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Anzeiger für sdas frühere knrhessifche) Overhessen
Nr.N 66. Wg.
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Protest der Opposition
Die Nationalsozialisten, Deutschnationalen und ein Teil der Landvolkpartei verlassen den Reichstag — Protest gegen die Aenderung der Geschäftsordnung.
Die gestrige Reichstagssitzung begann um 3 Uhr.
Auf der Tagesordnung steht di« zweit« Beratung des Haushalts des Auswärtige« Amtes. Verbunden mit der Beratung ist ein devtschnationaler Miß- trauensantrag gegen den Außenminister Dr. Curtius. Die auf Youngplon-Re» Vision gerichtete« Anträge beantragt der Auswärtig« Ausschuß abzulehnen.
Dagegen empfiehlt er einen Antrag auf Vorlegung einer Denkschrift über die bisherigen deutschen Reparationsleistungen. Dazu gehören auch die zahlreichen aus Anlaß, der Vorgänge bei den polnischen Wahlen einge- brachten Anträge. Deutschnationale und Nationalsozialisten verlangen die Schaffung eines ausreichenden Grenzschutzes gegen polnische Uebergriffe sowie Maßnahmen zur Rückgabe der geraubten Ostmarken. Zur Voungplan- revision haben die Christlich-Sozialen und Konservativen erneut beantragt, baldmöglichst in die Erörterung der Tributlalten mit ,dem cm Dounavlan beteiligten Mächten einzn- •treitn. Bon den Deutschnationalen und Christlich-Sozialen liegen Anträae vor. die einen amtlichen Widerruf 'der Krieasfchuld- lüge fordern. Darüber hinaus verlangen die Deutschnationalen Schritte zur Revision des Versailler Diktats. Das Landvolk tntt für die Abrüstungsrevission ein. , Die Nationalsozialisten fordern endlich die Dorbe- » reitung des Austritts ans dem Völkerbund.
I Der Auszug der Nationalsozialisten.
' Dor Eintritt in die Tagesordnung nimmt Abg. Stöhr (Nat.-Soz.) das Wort zu einer Erklärung, die von den National- foziaMen stehend angehört wird.
In der Erklärung wird protestiert gegen die gestern beschlossen« Aendernng der Geschäftsordnung. die als Berfas» fnngsbrnch bereickmet wird. All« auf Grund di-ser Geschäftsordnung zustande kommenden Gesetz« müßten als verfasinnaswidrig bezeichnet werden. tllnrub« bei den Kommunisten, l Mir Nationalsozialisten werden in diesem Hanse des organisierten Ner- fassungsbruches (Glocke des Prästden- ten) nicht mehr Mitarbeiten. Wir werden den Tributreichstag verlassen. (Lebhafter SeifaH links.l Wir w-rden als deutsche Opposition um di« Seele des Volkes kämpfen. Wir warnen di« Welt- öff«ntlichk«it. BelchlLi'« dies«? Hausrs für Beschlüsse des txntschen Volles zu halten. (Unruhe links.l Wir appellieren an den Reichspräsident«« als den Hüter der Reichsverfasiung. er möge dem verfassungswidrigen Treiben dieses Hauses ent- gegentreten. Wir verlassen also das Voung- parlament und werden erst wiederkehren, wenn sich etwa die Möglichkeit ergibt, «inen besonders tückischen Anschlag auf da? Volk «bzuwehr«». (Aha-Ruf« links.) Di« Nationalsozialisten rufen dreimal Heil und marschieren dann gemeinsam aus d«m Saal.
Auch die Druts^iationalen verlassrn den Saal.
Abg. d. Freytagh-Loringhoven (Dntl.) verliest dann eine Erklärung seiner Fraktion, in der die gestrigen Besastuste als verfassungswidrig bezeichnet und besonders scharfe Angriffe gegen die Deutsche Volkspartei, die Christlich-Sozialen und die an den Mehrheitsbeschlüssen beteiligten Mitglieder der Landvolkpartei gerichtet werden. Diese Abgeordneten und Fraktionen könnten nicht mehr zur Rechten gerechnet werden, sondern seien Anhängsel der schwarz-rot-goldenen Koalition geworden. Wir verzichten nicht, so heißt es in der Erklärung weiter, auf die weitere Mitarbeit im Reichstag und wir werden im gegebenen Augenblick das tun, was uns richtig und zweckdienlich erscheint.
An den Verhandlung«« über di« auswärtig« Politik werden wir uns nicht beteiligen.
(Hört, hört, und Unruhe.) Dieser Reichstag ist ohne uns ein Voung-Reichstag. Er hat bisher alles genehmigt, was Deutschland schädigen konnte
Die Deutschnationalen verlassen mit dem Abg. von Frentagh den Saal.
Abg. Dr. Wendthauken (Landvolk) gibt unter großer Unruhe der Linken für einen Teil der Landvolkgruppe eine Protesterklärung gegen die gestrigen Reichstagsbeschlüsse ab. Er erklärt, das wahre Deutschland sei nur in den Reihen dev nationalen Opposition.
In den Kommentaren der Berliner Morgenblätter über die gestrige Reichstagssitzung nimmt der Auszug d«r Rechts- opposition den größten Raum ein. Die hinter der Regierung stehenden Zeitungen geben nur kurze Würdigungen der Ausführungen des Reichsaußenministers, in denen der Außenpolitik der Reichsregierung zugesttmmt wird. „Lokalanzei- g e r“, „$ a g“ und „Deutsche Zeitung" berichten mit keinem Wott über die Rede des Außenministers. Allerdings macht der Tag den Vorbehalt, daß der Inhalt der Rede zu einer eingehenden kritischen Stellungnahme zwinge, die das Blatt für morgen ankündigt, während die „Deutsche Zeitung" von einer Wiederholung der verbrauchten 'Bekenntnisse des Herrn Curtius zu seiner vechängnisvollen Außenpolitik spricht, auf die man gern verzichten könne.
Die Blätter der gemäßigten Rechten, „Dörsenzeitung und „Deutsche Tageszeitung", beschäfttgen sich im Gegensatz dazu eingehender mit den Ausführungen des Außenministers, über die sie auch ausführlich berichten. Die „Dörsenzeitung" spricht davon, daß Dr. CurttuS, der sich im wesentlichen auf ein groß angelegtes Bild der auhenpolittschen Lage beschränkt habe, nur hier und da matte Lichte einer persönlichen Stellungnahme aufsetz«. Die „Deutsche Tageszeitung" nennt die Rede nicht warm, nicht kalt. Das Blatt vermißt insbesondere eine entschiedene Warnung an Polen, begrüßt dagegen, daß nach langer Zeit erneut die Kriegsschuldfrage angeschnitten wird, allerdings wäre eine neue eindmcksvolle Regierungserklärung wirkungsvoller gewesen. Die „Dörsenzeitung" gibt dem Verständnis für die Erregung der Rechts- oppositton Ausdruck, bezweifelt aber, ob der Auszug aus dem Reichstag opportum im Interesse von Wählerschaft und Ratton sei. Die hohe Mission der nationalen Opposition sei, im Parlament den Willen ihrer Wähler Ausdruck zu geben. Die „Deutsche Tageszeitung" befurchtet, daß nunmehr die Landwirtschaft noch stärker als bisher von dem guten oder schlechten Willen der Reichsregierung abhängig sein werde.
Die Pariser Prefle.
Die Rede des Reichsaußenmimsters Dr. EurtiuS wird von den Pariser Blättern je nach ihrer politischen Einstellung verschieden beurteilt. Während die natio*
Nach dem Ausmarsch der Rechtsopposition erteilte Präsident L ö o e sofort dem Reichs- außenmiuister das Wort.
Reichsaußenminister Dr. Curtius leitete dann die außenpolitische Aussprache ein. Er beginnt mit der Besprechung der Verhandlungen des Studienausschusses für europäische Zusammenarbeit. Den breitesten Raum nahmen m diesen Verhandlungen die Wirtschaftsbera- tungen ein. Es ist erforderlich. Ordnung auf einzelnen Gebieten der Wirttchasi zu schaffen und regionale Austausch- und Ausqleichlösun- gen zu fördern. Die bisherige Behandlung des weitreichenden Problems einer eure« päischenllnionist begreiflicherweise über tastende Versuche noch nicht hinausgekommen.
nalisttsche Presse besondere Wert auf die verschiedenen Vorbehalte und Redisions- andeutungen legt, unterstreichen die linksgerichteten Blätter den ehrlichen Willen Deuttchlands, an einer Befriedung Europas mitzuarbeiten. An der Spitze der An- zufttedenen steht wie immer das „Echo de Paris", das aus den Ausführungen Dr. Curtius' die Schlußfolgerung zieht, Deutschland setze den leidenschaftlichen Re- vanchektteg fort (!). Die Methoden, die es dabei anwende, bestünden dann, sich so lange wie möglich des Völkerbundes zu bedienen und erst dann zu anderen Mitteln zu greifen, wenn diese Hilfsquelle vollkommen erschöpft sei. Dttand sei schlecht für seine Bemühungen belohnt, Deutschland die Gewährung des Bankkredits zu ermöglichen. T^r „Figaro" sieht in den Erklärungen Dr. Curtius' ebenfalls die Forderung auf absolute Gleichheit auf allen Gebieten. Diese Rede verlange eine Antwort und es sei zu wünschen, daß sie ebenso klar und unzweideutig werde, tote die Forderung, die Reichsaußenminister Dr. Curtius gefteHt habe. Der „Petit Parisi en" unterstreicht, daß die Rede Dr. Curtius' zwar nichts Reues enthalte, sie zeichne sich jedoch durch den besonderen DacWruck aus, den der Reichsaußenminister auf die einzelnen Forderungen legt, und der sicherlich nicht geeignet sei, die deutsch-französischen Beziehungen zu fördern.
Di« Londoner Prefle.
Die englischen Blätter legen in ihrer Stellungnahme zur Rede des Reichsaußenministers besonderen Wert auf die Bemerkungen, die er über O sta f rik a gemacht hat. „Daily Telegr aph" sagt, Dr. Curtius habe im allgemeinen nichts Reues zu sagen gehabt. Seine Rede hätte lediglich eine Reihe von Grundsätzen wiederholt, die schon vielfach von ihm und seinen Vorgängern geäußert worden seien. Auch die Angriffe auf die btttische Politik in Ostafnka seien nur eine Wiederholung abgedroschener Phrasen gewesen. Besonders eingehend berichten die Blätter über den Auszug der Rationalsozialisten aus dem Reichstag. Der „Daily H e r a I ö“ vertritt die Auffassung, daß sich dadurch für Brüning die Aussichten gebessett hätten, den Haushalt auf parlamentarischem Wege zu erledigen. Die „Times" bemerken, Dr. Curtius hab« auf diese Weise die Freude gehabt, seine Rede ohne Unterbrechung halten zu können.
Das Erfordernis umfassendster Solidarität stellt sich einem immer wieder vor Augen, wenn man die Gesamtheit der großen europäischen Fragen siebt. Diese Aufgaben können nicht von einzelnen Völkern und können nicht mit den Mitteln der Vorkriegszeit gelöst werden. Wir stehen vor neuen Problemen, vor der Schaffung einer. neuen Rechts- und Friedensorganisation, die au» fettige Zusammenarbeit erfordert.
Der Angelpunkt btt großen europäisch«« Fragen ist das deutsch-französisch« Ver» hältnis.
Es wäre verhängnisvoll für das Schicksal Europas .wenn sich nicht auch jenseits des Rheines die Erkenntnis der Ursachen durchsetzte, die letzten Endes die heutige Situation in Europa herbeigeführt haben. Wir sind durchdrungen von der Ueberzeugung, daß em neues Gemeinschaftsgefühl im Werden ist. Wir wollen aber nicht, daß das neue Europa auf der Grundlage unteres schwersten Niederbruchs aufgebant wird. Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß wir uns mit dem französischen Volk auf diesem Wege zusammenffnden werden. Der Mmrster geht dann auf die
Abrüstungsfrag«
ent, die im Völkerbund eine bedeutsame Rolle gespielt habe. Nach der ganzen Haltung der deutschen Vertretung. in der Vorbereitenden Abrüstungskommission war es selbstverständlich, daß wir das Ergebnis der Arbeiten dieser Kommission ablehnten. Der endgültige Termin für die Abrüstungskonfe- renz ist jetzt endlich festgesetzt.
Die Personenfragen sind noch offengelassen. Die weiteren Verhandlungen darüber müssen von dem Grundsatz getragen sein, daß m der Führung der Konferenz völlige Unparteilichkeit gewahrt bleibt. Die Größe der Aufgabe der Abrüstungskonferenz wird die Politik aller Staaten m der nächsten Zukunft entscheidend beeinflussen. Für uns ist entscheidend, daß wir emen klaren Rechtsanspruch auf Durchführung der allgemeinen Abrüstung, haben und daß wir uns mit einer noch längeren Verzögerung der (Erfüllung dieses Anspruches nicht abfinden werden. Wir verlangen denselben Grad von Sicherheit, den die anderen Staaten für sich in Anspruch nehmen. Der Ausgleich des Rüstungsunterschiedes stellt nicht nur eine vertragliche Verpflichtung dar, sondern ist unabweisbar notwendig, um Ruhe und Sicherheit in Europa zu schaffen. Für alle Welt ist die Lösung der Abrüstungsfrage der Prüfstein des Völkerbundes.
3m Mittelpunkt der Tagung des Völker- bundsrates stand die Behandlung der
polnischen Gewalttat«« gegen bte deutsche Minderheit.
Es war das erste Mal, daß eine Ratsmacht von sich aus die Aufmerksamkeit des Völkerbundsrates auf eine Verletzung der Minderheitenschutzbestimmungen gelenkt hat. Der I Sachverhalt lag so klar, daß eine Beweis- I aufnahme nicht erforderlich war und der Rat zu einer sofortigen Entscheidung kam. Mit klaren Worten stellt der Bericht fest, daß m zahlreichen Fällen eine Verletzung dieser Bestimmungen der Genfer Konvention vorliegt. Es ist für die Geschichte des Minderheitenschutzes von besonderer Bedeutung, daß die Feststellung von Vertragsverletzungen durch eine dem Voller« bundsrat angehörende Macht in aller Deutlichkeit erfolgt ist und daß der Völkerbundsrat eine Ratsmacht so eindringlich aufgefor- bert hat. die vorhandenen Miß st an de zu beheben. Daran ändern nichts gewisse Erllärungen im Auswärtigen Ausguß des Senats m Warschau, die vergeblich zu beschönigen versuchen. In der Möglichkeit der Nachprüfung der Berichte der polnischen Regierung bei der Maitagung liegt die wichtigste Garantie, die uns und den Minderheiten gegeben ist.
Wir werd«« bas Ergebnis genau prüfe« anb behalten «ns vor, die notwendigen
Das Urteil der Presse
_ Paris erkennt Revisionsgründe nicht an