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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhefsen
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Marburger Tagesanzeiger
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Das Ergebnis der Ratstagung
Deutschlands Beschwerde anerkannt, aber die Durchführung der Sühne in die Hände Polens gelegt
Forderungen der D.V.P.
Ein deutscher Erfolg?
fvad Nauheim, 25. Jan. Mg. Dr. Dingeldeh hielt heute auf dem stark besuchten Landesparteitag der Deutschen Vvlksparte «"Hessens eine Rede, die in folgenden innerpolitischen Forderungen des Parteiführers gipfelte: Der 'Parlamentarismus in seiner überspitzten Form müsse eingeschränkt werden zu Dunsten einer stärkeren Herausarbeitung der präsidialen Stelle in Deutschland und der ihr Verantwortlichen Reichsregie- rung. Neben das Parlament müsse $ur Klärung seiner Beschlüsse eine Erste Kammer gesetzt werden, zusammengesetzt aus den Vertrauensmännern aus den organisierten Berufsständen und aus vom persönlichen Vertrauen des Reichspräsidenten Berufenen. Das Wahlalter müsse ans die Stufe herausgesetzt werden, die eine politische Reife voraussetze. Die ganze Atmosphäre könne entgiftet werden, wenn die Reichsregierung sich entschließe, gegen alle Widerstände starke Schritte vorwärts zur Durchsetzung einer Reichs- reform zu tun.
Dr. Dingeldeh, der außerdem noch einmal die Forderung der DVP. auf Ersparnis von 300 Mill, im Reichshaushalt verteidigt hatte, hatte im ersten Teil seiner Rede sich mit den Ergebnissen der Auseinandersetzungen über die deutsche Minderheitenbeschwerde in Genf befaßt. Er unterstrich, daß sich Dr. Curtius in Genf wacker und schneidig geschlagen habe, verlieh aber der Meinung Ausdruck, daß die Abberufung des obersten polnischen Beamten in Oberschlesien und unparteiische Antersuchung durch neutrale Beauftragte des Völkerbundes die einzig . mögliche Sühne der polnischen Verstöße gewesen wäre. Mit bemerkenswerter Schärfe wandte sich der Redner in diesem Ai- sammenhang gegen das Maß von Gleichgültigkeit und Aebelwollen, mit dem man den Lebensforderungen und Aeuherungen des deutschen Volkes in einer einheitlichen Front gegenüberstehe.
An die Adresse des Nationalsozialismus richtete der Redner die Mahnung, eine MMonenbewegung könne ihren Wert vor der Geschichte nur beweisen durch staatsmännische Leistungen, nicht aber durch agitatorische Anträge und laute Massenversammlungen. Die nationalsozialistische Bewegung möge sich nicht darüber täuschen, daß das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit die Diktatur jeder Art von Radikalismus unter allen Amständen ablehne.
Generaloberst v. Seeckt zur deutschen Außenpolitik.
M ü n st e r i. 533., 24. Ian. Generaloberst a. D. v. Seeckt hielt heute abend hier im Auftrage der Weltwirtschaftlichen Gesellschaft zu Münster einen Vortrag über Deutschlands Außenpolitik und neue Wege für sie. In seinen Ausführungen beleuchtete der Redner die außenpolitischen Gegenwartsfragen und erhob zum Schluß die Forderung, daß die Frage nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbunde einmal geklärt werden müsse, daß eine baldige Revision des Aoung- Plans und eine sofortige Revision der Ost grenzen unerläßlich sei, und daß Deutschland auf außenpolitischem Gebiete mit Rußland Zusammengehen müsse, was indessen nicht ausschließe, daß im Innern schärfster Kampf gegen den Kommunismus geführt werden müsse.
Austritt aus der Wirtschaftspakte!.
Halle, 25. 3an. Der Fraktionsführer der Wittschaftspatter im Provinziallandtag der Provinz Sachfen, Dr. Baumgart- Delitzsch, ist im Anschluß an den Streit Coloffer-Drewitz nunmehr ebenfalls aus der Wirtschaftspartei ausgetreten. Er hat sich der Richtung der sächsischen Separationsbe- wegung angefchlossen. Dr. Baumgart begründet seinen Austritt in einem ausführlichen Schreiben an die Parteileitung, in dem er auf die Zerfahrenhest des politischen Bodens der Wirtschaftspartei hinweist.
Der vom Dölkerbundsrat angenommene Bericht über die Vorfälle in Ob e r - schiessen wird in den beteiligten Minderheitenkreisen formal als eine tragbare Regelung angesehen, jedoch hängt die entscheidende Beurteilung der Stellungnahme des Rates davon ab, wieweit die polnische Regierung die ihr auferlegten Verpflichtungen durchführt und der Rat auf seiner Maitagung die Durchführung dieser Beschlüsse kontrolliert. Die Frage der Wahlgültigkeit wird im Bericht nicht ein-
Gandhi wird freigelassen
Eine Auswirkung der Londoner Jndienkonferenz
Delhi, 25. 3an. Der Mzekönig hat die bedingungslose Freilassung Gandhis und der anderen Mitglieder des Arbeitsausschusses des Mlrndischrn Kongresses angeordnet. Eleichrettig hat er die Aechtung dieses Ausschusses als ungesetzliche Körperschaft aufgehoben.
Die Freilassung Gandhis ist eine unmittelbare Auswirkung des Abschlusses der Londoner Rundtisch-Konferxnz, der die englische Regierung zu einer Kursänderung rn Indien veranlaßt hat. Gandhi wurde am 5. Mai 1930 als Führer im Kampfe gegen das Salzmonopol, der den Auftakt zum allgemeinen Freihestskampf bilden sollte, verhaftet. Es bleibt abzuwarten, ob er an seiner Politik des passiven Widerstandes festhält oder an den kommenden Verhandlungen über die Neuregelung der Stellung Indiens innerhalb des britischen Reiches teilnimmt.
Zu den hervorragendsten K.ongreßführern, die von dem Freilassungsbefehl berührt werden, gehört Pandit N e h r u. der bei Beginn des Feldzuges des Ungehorsames Präsident des Allmdifchen Kongresses war, und diese Stellung noch heute innehat, ferner Vallabtai Patel, der den Steuerstreik im Bezirk Bombay organisiert hatte, Frau Naidu, die Vorkämpferin der Frauenrechte in Indien, und Sen Gupta, der wahrend seiner Gefangenschaft zum fünften Mal zum Bürgermeister von Kalkutta gewählt wurde, aber sein Amt in der vorge- schriebenen Zeit nicht antreten konnte. Frau Naidu war im Mai vorigen Jahres $u 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Die drei genannten Kongreßführer befanden sich zum 2, oder 3. Male in Gefangenschaft.
Der Zeitpuntt der Freilaisung Gandhis, der sich im Gefängnis in Puna befindet, steht noch nicht fest.
Genf im Spiegel der Presse
Zu dem Ergebnis der Genfer Oberschlesienverhandlungen nehmen vorläufig nur wenige Berliner Blätter ausführlich Stellung, die übrigen bringen aber ihre Auffassung in Genfer Berichten und in den Ueberschriften zum Ausdruck. Die „Germania" hebt hervor, daß die Schwäche des Berichts ohne Zweifel darin liege, daß er die Durchführung der Sühne und der Wiedergutmachung für die geschehenen Uebeltaten in die Hände Polens lege und damit die Loyalität der polnischen Behörden voraussetze. Das Blatt bedauert es aufrichtig, daß es nicht möglich gewesen sei, greifbarere und eindeutigere Ergebnisse, vor allem bezüglich der Garantierung der Zukunft der Minderhei- tcnrechte zu erreichen, meint aber, daß ein hundertprozentiger Erfolg angesichts der Lage der Dinge kaum zu erreichen gewesen sei.
Die „D A Z." hebt hervor, daß die Schlußfolgerungen aus der durch den Rat festgestellten Verletzung der Verträge durch Polen unklar und unzureiche n d seien. Die selbstverständliche Niederlage Polens dürfe man nicht gleichsetzen mit einem deutschen Erfolg, der mit anderen, als Genfer Maßstäben zu meffen sei. Die „B e r l. B ö r s e n z e i - tun g" sagt, die Kundgebung des Völkerbundes sei das astermindeste, was das oeutfche Volk und. die deutsche Minder
heit in Polen zu verlangen hätten. Die Hauptsache stehe noch aus: Die Frage sei noch unbeantwortet, ob das moralische Gewicht des Völkerbundes und seines Urteils stark genug sein werde, um Polen zu veranlassen, alle Konsequenten aus dem Urteil zu ziehen und die Methode zu ändern. Die „Deutsche Tageszeitung" weist darauf hin, daß die Frage der Garantien der schwächste Punkt in der Entscheidung des Rates sei, gegenüber einem Staat wie Polen genügten diese Garantien nicht. Der „Lokal-Anzeiger" schreibt, die Empfehlungen des Dölkerbundsrats an Polen seien Papier. Was Polen mit diesem Papier anfangen werde, könne man sich schon ungefähr vorstellen: Ein Schaugericht, das nach mächtig viel aussehe, das aber nicht für den Konsum bestimmt sei. Die ,D> e u t s ch e Zeitung" schreibt, Deutschland habe sich mit Hoffnungen auf die polnische Vertragsfreudigkeit abspeisen lassen, von der uns schon so unendlich viele Enttäuschungen beschert worden seien. Der „Börsen- Courier" bezeichnet es als einen Er- folg gegenüber den bisherigen Erfahrungen mit dem Völkerbund, daß Polen ernstlich verwarnt worden sei und daß der Rat eine befristete und vollständige Rechenschaftslegung über die zur Beseitigung der bestehenden Schäden zu treffenden Maßnahmen von einem Mitglied des Völkerbundes aeiordert habe..
gehend erörtert, da hierüber das Verfahren vor den polnischen Gerichten noch schwebt. Die Minderheiten haben das Recht, sich beschwerdeführend an den Völkerbund zu wenden, falls der Ausgang dieses Gerichtsverfahrens nicht ihren Interessen entsprechen sollte.
Bon entscheidender Bedeutung ist die einwandfreie Feststellung im Bericht, daß das gegenwärtige System in Oberschlesien unter keinen Umständen den Minderheitenschutz garantieren könne.
Der Bericht weist allerdings nur in verklausulierter Sprache auf den Wojewoden Grazhnskr hin, indem er erklärt, daß gerade die höchsten Behörden sich strengste Zurückhalttmg in allen polittschen Kämpfen auferlegen müßten. Der Au fstän- dr'schenverband wird dagegen als solcher ausdrücklich erwähnt und seine Tä- tigleit scharf verurteilt. Weiter fordert der Bericht Besettigung der Beziehungen zwischen dem Aufständischenverband und den Behörden. Auch hierüber muh die polnische Regierung im Mai Bericht erstatten. Man erwartet, daß Polen hierber'Mitteilung von einer Aendemng in der Stellung des Wojewoden von Oberschlesien machen wird. Die soforttge Absetzung des Wojewoden ist von deutscher Seite nicht verlangt worden, da eine solche Forderung zweifellos unter Hinweis auf die mangelnde Zuständigkeit des Rates zum Eingreifen in innerpolittsche Rechte eines Landes abgelehnt worden wäre.
Die deutsche Abordnung stand anfänglich vor der Wahl, entweder eine Erweiterung des Antersuchungsverfahrens über die Vorgänge in Oberschlesien durch Anhörung Calonders und Einsetzung eines internattonalen Antersuchungsausschufses zu fordern oder eine soforttge und grundsätzliche Stellungnahme des Rates herbeizuführen. Die Abordnung hat sich dafür entschieden, von dem Anttag auf Einsetzung eines Ausschusses abzusehen, da der Ausgang einer solchen Untersuchung zweifelhaft gewesen wäre. Die Abordnung hat vielmehr entscheidenden Wett darauf gelegt, daß der Rat bereits auf Lieser Tagung zu einer allgemeinen Stellungnahme und Verurteilung der polnischen Regierung kam. Auf die Vernehmung Calonders ist unter diesen Amständen verzichtet worden.
Die Entscheidung des Rates stellt somit im Sinne der gesamten deutschen Minderheitenpolitik nur eine erste Etappe dar. Auf der Maitagung bietet sich von neuem die Möglichkeit, die Interessen der deutschen Minderheit in Oberschlesien wahrzunehmen. Die Verlesung des Berichtes hat allgemein einen sehr nachhal- ttgen Eindruck hervorgerufen, da zweifellos aus ihr eindeuttg der außerordentliche Ernst der Lage in Oberschlesien, die Verletzung der Minderheitenvetträge und die Schuld der polnischen Regierung hervorgehen. Dieser Eindruck wurde weiter verstärkt durch die Ettlärung Hendersons, die auf eine Rücksprache mit dem deutschen Außenminister zurückgeht. Curtius hat entscheidenden Wert darauf gelegt, daß der Präsident des Rates seinerseits zu dem Bettcht Stellung nimmt, um den Eindruck zu vermeiden, als ob es sich lediglich um eine deutsch-polnische Angelegenheit handele. Henderson stellte dann ausdrücklich fest, daß es sich nicht um eine deutsch-polnische Angelegenheit, sondern um eine