Mittwoch, den A. Januar ISA
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Anzeiger für (das frühere kurhefsifche) Oberhesse»
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Ein Neger Vizeminister in Frankreich
Konflikt wegen der Osthilfe - Wo bleibt die Hilfe für die Landwirtschaft? - Sind Sie verfassungstreu?
Schieles Forderungen Das Kabinett Laval
Setlin, 27. Ian. Reichskanzler Dr. Brüning empfing heute in ber Reichskanzlei im Beisein der Reichsminister Schiele und Treviranus den Grafen Kalckreuth, den Präsidenten Brandes, die früheren Neichsernäh- rungsminister Dr. Hermes «nd Dr. Fehr, sowie den Professor Warm- bold. Zn der eingehenden Aussprache wurde die Eesamtlage der deutschen Landwirtschaft durchgesprochen. Bom Reichskanzler wurde in Uebe'reinstimmunq mit den Vertreter« der Landwirtschaft als Z i e l de, Aussprache bezeichnet, in gemeinsamer Arbeit zu einem Gesamtplan zu kommen, der der deutschen Landwirtschaft nicht nur vorübergeheud Erleichterungen bringe, sondern auf lange Sicht die Grundlagen einer solid:« Agrarwirtschaft schaffe. Die Besprechungen werden übermorgen fortgesetzt.
Der Reichskanzler hatte offentsichtlich die Absicht, sich grundsätzlich mit dem Agrarproblem auseinanderzusetzen. um dann zu einer Klarheit darüber zu kommen, welche Teile des Agrarvro- gramms Schieles alsbald durchgeführt werden müssen. Infolge dieser ausgiebigen Bebandlung konnten bisher lediglich die Ackerbauprobleme erörtert werden, allo die Fragen, die sich auf einen de« Absatzverhältnissen entsprechenden Reichsbesiellungsplan beziehen. Die aktuellen Fraaen, für die von landwirtschaftlicher Seite seit langem eine Notverordnung gefordert wird, insbesondere die Fragen der Veredelungswirtschaft und der Handelspolitik dürften somit erst am Donnerstag behandelt werden. Dann soll auch die.grundsätzliche Frage der Osthilfe durchgesprochen werden und bei diesen Osthiliefragen haben allem Anschein nach die bisherigen Chefbesprechungen noch keine Klarheit gebracht. Es ist bekannt, dass der Minister in den beiden wichtigen aktuellen Fragen des Schutzes der Veredelungswirtschaft und der Gestaltung der Handelspolitik auch weiter den in seiner Rundfunkrede vom 22. Dezember 1930 vertretenen Standpunkt beibebält. Dadurch müßte man also als Voraussetzung für das weitere Verbleiben Schieles im Kabinett annehmen, daß im unmittelbaren Anschluß an bte Desvrechungen mit der grünen Front die Maßnahmen für die Veredelungswirtschaft durch Notverordnungen geregelt werden. In der Handelspolitik dürfte sich Schiele auf denselben Standpunkt stellen, den Dr. Curtius in Genf vor dem europäischen Ausschuß eingenommen hat, also grundsätzlich eine ökonomische Form der Handelspolitik und auch der bestehenden Handelsverträge in der Art der Aenderung des Vertrages mit Finnland befürworten.
Die Gehaltskürzung bei Staatsangrstellten.
Berlin, 27. Ian. Wie der Gewerk- fchaftliche Pressedienst mitteilt, lieh das Reichsarbeitsministerium erkennen, dah keine Aussicht besteht, daß der Schiedsspruch für die Reichs- und preußischen Staatsangestellten, der eine fünfprozentige Gehaltskürzung Vorsicht, für d e r b i n d l r ch erklärt werden könnte. Die Organisationen stimmten daher trotz schwe
rer Bedenken einem Borschlag des Reichsarbeitsministeriums zu. wonach laut Schiedsspruch für die Monate Februar und März eine fünfprozentige und ab 1. April eine sechsprozentige Gehaltskürzung eintritt. Als Abgeltung für die Pflichtbeiträge der Angestellten und Erwerbslosenversicherung erfahren die kürzungspflichtigen Bezüge noch eine Verringerung, so daß der Gehaltsabzug ab 1. April rund 5,7 Prozent beträgt.
Der zum Unterstaatssekrrtär im französischen Kolonialamt ernannte Abgeordnete Diagne ist im Jahre 1872 itt Senegal geboren und gehört der schwarzen Rasse an. Mit ihm dürfte wohl zum e r st e n Mal in der Geschichte der europäische« Staaten ein Reger zum Bize- minister aufgerückt sein. Diagne war früher Zollbeamter und vertritt den
Schweres Lawinenunglück
13 italienische Alpenjäger verschüttet
fk. Paris, 28. Za«. Bon einem schweren Berlust wurde eine Kompanie italienischer Alpenjäger betroffen, die zu einer militärische« llebung von Bardonnecchia aus in die Alpe« auf- gestiege« war. Als die zurückgebliebenen Truppe« ohne Nachricht über den Verbleib ihrer Kompanie waren, schickten sie eine Hilfskolonne von zwölf Mann unter Führung eines Hauptmanns aus. Z« einer Höhe von über 2000 Metern wurde die Hilfstruppe vo« einer schweren Lawine überrascht und verschüttet. Neue Hilfstruppen erreichten die llnglücksstätte und eg gelang ihnen, den Hauptman« und zwei Soldaten a l s L e i ch e n z u b e r g e n. Bis z« den übrigen zehn unter den Schneemassen be-
grabenen Soldaten vorzudringe« war noch nickt möglich. *
Die Kompanie Alpenjäger ist am Dienstag vollkommen ermattet wieder in Bardonnecchia eingetroffen. Der Kom- vanieführer erklärte, daß eine ungeheure Sckneemasse den Rückweg versperrt habe und daß sie zeitweise auf französisches Gebiet übergetreten seien, wo sie das Ende der Schneestürme abgewartet hätten, um alsdann die Rückkehr anzutreten. Fran- Escherseits wurde ebenfalls eine Hilfskolonne ausaeiandt. die jedoch nicht mehr einzugreifen brauchte.
In der Pariier Meldung über die Verschüttung von 13 italienischen Alpenjäaern durch eine Lawine, handelt es sich sicher um den Ort Bardonnecchia im Norde« der cottischen Alpen unweit des Monte Tabor, etwa 80 Kilometer westlich von Turin.
Auszug des Reichskanzlers
Verli«, 28. Ian. Bei de« Verhandlungen zwischen der Reichsregierung. Vertretern der preußischen Regierung und der Ostprenhi- schen Eenerallandichaft über die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Ecneralland- schaft »nd dem Leiter der Landstelle, Ministerialdirektor Mussehl, ist es zu einer gewissen Spannung gekommen. Reichskanzler Dr. Brüning, der persönlich an de« Besprechungen teilgenommen hatte, soll nach übereinstimmender Darstellung der Blätter angesichts der Stellungnahme der Vertreter der Landschaft für seine Person die Ber» Handlungen abgebrochen und mit den Vertretern Preußens die Sitzung verlassen haben. Der Ostkommissar, Reichsminister Treviranus, habe sodan« die Verhandlungen in Form einer mehr persönlichen Unterhaltung fortgesetzt. Die Besprechungen sollen heute weitergeführt werden.
Verlängerung des Weizenvermahlungszwanges.
Berlin, 27. Ian. (WTD.) Die zur Zett gültige Regelung des D e r m a h - lungssatzes für Inlandsweizen läuft mit dem 31. d. M. ab. Wie WTB.- Handelsdienst erfährt, beabsichtigt der
Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, schon jetzt den Vermahlungssatz für den ganzen Rest des laufenden Getreidewirtschaftsjahres festzusetzen. Hiermit dürfte den wiederholt geäußerten Wünschen sowohl der Landwirtschaft wie der Mühlen und des Handels Rechnung getragen werden.
Bei den Erwägungen über die Bemessung des Dermahlungssahes ging man davon aus, diesen so zu regeln, wie es die Versorgungslage und die Preisbildung nur irgend gestatten, andererseits aber darauf Bedacht zu nehmen, daß gegen Ende Des Getreidewirtschaftsjahres noch eine wirksame Durchführung des Vermahlungszwanges möglich ist. Da die Landwirtschaft erfahrungsgemäß im Februar und März noch unter einem erheblichem Der» kaufsdruck steht, der sich später mindert, ist beabsichtigt, den Vermahlungssatz für FebruarundMärz nur wenig, nämlich von 80 auf 75 Prozent, zu ermäßigen und in den folgenden Monaten weiter herunterzugehen, und zwar für April und Mac auf 65, für Juni und Juli auf 50 Prozent. Rur wenn die Versorgungslage oder die Preisentwicklung eine Aenderung der Dermahlungsguoten erforderlich machen sollte, wird nach §3 des Vermahlungszwangsgesetzes eine andere Regelung erfolgen.
Senegal seit dem Zahre 1914 i« der französischen Kammer.
Der neue Kabinettsrat hat am Dienstag abend beschlossen, am Freitag in den beiden Häusern die Regierungserklärung zu verlesen und bis zur Verabschiedung des Haushaltsplanes für das Jahr 1931 bis 1932 an keiner Veranstaltung teilzunehmen, ausgenommen, wenn es sich um Ausnahmefälle handelt, zu denen der Ministerrat ausdrücklich einen Vertreter entsendet. Am Freitag vormittag werden sich die Minister noch einmal beim Minister- vräsidenten versammeln, um die Regie- rungserklyruno einer letzten Durchsicht zu unterziehen. Es besteht gar kein Zweifel, und selbst die Linksblätter sind dieser Ansicht, daß die Regierung in der Kammer eine große Mehrheit finden wird... Die scharfe Rechtsovvositton, die trotz der aemäßigten Einhaltung Lavals durch die Weigerung der Radikalsottalisten erfolot ist. dürfte jedoch für die Zukunft, vielleicht sogar schon gelegentlich der Verabschiedung des Heeresbaushalts. manchen Anhänaer der gemäßigten Parteien der Opposition zufllhren.
Das Kabinett Laval wird nun zu kämpfen haben. Denn es ist mehr als wahrscheinlich, daß die Radikalen zwar nicht die rechtzeitige Verabschiedung des Budgets verhindern werden, daß sie aber eine Kampfstellung einnehmen werden: denn bei ihrem Entschluß dürfte auch wesentlich mitgewirkt haben, daß sie sich für die kommenden Wahlen keine Chancen verderben wollen. Zwei Nachwahlen, die am letzten Sonntag stattfanden und int zweiten Wahlgang zu entscheiden sind, haben ihnen wieder den Beweis geliefert, daß ihnen die Sozialisten stark auf den Fersen sind. Die Radikalen glauben sich also nicht den Luxus eines Experiments leisten zu können: denn ihre Wähler auf dem Lande, die besonders in Fragen wie Laienpolitik und Steuerpolitik empfindlich sind, würden es ihnen nicht verzeihen, wenn sie sich mit Männern verbinden, die als die Feinde der Politik von Emile Combes angesehen werden. Mit den Radikalen haben sich auch die Sozialrepublikaner enthalten. Wie groß die Mehrheit sein wird, aus die sich das Kabinett Laval stützen kann, wird erst zu erweisen sein: denn im zurückgetretenen Kabinett war eine ganze Reihe Linksrepublikaner, also Abgeordnete der Fraktion T a r d i e u, und Anhänger der Radikalen Linken vertreten. Trotzdem haben schon beim letzten Kabinett Tardieu unter Führung von Daniölou stets etwa zehn Mitglieder dieser Gruppen gegen das Kabinett gestimmt oder sich der Stimmabgabe enthalten. Je nachdem, ob sich auf dem linken Flügel der Mittelparteien Absplitterungen vollziehen werden, dürfte die Mehrheit für das neue Ministerium etwa 30 bis 50 Stimmen betragen: vorausgesetzt, daß es sich nicht um Fragen handelt, bei denen einzelne Abgeordnete auf die ländlichen Verhältnisse ihrer Wahlkreise Rücksicht nehmen und sich von ihren Fraktionen trennen müssen. Betrachtet man das neue Kabinett nach den Personen, die ihm angehören, so findet man die führenden Persönlichkeiten des letzten Kabinetts Tardieu, wenn auch mit anderer Rollenverteilung, wieder, nämlich Paul Reynaud, Maginot, Flandin, Francois-Poncet, Dumesnil und Piötri, außer Tardieu selbst, der sich mit dem Ackerbauministerium begnügt hat. Dem Kabinett gehört, wie meist seit 1926, ein Elsässer als