Sonnabend, den t.Mrum ISA
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Anzeiger der amtliche« Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Lebhafte Aussprache im Reichstag
Heute folgen die Abstimmungen - Die Opposition will die Aenderung der Geschäftsordnung verhindern
Zur Vorbereitung der heutigen Verhandlung über die G e s ch ä f t s o r d - nungsresorm haben die National- foziallsten, wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" berichtet, gestern eine Besprechung abgehalten, die sich bis in die späten Abendstunden ausdehnte. Wie das Blatt erfährt, wollen die Oppositionsparteien gemeinsam versuchen, die Beschluß- unfähigkeit des Reichstages herbei- zuführen, um das Zustandekommen der Reform vorläufig zu verhindern. Nationalsozialisten und Deutschnationale wollen bei allen Anträgen, auch bei den zahlreichen Anträgen auf Aufhebung der Immunität einzelner Abgeordneter, namentliche Abstimmung verlangen, um durch die dann notwendig werdenden etwa 100 namentlichen Abstimmungen die Mehrheitsparteien zum Abbrecben der Beratungen zu veranlassen. Die beiden Rechtsparteien hoffen dabei aus die Unterstützung der Kommunisten.
Die hinter der Regieruna stehenden Parteien bereiten, wie das Matt weiter erfährt, Gegenmaßnahmen vor, um unter allen Umständen zu versuchen, sämtliche Anträge zur Genehmigung von Strafverfolgungen sowie die Aenderungen der Geschäftsordnung heute zu verabschieden.
Die gestrige Sitzung
Berkin, 6. gebt. Reichstagspräsident Ebbe eröffnete die Reichstagssitzung um 3 Uhr.
In der Fortsetzung der zweiten Beratung des Haushalts des Reichsministeriums, des Reichskanzlers und der Reichskanzlei nahm heute der Abg. Dr. Stolper <Dt. Staatspt.) das Wort. Entscheidend für die weitere Gestaltung unserer polstischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sei es, daß dieser Etat nicht nur eine Mehrheit, sondern eine g-rohe Mehrheit findet. Die Abstimmung über diesen Etat müsse das Vertrauen des deutschen Volkes und der Well zu Deutschland bekunden.
Erfreulich ist die Zusage des Kanzlers, dah die Regierung sich um weitere Ersparnisse bemühen will. Die deutsche Krise ist nicht auf die Weltwirtschaftskrise allein zurückzuführen, denn sie ist schon vorher ausgebrochen. Wir werden deshalb von der Weltwittschastskrife mehr betroffen, weil wir auf ausländische Kredtte angewiesen sind. Wir haben mit dem Aufbau der deutschen Wirtschaft erst 1924 nach der Instation beginnen können. Der ungeheure Zustrom ausländischen Kapitals hat uns zu einer Ueberschätzung unserer Verhältnisse ge- führt. Wir hatten mehr Kredit ausgenommen, als einer so komplizietten Wirtschaft wie der deutschen angemessen war.
Als Anfang 1928 der Zustrom des Auslandskapitals stockte, da begann die deutsche Wirtschaftskrise. Da merkten wir, dah wir bisher übet unsere Verhältnisse gelebt hatten, da begannen wir mit der Korrekt«.
Diese Korretturbewegung ist aber unterbrochen worden durch die Weltwirtschaftskrise. Mtt dem monotonen Hinweis der Nationalsozialisten auf die Tributlasten ist gar nichts getan. Wir sind ja feit 1918 ununterbrochen mit der Revidierung unserer Tribut- loiten beschäftigt. Mit ihren unmöglichen Rezepten gegen Zinsknechtschaft haben die Nationalsozialisten jetzt Sukkurs erhalten durch Geheimrat Hugenberg mll seinen Helfferich-Markplänen. Es ist erstaunlich, dah ein Mann, der immerhin einmal im Kruppkonzert eine führende Stellung hatte, diese unverständigen Dinge Vorbringen und doch noch in feinen Kreisen als wirtschaftliche Autorität gellen kann. Wir haben viele Arbeitslose, aber unsere Arbeitslosen leben besser als die so wjetru ssij ch en Arbeiter. ((Erneuter Lärm bei den Kommunisten.) Wir begrüben die Ostbllfe. aber
sie wird ebenso wie die Minderung der Ar- bettslosigkell nicht durchführbar sein ohne die Senkung des Zinsfuhes durch Rückkehr des geflüchteten deutschen Kapitals und des Auslandskapitals, ohne das Bcrttauen des deutschen Volkes zu sich selbst und ohne das Vertrauen der Welt zu Deutschland. Seien Sie weiter stark, Herr Reichskanzler, und handeln Sie, das Vertrauen der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes wird Ihnen sicher sein.
Abg. Dr. Neubauer (Komm.): Der Hymnus des Abg. Dr. Stolper auf das kapitalistische System wird durch die eine Tatsache gekennzeichnet, dah dieses System uns Millionen Arbettslose gebracht hat. Die Führer dieses Systems glauben an den Goldmacher Tausend. Die prominenten kapita
listischen Führer wie von Stauh, Schacht und Fritz Thyssen klatschen den Nationalsozialisten Beifall. Für dieses System setzt sich Dr. Stolper ein. Wir wissen ja, von wem er unterstützt wird. (Abg. Dr. Stolper ruft erregt: Bitte, werden Sie deutlicher, nennen Sie Namen!) Für wessen Interesse stehen Sie hier im Reichstag? Spielen Sie doch nicht den Biedermann, wo jeder weih, dah Sie hier die Interessen des deutschen Aus- beutertums zu vertreten haben. Dr. Neubauer richtet dann heftige Angriffe gegen dieSozialdemokraten und erhält wegen besonders scharfer Ausdrücke zweiOrd- nungsrufe. »
Abg. Joos (Ztr.): Wir haben zwar oer- schiedene Redner der Opposition gehört, ober wir haben aus den Oppositionsreden keinen
Kein Geld demKriegsgegner!
Opposition gegen die Anleihepläne der ftanzösischenRegierung
ft Paris, 7. Febr. Die Ankündigung von der Auflegung einer deut, scheu Anleihe in Paris hat am Freitag i« de« Wandelgängen der Kammer zu lebhaften Auseinandersetzungen geführt, die schließlich bis zum Finanzausschuß der Kammer vordrangen. Der rechtsradikale Abgeordnete Mandel »er, langte, daß der Finanzminister sich vor dem Ausschuß über die Kreditgewährung an Deutschland äußere, da sie mtt Genehmigung de, französischen Regierung erfolge. Im auswärtige« Ausschuß der Kammer legte der Abgeordnete Franklin Bouillon Verwahrung gege, die Eröffnung eines Kredites an die ehemaligen Feinde Frank- re i ch s e i u. Ex kündigte ferner an. daß er die Regierung am Dienstag oder Mittwoch in der Kammer interpelliere« werde.
In den Wandelgängen der Kammer erklärte man in den späten Abendstunden, daß es zwischen dem Finanzminister und dem Ministerpräsidenten zu einer Meinungsverschiedenheit gekommen sei. Laval habe dem Finanzminifter Flandin
den Vorwurf gemacht, der Kreditgewährung stattgegeben zu haben, ohne vorher dem Ministerrat darüber Bericht zu erstatten. Es scheint sich hierbei jedoch in erster Linie um ein politisches Manöver der Kartellisten zu handeln, denn der Ministerpräsident erklärte wenig später, daß im Schoße des Kabinetts volle Einigkeit bestehe und daß der Finanzminister die Angelegenheit vor dem Finanzausschuß der Kammer eingehend behandeln und erfiären werde.
Frühere Separatisten wegen Hochverrates verhaftet.
Ludwigshafen, 6. Febr. Wie wir erfahren, sind gestern in Kaiserslautern und in anderen pfälzischen Städten zahlreiche Verhaftungen ehemaliger Separatisten wegen Vorbereitung zum Hochverrat erfolgt. Es handelt sich um das Wiederaufleben der alten separatistischen Ziele auf Lostrennung der Pfalz oom Meid). Es ist erwiesen, daß die Verhafteten mit einer französischen Zen- ttalstelle in Metz seit langem in Verbindung standen. Das bisher sichergestellte Material ist dem Oberreichsanwalt übergeben worden. Die umfangreichen Erhebungen sind noch nicht abgeschlossen.
neuen Gedanken gehört, nicht einmal ein neues Schimpfwort. Jeder einfache Mann aus »der Arbeiterschaft könnte Goebbels ein ein Kolleg über Volkswirtschaft lesen. (Lärm b. d. Natsoz. Abg. Heines (Nat.-Soz.) erhält wegen eines unparlamentarischen Zurufes einen Ordnungsruf). Reichskanzer Dr. Brüning hat mit feiner nüchternen, zielklaren Politik das Vertrauen der gesund empfindenden Mehrheit des Volkes für sich. (Lärm b. d. Natsoz. Präsident Löbe ersucht die Na- ttonalsoziaiisten wiederholt um Ruhe und droht im anderen Falle schärfere Ordnungs- mabnahmen an). Das Volk ist dem Reichskanzler dankbar dafür, datz er Deutschland bewahren will vor dem Regiment von Dilettanten. Ein Gesinnungsfreund von Hugenberg, ein anderer politischer Experimentator, will sogar die Rheinprovinz opfern, um das übrige Deutschland zu retten. (Lärm rechts und Rufe: „Wer ist das?") Das ist Thyssen. (Hött, hött und Unruhe). Der deutschnationale Abg. Dr. Döhring leidet an einer unheilbaren Sache, an dem antirömischen Affekt. Das deutsche Volk wird sich • von niemand mehr konfessionell gegeneinander Hetzen lassen. (Lärm rechts und Rufe: „Ihr seid doch die konfessionellen Klassenkämpfer.“ Präsident Löbe erteilt verschiedene Ord
nungsrufe). Abg. Joos schließt mit den Motten: Es gibt auch einen politischen Hochmut,dervordemFallekommt. Das werden die Nattonalsozialisten bald erfahren. (Lebhafter Beifall im Zentrum).
Abg. Dingeldey (Deutsche Dolkspartei): Ich begrüße es, daß durch die falschen Gerüchte über Staatsstreichabsüchten unserer Pattei die Debatte in Fluß gebracht worden ist über die Frage, ob nicht durch Abkehr von einem überspitzten Parlamentarismus nach besseren Auswegen aus der jetzigen Krise gesucht werden könnte. Das Versagen des Parlaments wird erst lebensgefährlich, wenn die verantwortlichen Staatslenker daraus keine Folgerungen ziehen. Wir freuen uns der Erklärung des Reichskanzlers, daß er den Etat mit parlamentarischen Mitteln verabschieden will.
Wir richtet ober an die Regierung die Mahnung, sich nun auch der Möglichkeiten bewutzt zu sein, die die Verfassung der Staatsführung in die Hand gibt, falls das Parlament vor einer so entscheidenden Aufgabe versagen sollte.
Der geschichtstreue Mensch, den Dr. Döhring gestern als bas Ideal hinstellte, ist doch nicht der, der immer nur nach rückwärts blickt. Die deutsche Wittschastskttse ist, wenn nicht
verursacht, so mindestens verschärft durch bas Unverständnis unserer ausländischen Vertragsgegner. Wir kämpfen gegen die drückende Last dieser 'Verträge, aber dieser Kampf ist schwer, und sein Erfolg leidet darunter, wenn wir unsere ganze Energie in den Dienst der Aufgabe stellen, den Schuldigen unter uns zu suchen.
Das ist der groß« Fehler der Nationalsozialisten. Ihr« Bewegung, die durch eine gewaltige Gefühlswelle in die Höhe gehoben worden ist, wttd ihre Bewährung erst dann beweisen können, wenn es ihr gelingt, die Gefühlswette, denen sie ihren Aufschwung verdau«, umzuschmelzen zu wirllich staatspolitischen Wetten.
(Lachen bei den Nattonalsozialisten.) Wenn Sie die Macht haben wollen, dann müssen Sie vorher dem deutschen Volke sagen, wie Sie die Sache zu machen gedenken. Das dritte Reich ist ein nebelhafter Begriff. (Rufe von den Nattonalsozia« listen: „'Sie haben sich zu verantworten, Sie stehen hier als Angeklagter mit Ihrem System!") Ich lehne es rundweg ab, mich auf die Anklagebank führen zu lassen, Die nattonassozialisttsche Bewegung ist zu stark geworden, als daß sie sich länger den unerhörten Goebbels-Satz leisten könnte: „Was wir tun, wenn wir die Macht haben, geht niemand etwas an!" Wir freuen uns der Versicherung des Reichskanzlers, daß er weitere Ersparnisse machen will.
Reich und Stmtt können sich eine Schul- denVermehrung und Steuervermehrung nicht leiste«.
Die Ersparnisse sind möglich, ohne baß die Rechtstitel der Beamtenschaft und die Üitdi anderer Personalbezüge aufs neue berührt werden müssen. Der furchtbaren Arbeitslosigkeit können wir nur begegnen durch em Zusammenwirken der schaffenden Kräfte unseres Volkes. Wir brauchen einen wirtschaftlichen Generalstab, der sich zusammensetzt aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern und gestützt wird durch die führende Hand der Reichsregierung.
Das kapttalittische System hat sich im letzten Jahrhundert durchaus bewähtt, «ährend der Soziasismus beim Ausbruch des Krieges und bei seiner Beendigung vollkommen versagt hat.
Wtt brauchen wittschastlich em klares Entweder-Oder. Die Finanzreform ist notwendig, nicht damtt wtt mehr Geld zur Tribut- zahlung haben, sondern damtt bei den kommenden Verhandlungen über die Revision der Tributverpflichtungen die nötige innere Widerstandskraft bei uns vorhanden ist. Mtt banger Sorge blicken wtt auf das Vordringen gewisser Kräfte aus dem Moskauer Organisationszen- trum nach Deutschland. Wir sehen auch mtt Sorge auf die Entwicklung der Kulturpolitik in Preußen und fordern, daß auch der evangelischen Kirche em Vertrag gewährt werde, der ihr m Preußen die Gleichberechtigung mtt der katholischen Kirche gewähtt. Der Begriff der Mtttelpattei, den wir vertreten. hat seine Bewährung in der deutschen Geschichte ost genug bewiesen. Sie, zu den Nationalsozialisten, sollen diesen Nachweis für Ihre Bewegung erst erbringen.
Abg. Stöcker (Komm.) teilt mtt, daß sich seine Frattion jetzt nach Charlotten- burg begeben wird, um an der Beerdigung der beiden letzten „Opfer des Eöbbels- schen Mordfaschismus" zu beteiligen. (Präsident Löbe ersucht den Redner, Parteien des Hauses nicht derart zu beschuldigen. Lärm bei den Kommunisten, die alsdann den Saal verlassen.
Die Erllärung. die der Abg. Simpsen- börfer für den Christi, sozialen Volksdienst abgab, war im wesentlichen eine Vertrauenskundgebung für den Reichskanzler. Sie schloß auch mit der Ablehnung der Mißttauensanträge.
Auch die W i r t s ch a f t s p a r 1 e i. für die der Abg. M o 11 a t h sprach, begrüßte die Kanzlerrede und sprach nur das Bedauern