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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Srfdstungoort Marburg
Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Gefahren für die Abrüstungskonferenz
Einigung zwischen England und Frankreich - Die Bildung einer neuen Rüstungsfront wird deutlich erkennbar
Zunächst die Flotte
Schieles Agrarprogramm
Nach dem Frühstück bei Briand find die Verhandlungen zwischen de« französischen und britischen Sachverstand gen fortgesetzt worden. Um 15.30 Uhr französische, Zeit begab sich Briand nach der britischen Botschaft, wo eine letzte Bollst tz u « g stattfand, an der die französischen «ad englischen Minister und die französischen Sachverständigen teilnahmen. Die Sitzung ging um 17 Uhr zu Ende. Beim Verlassen der Botschaft erklärten Briand «nd Marineminister Dumont, datz eine grundsätzliche Einigung erzielt worden sei unter der Bedingung, datz Italien dem Abkommen zu- stimmt. Die englischen Minister ver. lasse« Paris, um sich nach Rom zu begeben. Der Wortlaut des Abkommens soll bis zur Billigung durch die italienische Regierung geheim bleiben.
Die Pariser Presse beurteilt das Zu- grndekommen einer englisch-französischen ereinbarung in der Flottenfrage nur günstig, obgleich der Inhalt des Abkommens bisher noch streng geheim gehalten wird. Die englische Abordnung hat sich nicht mit den französischen Vorschlägen einverstanden erklärt, Frankreich allein in das Lonodner 3-Mächte-Abkom- men aufzunehmen und ihm eine Schutz- Klausel zuzugestehen. Henderson hat darauf bestanden, daß sich entweder Italien mit den getroffenen Vereinbarungen einverstanden erklärt und das Londoner 3-Mächte-Abkommen damit zu einem 5-Mächte-Abkommen erweitert wird, oder aber die gesamten Bemühungen als ergebnislos fallen gelassen würden.
Aus dem Inhalt wurde lediglich bekannt, daß sich Frankreich mit einer Herabsetzung seiner Gesamttonnage auf 630 000 Tonnen bereit erklärt hat.
In der Unterseebootsklasse wird sich die französische Regierung in Zukunft auf rund 54 000 Tonnen beschränken, während die Ueberlegenheit der französischen Flotte gegenüber Italien auf 150 000 Tonnen festge- setzt wurde.
Irgendwelche Anhaltspunkte über die politische Seite der englisch-französischen Verständigung waren nicht zu erfahren. Man weiß lediglich, datz sich Frankreich zu den Zugeständnissen nur unter der Bedingung bereit erklärt hat, datz England in Bezug auf die bevorstehende Abrüstungskonferenz ganz bestimmte Garantien auf anderen Rüstungsgebieten und in politischen Fragen überhaupt übernimmt.
Wie weit die englische Unterstützung gehen soll, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen.
Diesmal zeigt sich selbst Pertinax m „Echo de Paris" einigermaßen zu- riedengestellt. Er betont allerdings, daß sie Frage der Flottengleichheit mit Italien selbst im Falle einer Annahme nur aufgeschoben sein würde und sicherlich im Jahre 1936 wieder ausgerollt würde. Der „Petit P a r i s i e n" unterstreicht, daß Frankreich bis an die Grenze des Möglichen gegangen sei, um dem Frieden zu dienen. Das „I o u r n a l" betont, daß sich Frankreich insofern in einer vorzüg
lichen Lage befindet, als es die Zugeständnisse nur gegen ganz bestimmte Garantien macht, die entweder in der Annahme durch Italien beständen oder aber darin, daß sich England zu politischen Zugeständ- nisien bereit erkläre. Die „V o l o n t 6“ ist der Auffassung, daß die italienische Regierung ihre Zugeständnisse nicht verweigern könne, weil sie den internationalen Finanzmarkt brauche.
Berlin, 24. Febr. Reichstagspräsident Lobe eröffnet die Reichstagssihung um 3 Uhr. Die Deutschnationalen und Nationalsozialisten sind auch der heutigen Sitzung ferngeblieben.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der Einspruch der nationalsozialistischen Abg. Brückner, Heines, Ko-Ostpreußen und Vetter gegen ihre Ausweisung aus einer früheren Sitzung. Der Einspruch wird ohne Debatte einstimmig zurückgewiesen.
Und hinter den Kulissen?
Reuter meldet aus Paris: Als Henderson gestern nachmittag die Botschaft verließ, um den Zug nach Rom zu erreichen, strahlte sein Gesicht vor Freude. Befragt, ob er zufrieden fei, erwiderte er: „Ja, und ich hoffe bei meiner Rückkehr noch zufriedener zu sein." In der Reutermeldung 'sitzt es dann weiter: Alles hängt jetzt von der italienischen Regierung ab, denn wenn Italien die französisch-britische Vereinbarung nicht billigt, wird sie ein kurzer Buchstabe sein. Aber der britische Minister rechnet anscheinend darauf, daß Italien nicht beiseite stehen und die Umbildung des Londoner 3-Mächte-Vertrages in einen 5-Mächte-Vertrag nickt verhindern wird. Es herrscht der Eindruck, daß sich der Optimismus der Minister auf Nachrichten aus Rom gründet.
Ueber die französisch-englische Flottenvereinbarung berichtet Pertinax dem „Dailp Telegraph" aus Paris, diese Vereinbarung beziehe sich auf die Begrenzung der französischen Flotte (ungefähr 630 000 Tonnen) und auf die Verteilung der französischen Tonnage auf die vermiedenen Kriegsschiffkategorien. Ferner hatten sich die französischen und englischen Minister dahin geeinigt, daß die französische Flotte der italienischen Flotte gegenüber eine Ueberlegenheit von etwa 157 000 Tonnen behalten solle, aus jeden Fall bis zum Jahre 1936. Pertinax meldet weiter, daß die britischen Minister den französischen Vorschlag' eines gesonderten Beitritts Frankreichs zum dritten Teil des Londoner Flottenvertrages unter Einführung einer auf Italien bezüglichen Sicherheitsklausel abgelehnt hätten.
Der Pariser Korrespondent der „M o r- n i n g P o st" meldet, dieses Opfer von 83 000 Tonnen ist mehr quantitativ als qualitativ, da es durch die Aufgabe veralteter Fahrzeuge erreicht wird. Auch auf dem Gebiet der Unterseeboote ist das fran- tif*e Zuoeständnis mehr scheinbar als wirklich. Denn während die französische Oeffentlichkeit in den U-Booten ein verhältnismäßig billiges Küstenverteidigungsmittel erblickt, höre ich von maßgebender Seite, daß die technischen Sachverständigen anderer Meinung sind. Große U-Boote von unoefähr 1500 Tonnen sind nur in den dunklen Gewässern des Nordens verwendbar, während sie in der klaren See des Südens von der Luft aus leicht entdeckt werden können.
Für die Bewertung dieses Rüstungs- Handels. der sich hinter den Kulissen abspielt, ist es ganz interessant, sich einmal vor Augen zu halten, wie er aussehen soll. In der Erkenntnis, daß die von Italien gewünschte französisch-italienische Floltenparität sich in absehbarer Zeit nicht ver
wirklichen lassen wird, solllen die beiden Staaten zu dem Entschluß kommen, bis zum Jahre 1936 nur soviel Tonnen auf Stapel zu legen, als dies das heutige Stärkeverhältnis gewährleistet. Damit wird der französische Vorsprung in der Tonnenzahl zwar stabilisiert, aber es wird Frankreich unmöglich gemacht, durch neue Bauaufträge diesen Vorsprung zu erweitern. Wenn man bedenkt, daß die fran- siisische Regierung noch auf der Londoner Konferenz ein Plus von rund 244 000 Tonnen gegenüber dem italienischen Staat als d ie unbedingte Notwendigkeit der französischen Sicherheit bezeichnete und durch den neuen Vorschlag dieses Plus nur auf 160 000 Tonnen festgesetzt wird, so würde das Eingehen Frankreichs auf den englischen Vermittlungsvorschlag eine gewisse Nachgiebigkeit bedeuten, die aber, wie man die französische Mentabilität kennt, irgendwie erkauft werden müßte. In diesem Fall wird wohl England die Kaufsumme stellen, zwar nicht in barem Geld, aber in gewissen Versprechungen, die sich auf die französischen Forderungen bei der endgültigen Abrüstungskon- ferenz beziehen. Kommt es aber zu einer solchen französisch-italienischen Flot- teneiniqung, so ist damit zu rechnen, daß auch Italien in die neue Front der sich einig gewordenen Rüstungsstaaten eingereiht wird, was vielleicht einen Vorgeschmack dafür bietet, was die Weltöffentlichkeit nn Jahre 1932 von der Behandlung der Abrüstungsfrage zu erwarten haben nnrd. Man sieht alfo, daß die Strömungen, die sich zur Zeit um das Abrüstungsproblem bewegen, wenig zu dem Glauben beitragen können, daß die Welt im Jahre 1932 von ihrem schwersten Albdruck befreit werden wird.
Frankreich de«kt gar «icht an Abrüstung.
Paris, 24. Febr. In der Nachmittagssitzung der Kammer ergriff Kriegsminister M a g i n o t bei der Beratung des französischen Kriegshaushalts das Wort zu bedeutsamen Ausführungen, aus denen unzweideutig hervorgeht, daß Frankreich bei der kommenden Abrüstungskonferenz keine Zugeständnisse machen will. Die hohen Rüstungsausgaben schob der Kriegsminister auf das Konto der Erhöhung der Lebenshaltungskosten. Gr betonte in Bezug auf die Abrüstung, daß Frankreich augenblicklich eine Herabsetzung seiner Rüstungsausgaben unmöglich vornehmen könne, wenn es nicht seine Sicherheit gefährden wolle. Man müsse vielmehr zunächst an eine Neuorganisation des Heeres gehen.
Die Novelle zum Gesetz über die Errichtung der Deutschen Rentenbankireditan« ft alt wird ohne Debatte in dritter Beratung endgültig angenommen.
Der kommunistische Antrag auf Besteuerung der Vermögen, Dividenden, Aufsichtsratstantiemen und Einkommen über 50 000 RM. (Milli onärsst euer) wird unter Lärm der Kommunisten dem Ausschuß überwiesen.
Nunmehr wird die Beratung des Haushaltes für Ernährung und Landwirtschaft fortgesetzt.
Als Reichsernährungsminister Schiele das Wort nimmt, rufen die Kommunisten: „UnterernShrungsminister abtreten!" Präsident Löbe ersucht wiederholt um Ruhe und weist, als sich die Rufe immer erneuern, die komm. Abg. Maddalena und Grube aus de m S i tz u n g s s.a a l, den Abg. Grube auf drei Sitzungstage, weil er, auch nach der Ausweisung den Ruf wiederholt hat.
R-ichsernahrungsmmister Schiele
gibt zunächst eine ftaatspolitische Begründung der Agrarpolitik. Die Agrarpolitik der Reichsregierung erschöpfe sich nicht in einzelnen Hilfsmaßnahmen für diesen oder jenen Zweig foer Landwirtschaft, sie stelle vielmehr ein System organisch miteinander verbundener Maßnahmen dar, das im Rahmen der allgemeinen Wirtschafts-, Finanz-, Sozial- und Außenpolitik alle Möglichkeiten zur schnellen und dauernden Ueberwindung der Agrarkrise auszuschöpfen bestrebt sei. Mit der Hilfe für die Landwirtschaft gehe die Belebung des Binnenmarttes Hand in Hand. Erst unlängst sei im Enqueteausschub festgestellt worden, daß regelmäßig etwa 80 bis 90 Prozent der deutschen Produttion im Inland abgesetzt werden. Die Hauptschlachten in dem Wiederaufbau unserer Wirtschaft würden daher bei allem schuldigen Respett vor dem Außenhandel auf dem Binnenmartt geschlagen werden.
3e besser der Binnenmartt gefestigt und ausgebaut sei, umso stärker würden wie im internationalen Wettbewerbskampf dastehen. Mtt einer zielbewuhten Bin» nenmarktspolitik schaff« sich Deutschland auch das notwendig« Rüstzeug für die «utzenpolitischen Entscheidungen.
Durch Stärkung der landwirtschaftlichen Kaufttaft werde weiter der Landflucht Einhalt geboten. Zu der binnenwirtschaftlichen und sozialpolitischen Motivierung der Agrarpolitik kämen die ernährungswirtschaftlichen Sorgen. Der Rückgang des Düngerabsatzes und des Absatzes an Landmaschinen sei bereits ein drohendes Zeichen für das Erlahmen der landwirt- schaftlichen Schaffenskraft. Die Bedrobung unserer Ernährungsgrundlagen sei im Osten gleichbedeutend mit dem Stillstand der Wirtschaft überhaupt. Die großen Opfer für die Osthilfe würden sich nur lohnen, wenn die allgemeine Agrarpolitik die Rentabiiitäts- grundlage für die Landwirtschaft des Ostens schaffe. Zusammenfassend erflärt der Minister, daß Deutschland in den letzten 15 Jahren Raubbau an feiner edelsten Substanz getrieben habe.
Die Aufrechterhaktimg einer lebensfähigen Landwirtschaft sei fett über einem Zechrzehitt nicht mtt dem notwendigen Nachdruck betrieben worden.
Nicht nur in der Finanz- und Sozialpolittk, sondern auch in der Agrarpolitik müsse mit den Fehlern der Vergangenhett aufgeräumt werden.
Der Minister entwickelte dann
das «tue Agrarprogramm der Reichsregierung.
Er habe Bereits im vorigen Jahre die Parole der Einschränkung des Rog- genanbaues ausgegeben. Das vorläu- sige Ergebnis sei erfreulich und berechtige dazu, auf diesem Wege weiterzugehen. Des-