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Anzeiger für (das frühere kurhessische) Oberhessen
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Die Abrechnung mit Polen
Der polnische Terror am Pranger — Dr. Curtius fordert ausreichende Garantien für die deutschen Minderheiten
Genf, 21. Jan. Jin Dölkerbunds- tat haben heute morgen in öffentlicher Sit- zung die Verhandlungen über, die deutschen Beschwerden über die Terrorakte während der Wahlzeit in Ost-Oberschlesien begonnen. Pünktlich um 10.30 Uhr erscheint Dr. Curtius im Saale. Etwa zehn Minuten später folgt Zaleski. Der Vorsitzende Henderson eröffnet darauf die Sitzung und erteilt, nachdem der Berichterstatter Y o s h i s a w a - Japan kurz die Gegenstände der Tagesordnung bezeichnet hat, dem deutschen
Außenminister Dr. Curtius
das Wort zu folgenden Ausführungen:
Die deutsche Regierung war sich der Tragweite ihres Schrittes bewußt, als sie zum ersten Male von sich aus den Rat zum Schutz einer Minderheit anrief. Wenn sie nicht die Beschwerde der Minderheit abgewartet hat, so lag der Grund in der überragenden Bedeutung und dem besonderen Charakter der Vorkommnisse, die sich im November vorigen Jahres in Oberschlesien und auch in Posen und Pomerellen abgespielt haben. So oft auch in der Vergangenheit die deutsche Minderheit durch Unterdrückung und Gewalttaten gelitten hat — alles wurde doch übertroffen durch das Matz der Leiden, das tue deutsche Bevölkerung in Polen während der polnischen Wahlen über sich hat ergehen lassen müssen. Das Gesamtbild der Geschehnisse ließ deutlich erkennen, datz die Kräfte, die hinter dem Wahlterror standen, offenbar glaubten, jetzt eine entscheidende politische Schwächung des Deutschtums herbeiführen zu können.
So selbstverständlich es für uns ist, datz wir hier als Mitglieder des Rates handeln, und so sehr es uns darauf ankommt, die Earantiepflicht des Völkerbundes wirksamer zu gestalten, so wenig denken wir daran, zu leugnen, datz uns mit den Deutschen, die jetzt jenseits der Grenze unter fremder Souveränität leben, ein starkes inneres Band verknüpft. Daher die
ungeheure Erregung der Oeffentlichkeii in Deutschland.
Diese innere Anteilnahme Deutschlands ändert aber nicht das geringste daran, datz die Reichsregierung bei der Anrufung des Völkerbundsrates nach dem Wortlaut und dem Geist des bestehenden Minderheitenrechts gehandelt hat. Ich sehe in den polnischen Darlegungen nicht ein Argument, das diesen Standpunkt erschüttern tonnte. Denn der polnische Autzenminister wird von ipir nicht erwarten, datz ich auf solche Argumente eingehe wie: Wir hätten in unseren Roten statt des Wortes „Beschwerde" den Ausdruck „Mitteilung" gebraucht, statt von einer „Verletzung" (oiolation) von einem „Vorstob" (infraction) sprechen müssen.
Der traurige Katalog der Gewalttaten der Minderheitenbeschwcrde zeigt, datz von der körperlichen Bedrohung bis zu der Zerstörung von Eigentum und jeder Art von moralischem Zwange jedes Mittel angewandt worden ist, um die Deutschen ihrer politischen Rechte in Polen zu berauben.
Die hauptsächlichsten Fälle dieser Gewalttaten sind durch die ganze deutsche und zum Teil durch die internationale Presse gegangen und von ausländischen Berichterstattern an Ort und Stelle bestätigt worden. Ich erinnere an Hohenbirken, wo ein ganzes von Deutschen bewohntes Dorf dem Terror zum Opfer fallen mutzte. Ich erinnere an den Fall des sechzigjährigen Landwirts Ereizke in Ober-Wil cza, der mit einem Auto verschleppt, mit dem Tode bedroht und schließlich durch Schläge auf die nackten Futz- sohlen mitzhandelt worden ist, ein Gewaltakt, der inzwischen durch ein gerichtliches Verfahren in vollem Umfange bestätigt worden ist. Ich erinnere an den Fall des Redakteurs Hunold-Sohrau, dessen ganze Eristenz durch die schweren Verletzungen gefährdet erscheint. Ich erinnere schlietzlich an die Terrorisierung der deutschen Bevölkerung in Eollassowitz.
Fast allen diesen Fällen ist aber eines gemeinsam, das System, das darin liegt, und
di« Begünstigung dieses Systems durch di« polnischen Behörden selbst.
Fast in allen diesen Fällen hat die Polizei entweder die Ereignisse geschehen lassen, oder sie hat sogar selbst gegen die Minderheit eingegriffen. Man hat selbst vor unbeteiligten Greisen und vor Frauen nicht Haltgemacht.
Letzten Endes wird das ja auch von der polnischen Regierung selbst zugegeben, dadurch, datz sie nicht weniger als 99 Strafverfahren und 17 Disziplinarverfahren eingeleitet hat.
Besonders charakterisiert wird aber, die ganze Schwere der Sachlage durch die systematische Aktion gewisser Verbände. Mit allem Ernst mutz ich hierbei auf den
Aufständischen-Verband.
Hinweisen. Schon in unseren Roten ist betont worden/welche Rolle der Aufständischen- Verband bei ben Terrorakten gespielt hat. Dieser Verband, der mit öffentlichen Mitteln unter st ützt wird, ist eine halbmilitärische Organisation. Sein militärischer Charakter ergibt sich daraus, datz er ständig Waffenübungen und Manöver abhält, datz seine Mitglieder die Befugnis haben, besondere Uniform zu tragen, und einen Eid leisten müssen und dergleichen mehr.
Die polnische Regierung bestreitet in ihren Bemerkungen nicht, datz die Angehörigen der deutschen Minderheit im Wahlkampf unter der Tätigkeit des Aufstündi- schen-Verbandes zu leiden haben. Ich möchte erinnern an den bekannten Fall Ulitz, an die
Die ersten Pressestimmen
Die Berlin er Abendblätter berichten ausführlich über die Aede des deutschen Außenministers im Bölkerbunds- rat. In den Komm entaien, die zumeist von den Genfer Vertretern der Blätter stammen, wird den Ausführungen des Ministers allgemein zugestimmt. Soweit zu der Antwortrede des polnischen Außenministers Zaleski Stellung genommen wird, wird die Hineinziehung des Reichspräsidenten von Hindenburg und dessen Gegenüberstellung als Ehrenmitglied des Stahlhelms mit dem Ehrenvorsitzenden der polnischen Aufständischen Verbände Grac- zynskr aufs schärfste zurückgewiesen.
Die Rede des deutschen Außenministers findet auch in der Rechtspresse grundsätzliche Anerkennung. Die „Deutsche Tageszeitung" betont, daß die Anklage es an Deutlichkeit und Schärfe nicht fehlen lasse. Der „Lokalanzeiger" schreibt, man könne den meisten Ausführungen nur zustimmen. Beide Blätter geben jedoch der Ansicht Ausdruck, daß Dr. Eurtius an einzelnen Stellen die deutschen Forderungen hätte schärfer um* reihen sollen. Auch die „Börsenzei*
tung" ist der Ansicht, daß die Rede zweifellos starken Eindruck gemacht habe. Allerdings scheine die Sorge berechttgt, in welchem Umfange es gelingen werde, nun auch wirklich praktische Folgerungen zu erreichen.
Die „Germania" fordert, daß der Rat jetzt Farbe bekennen müsse, wenn anders Deutschland noch ein Interesse an weiterer Mitarbeit haben solle. Wenn der Völkerbundsrat schweige, werde Deutschland seine Forderungen auf Biegen oder Brechen durchkämpfen müssen. Das Tageblatt nennt die Rede scharf in der Klarstellung und vorsichtig in den Konklusionen und Anttägen. Der „Börsen-Cou- r i e r" bezeichnet als einen besonders glücklichen Abschnitt der Rede die Zurückweisung der polnischen Behauptung, daß die deutsche Revisionsanmeldung die auch von Warschau nicht geleugneten schweren Verfehlungen verschuldet habe. Der Rat werde sein Augenmerk in erster Linie auf das Zusammenwirken der polnischen Behörden mit den Aufständischen und die Bestrafung der schuldigen Beamten zu richten haben.
Vorwürfe des Landesverrats und ähnliche Beschuldigungen, die auch im Völkerbundsrat gegen Ulitz und feine Organisation erhoben wurden und die sich als vollkommen haltlos erwiesen habem
Es ist unbegreiflich, datz die Organisation der Deutschen in Oberschlesien, sei es der Deutsche Voflsbund, sei «s di« Deutsch« Wahlgemeinschaft, immer wieder dem Vorwurf der Illoyalität ausgesetzt sind.
Die Wahlmethoden, die gegenüber den Deutschen angewendet wurden, sind ausführlich bargelegt in ber Rote der beutschen Regierung vorn 27. November vorigen Jahres. Durch Terror, Verhinderung der Wahlpropaganda sowie allerlei Schikanen wurde die Minderheit in ihrem wichtigsten politischen Rechte beeinträchtigt. Es mutz erneut betont werden, datz bei der Ausstellung von Staatsangehörigkeitsausweisen zum Zwecke des Nachweises der Wahlberechtigung behördliche Schikanen in großer Zahl vorgekommen sind. Ich kann mir im Ernst nicht oorftellen, daß nach achtjähriger Verwaltung, nach vielen Wahlen bei Vorliegen von listenmätzigen Unterlagen für die Heerespflicht und andere Verwaltungszwecke noch berechtigte Zweifel über Staatsangehörigkeitsfragen bestehen könnten, zumal oa ein besonderer zwischenstaatlicher Behördenapparat zur Klärung solcher Zweifel in Oberschlesien eingesetzt ist.
Der Rat darf sich auch nicht durch ein Argument beeinflussen lassen, das zwar nicht ausdrücklich in den Bemerkungen der polni
schen Regierung steht, aber doch eine große Rolle in der internationalen Pressediskussion gespielt hat, das Argument nämlich, daß es der deutschen Minderheit nicht schlechter ergangen sei als anderen Gruppen der Oppo- sitton. Wenn sich die Aufsehen erregenden Nachrichten, die über die in der
Ukraine
verübten Gewalttaten durch die internationale Presse gegangen sind, bestätigen, so wird sich der Rat auch mit diesen Dingen beschäftigen müssen.
Die Deutschen in Oberschlesien haben ihre besonderen verbrieften Rechte, oie nach objektiven Grundsätzen der Gerechtigkeit und Freiheit zu beurteilen sind und die nicht willkürlich durch eine allgemeine Herabdrückung des Niveaus der Rechtsordnung beeinträchtigt werden dürfen.
Ich sehe einstweilen davon ab, auf nähere Einzelheiten einzugehen, die alle aus der deutschen Note ersichtlich sind. Ich darf nur kurz daran erinnern, daß im Wahlbezirk 29 vor ben Wahlen
zwölf in der Wahlagttation führend« D«ntsche verhaftet
und zum Teil wochenlang im Untersuchungsgefängnis in Stargard in Haft geblieben sind, daß im Wahlbezirk Eraudenz die getarnte deutsche Liste infolge willkürlicher Beanstandungen vollwertiger Unterschriften für ungültig erklärt wurde, was den Ausfall von etwa 30 000 Stimmen bewirkte. In der ganzen WolewodkchastPommnellen wurde der demschen Minderheit die Veranstaltung
einer ordnungsmäßigen Wahlpropaganda unmöglich gemacht.
Die polnische Regierung hat in ihren Gegenbemerkungen darauf Hinweisen zu können geglaubt, daß alle traurigen Vorkommnisse in Oberschlesien, deren erheblichen Umfang sie nicht bestreitet, mehr ober weniger auf beutsche Verantwortlichkeit zurückzuführen seien. Sie spielt babei sehr deutlich auf
politische Bewegungen in Deutschland an, die gegen die Sntregrität des polnischen Staates gerichtet seien.
Dieser polnische Einwand zwingt mich natürlich, auch zu ihm hier bei dieser Gelegenheit Stellung zu nehmen. Die unver - änderliche Haltung aller bisherigen deutschen Regierungen und ber Gesamtheit des deutschen Volkes zu den politischen Fragen, auf die die polnische Regierung an« spielt, ist überall in ber Welt bekannt. Aber das eine steht fest:
Deutschland denkt nicht daran, diese Ziel« mit anderen als vertraglichen Mitteln verwirklichen zu wollen. Schon aus diesem Grunde kann die Diskussion solcher Ziele niemals den Anlatz oder Vorwand ftzr eine Unterdrückung der Minderheiten geben.
Wenn der polnischen Regierung daran liegt, einen Vergleich zwischen ber beutschen Minderheit in Polen unb ber polnischen Minber- heit in Deutschland zu ziehen, so kann nichts erwünschter sein. Ich glaube, daß die freiwillige, an keinerlei Verträge gebundene
grotzzügige Minderheitenpolitik der preußischen Regierung.
insbesondere auf dem Gebiete des Schulwesens, etwas anderes verdient, als wegen irgendwelcher Einzelvorkommnisse verdächtigt zu werden. Ich hebe besonders hervor, daß die polnische Presse völlig uneingeschränkte Freiheit genießt. Trotz aufreizender Angriffe und Verbreitung unwahrer Tatsachen hat noch in keinem Falle Beschlagnahme polnischer Zeitungen stattgefun- den. In ihren Vereinen und mannigfachen Veranstaltungen bewegt sich die polnische Minderheit völlig ungehindert. Trotz vollkommen freier und geheimer Wahl in Deutschland hat die polnische Bevölkerung nicht einen einzigen polnischen Abgeordneten weder in den Deutschen Reichstag noch in den Preußischen Landtag entsandt: sondern sie hat ihre Stimmen zum größten Teil den deutschen Parteien gegeben.
„Die polnische Regierung", so erklärte Dr. Curtius zum Schluß, „hat i- ihrer Gegenbemerkung die Maßnahmen mitgeteilt. die sie wegen der Vorkommnisse in Oberschlesien getroffen bat. Der Rat wird zu prüfen haben, ob diese Zusicherungen als ausreichend anzusehen sind, um das geschehene Unrecht auch nur einigermaßen wieder gutzumachen Dafür aber, daß diese Wiedergutmachung auch praktisch durchgeführt wird, muß der Rat alle nach Lage der Sache denkbaren Garantien treffen; aber auch, wenn so für die Vergangenheit Sühne geschaffen ist, darf ber Völkerbunbsrat es babei nicht bewenden lassen.
Wir haben auch dafür Vorsorge zu treffen, daß ähnliche Vorkommnisse sich in Zukunft nicht wiederholen.
Ich habe vorhin dargelegt, worin die schwerste Gefahr für die Minderheit in Oberschlesien liegt, nämlich in der Aktivität des militärisch organisierten Verbandes der Aufständischen, ber in engem Zusammengehen mit maßgeben- ben staatlichen Behörden steht und denen Wirken eine ständige schwere Bedrohung ber Minderheit darstellt. Der Völkerbunsrat wird sich mit dieser Organisation und ihren Beziehungen zü amtlichen Stellen eingehend befassen mässen.
Wenn nicht die schuldigen Beamten, ohne Ansehen der Person, rücksichtslos bestraft werden, wenn das System nicht geändert wird, und wenn nicht in der Verwallung die personelle Gewähr für eine unparteiische Handhabung der Minderheitenschutzbestimmungen gegeben wird, wen» di«