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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhesfen
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Marburg a.Laho
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Die Forderungen der Sozialdemokraten
Steuerzuschläge für die größeren Einkommen - Einstellung des Lohnabbaus - Erhaltung der Sozialversicherung
Braun und Brüning
Eefrierfleisch-Einsuhr
Im Reichstag gingen gestern die Verhandlungen über die etwas zugespitzte parlamentarische Lage weiter. Dabei drehte es sich allerdings nicht um den Defrier- fleischantrag, dem man eigentlich in politischen Kreisen keine außergewöhnliche Bedeutung beimißt, da die 50 000 Tonnen nur etwa 1 Prozent des Gesamtkonsums ausmachen. Der Kernpunkt der Meinungsverschiedenheit zwischen Sozialdemokraten und Reichsregierung ist weiter das um- * ftrittene Panzerschiff B. Der Reichskanzler hat gestern abend erneut mit den sozialdemokratischen Führern verhandelt. Er hatte außerdem eine Aussprache mit dem preußischen Ministerpräsidenten Braun und schließlich hat auch noch eine mehr private Fühlungnahme zwischen einzelnen Persönlichkeiten des Zentrums und der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion stattgefunden. Im Laufe des späteren Abends hat die sozialdemokratische Reichstagsfraktion noch beraten. Bisher ist es bei allen diesen Be- | sprechungen aber noch nicht gelungen, zu einer Verständigung zu gelangen. Die Sozialdemcchcaten lehnen die Rate für das Panzerschiff B zwar nicht mehr unumwunden ab, da der Kanzler ihnen erklärt hat, daß er unter keinen Umständen darauf verzichten könne, weil sogar schon das Kabinett Müller vor einem Jahr beschlossen habe, daß die Rate in den Etat für 1931 eingesetzt f, werden solle. Die Stellung des Reichswehrministers würde von der Richteinlösung dieses Versprechens nicht unberührt bleiben können, und das Kabinett müsse deshalb an feinem Standpunkt festhalten. Die Gegenforderungen, die die Sozialdemokraten darauf gestellt haben, sehen im Augenblick aber noch so aus, daß das Kabinett außerstande ist, sie zu akzeptieren. Sie beziehen sich auf S t e u e r z u s ch l ä g e für die größeren Einkommen und Vermögen entsprechend den sozialdemv- vratischen Ausschußanträgen, ferner auf die Einstellung der Lohnabbau- Politik und drittens auf eine Erklärung, daß an dem gegenwärttgen Stand des Sozialversicherungswesens — also auch der Arbeitslosenversicherung — unter keinen llmftän&en etwas geändert wird. Solche Erklärung glaubt der Reichskanzler aber schon aus rein psychologischen Gründen, die mit der Wiederingangsetzung der Wirtschaft Zusammenhängen, nicht abgeben zu können. Darüber hat der Kanzler den Sozialdemokraten gestern abend offenbar keinen Zweifel gelassen. Wie vorauszu- sehen war, ist es gestern noch nicht zur Entscheidung gekommen. Die Sozialdemokraten haben ihre Sitzung vettagt, nachdem sie den Bericht ihres Frattionsvorsitzenden entgegengenommen haben. Man glaubt, daß eine Entscheidung frühestens am Donnersrag zu erwarten ist. wo die Beratung des Wehretats im chauptaus- schuß vorgesehen ist. Gestern abend herrschte im Reichstag unbestteitbar eine Art Krisenstimmung. In ruhig denkenden politischen Kreisen beurteilt man die Aussichten ober doch keineswegs als hoffnungslos.
Die Meinungsverschiedenheiten, die zwischen dem Reichsernährungsminister Schiele und dem Reichslandbund in der letzten Zett entstanden sind, haben nicht beigelegt werden können. And so wird es schwer sein, daß der Reichslandbund für die Agrarpolitik des Kabinetts Brüning gewonnen werden kann. Es wurde nach- träglich versucht, durch eine Regierungsi
erklärung Mißverständnisse, die sich über die Verhandlungen zwischen dem Reichskanzler und dem Reichsarbeitsminister einerseits und den Gewerkschaftsführern andererseits herausgestellt hatten, richtig zu stellen, um dadurch die bestehende Spannung zwischen Schiele und dem Reichslandbund zu beseitigen. Aber auch das hatte keinen Erfolg. Immerhin ist die Frage des Gefrierfleisches nicht so wesentlich als der Gegensatz der Tendenzen der Reichsregierung und der Grünen Front in der Frage der Zolle rh ö h u n g. Während der Landbund im Zollschutz eir^ Basis für die landwirtschaftliche Selbsthilfe sieht, scheint die Regierung auf dem Standpunkt zu stehen, daß die Zollerhöhungen erst nach ganz bestimmten Delbsthilsemahnahmen der Landwirtschaft einsetzen können.
Berlin. 3. März. Reichtagspräsident Lobe eröffnete die Reichstagssitzung um 3 Uhr.
Auf der Tagesorndnung stehen zunächst die Abstimmungen znm Haushalt des Reichs- ernährnngsministerinms.
3n namentlicher Abstimmung wird der kommunistische Mißtrauensantrag gegen den Reichsernährungsminister Schiele mit 311 gegen 60 kommunistische Stimmen abge - lehnt. Angenommen werden die Ausschuß- entschlietzungen, ebenso eine Entschließung der Ehristlichsozralen für die Förderung der qärungslosen Früchteverwertung und etne Entschließung der Deutschen Volkspartei für Standardisierung der Agrarprodukie.
Die Ausschußentschließung, die den Gesamtplan für Den Zinsverbilligungszuschuß des Reiches unter entsprechender Aenderung des
Landbund und Regierung
Absage des Reichslandbundes an Schiele
Elmshorn, 3. März. Auf der Generalversammlung der Kreisbauern schäft Pinneberg sprach am Dienstag der Präsident des Reichslandbundes, Graf von Kalckreuth, über die agrarpolitische Lage. Er beschäftigte sich mit den neugeplanten Agrarmaßnahmen der Reichsregierung und der Ofthilfe. In diesem Zusammenhänge führte er u. a aus, nach Bekanntwerden der neuen Agrarpläne der Reichsregierung feien Ereignisse eingetreten, die geeignet sind, die Beden hen der Landwirtschaft über die wirksame Durchführung der beabsichtigten Agrarmaßnahmen noch zu verstärken. Der Reichslandbund habe stets darauf hingewiesen, daß
eine durchgreifende Staatshilfe die zeitliche und sachliche Voraussetzung zur Belebung der landwirtschaftlichen
Selbsthilfe
sei, das dem Reichskanzler zugeschriebene Iunctim aber verschiebe diesen Zusammenhang völlig. Inzwischen sei aber ein amtliches Dementi erfolgt, doch sei es so allgemein gehalten, daß es als nicht ausreichend bezeichnet werden müsse. Zum mindesten schaffe das Dementi bie Tat- fache nicht aus der Welt, daß hinter den Kulissen mit allen Mitteln versucht werde, auch die Möglichkeiten, die die geplanten Agrarmaßnahmen bieten, zu zerstören. Aus der ganzen Sachlage ergebe sich auch die Stellung des Reichsland b u n d e s zu der ihm vom Reichs- ernährungsminister Schiele angetragenen Vermittlungsaktion gegenüber der Deutfchnati analen Volkspartei und den Nationalsozialisten. Es geht nicht an, daß die Reichsregierung, wenn Schwierigkeiten aus den Reihen ihrer Anhänger auftauchen, die Opposition zu Hilfe rufe, ohne ihrerseits der Opposition den auch vom Reichslandbund geforderten Einfluß einzuräumen. Wenn Reichsemährungsminister Schiele in seinem zweiten Bries an den Redner hauptsächlich darauf Hinweisen zu muffen glaubte, daß eine Handhabung des §48 nicht möglich fei, fo gehe diese Beweisführung an dem Kern der politischen Situation vorüber.
Eine zum durchgreifenden Handeln entschlosiene Reichsregierung habe, auch ganz abgesehen von dem Notstandsparagraphen, eigenen Parteien gegenüber Druckmittel, wie in diesem Falle Zentrum und Staatspartei, in der Hand, die, energisch angewandt, ein solches Aus-der-Reihetanzen ver
hindern könnnten.
Darüber hinaus mache aber auch die Defensivstellung der Sozialdemokratie in Preußen dieser eine nachhaltige Opposn- tion im Reichstag unmöglich in dem Augenblick, wo sie die Gewißheit habe, daß ihr diese Opposition die Vormachtstellung in Preußen koste. Im übrigen hätten die Beschlüsse der nationalen Sezession vom Sonntag eine ganz eindeutige Lage geschaffen, die den geforderten Vermittlungsversuch gegenstandslos gemacht habe.
Marriftifche Steueranträg«.
Berlin, 3. März. Im Reichstagsausschutz für Steuerfragen wurden verschiedene sozialdemokratische und kommunistische Anträge behandelt, die u. a. die Besteuerung der Vermögen, Dividenden, Aufsichtsratstanttemen und Einkommen über 50 000 Mark und die Aenderung des Einkommenssteuergesetzes verlangen.
Reichsfinanzminister Dietrich führte au^, in der gegenwärttgen Wirtschaftsnot, bei der grohen Zahl der Erwerbslosen müsse alles geschehen, um aus dem wirtschaftlichen Elend der Gegenwart herauszukommen. Er habe bie Hoffnung auf eine Besserung her Verhältnisse, wenn er sich auch von übertriebenem Optimismus frei wisse. Es müsse alles vermieden werden, was auch nur im geringsten geeignet wäre, eine Besserung der Verhältnisse zu verhindern. Die Annahme der Anträge müßte in der weiteren Auswirkung gerade auf diese Entwickelung einen außerordentlich schädigenden Einfluß ausüben. Sie würde insbesondere den Kredit in bedenklichster Weise untergraben. Die geringe Besserung, die in der letzten Zeit an der Börse zu beobachten gewesen sei, würde sofott zum Stillstand kommen oder gar wieder verschwinden, wenn die Anträge angenommen würden. Man dürfe ihm nicht mit dem Einwand kommen, daß er eine Scko- nung der Leistungsfähigen im Auge habe. Ihm komme es lediglich aut die Interessen der Gesamtwirtschast an.
Gesamtbetrages auf zehn Jahre ausdehnen will wird mit 201 gegen 171 Stimmen abge« lehnt Dafür wird eine sozialdmokratifche Entschließung angenommen, die die Ausdeh- nuna auf zehn Jahre dobin beschrankt: „Falls es bei Prüfung des Einzeffalles notwendig erscheint." Angenommen wird die Entschließung des Volkswirtschaftlichen Ausschusses über Aenderung des Zinssatzes und des Til- gungsvlanes der zur Verbesserung des landwirtschaftlichen Bodens gegebene Darlehen, mit Ausnahme der Bestimmung daß die durch Melioration erzielte Rcntenerhohung auf 15 Jahre steuerfrei bleiben soll.
Es folgt die Abstimmung über den sozialdemokratischen Antrag, der das Brotge- setz praktisch aufhebt. Ein Antrag der Landvolkpartei auf nochmal'ge Aussckmtzuberwet- jung wird abgelehnt, und der sozialdemokratische Antrag, der die Form eines Gesetzentwurfes hat, wird in zweiter und dritter Beratung endgültig angenommen. Danach wird der Beimischungszwang von Roggen zum Wefteibrot beseitigt, ebenso die SBetmv*ungg= möalichkeit von Kartoffelmehl zum Weizen- gebcick und der Zwang zum Freibalten von Roaaenbrot in den Gaststätten. Tw Ausmcch- lungsguote von Rogoenmebl wird durch den Befchluß von 60 auf 70 erhöht.
Hierauf folgt die Beratung der Ausschußb-- richte über die Verbilligung von Frischfleisch für die minderbemittelte Bevölkerung und über
die Einfuhr von Gefrierfleisch.
Der Haushaltsausschuß hat dem sozialdemokratischen Gesetzentwurf zugestimmt, der das zollfreie Eeftierfleischkontinaent von 50 000 Tonnen jährlich wieder Herstellen will. In einer Entschließung fordert der Ausschuß werter die Verbilligung von Frischfleisch für die minderbemittelte Bevölkerung auf den Ee- Eefrierfleischpreis.
ReichernShrungsminister Schiele erklärt: Die Fleischvroduktion ist größer als vor dem Kriege. Der Bestand an Rindern hat den Vorkriegsstand erreicht, die Zahl der Kühe und Schweine hat ihn sogar beträchtlich überschritten. Die Preise sind ständig weiter zurückgeganaen. Die üBiebereinfügrung eines zollfreien Gefrierfleischkontingents würde für die Landwirtschaft und namentlich für die bäuerliche Viehwirtschaft einen schweren Schlag bedeuten Die Getreidewirtschaft ist auf eine Wiße Basis gestellt. In Kürze dürfte die Lage für diesen Zweig der Landwirtschaft nach menschlichem Ermessen bereinigt fein.
Nachdem es gelungen ist. schwierige handelspolitische Hemmnisse zu überwinden, betrachtet es die Reichsregierung als ihre vornehmste Pflicht in der Agrarpolitik, i der Veredelungswirtschaft in unseren bäuerlichen Betrieben in gleicher Weise durch die Staatshilfe beizuspringen, rote es beim Getreidebau geschehen ist.
Die Reichsregierung ist auch durchaus bereit, durch Verbilligung von Frischfleisch der größten Not der Minderbemittelten zu steuern, aber ich warne vor einer Sozialpolitik, die die sozialen Nöte des einen Standes ^beseitigen will, indem sie einen anderen stand, nämlich das Bauerntum, umfo, tiefer tn das Elend sozialer Not versinken läßt
Am schwersten belastet würden durch Wiedereinführung des zollfreien Eefrierfleisch- kontingents gerade die kleinen Bauern, die gezwungen sind, ihre Rinder auch zu Spanndiensten heranzuziehen.
Wir würden auch von dem klaren Wege ad- weichen, den die Reg-erung in voller Einmütigkeit und systematisch zu beschreiten begonnen hat und fortzusetzen gewillt ist. Die gesamte Politik der Reichsregierung zielt daraf ab alle Provuknonsmöglichkeiten im eigenen Lande auszuschöpfen unter Verzicht