglich sei, sich durch ein Kollektivabkommen so vieler verschiedenartiger Länder gerade in einer Periode ernster Wirtschaftskrisen, wie der heutigen, zu vereinigen. Schober als österreichischer Kanzler habe bei der letzten Versammlung des Völkerbundes im September 1930 den weitgehenden von Briand ausgearbeiteten Plan einer europäischen Union besprochen und erklärt, daß er aus zwei verschiedene Arten durchgeführt werden könne: der Versuch, alle oder nahezu alle Länder Europas zu einer einheitlichen Aktion zusammen zu schließen, habe erst nach langen und schwierigen Bemühungen gelingen können, weil die in den verschiedenen Ländern Europas bestehenden politischen und wirtschaftlichen Bedingungen allzusehr voneinander abwichen. Dagegen würden Bemühungen einzelner Staaten oder Staatengruppen, deren Interesse be- sondes offenkundig und besonders eng miteinander verbunden wären, auf handelspolitischem Gebiet praktischer sein und Ergebnisse zeitigen können.
Diese Vorgangsweise sei von Schober als die Methode der Organisation und der Synthese hingestellt worden, die mehr denn je Aussicht auf baldigen Erfolg haben könnte. Das Ziel das alle verfolgten, nämlich die Einigung aller Länder Europas, werde leichter erreicht werden, wenn man regionale Abkommen abschließe und Jnteressen-Sphären schaffe, die sich leichter in die allgemeine paneuropäischen Organisation einfügen ließen. Deutschland und Oesterreich hätten sich verpflichtet, diesen Weg als eine erste praktische Handlung zu beschreiten. Sie hätten ein Abkommen geschlossen, wonach sie beide unverzüglich Verhandlungen zum Abschluß eines Vertrages aufnähmen, der ihre
Stellung in zoll- und handelspolitischer Hinsicht miteinander in Einklang bringen soll. Die Verhandlungen würden die gemeinsam von den beiden Regierungen zugelassenen Richtlinien zur Grundlage haben, die von den Grundsätzen beherrscht seien, die restlose wirtschaftliche Unabhängigkeit beider Länder unbedingt zu achten. Man könne infolgedessen dieses Abkommen vergleichen, die in den gleichen Gedankenkreis gehörten. Gewisse Abkommen nicht mit gewissen früheren Zoll-Unionen schließen z. B. die wirtschaftliche Anpassung des einzelnen Landes an das andere in sich, während im vorliegenden Falle Oesterreich und Deutschland ihre volle Unabhängigkeit bewahrten. Beide Länder hätten die gleichen Rechte. Vom Standpunkt der Arbeiten des Europaausschusses sei besonders bedeutsam, datz die beiden Regierungen geneigt seien, ihre Aktion auf eine breitere Basis zu stellen und mit anderen Ländern über ein ähnliches Abkommen zu verhandeln. Dadurch wurde die deut sche und die österreichische Regierung — und er, Curtius, wünsche das besonders lebhaft — zu einer Verwirklichung der Grundidee der Vereinigten Staaten von Europa beitragen, die nicht nur die wirtschaftliche Verständigung, sondern auch die Konsolidierung des Friedens in Europa und in der Wett zum Ziel hätten.
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Schottland-Expretz entgleist
Acht Tote.
Londo«, 22. März. Dex Schott- landexpretz entgleiste heute i« der Nähe vo« Leighton Buzzard. Ma« nimmt an, datz acht Tote zu beklageu sind, unter ihnen der Lokomotivführer und der Heizer. Zwölf Wage« sprangen ans de« Schiene«.
Bei dem Einsenbahnunglück wurden, einer heute abend ausgegebenen amtlichen Mitteilung zufolge, sechs Personen, von denen zwei noch nicht identifiziert find, getötet und drei Passagiere schwer, sowie eine Anzahl anderer leicht verletzt. Eine Untersuchung der Ursache des Unglücks ist im Gange. Der Royal Scott ist einer der schnellsten Züge der Welt. Vor einem Monat erzielte er auf der'Strecke von Euston—Carlisle eine Geschwindigkeit von 144 Kilometer in der Stunde.
hat, der österreichische« »n«desregienmg znr Kenntnis zu bringen, datz der Ab» schlutz einer solchen Zollunio« gegen das Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1922 verstotze« würde. Die genas«« te« diplomatische« Vertreter wurde« vom Vizekanzler entsprechend aufgeklärt.
Aufregung in Paris
Sämtliche Pariser Blätter widmen dem deutsch-österreichischen Abkommen ausführliche Artikel, in denen sie immer wieder versuchen, den Beweis zu erbringen, daß das Abkommen im Widerspruch sowohl zum Vertrag von St. Germain, wie auch zu demjenigen vom Oktober 1922 stehe. Den Reigen der leidenschaftlichen Gegner Deutschlands führt Pertinax im „Echo de Paris" an, der betont, da man vor eine vollendete Tatsache gestellt worden sei, bleibe weiter nichts anderes übrig, als eine formelle Protestnote vorzubereiten, zu der Prag und Rom bereits ihre Zustimmung gegeben hätten, lleber die Haltung Englands werde man am Dienstag näheres erfahren, wenn der britische Außenminister in Paris eingetroffen sei. Das „Journal^ fragt, ob die ehemaligen alliierten Mächte darauf bestehen würden, daß Oesterreich das Abkommen wieder rückgängig mache und ob fie im Falle eines Mißerfolges die Angelegenheit vor den Völkerbund bringen würden. Ironisch bemerkt das Blatt außerdem, datz Curttus die schönste Gelegenheit an sich habe vorübergehen lassen, nach Paris zu kommen, um hier die Vorteile einer Kombinatton zu erläutern, die nach seinen Worten ein Beweis der internationalen Solidarität sei und die Verwirklichung einer regionalen Vereinigung in Erwartung der großen europäischen Union darstelle. Man könne wohl kaum annehmen, datz die Bescheidenheit des Reichsautzenministers ihn daran gehindert habe, die Glückwünsche der in Paris versammelten Mächte entgegenzunehmen. Der „Petit P a r i s i e n'" drückt die Hoffnung aus, daß man sich in Berttn und Wien eine gerechtere Auffassung der internattonalen Verpflichtungen angewöhne und zwar noch bevor das Abkommen, das vorläufig nur in einem Briefwechsel zwischen den beiden Regierungen bestehe, ein endgültiger diplomatischer Akt geworden sei. Das „Oeuvre" gibt der Befürchtung Ausdruck, daß Oesterreich von Deutschland verschluckt werden könne, weil die wirtschaftlichen Kräfte der beiden Länder viel zu verschieden seien. Die radikalsozialistische „R e p u b l i q u e" fordert die französische Oeffenlichkeit zur Ruhe aus und erklätt, datz das Ergebnis nicht tragisch, aber auch nicht beruhigend sei.
Wechsel des deutsche« evangelische« Pfarrers m Rom.
Rom, 21. März. Hier traf der künftige deutsche evangelische Pfarrer der Gemeinde Rom, der ehemalige Studiendirettor am Stettiner Predigerseminar. Walker, ein. Pastor von Kaltenborn- Stachau wird am Sonntag seine Abschiedspredigt hallen und bei dieser Gelegenheit seine Konfirmanden einsegnen. Pastor von Kallenborn-Stachau verläßt bereits am Montag Rom, nachdem er etwas über drei Jahre seines Amtes hier gewaltet hat. Er löste im Januar 1928 Pastor Schubert ab, der nach 22jähriger Tätigkeit in Rom an die Zwölf-Apostel» Kirche nach Berlin versetzt wurde.