Steftofl, den LSaaiMMl
®fe .Oberhessische Zekümg' erscheint sechsmal wöchentlich. D«- zugSpreiS monatlich 2.20SM.au<- schließl. ZustellungSgcbühr, durch dle Post 2.45 SM. Für etwa durch Streik, Maschtnendefekt oder elementare Ereignisse ausfallend« Nummern wird kein Ersatz geleistet. Verlag, Dr. ff. Hitzeroth, Druck der Unib-Duchdruckeret Zoh. Slug. Koch, Markt 21/23. Fernsprecher: Rr.54 und Rr. 55. Postscheckkonto: Statt Frankfurt a. M. Rr. 5015. - Sprechzeit der Redaktion bett 10—11 twd ¥»1—1 Ub«.
ÄbechMche
Anzeiger für (das frühere kurhessische) Overhefse«
Rk.lN 6K.MkS.
Marburg a.Laho
Der Anzeigenpreis beträgt für * Oen 11 gespalt. Zeilenmilltmeter
0.08 GM., sog. kleine Anzeigen und Familienanzeigen bei Barzahlung 0.07 SM., amtliche und auswärtige Anzeigen 0.10 SM. Bei schwierigem Satz sowie bet Platz- dorschrift 50°/. Aufschlag. - Sammelanzeigeo 100°/» Aufschlag. Reklam.-Millim. 0.40 SM. Jeder Rabatt gilt als Barrabatt
Ziel 5 Sagt
Vfferten-SebLhr: 25 Pfg Belege werden berechnet. Erfüllungsort Marburg.
Arberger der amtlichen Bekanntmachungen für Stadt und Kreis Marburg.
Sturz der französischen Regierung
Trauerspiel in Genf — Die Aussprache über Oberschlesien vertagt — Abrüstungskonferenz im Januar 1932
Nun doch Poincare?
Politische Schlägerei
Wieder ein Zwischenkredit!
Die Krise in Frankreich
Paris. 22. Jan. Die französische Re- gieraag ist gestern abend in der Kammer bei der Avstimmnng über die Priorität mit 293 gegen 283 Stimme« itt der Minderheit gstblieben und daraufhin zurück.
Entgegen anderslautenden Meldungen stellt die „T. U." fest, dass die Verhandlungen des Reiches mit einem ausländischen Bankenkonsortium über die Gewährung eines Zwischenkredits noch nicht zum Ab- schluh gekommen sind. Jedoch ist es zu erwarten, dah die Verhandlungen in Kürze zum Abschluß führen werden. Es handelt sich «m eine« Zwischenkredit in Höhe von rund 35—40 Millionen Dollar, den ein Bankenkonsortium unter Führung der amerikanischen Firma Lee Higginson u. Co. auf dem Wege über die Rsichsversiche- rungsanstalt dem Reich als Beleihung der
200 Millionen Mark Vorzugsaktien der Reichsbahn zur Verfügung stellen soll. Die 200 Millionen Mark Vorzugsaktien waren bekanntlich vom Reich an die Reichsversicherungsanstalt vor kurzem an Zahlungsstatt abgetreten worden. Die Verhandlungen zwischen Lee Higginson u. Co. und dem Reich liefen über die Parissr Filiale der Firma. Die Pariser Herren haben Berlin am Mittwoch wieder verlassen, nachdem die Verhandlungen recht weitgehend gefördert worden waren. Damit kläre« sich auch die Gerüchte über deutsche Anleiheverhandlungen in Paris auf.
mit hinein gerissen habe. Der „Popu- l a i r e" macht den Kommunisten die bittersten Vorwürfe, weil sie für die wohlwollende Neutralität der Regierung bei der Abstimmung über die Haftentlassung rhrer beiden Kollegen in heimtückischer Weise gedankt hätten. Für die Zukunft stellt das Blatt keine Prognose, hält aber eine Regierung Tardieu ebenso für unmöglich wie eine solche, deren unsichtbarer Geist Tardieu sei. Vielleicht, so betont das Blatt, rückt die Auflösung der Kammer sehr nahe.
Allgemein wird anerkannt, dah die Lösung der Krise rasch erfolgen muh, angesichts der Notwendigkeit einer baldigen Verabschiedung des Budgets und der Verabschiedung des Wirtschastsreformplanes, durch den man die beginnende Wirtschaftskrise, wenn nicht zu lösen, so doch zu mildern hofft. „M atin" schreibt, das Abstimmungsergebnis lasse die Tür für einen Versuch zur Konzentration offen, die natürlich leichter gewesen wäre, wenn die llebergangsregierung Steeg länger am Ruder geblieben wäre, die aber unerlässlich erscheine, wenn man sich nicht dem Risiko aussetzen wolle, das Parlament aufzulösen.
Berlin, 22. Ian. Die Nationalsozialisten hatten heute zu einer Versammlung geladen, in der sie, wie die Plakate ankündigten, die „verbündeten marxistischen Mordhetzer vom Reichsbanner und Rotfront anprangern" wollten. Während das Reichsbanner eine Beteiligung an der Diskussion abgelehnt hatte, hatten die Kommuni st en der Einladung in grosser Zahl Folge geleistet. Schon um 7.30 Uhr wurde der Saal w e - gen Ueberfüllung polizeilich geschlossen. Von Anfang der Versammlung an herrschte Eewitterstsinmung. Ehe der erste Redner gesprochen hatte, kam es schon zu Zwischenrufen und Lärmkundgebungen. Nach dem zweiten Redner, Dr. Meins- Hausen, erhielt nach einer Pause der kommunistische Reichstagsabgeordnete Ullbrich 45 Minuten lang das Wort. Er beschränkte sich in seiner Rede auf wüste Attacken gegen die Nationalsozialisten. Während der Rede llllbrichs kam es immer wieder zu minutenlangen Lärmkundgebungen und Pfeifen.
Zwischenfall in der französische« Kammer.
Während der Sitzungspause, i« der die Abstimmung vorgenommen wurde, kam es in den Wandelgängen der Kammer zu einem Zwischenfall. Der Abg. de Tef- s a n begegnete durch Zufall dem Direktor einer politischen Wochenzeitschrift und warf ihm in sehr heftigen Ausdrücken vor, dass er in seiner Zeitschrift Mitteilungen über das Privatleben verschiedener Parlamentarier gemacht und deren Familien damit beleidigt habe. Es kam zwischen dem Abgeordneten und dem Direktor der Zeitschrift zu einem regelrechten Handgemenge. Nur dem Eingreifen der Kammerwache und dem Personal der Kammer war es zu verdanken, dah dieser Kampf keine weiteren Folge hatte. Der Zwischenfall hat in den Wandelgängen der Kammer ziemliche Erregung hervorgerufen.
Die Pariser Blätter führen allgemein den Sturz des Kabinetts Steeg auf eine Verschiebung der Stimmen der Mitte zurück. Die Rechtspresse ist hocherfreut. Das „Echo de Paris" hält eine Regierung Tardieu oder P o i n - c a r 6 allein für lebensfähig. Die übrige Presse ist nicht dieser Auffassung, sondern hält vielmehr die Konzentration für bte einzig mögliche Lösung. Der „Petit Parisi en" erinnert daran, dah bte Mehrheit vom Donnerstag bis auf eine Stimme bieselbe gewesen sei, mit bei seiner Zeit bereits bie Regierung Chau- temps gestürzt würbe. Diese Tatsache allein beweise, bah man nur mit einer Konzentration rechnen könne. Als voraussichtlicher Nachfolger nennt bas Blatt Barthau und Laval aus dem Senat, oder aber F l a n d i n aus der Kammer. Auch das „Journal" glaubt nur noch an eine Konzentration. Ebenso das „Oeuvre", das darin erinnert, dah in den 10 Stimmen Mehrheit allein 5 Stimmen Kommunisten seien, die sich wohl zum Zerbrechen von Porzellan eignen, aber nicht zum Reparieren. Die „E r e Nouvelle" schiebt die ganze Schuld an den Ausgang der Aussprache dem Land- wirtschaftsminister zu, der durch seine ungeschickte Haltung die ganze Regierung
In der Jnterpellationsdebatte, die von dem angreifenden Abgeordneten Buyat mit mehr Ironie als leidenschaftlich geführt wurde, verteidigte sich B o r e t überaus klar. Er erklärte, er habe lediglich den Eetreidepreis stabilisieren wollen. Ministerpräsident Steeg der nach dem Landwirtschaftsminister sprach, versuchte seinen Landwirtschaftsminister auch nicht mit einem einzigen Worte zu verteidigen. Er verwies darauf, dah zur Stabilisierung der Preise eine interfraktionelle Kommission eingesetzt werde. Steeg stellte darauf die Vertrauensfrage.
Das bisherige Mehrheitsverhältnig in der Kammer hat sich dadurch zu Ungunsten der Regierung verändert, dah auher den Kommunisten, die prinzipiell gegen jede Regierung stimmen, diesmal auch die französischen Sozialisten und Sozial-Kom- munisten gegen die Regierung stimmten, so dah diese schliesslich mit 10 Stimmen in der Minderheit blieb.
Vor der Abstimmung kam es zu wüsten Lärmszenen und schweren Tumulten.
Sofort nach der Verkündung des Abstimmungergebnisses verliehen die Mitglieder der Regierung den Sitzungssaal, um in einem angrenzenden Salon ihr Demissionsschreiben aufzusetzen. Um 22 Uhr verliehen die Mitglieder und Unterstaatssekretäre das Palais Bourbon und begaben sich nach dem Elys6e, um dem Präsidenten der Republik das Demissionsschreiben zu überreichen
Die Tagesordnung Paccaud für die der Ministerpräsident Steeg vor der Abstimmung eingetreten war, hat folgenden Wortlaut: Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung, hat zu ihr Vertrauen und geht ohne jeden Zusatz zur Tagesordnung über.
Als Steeg kurz nach 22 Ubr mit feinen Mitarbeitern im Elysäe eintraf, erklärte er den dort wartenden Journalisten: „Es ist das 13. mal. dah ich einen lolcksen Besuch beim Präsidenten der Republik mache. Ich mache ihn daher ohne innere Erregung. Nachher werde ich dann ruhig schlafen können."
Der Präsident der Republik hat die Demission das Kabinetts angenommen und es gebeten, bis zur Bildung der neuen Negierung die Geschäfte weiter zu führen.
Die Sozialistisch-Radikalen, die Sozialisten und die Sozialrepublikaner, die geschlossen für die Regierung gestimmt haben, werfen den Kommuni st en vor, den Sturz des Kabinetts dadurch herbeigeührt zu haben, dass sie gegen das Kabinett gestimmt haben. Die Rechte und das Zentrum haben gegen die Regierung gestimmt, aber etwa 30 Abgeordnete haben stch der Stimme enthaltend Als das Abstimmungsergebnis bekannt gegeben wurde, bereitete die gesamte Linke dem Ministerpräsidenten eine Ovation, während der friihre Handelsminister F l a n d i n bei «et Rechten und im Zentrum Beifalls- kundgbungen erhielt. — Die Kammer ®trb erst nach ber Bildung einer neuen Negierung wieder zujammentreten.
Nachdem Ullbrich zum Schluss seiner Rede versprochen hatte, dass er und di« übrigen Kommunisten das Schlusswort des nationalsozialistischen Abgeordneten Goebbels anhören würden, warfen plötzlich di« Kommunisten 30 bis 40 Stühle in den Saal. Das war der Auftakt zu einer blutigen Schlägerei.
Die Massen drängten mit aller Gewalt gegen die Türen, die aufbrachen. Das Mobiliar bes_ Saales wurde vollkommen zer» trümmert. Die Polizei griff ein, indem sie die Versammlung schloss und den Saal mit Gewalt räumte. Bis gegen 11.30 Uhr abends waren bereits hundert Verletzte zu verzeichnen,, von denen fünf schwere Verletzungen erlitten haben. Die Kundgebungen setzten sich auf der Strasse fort, wo die Polizei mit Erfolg bemüht war, die Gegner zu trennen und die Strasse zu räumen.
22 Sistierungen im Friedrichshain.
. Die Polizei nahm während der Räumung -des Saalbaues Friedrichshain 22 Sistierungen wegen Widerstandes, Sachbeschädigung und Körperverletzung vor. Die fünf Schwerverletzten, die von der Sanitätsstelle im Saale notdürftig verbunden wurden, sind nach dem Krankenhaus gebracht worden. Sämtliche Schwerverletzten habe Schädel- o e r l e tz u n g e n daoongetragen. Unter den Verletzten, sind auffallend viele Frauen, die in dem dichten Gedränge vielfach zu Boden stürzten und von den Nachdrängenden überrannt und getreten wurden. Die Polizei stellte einwandfrei fest, dass die Schlägerei von KPD.- Angehörigen angezettelt wurde.
Politischer Mord in Köln.
Köln, 22. Jan. In der vergangenen Nacht wurde der 30jährige Monteur H o e s ch e l durch einen Herzschuss getötet. Hoeschel, der Mitglied der K. P. D. ist, stand mit mehreren Gesinnungsgenossen auf der Strasse. Dem Polizeibericht zufolge wurden die Kommunisten von vier vorbeikommenden Nationalsozialisten ohne jeden Grund und ohne vorherigen Wortwechsel beschossen, wobei Hoeschel den tödlichen Schuss erhielt. Die vier Nationalsozialisten konnten kurz nach der Tat festgenommen werden. Sie bestreiten, geschossen zu haben, werden aber durch Zeugenaussagen schwer belastet.
Waffenfunde bei Kommunisten.
Essen, 22. Jan. Bei einer Durchsuchung der Wohnungen kommunistischer Funktionäre wurde von Beamten der politischen Polizei eine grössere Anzahl von Militärhandfeuer, waffen mit dazugehöriger Munition beschlagnahmt. Die in gutem Zustande befindlichen Schusswaffen lagen in besonderen Verstecken in den Wohn- und Kellerräumen. Weiterhin wurde ein grösserer Posten verbotener Schriften der KPD. beschlagnahmt. Die Schuldigen wurden festgenommen. Das Strafverfahren wegen unbefugten Waffenbesitzes und Vorbereitung zum Hochverrat ist eingeleitet.
Das Ermächtigungsgesetz vom Danziger Volkstag angenommen.
Danzig, 23. Jan. (WTD.) Gegen 1-45 Ahr früh nahm der Volkstag in namentlicher Schlußabstimmung das Ermächtigungsgesetz mit 40 gegen 24 Stimmen an. Auch die Nachtsitzung des Volkstages war von dielen Unterbrechungen begleitet, die dadurch hervorgerufen wurden, daß die für acht Sitzungstage ausgeschlossene kommunistische Abgeordnete T o d z k i' immer wieder im Sitzungssaal erschien, anscheinend in der Absicht, sich von der Schutzpolizei mit Gewalt aus dem Saal entfernen zu lassen. Präsident Gehl erklärte schließlich, daß er darauf verzichte, eine Frau durch die Polizei aus dem Saal schaffen zu lassen. Qt betrachte sie als nicht anwesend.