Nr. 29
OrflHTHAe Rrthnig. 8R«r»nTg «. e. Mittwoch, bflt 4. Februar 1931
Sette 3
Ausuft v. Parseval
Su feinem 70. Geburtstage am Z Februar 1931
Die Anklage gegen den Massenmörder Süden
Wenn auch dem Prall-Luftschiff August v. Parsevals nicht ähnliche Erfolge beschie- den waren, wie sie das Starr-Luftschiff buchen kann, so braucht dem Erfinder beim Rückblick auf die Arbeit seines Lebens, dessen siebentes Jahrzehnt er am 5. Februar vollendet, durchaus nicht ein Gefühl des Bedauerns anzufallen, daß er feine geniale Schaffenskraft einer verlorenen Sache gewidmet hätte. Denn er kann, mögen immerhin die Luftschiffe seines Systems von den maßgebenden militärischen Stellen als den Anforderungen des Krieges nicht gewachsen angesehen werden, mit vollem Recht Ruhm für sich in Anspruch nehmen, ein durchaus brauchbares Luftschiff, das sich in zahlreichen Fahrten bestens bewährte, erdacht und erbaut zu haben. Außerdem hat seine andere Erfindung, der Drachenballon, vom Beginn des Krieges an bis zu dessen Ende in unveränderter Gestalt als wichtige Luftnachrichtenmittel gedient, dessen Bedeutung für die Ergänzung der Aufklärung durch Flugzeuge mit dem in rasendem Tempo fortschreitenden Ausbau dieser Luftwaffe nicht etwa nachließ, sondern, wie der immer zahlreichere Einsatz erkennen läßt, sich mit der Kriegsdauer erheblich steigerte. Die Ueberlegenheit des Drachenballons über die kugelförmigen Fesselballons, wie sie noch in der ersten Kriegszeit bei den Feinden in Gebrauch waren, veranlaßte diese, ebenfalls zum Drachenballon überzugehen.
August v. Parseval ist ein Sohn der Rheinpfalz. Seine Wiege stand in Frankenthal. Schon frühzeitig zum Militärdienst bestimmt, wurde er 1873 in die bayrische Pagerie, eine dem preußischen Kadettenkorps entsprechende Erziehungsanstalt, ausgenommen, die er 1878 verließ, um als Fähnrich in das 3. Bayrische Infanterie-Regiment einzutreten. Dort wurde er 1880 zum Leutnant befördert.
1889 begann die Beschäftigung mit Luftfahrtwagen. Ein zweifähriger Urlaub von 1890 bis 1892 zur Firma Riedinger in Augsburg sollte dem jungen Offizier eine Vertiefung seiner Kenntnisse und das Sammeln von Erfahrungen auf diesem Gebiete ermöglichen. Er fand dort als Mitarbeiter Bartsch von Sigsfeld, eine der genialsten Persönlichkeiten in der Luftfahrt.
_®ie ersten gemeinsamen Arbeiten ge- höxten nicht dem Ballon, sondern damals schon dem Flugzeug. Zwar war das auf diesem Gebiete Geschaffene nicht von Bestand und kann auch nicht als Anfangs- alied irgend einer Entwicklung gelten. Seine Konstruktion gewinnt aber gerade heute eine gewisie geschichtliche Bedeutung, da sie auf den gleichen Grundlagen beruhte wie die „Ente" von Focke-Wulf. Das achtzig Kilogramm schwere Flugzeug führt mit seinem Motor von vier Pferdestärken Sprünge bis zu 100 Meter Länge aus.
Erst im Anschluß an diese Arbeiten entstand der Drachenballon, besten großer Vorteil gegenüber dem Kugelfestelballon in der Dämvfung der Pendelung besteht. In der deutschen Armee wurde er schon 1897 eingeführt. Der Grundgedanke der Erfindung war der, einen Fesselballon von länglicher Form herzustellen, dessen Spitze gegen den Wind und schräg nach oben stellte, sodaß sich die Bauchseite diesem als Drachenfläche bot. Die notwendige Starrheit wurde dadurch erreicht, daß der Winddruck durch einen trichterförmigen Windfang in den Ballon geleitet wurde.
1902 begannen Parsevals Arbeiten auf dem Gebiet des Luftschiffbaues. Ihm kamen dabei die Erfahrungen, die er mit dem Drachenballon gemacht hatte, zugute, denn er übernahm dessen konstruktive Grundlagen für sein Luftschiff. Wurde der Drachenballon durch den Winddruck starr erhalten, so sah man beim Lenkballon dafür einen Ventilator vor, mit dessen Hilfe zwei Luftsäcke an den beiden Spitzen der zylindrischen Eashülle nach Bedarf unter Luftdruck gesetzt wurden. Dies war dann nötig, wenn das Luftschiff während der Fahrt Gas abblasen mußte, um die durch Brennstoffverbrauch oder Balastabgabe einqetretene Erleichterung auszugleichen. Die Luftsäcke dienten außerdem dazu, die Schräglage des Ballons, zu regeln. 1906 konnte beim Luftschifferbataillon in Berlin das erste Dersuchsschiff vorgeführt werden.
Im gleichen Jahre nahm Praseval, damals Major und Bataillonskommandeur, feinen Abschied. Das Schiff wurde 1907 von der auf Anregung Kaiser Wilhelms II. gegründeten Motorluftschiff-Studiengesell- schaft angekauft. Diese entwickelte das Luftschiff unter Leitung seines Erfinders weiter. Als es einen ausreichenden Grad von Betriebssicherheit erreicht hatte, wurde 1911 die „Luftfahrzeuggesellschaft^ gebildet, die Bau und Absatz aus geschäftliche Grundlage stellte. Als Käufer trat das
Ausland auf. Zm ganzen find 27 Prase- val-Luftschiffe entstanden.
Seit 1908 wirkt Praseval auch als Dozent an der Technischen Hochschule Berlin. Seine wissenschaftlichen Leistungen fanden daneben durch Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Erlangen und der Technischen Hochschule München Anerkennung. Seinem praktischen Wirken wurde sie durch den 1. Preis der Internationalen Luftfahrtausstellung zu Frankfurt a. M. im Jahre 1909 gezollt.
Schon diese Ehrungen zeugen von der Bedeutung des Lebenswerkes Prasevals, der auch heute noch tätig an der Lösung der Fragen der Luftfahrt teilnimmt. Möge daneben das Bewußtsein, als Pionier in aufopfernder, zäher Arbeit wesentlich dazu beigetragen zu haben, der Menschheit das Luftreich zu erschließen, sein treues Streben belohnen! Das ist unser Wunsch für seinen Lebensabend.
Hauptmann a. D. Dipl.Zng. Friedrich.
D
WM
Major Prof. Dr. August v. Parseval mit dem Modell eines seiner Luftschiffe
Zwei rote Dackel sehen aus Bankraub Eine tragikomische Betrussgeschichte
Dor . einem Berliner Schöffengericht spielte sich dieser Tage ein Prozeß ab, der eine höchst tragikomische Geschichte zum Stoff hatte. Da war ein wohlsituierter Kaufmann an die Riviera gereist, und weil ixrS Leben dort sehr kostspielig ist, so verausgabte er sich etwas, so daß er nicht in der Lage war, seiner Haushälterin in Berlin auf ihre Mahnung hin das Geld für die Miete zu senden. Auf seiner Reise hatte er sein Scheckbuch nicht mitgenommen, so daß die Abhebung von seiner Bank in Berlin nicht ganz leicht war. Er verfiel auf folgenden Ausweg. Er schrieb an seine Dank einen Brief, in dem er ihr mitteilte, daß seine Haushälterin eine besttmmte Summe Geldes abheben würde. Als Ausweis würde sie seine zwe^ roten Dackel vorzeigen. Dementsprechend instruiett er auch seine Hausangestellte. Als sie, wie ihr aufgettagen war, in die Dank kam, konnte ihr der Kassierer nur die Mitteilung machen, daß bereits einige Stunden vorher e i n junges Mädchen unter dem Hinweis auf zwei rote Dackel, die sie auch vorzeigte, das Geld abgehoben habe. Ein glatter Betrugsfall also, der im ersten j Augenblick sehr knifflich aussah. Die Polizei wußte sich aber zu helfen. Sie in- I
serierte in einer Zeitung, daß ein roter Dackel abhanden gekommen wäre und für seine Auffindung eine hohe Belohnungssumme ausgesetzt sei, die bei einer Frau T. abzuholen wäre. Die Polizei hatte stch nicht verrechnet, schon einen Tag nach Erscheinen des Inserates erschien 6et der Frau 3E ein Polierer mit einem roten Dackel. Der Mann wurde selbstverständlich zurückgehalten. Bei einer Haussuchung fand man einen zweiten roten Dackel. Die beiden vierbeinigen Dank- bettüger hatte man nun, nur der Täter selbst fehlte noch. Auch hier hatte die Polizei Erfolg. Bei einer Konfrontation stellte sich heraus, daß das Geld v o n d e r Braut des Polierers abgehoben worden war. Das Gericht verurteive das betrügerische Paar zu je einem Jahr Gefängnis. Die beiden Dackel wurden freigesprochen.
Nun bleibt nur noch die Frage offen, auf welche Weise die beiden Betrüger Kenntnis von dem Briefwechsel zwischen dem Kaufmann, der Dank und seiner Haushälterin erhalten hatten. Die Frage ist leicht zu beantworten. Die Braut des Polierers war nämlich Dienstmädchen im Hause des Kaufmanns und der Brief war ihr zufällig in die Hände geraten.
Düsseldorf, 3. Febr. Die Iustiz- pressestelle Düsseldorf teilt mit: 3n der Strafsache Kürten hat die Staatsanwaltschaft die Anllage erhoben und der Strafkammer in Düsseldorf zur Entscheidung über die Eröffnung des Hauptverfahrens zuge- lestet. Die Anllage umfaßt neun Morde, die an folgenden Personen begangen sind: Christine Klein, Rosa Ohliger, Rudolf Scheer, Maria Hahn, Luise Lenzen, Gertrud Hamacher, Ida Reuter, Elise Dörrier und Gertrud Mbermann. Die Anllage erstreckt sich wetter auf die Ueberfälle auf 5rau Kühn, Aenne Goldhausen, Frau Mantel, Heinrich Kornblum, Gertrud Schulte, Frau Meurer und Frau Wanders. 3n allen übrigen Fällen ist gemäß § 154 Strafprozeßordnung von der Erhebung der Anklage abgesehen worden. Zett und Ort der Hauptverhandlung sind noch nicht bestimmt
Woteft -er Deutschen Wirtschaft gegen -en Raub von DeutschHitasrtka
Führende Männer der deutschen Wirtschaft haben das deutsche Volk zu Kundgebungen aufgerufen, in denen gegen die von der englischen Regierung geplante Einverleibung Deutsch-Ostafrikas in das britische Kolonialreich Einspruch erhoben wird. Dieser Aufruf der deutschen Wirtschaftsführer hat eine von dem Arbeitsausschuß Deutscher Verbände und der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft organisierte Protestbewegung wachgerufen, in der das deutsche Volk in seiner übergroßen Mehrheit den entschlossenen Willen bekundete, gegen die Verletzung des Mandatssystems und die Mißachtung der Deutschland im Versailler Vertrag verbliebenen kolonialen Rechte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mittel zu kämpfen. Von dem Umfang und der Bedeutung dieser Protestbewegung legt eine von der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft besorgte Schrift Zeugnis ab, in der die Kundgebungen der Verbände eindrucksvoll zusammengefaßt sind. Die Schrift verdient besonders im Auslande ernsteste Beachtung. (Zu beziehen von der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft, Berlin W. 35, Am Karlsbad 10).
-------,
Es gibt keine giftigen Taveten
Der Tapeten - Fabrikanten - Verein e. D. teil tmit: Die aufsehenerregende Mitteilung von dem Vergiftungstod der Frau Prof. Fischer, Wien, infolge giftiger Tapeten hat inzwischen eine unzweideutige Widerlegung auch dadurch erfahren, daß das Staatliche Allgemeine Untersuchungsamt für Lebensrnittel, Wien IX, laut Attest eine genaue Untersuchung der Tapete hat vornehmen lassen, als deren Hauptergebnis am Schlüsse des Attestes vermerkt wird: „Vorliegende Tapete entspricht der Verordnung vom 10. November 1928, B. G. Bl. Nr. 321, und kann anstandslos zum Tapezieren von Wohn- bzw. Arbeitsräumen verwendet werden." Somit ist auch die Behauptung, daß Frau Prof. Fischer infolge giftiger Tapeten zugrundegegangen sei, ad absurdum geführt. Wie in diesem Falle, so konnte auch in allen anderen Fällen, in denen in den letzten 40 3ahren über Eeiundhettsschüdigungen durch arsenhaltige Tapeten geredet wurde, bisher nachgewiesen werden, daß die ursprünglich von den behandelnden Aerzten gestellten Diagnosen entweder irrig waren, oder daß die Vergiftungserscheinungen auf anderen Ursachen beruhten.
Akbergabe »es Aennchen- SeimahmiitmnS
Nm letzten Sonntag übernahm die Gemeinde Bad Godesberg in feierlicher Weihestunde von Fräulein Aennchen Schumacher, der weltbekannten Lindenwittin am Rhein, das durch einen schlichten Umbau erweitette Wohnhaus als Heimatmuseum. Anläßlich des vorjährigen 70. Geburtstages hatte Aennchen Schumacher o viel Anteilnahme aus der ganzen Well erfahren, daß sie beschlossen hatte, ihr Heim noch zu Lebzeiten chrer Vaterstadt zu übergeben mit der einzigen Desttmmung, daß sie darin bis an ihr Lebensende Wohnrecht behalte. Im Anbau hat sie alle die Erinnerungen, Zuschriften usw. in emsiger Arbeit im Laufe des letzten Jahres geordnet und zur Geltung gebracht. Aeber 30 Vereine mit ihren Fahnen hatten sich vor dem Häuschen am Fuße der Godesburg eingefunden, wo Bürgermeister Zander nach einem Gesamtvottrag das Wott ergriff. Er wies auf die einzigartige Stellung der Lindenwittin hin, die er als lebendiges Märchen, als perfonifiziette Poesie bezeichnete. Endlich überbrachte Kurt Jansen (Köln) die Grüße und Glückwünsche des Deutschen Scheffelbundes, des Städtischen Schillerbundes, der Künstlerecke, der historischen Scheffelherberge zu Singen am Hohentwiel, zu deren Mitglie
dern u. a. auch Reichspräsident von Hindenburg gehört, sowie der sieben durch Alteherrenschaft und Akttvität vertretenen studentischen Korporationen, deren Ehrenmitglied Aennchen Schumacher ist.
-----«t-----
Sonst un» »nüfiaft
= Kein Neuland im südlichen Eismeer ge- fMiben. Die norwegische antarktische Erpe- dmon hat, wie aus Oslo gemeldet wird, auf ihren Fahrten im südlichen Eismeer kein neues Land gefunden. Man will in der nächsten Saison mit Hilfe von norwegischen ohegern aufs neue versuchen, Neuland für Norwegen zu entdecken bzw. zu annektieren.
= Ausgrabungen bei Rom. Aus Rom wird gemeldet: Am Sttande bei Anzio wurden Reste römischer Bauten aus der Kaiserzett freigelegt, die zum TeK zum Hause Neros gehörten. 3n einer anderen alten römischen Villa wurden in der Nähe interessante Mosaiken, darunter eine Szene des Herkules entdeckt.
t = «us der Mustkwett. Ernst Toch hat soeben eine „Kleine Theater-Suite" für Orchester vollendet, die von Dr. Wilhelm Futtwängler am 5. Februar in Leipzig ur- aufgefühtt werden wird. — Die Balettsutte für Orchester von Hans Gal wurde in einem der Sinfonie-Konzette in Karlsruhe mit großem Erfolg aufgeführt. Nächste Auf- führungen: Mainz, M.-Eladbach, Wiesbaden, Braunschweig, Görlitz und Wien. — Monte v e r d i s „Orpheus", das berühmte und arunbleaenbe Overnwerk der Renaissance, er
fuhr kürzlich in der zeitgemäßen Neugestaltung Carl Orffs seine erste Konzettaufsüh- rung im großen Rahmen durch die Gesellschaft der Musikfreunde unter Robett Heger. Das Werk machte den allertiefsten Eindruck. — Das Berliner Philharmonische Orchester wird Hindemiths Ouvertüre „Neuesvom Tage" unter Dr. Furtwängler auf seiner diesjährigen Frühjahrs-Konzettreise durch England und Holland in sechs Städten zu Gehör bringen.
Nücherschau
** „D a s große Karlsbader Konditorbuch" von I. C. Mand, 266 Seiten, Preis Halbleinen geb. 3.50 Mk. Max Hesses Verlag, Berlin-Schöneberg.
Was bei diesem Buch zuerst überrascht, ist die große Reichhaltigkeit. Es umfaßt mit seinen mehr als 1100 Rezepten wohl alles, was an Kuchen, Torten, Süßspeisen, Weihnachtsgebäck usw. bekannt ist. Wie der Herausgeber im Vorwort sagt, hat er in mühevoller, zwanzigjähriger Arbeit die Rezepte gesammelt, zusammenge- stellt und so manches Geheimrezept alter österreichischer Konditorkunst hinzugefügt; namentlich eine Menge Marienbader und Karlsbader Originalrezepte, die bisher noch nirgends veröffentlicht wurden. Ein jeder wird das in dem Buche finden, was er sucht, und die Fülle guter Rezepte wird alle, die das große Karlsbader Konditor buch in die Hand nehmen, überraschen.