Dienstag, »en $.8tbniar 1931
«He .Oberh«sstsch« Zewmg' erscheint sechs«»! wöchentlich. Bezugspreis monatlich 2 LVGM.tms- schließl. Zustellungsgebühr, durch di« Post 2.45 SM. Mir etwa durch Streik. Maschiuendefett »der «le- tneuUtt Lreigntff« «usfallend« Nummern wird td» «rsa» geleistet. Verlag. Dr. 5. Httzrroth, Druck der Untv-Vuchdruckeret Zoh. Aug. Koch. Markt 21/23. Fernsprecher: Sir.54 uud Nr.55.' Postscheckkonto! Amt Frankfurt a. M. Rr. 6015. - Sprech,ett der Aedaktiou d»n 10—11 *»
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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Marburg a. Lahn
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Die Forderungen des Reichslandbundes
Die Vertreter der Provinzial- und Kreislandbünde stehen geschlossen hinter der Führung des Reichslandbundes
Der zehnte Reichslandbundtag wurde gestern mittag in Berlin im Zirkus Busch eröffnet. Er sprachen die Präsidenten des Bundes, Landwirt und Bürgermeister Lind, Mitglied des Reichstages, Eraf Kalckreuth und Bauernhofbesitzer B e t h g e. Zahlreiche dem Landbund nahestehende Abgeordnete wohnten der Tagung als Gäste in den Logen bei. Auch der ehemalige deutsche Kronprinz befand sich unter den Anwesenden. Dagegen waren keine Vertreter der Behörden erschienen, da Einladungen an die Behörden nicht ergangen waren. Auch Reichsminister Schiele hatte sich der Tagung ferngehalten. Das Hauptreferat hielt Eraf Kalckreuth.
I« alle« Reden kam eine entschiedene Stellungnahme gegen die Regierung Brüning in schärfster Form zum Ausdruck. Cs wurde auch mit besonder« Betonung an die Kampftage der Eaprivi-Zeit erinnert.
In agrarpvlitijcher Hinsicht wurde der Regierung zum Vorwurf gemacht, daß sie zum Teil nicht alle notwendigen Masinah- men ergriffen, zum Teil die ergriffenen Maßnahmen nicht in dem Maße ausgestaltet und gedrückt habe, wie es notwendig sei, um der Landwirtschaft wirksam zu helfen. Hinsichtlich der Zollpolitik wurde ihr zum Vorwurf gemacht, daß sie sich von den Einflüsien der am Export interessierten Industrie in allen Handelsvertragsfragen nicht freimachen können Zn poli- ttscher Beziehung wird scharfe Kritik daran geübt, daß die Regierung Brüning es nach den Worten des Grafen Kalckreuth nicht verstanden habe, nach den Wahlen zum 14. September die „stark auflodernde nationale Bewegung in ihrem nationalen Willen und ihrer Opferfreudigkeit für das Vaterland zu erfaßen, um in ihr eine Stütze für notwendige, aber zwangsläufige unpopuläre Eesundungsmaßnahmen zu suchen".
Als Aufgaben, die sofort der Lösung entgegengeführt werden müßten, bezeichnete Graf Kalckreuth:
1. Rettung der Landwirtschaft vor dem völligen Erliegen. Mit Lösung dieser Aufgabe werde auch die heute vordringlichst erscheinende Aufgabe, Wiedereinschaltung der fünf Millionen Arbeitsloser in den Produktionsprozeß, am meisten gefördert werden.
2. Befreiung der deutschen Wirtschaft vo« den F e s s e l n desdouug- planes.
S. A b b a n de, die Hälfte des Arbeitsverdienstes des deutschen Volkes auszehrenden Ausgaben der öffentlichen Hand.
4. Umstellung der gesamten sozialen Fürsorge aus ihrer heutigen Form, in der sie nicht nur einen Anreiz, sonder« geradezu in viele« Fällen einen Zwang zur Arbettsenthaltung bedeute.
Betont wurde, daß der Reichslandbund nach wir von außerhalb der politischen Parteien stehe.
Besonders beachtet dürften folgende Sätze im Schluß des Kalckreuth schen Referats werden:
Heute darf die neue Aufgabe der produktiven Umstellung und der systematischen Absatzregelung nur dann mit voller Kraft von der Landwirtschaft ausgenommen werden, wenn die geforderten Sicherheiten geboten find. Bis dahin aber heißt es.
äußerste Zurückhaltung wahren und unter Zurückstellung aller nicht unbedingt erforderlichen Aufgaben nur die eine Aufgabe zu sehen, den Betrieb in den nächste« Monaten nicht zum Erliegen kommen zu lassen. Deshalb wird auch jeder Landwirt, der seine Kreditmöglichkeiten erschöpft — und das dürfte heute die große Masse der Landwirte des Ostens sein — sich, ehe er sich der letzten Barmittel durch Steuerzahlung beraubt, die Frage vorlegen müßen: Kannst du dann auch noch die zur Fortführung deiner Wirtschaft notwendigen Barmittel aufbringen? Wenn nicht, dann ist es Pflicht jedes Landwirtes im Rah
men der gesetzlich zulässigen Mittel alles anzuwenden, um nicht durch Steuerzahlung sich der Mittel zur Erhaltung seines Betriebes zu begeben.
Die Versammlung faßte zum Schluß fol, gende Entschlietzuug: Die zur Kampftagung am 1. Februar 1931 zu Berlin versammelten Vertreter der Provinzial- «nd Kreislandbünde erklären, daß ste geschloßen hint« der Führung des Reichslandbundes stehen «nd erwarten, daß die Gesamtheit des Reichslandbnndes einmütig die Maßnahme« befolgt, deren Durchfüh-
Gegen die Opposition
Die Aenderung der Geschäftsordnung des Reichstages
In der gestrigen Besprechung über eine Reform der Geschäftsordnung des Reichstages, die der Reichskanzler im Beisein des Reichstagspräsidenten Lobe und des Vizepräsidenten Esser mit den Führern der hinter der Regierung stehenden Parteien fühtte, hat man sich, wie die „Vossische Zeitung" berichtet, zunächst auf vier Punkte geeinigt:
1. Die Behandlung von Vertäuens- und Mißtrauensanträgen wird grundsätzlich geändett durch die Feststellung, daß eine amtierende Regierung ohne weiteres das Vertrauen des Parlaments besitzt, wenn es ihr nicht ausdrücklich entzogen wird. Die grundlegende Aenderung kommt dadurch zum Ausdruck, daß künftig die Entziehung des Vertrauens ausgesprochen werden soll. Außerdem wird bestimmt, daß alle An- ttäge, die sich auf die Person eines Ministers oder des Kanzlers beziehen, nur in der Vollversammlung des Reichstages zulässig sind.
2. Eine Verschärfung der Diszi- plinarmaßnahmen soll dadurch ein* treten, daß man in den § 90 der Geschäftsordnung eine Bestimmung einfügt, wonach ein Redner, dem das Wott entzogen worden ist, in der gleichen Sitzung nicht noch einmal sprechen kann.
3. Vorlagen, die sich mit Finanzfragen beschäftigen, sowohl Regierungsvorlagen, wie auch Initiativanträge der Parteien, gehen in Zukunft sofort an den
"^ständigen Ausschuß. Soweit An- ttäge aus dem Parlament neue Ausgaben sehen, können sie nur bei Zustimmung der Regierung angenommen werden, und sie sind nur zulässig, wenn sie gleichzeitig eine Deckungsvorlage enthalten Dabei kann über einen Antrag auf Erhöhung der Ausgaben und über den Deckungsvorschlag nur gemeinsam, nicht getrennt, abgestimmt werden. Als Deckung im Sinne dieser Bestimmung gift es nicht, wenn in einem Antrag die Einnahmen aus einer ^bestimmten Steuerguelle einfach höher geschätzt werden, als die Regierungsvorlage vorsieht. Ob es sich um eine Finanzvorlage handelt, oder nicht, entscheidet der Reichstags- Präsident.
4. Die Zulässigkeit von Interpellationen, also Anftagen über bestimmte Tatbestände, werden künftig davon abhängig gemacht, daß sie nur Tatsachen, die der Klärung bedürfen, enthalten, nicht aber Kritik und Angriffe auf die Regierung. Unparlamentarische Aeußerungen in Interpellationen sind unzulässig, und der Reichstagspräsident hat in einem solchen Falle das Recht, die ganze Interpellation zurückzuweisen, wobei der Aeltestenrat als Revisionsinstanz gilt.
Zu diesen vier Vereinbarungen müssen nunmehr die einzelnen Reichstagsfraktionen Stellung nehmen. Wenn sie den Vorschlägen zustimmen, wird zunächst der Aeltestenrat .dann der Geschüftsordnur^s- ausschuß sich damit zu beschäftigen haben.
rung beschlöße« wird. Rur der Einsatz jedes Einzelnen verbürgt für das Ganze den Erfolg.
Set der Rede des Reichslandbundpräsidenten Graf Kalckreuth kam es wiederholt zu Kundgebungen gegen dm Minister Schiele. Als Graf Kalckreuth die Frage aufwarf, ob die dem Kabinett in der Oster- botschaft gestellten Aufgaben gelöst seien, ant» ©ortete aus der Versammlung ein vielhun- dettstimmiges „Nein". Ein ebenso vielfaches „Ja" ertönte, als er die Frage stellte, ob diese Aufgabm gelöst roerben könnten. Auf die Frage des Redners, ob Schicksal oder Schuld oodiegc, ertönten lebhafte Rufe: „Schuld liegt vor, infame Schuld". Weiter betonte der Redner, er stehe auf dem Staub» punkt, wenn ein Mann, wie Minister Schiele, glaube, ben ihm vom Reichspräsidenten ge= gebenen Auftrag erfüllen zu können, so sei es seine verdammte Pflicht und Schuldigkest, auch ben Versuch zur Lösung zu machen. Stürmische Zustimmung erscholl, als derRed- ner erklärte, baß Preußen nur überall sein politisches Ziel der Vernichtung bes .Großgrundbesitzes verfolge.
Eraf Kalckrmth fühtte u. a. noch aus:
Neben der Notwendigkeit der Rückdrän- gung der ausländischen Lebensmitteleinfuhr stehe die Notwendigkeit, einen Ausgleich zu schaffm zwischm Angebot und Nachfrage deutscher Waren auf deutschem Markt. Auch hier seien die Maßnahmen der Regierung völlig unzureichende Wege gegangen ober hätten bie vorhanbenen Möglichkeiten überhaupt ungenutzt gelassen. Obwohl bie Reichs- regierung bas Machtmittel bes Verwendungszwanges für inländische tierische Fette in bei öanb habe, habe sie es nicht vermocht, bie Margarinefabrikation zu einer Ver- menbung deutschen Erzeugnisses in dem glei- chm Umfang wie in der Vorkriegszeit zu zwingm. Stärker noch habe bie Reichsregierung in der Verteilung ber heimischen Brotfruchternte versagt. Die einzig wirksame Maßnahme, ber Beimischungszwang vom Roggen- zum Weizenmehl unter Mühlenkontrolle sei bisher nicht in bie Tat umgesetzt worben. Auf biese Weise sei bet größte Teil bet beutschen Roggenernte vom Lanbrwtt zu Preisen verschleudett worben, die noch unter Vorkriegspreisen liegen. Das von der Regierung angeregte Svstem der
Roggenmagazinierung sei im Prinzip richtig und könne, wenn es zweckmäßig angewendet werde, h Verbindung mit der Roggenmehlbeimischung für den Roggenmarkt in ben Monaten, in benen ber Landwirt seine Ware auf den Markt bringen müsse, eine wirkungsvolle Stütze sein.
Dadurch, daß die Reichsregierung unter Verzicht auf stärkeren Zwang der Be- vöNerung zu Roggenverzehr in Form von Brot sich im wesentlichen darauf beschränke, den Roggen der Berfütterung an die Schweinemäster in Westdeutschland zuzuführen, sei ein starkes Not- ventik zur Verwertung unserer außergewöhnlich große« Katoffelernte dieses Jahres verstopft worden.
Auch die zweite Abzugsmöglichkeit für die große Kartoffelernte des Ostens durch höchstmögliche Einschaltung mbustrieller Kattoffel- verwettung habe die Reichsregierung nicht ausgenufet Während der preußische Land- wittschastsminister im Lande umherziehe und bie Notwendigkeit eines lOOprozentigen Brennrechts propagiere, lehne bie preußische Regierung im Reichsrat eine Erhöhung des Brennrechts ab.
Diese Zwiespältigkeit sei typisch für die heutige sozialistische preußische Staatsre- gierung, die sich bemühe, die von der Reichsregierung getroffenen Maßnahmen nach Möglichkett zu sabotieren, geleitet von dem politischen Ziel, den Großgrundbesitz des Ostens zu vernichten.
Die Händler- und Eroßstabtprefse werfe der Lanbwittschaft vor, baß sie ohne Rücksicht auf bie Notlage des Volkes Preise fordere, die in einem völligen Mißverhältnis zu den Agrarpreisen im Auslände ständen. Die Lanbwittschaft erhalte aber für bie von ihr auf ben Markt gebrachten Waren nur etwa 10 bis 11 Milliarben Mark, während ber Verbraucher für dieselben Waren 25 Milliarden Mark zahle. In dieser ungeheuren Spanne lägen noch starke Verbilligungsmöglichkeiten, die im Interesse ber armen Schichten ausgewettet roerben könnten.
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Die Sparforderungen der D. V. P.
Der ursprünglich für gestern vorgesehene Besuch bes Führers der Deutschen Volkspartei beim Reichskanzler fand nicht statt. Dafür ist für ben heutigen Dienstag eine Besprechung vereinbart worben, an ber auch ber Finanzreferent ber DVP. Dr. Cremer tellnimmt. Diese Konferenz wirb längere Zeit in Anspruch nehmen. Man kann annehmen, baß ein ernsthafter Versuch gemacht werden soll, zu einer Einigung über die Forderung auf Etatsabstriche zu gelangen. Zweifellos wird der Kanzler ben Vertretern der Deutschen Volkspattei die Frage vorlegen, wie sie sich die Einsparungen im einzelnen denken. In Kreisen ber Deutschen Volkspattei wirb barauf hingewiesen, baß batüber schon in ben bisherigen Besprechungen gewisse Anhaltspunkte gegeben worben seien, daß es aber nach ihrer Ansicht Aufgabe der Regierung ist, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um ben Etat auszubalancieren. Die Stimmung bei ber Deutschen Volkspattei ist ziemlich entschieden. Es wirb erklärt, baß die Fraktion unter keinen Umständen auf ihre Forderung verzichten könne. Sie müsse unbedingt verlangen, daß im Laufe dieser Woche eine Klärung der Finanzlage eintritt. Gegen Ende der Woche wird der Etat des Reichsfinanzministeriums zur Verhandlung kommen. Bei dieser Gelegenheit wird die Deutsche Volkspartei ihren Stand- punft mit aller Schärfe herausarbeiten, wenn es nicht inzwischen gelungen sein sollte, eine Einigung herbeizuführen. 3n politischen Kreisen sieht man den Verhandlungen mit gespanntem Interesse entgegen, da ihr Ausgang schließlich auch für das Verhältnis ber Deutschen Volkspartei zum Äabinett Brüning bestimmend jein wird.