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Oberhessifche Zeitung. Marburg a. L. Sonnabend, den 7. März 1931

Nr. 56

Aus der Umgegend

/ -reis Marburg

. SBTFTer, 6. März. Das von dem hie­sigen Stadtrechner wegen der Angriffe in der „Hessischen Volksmacht" gegen sich selbst be­antragte Ermittelungsverfahren ist von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden, da eine strafbare Handlung nicht vorliegt.

Heskem, 6. März. Von der Land- wirtschaftskammer in Wiesbaden erhielten R. Peil und H. Ludwig für hervorragende Leistungen ihrer weihen Italiener auf der großen Frankfurter Geflügel-Schau, welche vom 7.-9. November 1930 stattfand, die silberne und bronzene Staatsmedaille aus­gehändigt.

Kreis Kirckbain

•o« Anzefahr, 6. März. Als im Spät­herbst vergangenen Jahres das letzte Stück einer guten Fernverbindung nach Frankfurt und. Rheinland, die Straße Kirchhain — Detk'sdorf, neu aufgeschottert wurde, war die Freude hierüber allgemein. Ist doch durch Fertigstellung dieser an sich in sehr schlechtem Zustand befindlichen Straße eine wichtige Ausfallrate nach Süddeutschland und Rheir- land-Westfälen fertig geworden. Leider aber muß man feststellen, daß die durchgeführten, srcher wohl . kostspieligen Unterhaltungs­arbeiten, umsonst gewesen sind, wenn nicht sofort zu Beginn der wärmeren Jahreszeit die Straße eine haltbare Teerdecke bekommt. Ueberall schon haben sich neue Löcher gebildet die wohl hier und da ausgebessert werden, aber nach einigen Tagen bei dem immer noch starken Autoverkehr wieder ausgeworfen werden. Es wäre dringend zu raten, die Teerung der Straße so rasch als möglich durchzuführen, damit die Kosten, welche im Herbst für die Herstellung der Straße ver­ausgabt wurden, nicht umsonst angewandt worden sind.

Kreis Fmnkenberq

Landpostverkraftimg.

Frankenberg^ 6. März. Die Land- postvcrkraftung in unserem Kreise soll ab 1. April erweitert werden. Seit dem 1. August sind es fünf Poststellen und zwar in Röd­denau. Haine, Wicsenfeld, Birkenbringhausen und Schreufa, die durch die Eisenbahn bezw. Kraftpost versorgt werden. Vom Beginn des nächsten Monats werden zwei weitere große Landpost-Kraftlinien einoerichtet, die folgende Poststellen berühren: Linie A: Von Frankenberg über Rodenbach, Hommershau­sen. Wangershausen, Rengershausen, Neu­kirchen, Münden, Fürstenberg, Buchenberg, Niede'-orke, Ederbringhausen und Viermünden nach hier zurück. Linie D. besorgt hingegen Bottendorf, Willersdorf, Oberholzbausen, Lchnhausen. (über Gemünden) nach Grusen, Sehlen, Bockendorf, Halgehausen, Mohn­hausen, Friedri chshausen. Dörnbolchauien, Haubern, Dainrode, Aliendorf, Ellershausen, Luisendorf und Geismar. Beide Linien fah­ren werktäglich zweimal, Sonntags einmal. Die Abfahrtzeiten sind täglich (auch Sonn­tags!) 8.30 und 14 Uhr (nicht Sonntags). Die Kraftpostwaqen sind viersitzige, starke „Lkp-Wagen", die auch in den gegebenen 1 Gre' e' die Pers n" b f'rderungübe nehn en. Es wird darauf hingewiesen, daß künftig die I

Briefsendungen nach diesen Poststellen mit der Ferngebührentare freizumachen sind (also für Briefe 15 Pfg., auch wo im Ortsbestell- bezirk bisher 8 Pfg. genügten). Die Post- agentur Viermünden wird am 1. April in eine Poststelle umgewandelt.

Kreis Stebenkvoi

Erhaltung der landwirtschaftlichen Schul«.

Gladenbach, 6. März. Auf Anregung der Gemeindevertretung fand in der Gast­wirtschaft Elmsheuser nochmals eine Be­sprechung mit den Vertretern der einzelnen Gemeinden über die Beteiligung an den laufenden Unterhaltungskosten der land­wirtschaftlichen Schule statt. Dem Schulbezirk gehören 28 Gemeinden an. Die Schule wurde provisottsch 'am 1. November 1927 in den Räumen der Krieb Aschen Fabrik eingerichtet. Die Kosten der Einrichtung be­trugen 5000 Mark, an denen sich einige Ge­meinden mit etwa 2000 Mark beteiligten. Die laufenden Unterhaltungskosten belaufen sich aus 2000 Mark, die die Gemeinde Gladenbach sozusagen bisher allein getragen hat. sie hat bisher insgesamt annähernd 10 000 Mark aufgebracht. Anschließend wurde festgestellt, daß die Gemeinde Gladenbach die laufenden Unterhaltungskosten für die landwirtschaft­liche Schule für die Dauer nicht mehr allein tragen kann und deshalb auf die Mithilfe der interessierten Gemeinden angewiesen ist. Nach­dem Landwireschaftsrat Janicaud auf 'die Bedeutung der Schule, besonders aber der Beratungsstelle' für die Landwirtschaft auf­merksam gemacht hatte, traten affe Anwesen­den für die Erhaltung der Schule ein. Einstimmig wurde beschlossen, ab 1. April 1931 einen jährlichen Beitrag in den Etat ein­zusetzen. Aus der Milte der Versammlung wurde die Anregung gegeben, der Gründung eines freiwilligen Zweckverbandes näherzu­treten.

Vrerdenstein, 6. März. Das vor einiger Zeit niedsrgebrannte Backhaus hat einem stattlichen Neubau Platz machen müssen.

Auf in den Kampf, Torero!

Eine lustige Begebenheit, die viel belacht wurde, ereignete sich dieser Tage in Caldern. Als man dort einen Stier, den ein Handelsmann angekauft hatte, zum Hofe hinaus abführen wollte, riß er sich los, tobte wild auf dem Hofe herum und ging auf die dort befindlichen Bewohner los. Den Be­sitzer des Hofes stieß er mit solcher Wucht gegen das Hoftor, daß dieses aufflog. Mit großen Sprüngen rannte nun der Stier auf eine nahe gelegene Wiese und erfreute sich feirter goldenen Freiheit. Mehrere beherzte Männer, die es wagten, ihm diese Freiheit zu rauben, mußten sich vor dem mit gesenkten Hörnern anrennenden Stier schleunigst auf nahestehende Bäume in Sicherheit bringen. Lange Zeit dauerte es, bis die Männer ihren in jetziger Jahreszeit wohl etwas kühlen Sitz verlassen konnten, denn unter den Bäumen erwartete sie der wütend schnaubende Stier, der seine Widersacher nicht aus den Augen ließ und auch allen sonstigen Lockungen wider­stand. Endlich nahte die Erlösung in Gestalt einer — Kuh, welche an der Weide vorbei-

Derselbe enthält in seinem unteren Stock Back- haus und Spritzenhaus, darüber befinden sich der Sitzungssaal und das Amtszimmer des Bürgermeistres. An der Vorderfront be­findet sich ein Steighaus zu Hebungen für die Feuerwehr. An demselben ist für später eine Ühr vorgesehen, die für unsere Stadt ein dringendes Bedürfnis ist. Zwar wäre es rm Interesse des Verkehrs gut gewesen, wenn das Gebäude an einer anderen Stelle er­richtet worden wäre, doch stand sonst kein ge­eigneter Platz zur Verfügung, sodaß es wieder an derselben Stelle errichtet werden mußte. Trctzdem wird dasselbe nach Vollendung eine Zierde unseres Ortes bilden.

Aus dem StllkrelS

Dillenburg, 6. März. Dieser Tage haben Vertteter des Reichswirtschafts-Mi- nisteriums, darunter der Referent für die Fragen des Bergbaues, dem Bergbaugebiet an Sieg. Lahn und Dill einen Besuch ab ge­stattet, um sich über die Sage persönlich zu informieren. 3n einer Besprechung mit Ver- tretern des Hessen-Nassauischen Hüttenvereins wurde von diesen auf die unterschiedlichen Be­lange des Bergbaues im Dillrevier und im benachbarten Siegerland hingewiesen, deren man sich in Berlin bisher nicht bewußt war. Jrn übrigen war man sich einig in der Auf- fässung, daß Subventionen an sich nicht das Erstrebenswette seien, daß sie vielmehr ruhig in Fortfall kommen könnten, wenn für aus­reichenden Absatz in der Weise Sorge ge­tragen werde, daß die Eisenhütten dazu be­wogen werden könnten, mehr inländische Erze zu verHütten.

Dillenburg, 5. März. Nach etwa zwei­jähriger Tätigkeit als Leiter der Staatlichen Berginspektion Dillenburg (Preußag) ist Ober­bergrat Wolff mit Wirkung vom 1. 4. 31 in gleichem Rang an die Berginspektion Claus­thal versetzt worden. An seine Stelle tritt Bergrat Rubach von Clausthal. — Ober­bahnhofsinspektor Wahl ist ab 1. 4. 31 als Reichsbahnamtmann nach Bebra versetzt.

kam. Jetzt vergaß der Stier schnell seine Kampfgedanken, trottete sorglos hinter der Kuh her in deren Stall und mußte dort seine Freiheit aufgeben, indem man ihn mit Schlingen fesselte. w.

Ätefluneen ms dem WerkrM

Erwiderung zum Eingesandt über die Stadtverordnetensitzung.

Der Verfasser des letzten Eingesandts kann unmöglich Zuhörer der äußerst lebhaften Stadtverardnetensitzung gewesen fein. Eine persönliche Verunglimpfung „verdienter Män­ner" habe ich mir nicht erlaubt. Ich behalte mir das Recht vor, als Vertreter meiner Be­rufsgruppe gegen Unstimmigkeiten in öffent­licher Stadtvervrdnetensitzung jederzeit Kritik zu üben. Es handelt sich hier nicht um die künstleri schen Leistungen der Festspiele, die nicht nur ich, sondern auch andere Stadtverordnete beanstanden mußten. Ich habe lediglich die Rechnungsführung und die zu großzügigen Ausgaben beanstandet und dies tue ich auch fernerhin. Wenn der Ein­

sender Heidelberg, Gießen, Coburg usw. als Beispiel angibt, so soll sich derselbe die Etats dieser Städte mit dem Zwangsstaatskommis­sar ansehen, wird sind hier mit 25 000 Em- wohnern nicht solche Groß'ügigkeit gewöhnt, sondern müsse die Kirche im Dorf lassen.

Stadtverordneter Silbemann.

Verkehrsfragen aus Weidenhausen.

Das, was in Nr. 52 über die Weiden- Häuser Straße gesagt wurde, hat seine volle Berechtigung. Schon jahrelang ist man da­bei, den Verkehr von Weidenbausen abzu­lenken. Kaurn stehen am Crtenberg drei Häuser, schon wird versucht, die Georg-Doigt- Straße durchzuführen. Will man etwa da­mit das Passieren der „schmußigen" Weiden- Häuser Straße vermeiden? Und bann ver­langt man von den Weidenhäuser Einwoh­nern, daß sie den Dammweg, der doch als der schönste Promenadenweg Marburgs anzusehen ist, und der in der 3nflattonszett mit Inflationsgeld erbaut wurde, mit 30 000 Goldmark bezahlen sollen? Biegenweg und Bückingweg am jenseitigen Ufer der Lahn sind damals von der Allgemeinheit be­zahlt worden. Also zum Bezahlen sind die Weidenhäuser Bürger gut genug. Die Tu- berkulose - Heilstätte auf dem Schröcker Gleichen soll vorausstchtlich im Herbst d. 3s. fettiggestellt sein. Da muß man sich wirklich fragen, wie die Besucher dott hinkommen sollen. Der nächste Weg führt die Besucher durch Weidenbausen und den Kaffweg. Aber auch hier sieht es wüst aus. Am Kaffweg sind die Akazienstümpfe, die auf der linken Straßenseite stehen und anstatt der Straße die anliegenden Gär­ten beschatten, zu entfernen; statt bellen ist ein Fußweg anzulegen bis zum Weg, der nach Hansenhaus links führt. Der Weg nach Hansenhaus links und weiter zur Heil­stätte ist bet regnerischem Wetter ebenfalls kaum zu begehen. Es müßte hier unbedingt etwas geschehen, damit der Verkehr zur Lun- genheil statte und zu den schönen Waldwegen, zu den Hansenhäusern usw. nicht behindert wird. M. A.

Verlag Dr. C. Hitzrrottz.

Hauptschriftletter und verantwortlich für den politischen Teil: Dr. Ernst Scheller; für Kommunalpolitik und Feuilleton: Lolh. Schneider; für den lokalen u. provinziellen Teil: Wilh. Wißner, sämtlich in Marburg.

(Nachdruck verboten )

Set »eklerem AMchMl

Kriminalroman von Arno Hohenfeld. Copyright Bv Literatur-Verlag „Gloria" Berlin-Eieglttz.

35 Sortierung.

Der Arzt trat mit dem Wärter Lam­pert ein, der etwas erregt war. Aus dem Wortwechsel der beiden entnahmen die Kommissare, daß der Wärter im Park vergeblich nach Kamenz gesucht hatte. ■

„Das verstehe ich nicht", sagte der Arzt. „Wenn unser Park auch ziemlich groß ist, so ist er doch schließlich nicht der Grünewald. Herr Kamenz muß zu finden fein.“

„Ich vermute, daß er uns mal wieder einen Streich spielt, indem er sich versteckt hat. Er hat mitunter solche Anwand­lungen. Dann verbirgt er sich hinter einem Strauch und läßt uns suchen. Wir können rufen, so viel wir wollen, er meldet sich nicht, ilnö das wird er heute wohl auch getan haben.“

„Ist alles abgesucht worden?“

„Noch nicht, man ist noch dabei.“

„Er ist also doch wohl nicht ganz so harmlos?" mischte Wolter sich in die Unterhaltung.

„Er tut feinem Menschen etwas," er­widerte der Wärter. „Er ist entschieden gutmütig, nur ter hat eben, wie jeder Kranke, einen kleinen Defekt. Ich wun­dere mich nur, daß diese Laune, sich zu verstecken, bei ihm so lange anhält. Das erste Mal, als ich noch garnicht wußte, was los war, bekam ich einen Heidenschreck, als ich ihn nicht in seinem Zimmer fand. Ueberall bin ich herum­gerannt und habe ihn gefudyt, bis mir im letzten Augenblick einfiel: Herrgott, er wird doch nicht etwa jetzt noch im dunklen Garten fein? Und richtig, es war der Fall. Wir fanden ihn aber nicht etwa spazierengehend, Gott bewahre, regelrecht versteckt hatte er sich. Und das schlimmste war, daß er nicht auf dem­

selben Fleck blieb, sondern sich immer wieder von neuem verkroch, und Mar dort, wo wir schon gesucht hatten, denn sonst hätten wir ihn ja bald gehabt. Das letztere wurde tnir erst klar, als ich mit einem Male eine Gestalt vorüberhuschen sah. Und als wir ihn endlich stellten, hockte er zusammengekauert in einem großen dichten Busch, wie festgenagelt. Kein Rusen und kein Bitten konnte ihn bewegen, hervorzukommen. Schließlich Mußten wir zufassen. Er zitterte wie Espenlaub und sträubte sich, ins Haus zu kommen. Wir redeten ihm gut zu, aber es dauerte lange, bis er sich dazu bringen lieh. Ich werde den Tag nicht so bald vergessen."

„Entsinnen Sie sich vielleicht, wann das war?“ fragte Wolter.

„Ganz genau sogar .denn eS war am Geburtstage meiner Frau.“

„Das Datum, bitte!“ entfuhr eS Wol­ter ungeduldig.

Fränkel und Wolter sahen sich be­deutungsvoll an.

„Gehen Sie, bitte, jetzt sofort in den Garten und durchsuchen Sie ihn gründ­lich, aber recht schnell. Es hängt sehr viel davon ab.“

Der Wärter stutzte einen Moment, wollte noch etwas fragen, doch dann rannte er davon.

„Sie sagten vorhin, meine Herren," nahm der Arzt bas Wort, „Sie wünschten mir den Grund Ihres Hierseins erst spä­ter zu nennen. Die Worte, die Sie eben an den Wärter richteten, haben etwas so Beurnruhigendes für mich, daß ich Sie bitten muß, mich doch nunmehr darüber aufzuklären, was Sie eigentlich hierher­geführt hat.“

.Herr Doktor," antwortete ihm Wol­ter, „jener Tag. an dem Kamenz so lange von Ihren Wärtern gesucht wurde, ist der Todestag des Generaldirektors Hart­kopf. Nun ist in der Mordstunde in un­mittelbarer Nähe der Hartkopsschen Villa ein Mann beobachtet worden, der sich sehr seltsam benommen hat und nach Ihrer Beschreibung und der uns von an­

derer Seite gemachten nur Ihr Patient Kamenz gewesen sein kann. Das ist aber noch nicht alles; wir haben soeben Fin- gerabdrüare ausgenommen, die wir eigentlich von Kamenz persönlich nehmen wollten; diese Fingerabdrücke ftimmen mit den von uns in Hartkopfs Arbeits­zimmer gemachten überein.“

„Um Gotteswillen, meine Herren!"

„Sie werden also verstehen, daß es für uns von größter Wichtigkeit ist, daß Herr Kamenz schnell gefunden wird."

„Ich setze sofort alles in Alarmzustand." Wolter und Fränkel kehrten nach dem Sprechzimmer des Arztes zurück.

Als nach Verlauf von zehn Minuten die Suche noch immer erfolglos an- bauerte, ließ Wolter den Arzt bitten.

»Herr Doktor, ich befürchte, daß es zwecklos, ja gefährlich ist, wenn wir noch länger warten. Ich glaube zu wissen, wo wir ihn finden werden. Wollen Sie uns freundlichst ein paar Wärter mit­geben, die uns zu Frau Kamenz nach Wilmersdorf begleiten. Zuvor muß ich aber dringend telephonieren."

„Bitte sehr," sagte der Arzt kon­sterniert.

„Wolter rief die Bezirkswache an und beorderte sofort zwei Kriminalisten nach der Wohnung der Frau Kamenz. Er gab ein genaues Signalement des Irren.

„Sollte Kamenz schon vor uns da sein und das Haus betreten, so ist ihm zu fol­gen und dafür zu sorgen, daß er keines­falls die Wohnung der Frau Kamenz be­tritt. Wir sind in kürzester Zeit zur Stelle."

Wenige THnuten später sausten zwei Autos nach der Zietenstraße in Wilmers­dorf. In dem ersten befanden sich Wol­ter und Fränkel, sowie der Arzt, der es sich nicht hatte nehmen lassen, mitzukom­men, in dem zweiten die Wärter.

Die Posten meldeten beim Eintreffen der Autos, daß bsher keine verdächtige Person zu sehen gewesen sei.

„Sollte ich mich doch getäuscht haben?“ fragte sich Wolter, doch gleich faßte et wieder Mut.

Er und Fränkel gingen zunächst in die Wohnung der Frau Kamenz, die glück, licherweife zu Hause war.

Mit sichtlicher Bestürzung vernahm die immer noch schöne, elegante Frau, was der Besuch zu bedeuten hatte.

„Es ist eine reine Vermutung von mir, gnädige Frau," schloß Wolter seine Mit­teilungen, „daß Ihr Gatte Sie aufsuchen wird. Mein Gefühl sagt es mir.“

„Ich werde ihn auf keinen Fall empfangen!“

„Gerade darum möchte ich Sie bitten, meine Gnädigste. Denn nur wenn Sie sich dazu verstehen, ist es möglich, festzustel­len, ob unsere Annahme zutriffi."

„Mein Herr,, Sie wissen nicht, was Sie von mir verlangen!" rief die geängstigte Frau beschwörend aus.

„Aber gnädige Frau, Sie stehen doch unter unserem Schutz. Es handelt sich um nichts weiter, als daß Sie ihn zu sich hereinführen lassen."

„O Gott, ich soll ihn in meine Wohnung lassen, ihn, der mir nach dem Leben trach­tet und bestimmt in keiner anderen Ab­sicht kommt, als mich zu töten.“

„Aber es wird ja nichts geschehen, ver- ehrte Frau. Ich verbürge mich dafür."

Fränkel, der am Fenster stand und die Straße beobachtete, bemerkte, daß der untenstehende Posten das verabredete Zeichen gab.

„Er kommt!“

„Ich bitte Sie, meine Herren, erlassen Sie mir das Wedersehen,“ klagte Frau Kamenz verzweifelt.

„Ist es Ihnen denn gleichgültig, daß ein Unschuldiger ins Gefängnis kommt? Das werden Sie doch wohl nicht wollen, noch dazu, wo ich Ihnen die Versicherung gebe, daß Ihnen nichts passieren wird.“

„Nun gut, wenn es denn fein muß...“

„Bitte, gehen Sie einen Augenblick aus dem Zimmer und kommen Sie erst wie­der herein, wenn Ihr Gatte bereits hier ist.“

(Schluß folgt.)