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Srtitno, den 1?. Februar 1911

Die .Oberhessisch« Zeitimg' « scheint sechsmal wdchentltch. Be- jvgsprets monatlich 2.20GManS- schlteßl. Zusiellungsgebübr. durch die Post 2.45 GM Für etwa durch Streik. WaschtnendefeN ettet ele­mentar« Ereignisse «uSsallend« Kummern wird kew Ersatz ge­lotster Verlag. Dr. S Kttzeroch. Druck der Untv-Duchdruckerel geb Ang. Koch. Mark! 21/23- Fernsprecher: Sir 64 und Rr.56. Postscheckkonto: «mt Frankfurt «. M. Rr. 6015. - Sprechzeit bet Redaktion von 1011 und

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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen

Rr.zr KK.Mrg. Marburg a. Laba

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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.

Haussuchungen bei Nationalsozialisten

Planmäßige Durchsuchung der Büros und Privatroohnungen in Berlin - Die Kartei der SA. beschlagnahmt

Eine politische Aktion?

Wirtschaft und Reparationen

Der Untersuchungsrichter beim Landge­richt III, der die Untersuchung wegen der Erschießung der beiden Reichsbannerleute Schneider und E r a f i« der Silvester­nacht führt, hat in der Annahme, daß die Organisationen der Nationalsozialisten die verdächt'gen Flüchtlinge unterstützt haben, Haussuchungen bei Berliner National­sozialisten vornehme« lassen. Es ersolgte eine Durchsuchung der Geschäftsräume des sogen. Obersten Sturmführers, Haupt- motht a. D. Stennes, seiner Privatwoh- nung sowie der Geschäftsräume des Eau- sturms BerNns, ferner der Wohnungen des Eausturmführers, der engeren Mitar­beiter und Standartenführer und der für den Wohnbezirk der gesuchten Personen zuständigen Bezirk», und Sektionsführer der NSDAP. Nach polizeilicher Angabe hat stch eine unmittelbare Beziehung drr Berliner aationalsozialistrschr« Leitung zu derfcnigen ausländische« Stelle ergeben, zu der die flüchtigen Becker und -auiibke und auch der inzw sch « verhaftete Kollatz ihre Schritte gelenkt haben.

Wie wir vom Berliner Polizeipräsidium erfahren, ist im Zusammenhang mit den Ermittlungen, die von der Abteilung IA in Sachen der politischen Morde in der Hufelandstraße durchgeführt wurden, der Nationalsozialist Walter Scheibner, der eine einflußreiche Stellung in der Ortsgruppe der NSDAP in Neustrelitz haben soll, verhaftet worden, da er in dem dringenden Verdacht steht, dem be­reits verhafteten Maurerlehrling K o l - I a tz und den beiden anderen sieckbrieflich verfolgten Nationalsozialisten B eck e r und H a u s ch k e bei der Flucht Vorschub ge­leistet zu haben.

Bis in die späten Nachtstunden hinein wurde gestern das bei den Nationalsozia­listen in Berlin und Mecklenburg beschlag­nahmte Material einer Durchsicht unterzo­gen, wobei, wie bereits gemeldet, sehr be­lastende Dokumente vorgefunden worden sein sollen. Aus dem beschlagnahmten Briefwechsel ist demBerliner Tage­blatt" zufolge ersichtlich, daß die Mör­der H a u s ch k e und Becker tatsächlich schon vor einigen Wochen in Tirol ange­langt waren. Ein gewißer von M a l - titz war der Verbindungsmann der Ber­liner SA in Innsbruck und genoß großes Vertrauen bei den Führern der Berliner Nationalsozialisten. Es soll sich um einen Reichsdeutschen handeln, der früher deut­scher Offizier war. Die Berliner Krimi­nalpolizei hat sich bereits mit der öster­reichischen Polizei in Verbindung gesetzt und um Festnahme des von Maltitz wegen Begünstigung ersucht. Unter den be­schlagnahmten Schriftstücken fand man, wie das Blatt weiter meldet, auch den Brief eines höheren Beamten eines Reichsmini st eriums, der als Parteigenosie der Gauleitung der Nationalsozialisten Material aus seiner Behörde und seinem Dienstbereich zur Verfügung stellen wollte.

lleber die Haussuchungen bei der SA- Führung am Donnerstag vormittag gibt die Eauleitung der NSDAP, eine Darstel­lung heraus, in der es u. a. heißt: Etwa 40 Beamte erschienen in einem lleberfall- kommando und durchsuchten das ganze Haus. Sämtliche Schreibtische wurden er­brochen. Zp bemerken sei, daß die Haus­

suchung kurze Zeit, nachdem der Osaf-Fuh- rer, Hauptmann Stennes, fortgefah­ren war, vorgenommen wurde. Auch die Haussuchung bei der SA in München sei in Abwesenheit der Führer vorgenommen worden. Die Aktion dauerte den ganzen Vormittag. Mehrer Körbe mtt Schrift­stücken wurden mitgenommen, ebenso sei die SA-Kartei beschlagnahmt worden. Un­ter den erbrochenen Schränken befinde sich auch der des Reichstagsabgeordneten H a u ck e.

Ein gut Teil der agitatorischen Aufga­ben fällt bei den Nationalsozialisten be­kanntlich den sogenannten Sturmabteilun­gen zu. Gerüchte kursieren, die polizei­liche Aktion sollte den preußischen Be­hörden Material in die Hand geben, das ihnen gestatten würde, gegen die SA.- Abteilungen vorzugehen.

Zm Verlaufe der gestrigen Unterhaus­debatte kam das Mitglied der Arbeiter­partei Kenworthy auch auf die Re­paration s- und Schuld en frage zu sprechen. Er führte «. a. ans, der ge­samte Osten der Bereinigten Staaten von Amerika und alle ameri­kanischen Bankiers träten für ei« Moratorium ein, dagegen seien die Staaten des mittleren Westens noch nicht zu dieser Politik Lbergegange« und stän­den noch immer auf dem engen politische« Standpunkt von 1920, daß nämlich die Deutschen zahlen müßten. Kenworthy for­derte, daß die Nationen z« einer Rund- tischkonferenz eingeladen würden, um die gesamte wirtschaftliche Lage und de« Ein-

Protestkundgebungen

Die Nationalsozialisten im Sportpalast

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter- partei veranstaltete gestern abend im Sport­palast eine Kundgebung gegen die polizei­lichen Verbote desAngriffs" und die Haus­suchungen bei den führenden Männern ihrer Partei. In der Potsdamer Straße, von der Äülowstraße ab, standen in kurzen Zwischen­räumen Trupps von zehn Polizeibeamten, und Patrouillen von je zwei Mann gingen unablässig hin und her, um eventuelle An­sammlungen zu zerstreuen. Bereits eine Stunde vor Beginn war der Sportpalast der­art besetzt, daß der Billettverkauf geschloßen werden mußte.

Der erste Redner des Abends, der Land­tagsabgeordnete Kube, polemisierte in hef­tiger Weise gegen Reichskanzler Dr. Brü­ning und Minister Iosevh Wirth. Auch gegen das Zentrum und die Sozialdemokratie fand er starke Worte, indem er, auf'bie Atten­tate auf Kaiser Wilhelm I. und Bismarck hin­weisend, den beiden Parteien vorwarf, den politischen Mord erst eingeführt zu haben. M

Die Parteien von der SPD. bis zur Deut­schen Volkspartei hätten Deutschland ins

Unglück gestürtzt. Wenn sie jetzt Einiges wie­der gutzumachen versuchten, so müsse er ihnen zurufen: Es ist zu spät!

Vorträge des Schöneberger Sprrchchors leiteten die Ansprache des Reichstagsabge­ordneten Göbbels ein. Er erklärte, daß alle die Maßnahmen, die man gegen die Ra- llonalsozialisten getroffen habe, die Anhänger dieser Partei nur noch fester zusammenge­schlossen und sie veranlaßt haben, nur noch fanatischer an ihrer Idee festzuhalten. Nach­dem man mit der Verleumdung keinen Erfolg zu verzeichnen gehabt habe, schreite man jetzt zur Brachialgewalt und setze die Machtmittel des Staates ein, wie man es kürzlich bei den Verboten desVölkischen Beobachters" und desAngriffs" und jetzt bei den Haus­suchungen erlebt habe. Die überaus leiden­schaftliche Ansprache wurde häufig durch Zwischen- und Beifallsrufe sowie Hände­klatschen der Versammlung unterbrochen.

Die Versammlung ist im übrigen ohne Störungen verlaufen.

Die Deutschnationalen

Berlin, 12. Febr. Bei der Kund­gebung der Deutschnationalen Volkspar- tei in der Philharmonie sprachen der Fraktionsvorsitzende Dr. O b e r f o h - r e n, ferner Graes- Thüringen, Frei­herr von Freytagh-Loringhoven, Pros. Dr. Spahn, Frau A. Lehmann und Oldenburg-Ianuschau.

Dr. Oberfohren nahm zu der innenpoli­tischen Lage Stellung und bezeichnete das weitere Verbleiben der Regierung Brüning im Amt mit einem Hinweis auf den Artikel 54 als verfassungswidrig. Die sogenannte bürgerliche Regierung sei durch die letzten Ereignisse völlig ent­larvt, und man könnte feststellen, daß sie sich in vollendeter Abhängigkeit von dem niarxistischen System befinde. Dann kam der Redner auf die Unterredung H u - ; e n b e r g s mit Dr. B r ü n i n g zu prechen, bei der Hugenberg vor Iahres- rist an den Chef der Regierung und zu­gleich an das hervorragendste Mitglied der Zentrumspartei die Forderung ge­stellt habe, seine ganze Kraft und seinen ganzen Einfluß dahin einzufetzen.

in der Philharmonie

deminnenpolitischen Skandal", der sich in der scheinbar unlöslichen Ver­bindung des Zentrum» mit der regierungsfeindlichen marxistischen Sozialdemokratie offenbare, ein Ende zu bereiten.

Das sei die Forderung des nationalen Volkes, die Dr. Brüning nicht erfüllt habe. Der Redner stellte dann fest, daß die Regierung Brüning nach Auffassung der Deutschnationalen 3v2 Milliarden Neubelastung herbeipeführt hätte, die aus der Substanz des Volksvermögens ge­köpft worden seien.

Die Abgeordnete Frau Lehmann bezeichnete schließlich in ihren Ausfüh­rungen die Befestigung der schwarz-roten Diktatur im Reiche wie in Preußen als eine schwere Bedrohung der deutschen Kultur.

Tic Kundgebung wies so starken Be­tuch auf, daß eine Parallelver­sammlung abge^oltrn werden muhte. Beide Versammlung .n. verliefen völlig störungslos.

fl«ß der Reparationszahlangen and der interalliierten Schulden aaf die Wirt­schaftslage zu erörtern. Er glaube n°cht, daß die amerikanische Regierung ihre Teilnahme verweigern würde. De, Abgeordnete bat Lady Astor, ihn bei seinen Bemühungen um die Beendigung dieser unmöglichen Lage, die »durch die interalliierten Schul« de« «nd die Reparationen Hervorgerufe« sei, zv unterstützen.

Lady Astor versicherte Kenworthy, daß sie ihren ganzen Einfluß, t« welchem Teile der Welt sie auch solchen besitze, stets für eine gerechte und vernünftige Regelung der Schulden geltend mache.

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Bei der Kundgebung der Deutschn Bolkspartei in der Philharmonie, über die wir auch an anderer Stelle berichten, sprach Abg. Freiherr von Freytgah- Loringhoven über den Auszug der Deutschnationalen aus dem Reichstag. Der Redner betonte zu Beginn seiner Ausführungen, daß der Exodus den deutschnationalen Abgeordneten innen­politisch eine Notwendigkeit gewesen sei. Zur weiteren Begründung des Schrittes ber Deutschnationalen führte Freiherr von Freytagh-Loringhoven sodann aus, daß die Deutschnationalen die Außen- Politik der Regierung und der Mehr- yeitsparteien nicht zu billigen ver­möchten. Dr. Curtius habe sich erneut zur Verständigung mit Frank­reich bekannt und die Aufwertung der Revisionsfrage für verfrüht erklärt.

Wohl habe man von der Kriegsschuld­lüge gesprochen, ebenso von der Un­erträglichkeit der Tribute und von der Möglichkeit des Ausscheidens aus dem Völkerbunde, aber es ängst­lich vermieden, irgendwelche prak­tischen Schlüsse zu ziehen.

Dazu trete die Gefahr einer Täusch­ung der deutschen Oefsentlich- k e i t Diese müsse darüber aufgeklärt roe,'ben, so betone der Redner, daß Er- füllungsbereitschaftz die die Maske des Freihertswillen trüge, noch schädlicher und verderblicher sei, als der unverhüllte Unterwerfungswille. Freiherr von Frey­tagh-Loringhoven warf Dr. Curtius eine schwächliche Behandlung in der Polen­frage sowie in der Frage der englischen Ostafrikapläne vor und behauptete, daß er in der Abrüstungsfraae versagt habe. Auch gegen den Reichskanzler wandte sich der Redner und sagte ihm nach, er wisse nur immer von neuem zu wieder­holen, daß die Finanzsanierung die Vor­aussetzung für die Revision sei. Der Kanzler führe Deutschland den Weg einer immer engeren wirtschaftlichen Bindung an Frankreich. Nicht Teillösungen brau­chen wir, sondern Aufrollung der Nevisionssrage m ihrer Gesamt­heit, denn es ginge nicht um die Tribute allein, sondern um die Wiederherstellung des äußerlich wie innerlich, verstümmel­ten Deutschlands. Diese sei einzig da­durch zu erreichen, daß Deutschland zum Kristallisationspunkt für die Gegner des Veriailler Systems werde.

G r a e f - Thüringen bezeichnete die Vorkommnisse im Reichstage am Mon­tag alsden kalten Staats­streich". Wir werden uns diese Regie- runosmethoden, so führte der Redner wörtlich aus, merken und mit den glei­chen Mitteln heimzahlen.