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DbfrttHMk Settmui. Mardnra «. v- Sonnabend, den 31. Januar 1931
Nr. 26
Sonntkgs'Sedanken
„Ach, daß du den Simmri zerrissest und führest herab, daß die Berge vor dir zerflössen, wie ein heiß Wasser vom heftigen Feuer versiedet: daß dein Name kund würde unter deinen Feinden, und die Seiden vor dir zittern mutzten durch die Wunder, die du tust!" (Jesaja 64,1.)
Ein Ausbruch der Leidenschaft angesichts des Erinnerungsbildes von der Zerstörung des Tempels. Nicht ganz ohne Besonnenheit; nicht nur an die Feinde seines Gottes und seines Volkes denkt der Prophet, sondern wenige S^he darauf schlägt er sich auch an die eigene Brust: „Wir sind Ton, du bist der Töpfer", auch Israel selber muh aufs neue sich beugen vor dem Allmächtigen, den es tief genug vergatz. Aber dennoch ein Ausbruch eben der aus dem Blute schreienden Empörung, ein Ton der Raserei.
Wer verstünde diesen Ton nicht? Men hätte nicht selbst schon angesichts schreiender Ungerechtigkeiten in der Welt, oder mehr noch im Gedanken an die sture Gleichgültigkeit, mit der der Alltag all solche Dinge geschehen Iaht, als seien sie gut und schön, mit der die Menschen sich an die fürchterlichsten Unstimmigkeiten gewöhnen, sobald sie nicht persönlich unmittelbar getroffen sind, wen hätte nicht selbst schon der Gedanke über- faNen: Wie kann es nur fein, dah Kott schweigt? Ja, wenn ich seiner Allmacht teilhaftig wäre, wie würde ich herabfahren in diesen Sumpf und ihn verdunsten lassen in der Glut meines Zornes! Man muh den Gedanken nur recht zu Ende denken, um von ihm frei zu kommen: 3a. wenn ich Kott wäre! Wie lächerlich ist das Wort, sobald es wirklich einmal ausgesprochen! Das ist es ja gerade: Wenn ich kümmerlicher Wurm es mir einmal einfallen lassen dürfte, den Allmächtigen zu spielen, ich wäre klein und leidenschaftgebunden genug, um so zu wüten: er aber, der Sen, ist so nicht. Schon der Mensch, der es für nötig hält, das, was ir Autorität nennt, mit den Mitteln der Ee- . walt zu wahren, hat den bündigsten Beweis in Sünden, dah er ein Narr ist, dah er etwas wahren will, was er nicht besitzt und nie besah. Echte Ueberlegenheit eifert nicht in einer Weise, die in Wirklichkeit nur die vorhandenen Minderwertigkoitsgefüble knapp /verhüllt. Wie sollte es Gottes Art sein, > nach solcher Menschenart zu toben und dazu gewissermaßen noch den Rat eines Menschen -sich geben zu lassen. Das weih auch der Prophet, und der Erundton seines Buches ist ein ganz anderer: demütiger Gehorsam, Vertrauen darauf, dah Gott schon auf seine Weise siegt in der Welt, und dann der Wille, Israel aufzurichten aus diesem Glauben: „Tröstet, tröstet mein Volk!"
Und ist es nicht so, dah auch ohne ein solch gewa't'ames Serniederiahren die Wunder kund wären, die er tut? Leuchten nicht die ewigen Sterne ungetrübt durch die Finsternis? Schimmern nicht die Schneefelder sogar irdischer Gebirge rein und weih, als ob es keine sumpfigen Täler und schmutzigen Schluchten gäbe? Und kommt nicht jedes i Jahr das Blühen des Frühlings über uns mit einer sieghaften Gewalt, die dem Phantasiegebilde des ratenden Propheten von der 1
Aus -er Anivegenö
KreiS -ranlenberg
Frankenberg, 30. San. Die staatliche Oberförsterei Frankenberg hielt gestern im „Goldenen Engel" Hierselbst eine große Brennholzoersteigerung aus sechs Forstbezirken ab. woran die Dörfer Röddenau. Saine, Rodenbach, Sommershausen, Wangershausen, Rengershausen. Schreufa. Neukirchen und die Stadt Frankenberg beteiligt waren. Die Tare war für Buchen- scheit 8,10 Mark das Meter, Buchenknüvpel 5,40 Mark und für Buchenreis 70 Pfennig das Meter. Es wurden bezahlt für Buchen- lcheit bis 10 Mark, für Knüppel 6 bis 7 Mark. Es wurde glatt alles abge- f e tz t. Nur die Reiser fanden weniger An- klang ,da viele Landwirte von der alten Sitte des Kochens von Warmtrank für das Vieh am Morgen, in unserer Gegend Sütte genannt, abgekommen sind, wozu sie Unmengen Reiser brauchten. Die Oberförsterei "ist nun gezwungen, das Losholz erst noch schlagen zu lassen.
Frankenberg, 30. San. Sn letzter Zeit wurden in unterer Gegend 37 M rk für das Paar fünf Wochen alte Ferkel bezahlt.
Lixfeld, 30. Jan. Gestern ereignete sich hier ein Unfall, der leicht schlimme Folgen hätte nach sich ziehen können. In dichtem Schneegestöber fuhren Arbeiter auf ihren Fahr- rädern aus dem Steinbruch nach Hause. Um sich etwas vor _ den Schneeflocken zu schützen, hatten fie die Köpfe tief gesenkt und bemerkten nicht ein entgegenkommendes Auto Im letzten Augenblick konnten die beiden eisten Fahrer ausweichen, während der dritte der Gruppe erfaßt und zur Seite geschleudert wurde. Das Rad wurde fast völlig zertrümmert, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon
Kreis 'icgeihaln
Ziegenhainer Kreistag.
Ziegenhain, 30. San. Der Kreistag des Kreises Ziegenhain trat gestern zusammen, um eine ganze Reihe von kommunalen Angelegenheiten zu behandeln.
Landrat von Steinrück wies bei der (Eröffnung darauf hin, datz auch der Kreis Ziegenhain unter der Not sehr zu leiden hätte. Ziegenhain sei ein landwirtschaftlicher Kreis ohne große industrielle Möglichkeiten und leide stark unter der Arbeitslosigkeit. Der Landrat drückte seine Freude über die SÖffnung des Kreisaus^chusses aus, ohne De- sizlt in bas neue Etatsjahr hinein- zukommen. Den Hauptpunkt der Beratungen bildete die Festsetzung des Landwegebauetats für das Rechnungsjahr 1931. Vorgesehen ist ein Betrag von 120 000 Mark zur Verfügung des Lanoesbauamtes und ein Betrag von 10 000 Mark als Reserve zur freien Verfügung. Sm Frühjahr soll eine große Zahl von Arbeitslosen für Straßenbauten eingesetzt werden. Angenommen wurde ein Antrag des Kreisausschusses über Aufnahme eines Darlehens von 24 500 Mark aus der werte^chaffenden Erwerbslosenfürsorge zur Durchführung der Notstandsarbeit Landwegeneubau Oberaula nach Salzberg.
im? RiMarmbieke
Kassel, 30. Ian. Infolge des Verkehrsrückganges steht sich die Deutsche Reichspost gezwungen, die Fernkraftpost Kasse l—Bad Wildungen vom 1. Februar 1931 ab vorübergehend einzustellen.
Unterschlagungen be; ber Steuerkasse.
Frankfurt, 30. Ian. Bei der Steuerverwaltung, Abteilung Wertzuwachsstelle und Erundvermögenssteu:t, wurden durch eine Revision erhebliche Unregelmäßigkeiten eines Steuersekretärs festgestellt. Der Beamte hat durch Fälschungen von Belegen erhebliche Beträge unterschlagen. Die Höhe der Beträge steht im Augenblick noch nicht fest. Der Beamte wurde vorläufig vom D i e n st suspendiert.
Vernichtung nicht nachsteht? Läßt er nicht seine Sonne leuchten über Gerechte und Um gerechte? Sff's nicht das größte aller Wunder, dies Wunder der fianamut, das wir noch leben, trotzdem wir doch nichts selber können für uns tun, und trotzdem wir seine Hilfe gar nicht verdienen? Gibt es diese Langmut etwa unter uns? Und wenn man gemeinhin unter Wunder bas versteht, was unsere Macht übersteigt, batz wir brauten und toben konnten, wenn uns nicht alles nach Willen ginge und wir allmächtig wären, ja. bas können wir uns ausdenken/ aber könnten wir uns ausbenten, batz wir würden so geduldig sein, wie Gott es ist, geht das nicht über all unsere Vorstellung, wie wir uns kennen?
Das eben ist Gottes Herrlichkeit, daß er über all unser Verstehen hinausreicht. So
lange wir noch mit bett Gedanken spielen können, was wir tun würden, haben wir noch den Rahmen unseres Augenmaßes nicht Übertritten. Sollte nicht alle Unger-chttg- feit, aller Schmutz und alle Sünde in der Welt sein, um uns sehend zu machen?
Di et.
«onereSe un» soeunsen
Sängertag des Mitteldeutsche« Sängerbundes.
Der Mitteldeutsche Sängerbund hielt im Gildehaus in Kassel seine Hauptversammlung ab, in welcher 300 Vereine vertreten waren. Ein Bericht über bas Mitteldeutsche Sängerbundesfest fand rege Aussprache und
führte zu einer Entschließung, batz der Abgeordnetenlag den Bundesvorstand beauftragt, bezüglich der Hereinbringung der Garantiesumme zu weiteren Verhandlungen mit ber Stabt Kassel in Verbindung zu treten und die Hereinbringung des sich ergebenden Fehlbetrages innerhalb der Garantiesumme zu bewirken.
3n Verbindung mit ber Entlastungsertei- lung wurde ber Haushaltsplan für 1930 genehmigt unb ber Bundesbeitrag in ber bisherigen Hohe einstimmig angenommen. Eine zielklare Aufwärtsentwicklung des Bun- des ließ der Jahresbericht in mehr als einer Beziehung erkennen, lieber den Stand der Vorbereitungen zum 11. Deutschen Sängerbundesfest 1 932 in Franisurt a. M. berichtete Bundeschormeister Dr. Laugs, zu reger Betätigung des Mittel- deutschen Sängerbundes auffordernd, der in einer der drei Hauptveranstaltungen das Herz des Massenchores zu bilden habe. Die Beteiligung an einem Halbstundenkonzert wurde vorgesehen. Nachdem die Frage des Wertungssingens innerhalb des Bundes gestreift war und zunächst als eine Eauange- legenheit empfohlen wurde, schritt man zu der Wahl des Bundesvorstandes, die folgendes Ergebnis hatte:
Gewählt wurden fast einstimmig zum ersten Bundesvorsftenden Miltclschullehrer E. Echzell, Kassel: zweiter Bundesvorsitzender Postdirektor a. D. W. Langenberg, Godes- berg a. Rhein; dritter Bundesvorsitzender Lehrer Becker, Fulda; erster Bundesschriftführer Stadtbüroinspektor H. Burhenne, Kallel; zweiter Bundesschriftführer Lehrer I. Müller, Melsungen; erster Bundesschatz. meister Dürodirektor a. D. M. Kann - giefeer, Kassel: zweiter Bundesschatzmeister Kaufmann L. Meier, Hann.-Münden; erster Bundesarchioar Stadtbüroinspettor C. Daupel, Kassel; zweiter Bundesarchivar Vermessungsinspektor K. Senn, Kassel; Bundeschormeister Staats. Kapellmeister Dr. R. Laugs. Die Wahl des Bundespräsidenten und die Wahl der Ausschüsie bleibt dem Sängertag im Mai dieses Jahres in Kastel Vorbehalten.
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SockWilnMMlen
x In ber medizinischen Fakultät der Un'versifät Königsberg ist der Privatdozent für gerichtliche und soziale Medizin Dr. Curt G o r o n y zum nichtbeamteten außerordentlichen Profeffor ernannt worden.
X Der in Salzburg im Ruhestände lebende emerit. ordentliche Professor des Bibelstudiums und der Eregese des A. B. an bet deutschen Universität in Prag, Dr. tijeoL et phil. August Rohling, ist am 23. b. Mts. im Alter von 92 Jahren gestorben.
x Arn 22 Januar verschied ber a. o. Professor für Augenheilkunde und Ober«zt" an der Augenklinik an der Universität Köln, Dr. Richard Cords, im Alter von 49 Jahren.
Die heutige Nummer umW 18 Seiten
lNackdruck verboten )
Ser etr’orene MoNMel
Kriminalroman von Arno Hohenfeld. Copyright Bn Literatur-Verlag „Gloria" Berlin-Steglitz.
o. ftort»ebnng.
Es erging ihm genau so wie im Besuchszimmer. Doch noch ehe seine Hand den Lichtschalter erreichte, vernahm er einen seufzenden Laut. Als bas Licht aufflammte, gewahrte er eine zufammenge- sunkene Gestalt auf bem Fußboden.
„Mein Gott! Lieselotte! Was ist geschehen?"
Er hob sie behutsam auf unb legte sie auf bas Ruhebett.
„Lieselotte, mein Liebling, sprich, was ist dir?"
Wieder vernahm er nur einen schwachen Seufzer. Er stürzte an die Klingel, bann holte er aus bem nebenan gelegenen Schlafzimmer feiner Tochter Riechsalz und Kölnisches Master. Dem herbe'geeilten Mädchen befahl er. schnellstens für eine Erfrischung zu sorgen.
Es bauerte lange, bis Lieselotte bas Bewußtsein zurUckerlanate Er hielt ehr ein Glas Meinbcand an die Lipp-n, die sich zuerst nicht öffnen wollten, bann aber Schluck für Schluck das Getränk aufnahmen.
„Was ist mit mir? Wo bin ich?"
„In beinern Zimmer, liebes Kind."
Sie luchte zu begreifen, sich zu erinnern.
, Wo ist Gert, Papa?" schrie sie plötzlich auf.
„Eagers ist . . . nach Hause gefahren,“ antwortete ihr Vater, nur um etwas zu sagen.
„Rach Haufe? <5at et dir gesagt, baß er nach Hause fährt?"
„Rein. Ich habe ihn überhaupt nicht gesnrochen, nur fortfahren sah ich ihn. unv nehme ohne weiteres an, baß er nach Harlle gefahren ist.“
„Dann ist er auch nicht nach Hause gefahren. sondern zu Hartkovf. Himmel, hilf, baß kein Unglück geschieht!"
„Was will er benn bei Hartkopf?" fragte Menzel verwirrt, boch gleich zuckte er innerlich zusammen.
Lieselotte antwortete nicht, sie war vollkommen im Banne ihrer Gedanken. Ihr Blick war wie in weite Ferne gerichtet und schien in angstvoller Svannung zu verfolgen, was dort vorging. Etwas Furchtbares mußte es sein, denn plötzlich erschauerte sie, schlug beide Hände vors Gesicht unb schluchzte laut auf.
„Aber Kind, so beruhige dich doch und erzähle mir, was vorgefallen ist" bat ihr Vater wieder unb roieber unb luchte ihre aufgeregten Gedanken abzulenken.
Viel Geduld und viel Zusvruch von s-f- ten Dr. Menzels waren erforderlich, bis Lieselotte ihn aufzuklären vermochte. Es waren nur Brocken, die er von ihr erfuhr, erst nach unb nach, auf feine bringenben Fragen hin, gelang es ihm, den ganzen Sachverhalt lückenlos aufzubecken.
Run wußte et, was Eggers und Lieselotte miteinander gesprochen. Ganz still laß er auf seinem Stuhl neben ihrem Lager unb starrte zu Boben.
Doch nicht nnr den Bericht hatte er vernommen. bet stoßw-ise von ihren Lippen -»fömto-it wat. Aus den Klagela'tt-n. die sich ihrer Brust entrungen, war ihm eine Erkenntnis geworden, die ihn innerlich zulammenbrechen ließ. Was ihm bisher nicht so stark zum Bewußtsein gekommen war, hatte er nun in vollem Ausmaß zu sehen unb zu hören bekommen: ihren ganzen Jammet um Gert Eggers Verlust.
Wohl war er sich des großen Opfers bewußt gewesen, das Lieselottes Verzicht für sie bedeutete, aber bet Seelens^merz. bem lein heißgeliebtes Kind unterlag, öffnete ihm erst bi- Augen darüber, was es fie kostete, Harttopfs Frau zu werden.
Konnte et fetzt noch verantworten, das Abkommen in Kraft treten zu lassen? Es bedurfte wirklich feiner Sehergabe, um zu erraten, was feinet Tochter bevorstand: ein freudloses, Hebearmes Dasein, in bem kein Tag vergehen würde ohne Gedenken an ein verlorenes Glück, vielleicht keine Stunde, in bet das flehende Hetz ni*t Erinnerungen hetaufbeschwot. denen fie nachtrauerte und langsam verblühte.
Dennoch klopfte sein Herz bei dem Gedanken an das eigene Ich noch einmal stärker. Was wurde, wenn et seine Unterschrift zu rückzog? Dann lag alles in Trümmern, dann hatte er sein ganzes Leben lang umsonst gearbeitet.
Sein Blick fiel wieder auf das bleiche Gesicht Lieselottes, die matt in den Kissen ruhte.
Und blitzhaft nahmen feine Gedanken eine andere Richtung.
Diries junge Menschenkind, das et so heiß liebte, für dessen Glück zu leben et am Grabe seiner Frau geschworen, wollte er opfern, um vielleicht zehn Jahre seines Lebens, die ihm noch vergönnt sein mochten, das Scheindasein eines wohlhabenden, unabhängigen Manne? zu führen, der er bisher tatsächlich gewesen war? Ein Leben voll Qual und Verbitterung follte er seinem einzigen Kinde aufbürben? Stein, das konnte, das durfte nicht fein! War er denn nut ganz mit Blindheit geschlagen gewesen, daß er das nicht sofort bemerkt hatte? Dieser Augenblick hatte genügt, ihm die Augen zu öffnen.
Vorsichtig stand et auf, um ein paar Schritte durchs Zimmer zu machen, boch schon die leiseste Bewegung ließ Lieselotte die Augen aufschlagen.
„Wenn ich nut wüßte, ob alles gut ad- läuft,“ klagte sie.
„Du mußt dich nicht unnötig ängstigen, Kind. Zugegeben, Eggers ist mitunter ein Hitzkopf, aber im Grunde genommen ist er doch ein besonnener Mensch. Er wird unterwegs ruhiger geworden sein unb erkannt haben, baß mit Wüten nichts aus« gurichten ist. Wenn ich nut alles früher gewußt hätte, bann wäre es zu bietet überflüssigen Fahrt zu Hartkopf bestimmt nicht gekommen."
„Ueberflüssig?" fragte Lieselotte. „Für überflüssig hakte ich fie nicht. Es ist ein letzter Versuch, Hartkopf umzustimmen. Nur hätte er bis morgen warten sollen."
Dr. Menzel setzte sich wieder zu seiner Tochter unb nahm ihre Hand in die seine. Liebevoll ruhte feine Blick, auf ihren schönen, leidvollen Zügen.
„Du konntest natürlich nicht verstehen, was ich damit ausdtücken wollte. Laß es mich dir jetzt erklären."
Vollkommen ruhig und abgeflärt, als handele es sich gar nicht um seinen eigenen Fall, sprach Dr. Menzel von der Erkenntnis, die ihm geworden wat: daß nicht sie, sondern er verzichten müsse.
Lieselotte hörte zunächst nur heraus, daß er von dem Vertrage mit Hartkopf zurücktreten wolle und vielerlei Befürch- tnugen drangen auf sie ein.
Sie umklammerte angstvoll die Hände ihres Vaters.
Dr. Menzel fuhr fort:
„Was das Schicksal als unvermeidllch über mich verhängt hat, das mag gestehen, ich werde es tragen wie ein Mann. Mach dir ferne Gedanken, mein Kind, idj sehe heute alles mit anderen Augen an. Du sollst jedenfalls unter meinem geschäftlichen Mißerfolg nicht leiden. Ich bin der Vorsehung dankbar, daß fie mir diese Stunde der Erkenntnis gebracht hat, eine Erkenntnis, die ich eigentlich schon hätte haben müssen, als ich das Opfer annahm, das du mir bringen wolltest."
„Pava!“
„Mein liebes, gutes Kind, ich danke dir von Herzen für deine Bereitwilligkeit, deinen Opfermut. Verzeih mir, daß ich in meinem Egoismus Unmögliches von dir erwartet habe.“
„Wirst du mir auch nicht verübeln, datz ich mich im entscheidenden Augenblick zu schwach erwiesen habe?"
„Lieselotte, Kind, glaube mir doch, wie von Herzen froh ich jetzt bin, daß alles so gekommen ist. Nie hätte ich zustimmen dürfen, euch trennen zu wollen! Ihr gehört zusammen und sollt es, so Gott will, immer bleiben."
„Ja, aber du? Was soll aus dir werden» Papa?"
Ein wehmütiges Lächeln huschte über Dr. Menzels Gesicht.
„Mach dir meinetwegen keine Sorgen, Kind. Ich werde mich zu halten versuchen, so lange es geht und dann . . . wird wohl irgendwo ein Plätzchen für mich sein, wo ich werde wirken können, wenn auch bescheidener als bisher. Die Hauptsache cst, daß ich dich glücklich weiß."
(Forlietzung total.)