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Montag, drn s. März ISA

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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen

Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Stegerrvald in Münster

Hugenberg in Lemgo

Der Kampf der Parteien

Sonntagsreden der Führer Erklärungen zu den Tagesfragen: Landwirtschaftsnot, Arbeitslosigkeit und Finanzsanierung

Lemgo, 8. März. Auf dem Parteitag des Landesverbandes Lippe der D. N. V. P. in Lemgo hielt Dr. Hugenberg am Sonntag eine Rede, in der er u .a. ausführte: Reichskanzler Brüning hat auf seiner Ost­reise davon gesprochen, dafe man dem deut­schen Volke den Sinn für Wahrheit wieder beibringen müsse. Mein Wahlkreis weife, dafe ich all diese Zahre hindurch nach der Forderung des Reichskanzlers gehandelt habe. Mit dem Reichskanzler halte ich die Zeit für gekommen, sich mit diesem Thema etwas eingehender zu befassen. Ich hoffe, dafe auch diejenigen, die bisher mit dem Marxis­mus gegangen sind, das Wort des Reichs­kanzlers zur lebendigen Tatsache werden lassen.

Gehört es heute zu dem zulässigen Inventar der Politik einer amtierenden Regierung, dafe am 17. Juni 1929 in den Amtlichen Mit­teilungen des W.T.B. folgendes Dementi er­scheinen konnte:Der Montag" behanptet in seiner heutigen Ausgabe, dafe die Reichsregie­rung auf die deutschen Sachverständigen einen Druck ausgeübt habe und diese zur Unter­zeichnung des Poungplanes veranlafet habe. Amtlich wird hierzu festgestellt, dafe die deut­schen Sachverständigen ihre Entscheidung in völliger Unabhängigkeit getroffen haben, wie sie selbst mehrfach betonten", wäh­rend der jetzt vom Reichsbankpräfidenteu a. D. Schacht veröffentlichte Brief des Reichskanz­lers Müller vom 3. Mai 1929 das gerade Gegenteil urkundlich erweist?

Läfet es sich nach heutigen Begriffen ent­schuldigen, daß der Minister Schiele mir durch einen Abgeordneten, der die Sachlage nicht voll übersehen konnte, am 17. Juli 1930 vor der Abstimmung über die Notverord­nungen des Kabinetts Brüning ankündigen liefe, dafe, wenn die Deutschnationalen nicht den Aufhebungsantrag zu Falle bringen wür­den, der Reichspräsident zurücktre­ten werde? Es hat sich dabei um ein un- veran.wor.kkches Äeeinf lufeungs Manöver ge.-andelt. Durfte er ferner sagen, dafe die damaligen landwirtschaftlichen Gesetze nicht mit Hilfe des Artikels 48 in Kraft gesetzt werden könnten, während in Wirklichkeit eine Woche später der Artikel 48 auch auf die Landwirlschaftsgesetze angewendet wurde?

Darf derHannoversche Kurier", fidj ohne alsbaldige Berichtigung auf Aus­künfte vonzuständiger Stelle" berufen, wenn « die der Wahrheit ins Gesicht schlagende Behauptung aufstellt, dafe die Regierung Brüning (oder auch irgendeine andere ver- antwottliche Stelle)in Auswertung der Wahl den Versuch gemacht habe, die Grund­lage der Regierung nach rechts zu erweitern", dafe aber die Versuche, die Deutschnationalen an der Regierung zu beteiligen, an ihren übertriebenen Forderungen gescheitert seien?

Entspricht es den heutigen Begriffen politi­schen Anstandes, wenn nunmehr

1. der Wille des Kabinetts, den polnischen Handelsvertrag in Kraft zu setzen, dadurch verhüllt wird, dafe ein angeblich zum Besten der Landwirtschaft bestimmtes Gesetz (Zoll- ermächtigungsgesetz) so gefafet wird, dafe da- Mit die vorläufige Inkraftsetzung des polni- £>en Handelsvertrages ohne besondere Be­ttagung des Reichstages möglich wird?

2. ungefähr gleichzeitig mit dem Zoll- Ermächtigungsgesetz die Genfer Konven­tion dem Reichstage zur Genehmigung vor- Velegt wird, deren ausgesprochener Zweck die Verhinderung von Zollerhöhun- 8 e n ist?

3. ein Gesetz, wie das angeblich der Land- viNschaft dienende Zollermächtigungsgesetz so Zefatzt wird, dafe eine landwirtschaftsfeindliche Regierung mit ihm jeden landwirt- kch a ftlichen Zollkchutz nieder- Eeifeen kann?

4. der falsche Eindruck zu erwecken ver­sucht wird, als wenn dies Gesetz in Verbin­dung mit dem vom Osten als ungenügend be­zeichneten neuen Osthilfegesetze die vom Reichspräsidenten gegebene und bisher vom Kabinett nicht eingelöste Zusage der Rettung der Landwirtschaft erfüllen werde?

Darauf sprach Rcichstagsabgeordneter Sch m i d t - Hannover, der etwa folgendes ausfühtte:

Der Angriff der nationalen Opposition geht vlanmäfig vorwärts. Allen berechtigten wirtschaftlichen Sonderwünschen wird durch einen folgerichtig durchgeführten Widerstand gegen das heutige Verelendungssystem besser gedient, als durch parlamentarische Hilfsstel­lung für das Weiterwursteln der Brüning- mehrheit. Die Zeit für Wandelballen-Jn- trigen und Abstimmungsmätzchen ist vorbei. Es geht heute um Gröfeeres, als um kümmer­liche Reaierungssessel. Das Gesetz des Han­delns bleibt in unserer Hand.

ft Belgrad, 9. März. Jugosla­wien wurde am Sonntag i« aller Frühe von einem schweren Erdbeben heimgesucht. An Toten sind bisher 20 Personen gemel­det. Schwer veletzt umrden etwa 30 Per­sonen, leicht ungefähr 70. Das Pivava in der Nähe von Eewgheli wurde voll­kommen zerstört. Der Herd des Bebens liegt nach den Feststellungen de« hiesigen Seismographen-Zastttuts in Griechen­land zwischen Drama und Chamala. Es wurde zunächst an Ort nnd Stelle, dann in Bulgarien nnd Griechisch-Mazedonien verspürt. Der Stotz war so stark, datz ins­besondere in dem Gebiet zwischen Strn- mija nnd Eewgheli nnd Sttp mehrere Städte nnd Dörfer autzerordentlich stark verwüstet wurden. Eeradezn katastrophal waren die Auswirkungen südlich von Ues- küp, wo in dem Dorfe Ptrava sämtliche Häuser eiuMrzteu. Auch die Stadt Ba- laudove wurde völlig zerstört

Ein genaues Bild über bas Ausmag der Zerstörung ist zur Zeit noch nicht mög­lich, da sämtliche Telephon- und Telegra­phenleitungen in dem vom Beben betrof­fenen Gebiet völlig zerstört sind. In maß­gebenden Kreisen rechnet man aber damit, datz sich die Zahl der Toten und Verletz­ten noch bedeutend erhöhen wird.

In der Nähe von Walandowa ist eine ganze Stadt durch die Erdstötze dem Boden gleichgemacht worden. 19 Personen kamen hier ums Leben, 22 wurden verletzt. Die Eisenbahnbrücke über die Wardar und die Telegraphen- und Telephonlinien sind zer­stört. König Alexander ist in das Erd­bebengebiet abgereift

Einer Meldung der Telegraphen-llnion von heute früh besagt, datz 150 Men­schen getötet, mehrere Hundert ver­letzt und 1000 Häuser eingestürzt seien.

Zu dem Erdbeben in Südserbien wird gemeldet, die im Ausland verbreiteten Gerüchte von 300 Toten werden in Belgrad entschieden dementiert. Um 24 Uhr lagen sowohl bei der halbamtlichen Agentur

Munster, 8. März. Die christliche Ar­beiterbewegung veranstaltete heute nachmittag im grofeen Saale des Schützenhofes eine Kund­gebung, zu der etwa 4000 Delegierte aus allen Teilen der Provinz Westfalen, vornehmlich aus dem Münsterlande und aus Minden-Ra- vensberg erschienen waren. Als erster Redner betonte Gauleiter Hecke vom Christlichen Textilarbeiterverband, dafe die Arbeiterschaft von der grofeen Rot, die heute allenthalben herrsche, in erster Linie betroffen werde. Auch in der Belastung der Arbeiterschaft gebe es eine Grenze, die nicht überschritten werden dürfe. Der bisher durchgeführte Abbau der Akkord- und Tariflöhne habe das zuläffige Mafe bereits überschritten. Die Arbeiterschaft erwarte von der Regierung, dafe sie die An­griffe auf die durch Lohnabbau und Kurz­arbeit schon viel zu weit herabgedrückten Löhne der Arbeiter energisch abwehre.

Avala als auch bei den Zeitungsredaktio- - neu keine Berichte vor, die auch nur an­nähernd auf eine so grotze Zahl von To­desopfern schließen lassen. Man ist zwar daraus gefafet, datz sich die zuletzt ge­nannte Zahl von 90 Toten be­trächtlich erhöhen wird, bezeichnet aber die im Ausland verbreiteten Nach­richten als phantastisch. Wie aus Eewgheli gemeldet wird, haben sich im Laufe des Sonntags die Erdstötze wiederholt. Da jedoch die Bevölkerung im Freien lagert, entstand nur weiterer Materialschaden. Die Zahl der Obdachlosen in Südserbien beträgt 3000.

Schweres Erdbeben in Bulgarien.

Sofia, 8. März. In Soifa, Radomir, Köstendil, (Sorna, Petritsch und anderen Orten im Westen des Landes wurde in der vergangenen Nacht wiederum ein Erdbe­ben verspürt, das bedeutend heftiger war als das gestrige. Am schwersten ist das Dorf Lesky tn der Gegend von Nevro- kop getroffen, wo mehrere Häuser völlig zerstört, zwei Personen getötet und zwei weitere verletzt wurden. In anderen Ort­schaften flüchtete die Bevölkerung, von einer Panik ergriffen, ins Freie, und wagt es aus Furcht vor weiteren Erdstö­ßen nicht, in ihre Häuser zurückzukehren.

Gefecht mit Beduinen an der trans- jordanischen Grenze,

ft. London, 9. März.News Chronicle" meldet aus Jerusalem: Eine Abteilung Beduinen unternahm einen Angriff auf eine Erenzschutzabtei- lung von Transjordanien. In dreistündi­gem Kampfe wurden 11 Beduinen und 6 Soldaten getötet. Außerdem gab es auf beiden Seiten Verwundete. Die Erenz- schutztruppen bestehen aus arabischen Sol­daten unter Führung von britischen Offi­zieren.

Frellassuug von politischen (gefangenen in Indien.

ft. London, Im Anschluß an das Ab- tommen zwischen Gandhi und dem Vize­könig von Indien sind bisher fast 5000 politische Gefangene freige­lassen worden.

Nachdem sodann Oberpräsident Eronow- s k i dem Reichsarbeitsminister Dr. Steger­wald einen herzlichen Willkommensgrutz entboten hatte, nahm der Minister selbst das Wort. Erste Voraussetzung für die Milderung der deutschen Wirtschaftskrise ist, so führte der Minister u. a. aus, das, verwirtschaftete Ver trauen wieder zurückzugewinnen. Wir sind immer von einem Extrem ins andere getau­melt. Beim Ruhreinbruch und bei der darauf folgenden Hochinflation herrschte große Re­signation. Don 1924 bis 1929 haben wir vor lauter Halleluja vergesien, dafe wir den aröfe- ten aller Kriege verloren haben. Unsere Wirt- schäft besinder sich weitgehend in einem Zu­stand der lleberorganisation und der Desorganisation. Vielfach sind es die gleichen Kreise, die unwirtschaftliche Preisbindungen und hohe Zölle für ganz in der Ordnung hal­ten, die aber gleichzeitig wünschen, dafe man bei fünf Millionen Arbeitslosen die mensch­liche Arbeitsftaft dem freien Spiel der Kräfte überantworte. Die Landwirtschaft verkauft jährlich Güter im Werte von rund 10 Milli­arden Reichsmark- ober 100 Proz. mehr. Auch über die Lohnftage. herrscht heute die größte Verstimmung. Man redet heute vielfach über Reallohn, ohne zu durchdenken, dafe bei fünf Millionen Arbeitslosen individueller Real­lohn und korporativer Reallohn, d. h. der Lohn, der an die Arbeitnehmer 'm ganzen be­zahlt wird, nicht ein und derselbe ist. Auch kommt es nicht auf den Stundenlvhn als viel­mehr darauf an, was die Arbeiter und Ange­stellten an Monats, bezw. Iahreslohn erhal­ten. In dieses Chaos suchte das Sanierungs­programm der Reichsregierung allmählich Ordnung hineinzubringen. Erstens müssen die Etats des Reiches, der Länder und Gemeinden unter allen Umständen in Ordnung gebracht werden. Das ist im Augenblick nicht mehr möglich durch eine Erhöhung der Einnahmen. Mithin mufe es durch Ausgabenkür­zung geschehen. Die zweite Erwägung wat: Die deutsche Ausfuhr mufe konsolidiert werden, K kommen wir in eine immer gröfeete Ver­eng gegenüber dem Ausland.

ifete dritte Erwägung war: Mr müssen über die überspitzte Leihkapital- Periode hinweg. Früher haben die Be» triebe die Ausgaben für Investierungen meist aus langfristigen Anleihen zu einem erträg­lichen Zinsfuß bekommen, während die er- arbeiteten Gewinne als Betriebskapital be­nutzt worben sind. Heute ist es vielfach um­gekehrt.

Geld ist an sich in Deutschland da. Was fehlt, ist Kapital, ist Geld für lang­fristig« Anleihen zu einem erträglichen Zinsfutz.

Die Gewerkschaften müssen sich darüber klar werden, dafe wir noch vor einer Reihe sehr schwerer Iahte stehen. Staat und Wirtschaft eines 60-Millionen-Volkes lassen sich nicht auf Kommando in Ordnung bringen. Es ist Illusion, daran zu glauben, dafe in Deutsch­land in kurzer Zeit anstelle des privat­kapitalistisches Wirtschaftssystems ein anderes Wirtschaftssystem gesetzt werden könne. Dann hat es aber auch keinen Zweck, dafe sich Ar- beitgeber und Arbeiter ständig als zwei feind­liche Heerlager gegenüberstehen. Bei einem Rückblick auf die letzten zehn Jahre müssen wir feststellen, dafe die Menschen, die in der P. -SM,ftion stehen, mit am schlechtesten weg­gekommen sind. Je schwerer die Arbeit, desto hättet die Arbeitsbedingungen, desto kärg­licher der Lohn. 3m letzten Jahrzehnt ist die produktive Arbeit von dem Verwaltungs­apparat der öffentlichen Hand und dem Vetteilungsapparat der Privatwirtschaft im­mer mehr in die Ecke gedrängt worden. Hier liegen ungeheure Eemeinschaftsaufgaben der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Wir werden bestimmt auch die jetzigen Schwierig- keiten üoerwinden. Wir müssen insbesondere in dem Kttsenjahr 1931 alle Kräfte straffen ufib zusammenfassen. Mit Wahrheit, Klar­heit und sittlichem Ernst werden und müsien wieder die Grundlagen geschaffen werden für die Gesundung von Volk und Staat.

Erdbeben in Südslawien

Zahlreiche Todesopfer