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Anzeiger für (bas frühere kurhessische) Oberhessen
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Marburg«. Lahn
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Anzeiger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Brüning vor dem Reichstag
Er fordert parlamentarische Erledigung des Etats - Wann kommt die Tributrevifion?
Berlin, 5. Febr. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Haushalts des Reichskanzlers und der Reichskanzlei in Verbindung mit dem nationalsozialistischen Antrag auf Reichstagsauflösung.
Abg. Stöcker (Stamm.) beantragt, mit der Etatsberatung die Beratung einer kommunistischen Interpellation zu verbinden, in der behauptet wird, von der Volkspartei und anderen Regierungsparteien sei in Verbindung mit Regierungsmitgliedern ein Staatsstreich geplant, durch den der Reichstag ausgeschaltet und eine Nationalversammlung einberufen werden Tolle.
Präsident Löbe weist darauf hin, daß die Interpellation zu spät eingegangen sei. um heute behandelt zu werden.
Abg. Stöcker (Stamm.): Sie kann sofort behandelt werden, wenn der Reichskanzler sich zur Beantwortung bereit erklärt. (Reichskanzler Dr. Brüning ruft: „I ch bin bereit!")
Präsident flöhe: Der Herr Reichskanzler hat sich zur sofortigen Beantwortung bereit erklärt (Heiterkeit).
Mit der Beratung find weiter verbunden Mißtrauensanträge der Nationalsozialisten und Stornrnunisten.
Reichskanzler Dr. Brüning
eröffnet die Aussprache. Der Kanzler wird von den Stornrnunisten mit Rieder-Rufen empfangen. Er erklärt, daß angesichts der heutigen Strise in Wirtschaft und Politik die parlamentarische Erledigung des Etats eine Frage ersten Ranges sei. Sicherlich ist die Strise zum großen Teil bedingt durch weltwirtschaftliche Einwirkungen.
Sie ist aber auch bedingt durch eine Strise des Vertrauens in die Stabilität der deutschen Politik und Wirtschaft. Es ist entscheidend für die zukünftige Entwicklung. daß der Etat auf normalem parlamentarischem Wege verabschiedet wird.
(Zuruf der Stornrnunisten: Was für ein Etat?) Der vorliegende! (Grosze Heiterkeit.) Ich kann darauf Hinweisen, dah kaum jemals so frühzeitig wie in diesem Jahre der Etat dem Reichsrat und Reichstag vorgelegt worden ist. Mein Appell ergeht an den Reichstag, alles daran zu setzen, um in parlamentarischer Verabschiedung dem Etat bis zum 31. März Gesetzeskraft zu verleihen. Das Ausland blickt mit grobem Interesse auf die Beratung dieses Etats und auf die Art seiner Verabschiedung.
Auf die Interpellation des Abg. Stöcker kann ich sofort antworten, dah die Reichs- regierung solchen Diktatarplänen, wenn sie überhaupt bestehen sollten, restlos ablehnend gegenübersteht.
(Unruhe bei den Stornrnunisten.) Der beste Beweis dafür ist die Tatsache, dah die Reichsregierung ja gerade den größten Wert darauf legt, daß der Haushalt parlamentarisch verabschiedet wird. Die Reichs- regierung hat in der Vergangenheit wiederholt vom Artikel 48 der Reichsoerfassnng Gebrauch gemacht. Es ist n i ch t i h r e A b- sicht, bei der Verabschiedung des Etats von dem gleichen verfassungsmäßigen Mittel Gebrauch zu machen. Bei gutem Willen und vollem Verantwor- tungsbewußtsein des Parlaments muß die rechtzeitige parlamentarische Verabschiedung des Etats möglich sein.
Die Regierung legt darauf umso mehr Wert, weil vielfach im Auslonde von den Möglichkeiten und dem Ausmaß des Artikels 48 falsche Vorstellungen herrschen (Gelächter bei den Kommunisten), die von deutschen Oppositionsparteien noch genährt werden. Der vorliegende Etat ist aufgebaut auf äußerster Sparsamkeit (Rufe bei den Stommunisten: „Nicht bei der Reichswehr!") und vorsichtiger Schätzung der Einnahmen.
Die Reichsregierung ist entschlossen, im Falle weiterer Mindererträgnisse bei gewisse« Einnahmeansätzen die Ausfälle
sein, daß die Reichsregierung ihren Weg zur sicheren Fundamentierung des Haushaltes weitergehen will.
Dieser Weg ist auch der sicherste für eine baldige Lösung der Reparationsfrage. (Gelächter rechts.) Die Reichsregierung ist sich mit allen Streifen der Bevölkerung darüber einig, dah die Reparations- wie ein düsterer Schatten über dem ganzen deutschen Volke und über allen Ret- tungsmahnahmen liegt.
Die rhetorischen Lösungen der Reparationsfrage sind nicht geneigt, der Reichsregierung eine Stärkung bei ihren vorbereitenden Maßnahmen zu geben. (Zustimmung in der
nicht durch neue Steuern oder Vermehrung der Schulden zu decken, sondern nur durch eine weitere Senkung der Ausgaben und Ersparnisse.
Die Reichsregierung befindet sich in dieser Frage in Uederernstimmung mit den Forderungen einiger Reichstagsparteien, auch der Deutschen Volkspartei. (Zurufe links: Dingeldey aufstehen! — Heiterkeit.) Die Regierung erbittet die Ermächtigung, im Laufe des Etatsjahrcs weitere Ersparnisse zu machen (Gelächter rechts). Solche Ersparnisse werden namentlich nach Durchführung gewisser Reformen in der Verwaltung möglich sein. Die Ermächtigung soll für In- und Ausland eine Garantie
Das Stahlhelm-Volksbegehren
Zustimmung der bürgerlichen Parteien
B e r l i «7*8. Feb. Bon der DeutHeu Landvofkpartei ist eine Einleitung des Volksbegehrens auf Auflösung des Pr«<- ßischen Landtags folgende parteiamtliche Erklärung abgegeben worden:
Das Deutsche Landvolk (Christl. - Rat. Bauern- «nd Landvolkpartei) wird das Volksbegehren auf Auflösung des Preußi- schen Landtages mit größtem Nachdruck unterstützen, weil die jetzige Zusammensetzung deg Preußischen Landtages keineswegs rnehx de« Willen be6 preußischen Volkes entkpricht, und weil es vor allem auch das Bestreben der Landvolkpartei ist, di« Macht der Sozialdemokratie in Preu» ßen zu beseitigen, die die Belange des deutschen Landvolkes nicht geitii-rCnb gewahrt und die znr Wiederherstellung drr Rentabilität der Landwirtschaft bisher eingeleitetcn Maßnahmen zum Teil verhindert hat.
Die Haltung bet Volkspartei zum Volksbegehren.
Von volksparteilicher Seite wird dem „B ö r s e n - C o u r i e r" zufolge zum Stahlhelmvolksbegehren erklärt, daß die Deutsche Volkspartei RA offiziell mit dem Volksbegehren einstweilen nicht beschäftigen wird.
Die Volkspartei hat umso weniger Anlaß, stch mit der Frage offiziell zu befassen, als Re nicht zur Beteiligung aufgefordert worden ist. Da das Auflösungsbegebren des Stahlhelms stch aber politischer Polemik enthält, bestebt für die Deutsche Volkspartei schon angestchts ihrer grundsätzlichen Opposition gegen die preußische Negierung auch keine Veranlassung,esabzulehnen. Siestimmt der Auflösungsforderung grundsätzlich zu.
Nationalsozialisten unp Volksbegehren.
Der „Rote Adler", das Organ der Nationalsozialisten für die Mark Brandenburg meldet: Unser Schriftleiter hat Gelegenheit gehabt, den Dorsttzenden unserer Landtagsgruppe, Parteigenossen Wilhelm K u b e, über die Stellungnahme unserer Abgeordneten zu dem Volksbegehren des Stahlhelms zu befragen. Parteigenosse Wilhelm Kube erklärt, daß wir Nationalsozialisten alle Mittel und Wege benutzen wollen, um diesem System (natürlich auf legalem Wege!) eine Ende zu machen. Wir werden uns deshalb auch in diesem Kampf um die Durchführung des
Volksbegehrens an die Spitze stellen und als größte nationale Partei Deutschlands mit aller Macht für das Volksbegehren eintreten. Wir Nationalsozialisten erklären, daß wir den Kampf um Preußen führen wollen, weil wir wissen, daß eine Partei, die Preußen hat, Deutschland hat.
Die Deutschnationale Volkspartei.
Die deutschnationale Pressestelle teilt mit: Das vom Stahlbelm eingereichte Volksbegehren zur Auflösung des Vreu- stifchen Landtages entspricht der Stimmung einer überwiegenden Mehrheit des Volkes. Daß die Deutschnationale Volks, nartei bei diesem Volksbeqebren an der Seite des Stahlhelms steht, ist anaestchts der Haltung selbstverständlich, die sie bei den schweren politischen Entscheidunaen der letzten 1U. Iabre eingenommen bat. Die Preußenfraae ist von ibr immer von neuem als der Angelnunkt der volitilchen Entwicklung in den Vordergrund gestellt worden. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß die gegen das heutige preußische System gerichtete Stimmung bei Landtagswahlen einen überwältigenden Ausdruck finden wird.
Stellungnahme der Wirtschaftspartei.
Berlin. 5. Febr. Die Landtagsfraktion der Wirtschaftsvartei erklärt dem Nachrichtenbüro des Vdz.:
Die Wirtschaftspartei hat als erste nach den Reichstagswahlen die Auflösung des Preußischen Landtages gefordert, um der Stimme des Volkes Gebö: zu verschaffen. Ihre grundsätzliche Haltung liegt damit fest. Der Antrag des Stahlhelms auf ein Volksbegehren ist ihr jedoch lediglich aus der Prelle bekannt geworden. Eine vorherige Fühlungnahme mit ihr ist nicht erfolgt. Infolgedessen behält sich die Wirt- schaftsvartei ihre Stellungnahme bis nach näherer Prüfung der Zweckmäßigkeit vor. Das preußische Innenministerium prüft.
Der vom Stahlhelm beim preußischen Innenministerium eingereichte Antrag auf Einleitung eines Volksbegehrens zur Auflösung des Preußischen Landtages wird zur Zeit von den Rechtssachverstän- digen des Innenministeriums geprüft. Obwohl die Prüfung des Antrages noch nicht endgülttg abgeschlossen ist. ist matt an zuständiger preußischer Stelle schon jetzt der Aufassung, daß der Antrag im allgemeinen den Vorschriften entspricht. Ein Zweifel könne vielleicht nur darüber bestehen, ob die laut Eesetzesvorschrift beizubringenden Unterschriften noch nachgeleistet werden müssen.
Mitte.) Es ist bedauerlich, daß im Auslände die Erkenntnis nicht wächst, daß Deutschland manche wittschaftspolittschen Maßnahmen tteffen muß, die im Auslande unangenehm empfunden werden, um überhaupt Reparationen bezahlen zu können. Wir müssen uns die Freiheit nehmen, trotz aller handelspolitischen Ziele, die von der bisherigen Politik nicht abweichen, dafür zu orgen, daß wir die Reparationsleistungen, o lange eine andere Eesamtlösung nicht er- üllen, daß wir sie aus eigener Straft unter Stärkung der eigenen Landwirtschaft und Industrie leisten. Teillösungen, wenn sie mft für uns ungünstigen Bedingungen verknüpft sind, sind für die Reichsregierung unakzeptabel. Die Regierung ist vielmehr gesonnen, die gesamte Wirtschafts- und Finanzpolitik so aufzubauen, auf lange Sicht,
daß wir eine Gesamtlösung sicher vorbereiten können.
In den Dienst der Vorbereitung dieser Ee- samtlösung wird die Reichsregierung ihre ge- samte Straft stellen. 3m übrigen ist die Reichsregierung nicht gesonnen, sich das Tempo und den Zeitpuntt besonderer Schritte aus inn erp oIi ti sch en Gründen diktieren zu lassen. (Beifall bei der Mehrheit, Unruhe rechts.) Die Regierung wird sich nicht aus Popularitätsgründen in Situationen hineinmanövrieren lassen, aus denen nicht eine Besserung der Lage, sondern eine Schädigung des deutschen Volkes entstehen kann. (Beifall und Unruhe.) Wir sind fest entschlossen, zu diesem 'Standpunkt unter allen Umständen zu stehen. Wir nehmen gern die damit verbundene Unpopularität in Stauf, aber wir werden nicht die historische Verantwortung dafür tragen, daß wir in eine Situation hineinmanövriert werden, aus der für Deutschland keine Rettung und Verbesserung entsteht. In der nächsten Woche werden wir bei der außenpolitischen Debatte auf diese Dinge näher eingehen können. In den Verhandlungen, die wir in der letzten Woche mit Vertretern der Landwirtschaft geführt haben, ist es möglich gewesen, zu einer
Einigmig über einen Gesamtplan zur Rettung der Landwittschaft zu kommen.
(Lachen und Unruhe rechts). Es besteht llebereinstimmung darin, daß die Rettung der Landwirtschaft auf lange Sicht nicht allein auf die Zollmaßnahmen beruhen kann. (Abg. Torgler (Komm.): Wo bleibt der Gesamtplan zur Rettung der Arbeiterschaft?) Warten Sie nur, Herr Torgler, auf diese Frage werde ich auch noch kommen. Die Regierung wird in kürzester Frist dem Reichsrat und Reichstag die Maßnahmen vorlegen, die in gemeinsamer Beratung mit den berufenen Vertretern der Landwirtschaft als zweckmäßig erkannt worden sind. Diese Maßnahmen sollen aber keineswegs die Selbsthilfe, auf die es bei der Hilfe für die Landwirtschaft besonders ankommt, irgendwie ausschalten. Die Reichsregierung will mit diesen Maßnahmen in voller Uebereinstimmung mit der bekannten Kundgebung des Reichspräsidenten der Landwirtschaft helfen, und bei den Landwirten wieder Mut, Vertrauen und Glauben an die eigene Kraft erwecken. (Lachen rechts). Sie will allen Grenzgebieten Hilfe bringen, vor allem aber die dringend notwendige Hilfe für den deutschen Osten. Das war auch der B-weogrund, weshalb einige Mitglieder der Reichsregierung in Verbindung mit dem Reichsbankpräsidenten und dem Reichsbabnpräsidenten eine Studienreise nach dem Osten unternommen haben, um damit zum Ausdruck zu bringen. daß ebenso wie dem Westen auch dem bedrängten Osten geholfen werden soll.
Auch über das große Ostbllfegesetz ist zur Sttfnbe «ine restlose Einigung nahezu erzielt morden, und wir werden uns schon in der nächsten Woche gesetzgeberisch mit dieser Frage beschäftigen.
Die Schwierigkeit der Lösung ist deshalb so groß, weil die Meinung in der Landwirtschaft des Ostens selbst geteilt ist. Viele wollen keine Umschuldung, sondern eine Lastensenkung, und sie würden sich auch damit